Schlaglichter aus Bayern

Bayern begrüsst uns mit einem blau-weissen Himmel und einem prächtigen Maibaum: die Rinde ist in Mustern, rund um Schrift und Bild, vom Fichtenstamm weggeschnitzt. Wir staunen und fragen uns, wie lange das Kunstwerk wohl stehen bleiben darf.

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Am nächsten Morgen klemmt sich Stefanie beim Herumheben der Saccochen im Zelt eine Rippe ein, kann kaum noch gehen. Sie schafft es aufs Fahrrad und fährt 22 Kilometer. Dann beschliessen wir, einen Nothalt einzulegen. In einem kleinen Städtchen namens Wolframs-Eschenbach, mit einer nahezu vollständig erhaltenen Wehranlage, Fachwerkhäusern in der Altstadt und einer Pension. Stranden hier für drei Nächte, Schmerztabletten, Übungen von dringlich angeschriebenen physiotherapeutischen Freunden von ehemaligen Arbeitskolleginnen, liegen, lesen, schreiben. Draussen ein erneuter Wintereinbruch mit Hagel, Schnee und tiefen Temperaturen – die Frau von der Pension holt ihre Geranien über Nacht herein.

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Ein neuer Baustil taucht auf, die Dächer kommen weit herunter, bisweilen ist der erste Stock schon komplett im Dachgeschoss, gleichzeitig haben die Häuser keine Vordächer, sondern enden an der Hausmauer in einer Regenrinne. Sie sehen aus wie Spielzeughäuser, vereinfacht, damit kleine Kinderhände nichts abreissen können. Der fränkische Baustil, wie wir später erfahren.

Welliges Land, Waldstreifen, dazwischen grosse Wiesen mit verblühtem Löwenzahn, nicht extensiv, aber auch nicht wirklich fett, Koppeln mit Pferden, mäandernde Bäche, es ist ein schönes Gebiet hier.

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Auf dem Camping in der Nähe von Nürnberg fährt abends eine fette Audilimousine auf den Platz, ein herziges, rundliches Campinganhängerli im Schlepptau. Der Mann kommt am nächsten Morgen zu Stefanie und fragt, ob uns nicht kalt gewesen sei in der Nacht. Bei ihnen sei die Heizung ausgestiegen und sie hätten sehr gefroren…

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Ein sehr steiles Wegstück führt uns hinauf auf eine Brücke – doch es ist ein Aquädukt, breit fliesst der Main-Donau-Kanal über die Landschaft. Industrieanlagen werfen zitternde Spiegelbilder aufs Wasser, keine Schiffe, wenig Enten. Die Bank zum Mittagessen nimmt uns ein grimmig dreinblickender Radfahrer, der sich eine Zigarette anzündet.

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Camping am Dechsendorfer Weiher, in einer Landschaft mit aneinandergereihten eckigen Weihern. Eine Amsel mit zwei Jungen streift ständig ums Zelt, zieht zwischen unserem Kochgeschirr und der Ausrüstung Würmer aus der Erde, stemmt sich mit den drahtigen Beinen ins Gras. Die zwei Jungen sind durch das aufgeplusterte Gefieder grösser als das Elter. Sie quäken und rennen herum, die grosse Amsel scheint uns genervt ob den unselbständigen Teenagern.

Am nächsten Morgen rennt eine Ratte geschäftig zwischen Hecke und dem für Zelte vorgesehenen Grasstreifen hin und her, zehn bis fünfzehn Meter von unserem Zelt entfernt. Heute also Tierdoku im Frühstücksfernsehen.

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Es regnet. Wieder einmal. Was es bis jetzt fast immer tat, wenn es nicht grau/kalt/windig oder sonnig/kalt/windig war. Kurz vor Bamberg, als wir den Main-Donau-Kanal verlassen: Fähre. Beide hoffen, dass sie bedient ist. „Woll’n Sie ans andere Ufer rüber? Rufen Sie laut: Fährmann, hol rüber!“ steht auf einem Schild und wir rufen: Fäääääääärimaaaaaaa! Nach einem kurzen, angstvollen Moment öffnet sich im kleinen Haus oberhalb der Fähre eine Tür und ein Mann in Leuchtkleidung steigt die Böschung hinunter zum Boot, hantiert mit Stahlseilen und Ketten, stösst sich mit einem Fuss vom Ufer ab, steht dann ruhig, die Hände in den Taschen, abwartend. Vom Seil festgehalten, von der Strömung bewegt, kommt die Fähre langsam auf uns zu. Der Fährmann macht eine Kopfbewegung, wir grüssen und schieben die Velos auf die Fläche, der Mann stösst sich wieder vom Ufer ab, legt in einer Atempause das Seil um und die Fähre gleitet langsam zurück. Bamberg begrüsst uns mit strömendem Regen, nur Rapsfelder leuchten heute.

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Klopf klopf klopf, Kuchen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen, sagt die Stimme unserer Nachbarin neben unserem Zelt. Gestern Abend haben wir uns schon mit ihnen unterhalten. Wir brauchen einen Augenblick, um zu begreifen, dass wir gemeint sind. Vor unserer Tür steht ein Teller mit Rhabarberkuchen!

Ruhetag am nächsten Tag, sitze mit dem Tee in der Hand in der geöffneten Tür, der vorgespannte Tarp schützt mich vom Regen, schaue auf die träg dahinfliessende Regnitz und die Regentropfen, Muster auf der Oberfläche. Enten drücken sich, etwas verschlafen noch, ins Gras. Sie brauchen nichts, kein Zelt, keinen Tarp, keine Regenkleider, keine Daunenjacken, sie haben alles selbst. Schaue uns an, was wir alles brauchen, um die Regennacht zu überstehen. Die Enten schütteln am Morgen das Gefieder und die Regentropfen rollen ins Gras.

Ein Tag später: Sonne. Wir kriechen ohne Regenjacke aus dem Zelt, ich baue das Tarp ab, die Heringe sind voller Sand, der sofort an allem klebt, die Wanderstöcke auch, ausserdem quillt Wasser hervor, als ich sie zusammenschiebe. Frühstück in der Sonne, sich in den Stuhl zurücklehnen, aaah.

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Unser letzter Tag in Bayern, Gerste und Triticale recken ihre Grannen zum baierisch blau-weissen Himmel, zum Abschied noch einmal, heute Abend sind wir in Thüringen. Salbei blüht verschwenderisch violett am Strassenrand.

In Maroldsweisach folgen wir der Hauptstrasse, hätten jedoch abbiegen sollen. Wir beschliessen, die Route neu rechnen zu lassen und nicht zurückzufahren. Tante G schickt uns heute aber von Kieswegen auf Waldwege, auf halb zugewachsene Waldwege. Sie weiss nicht mehr weiter, sie kennt keine Wege zwischen Bayern und Thüringen, natürlich, hier war die Welt zu Ende, bis 1989. Stefanies maps.me findet einen Weg, wir kämpfen uns über Wanderwege, die von Zweigen übersät sind, die nach unseren Ketten, Speichen, Taschen greifen, wehren ab, schieben die Räder durch Morast. Da vorne sollte ein Weg kommen, sagt Stefanie, Kolonnenweg heisst er. Ein Weg mit Namen muss ja was Gutes bedeuten, denke ich. Der Weg ist sehr schmal, links und rechts schrammen Zweige an den Saccochen vorbei, in eine kleine Senke, auf der anderen Seite mit Keuchen und Schimpfen hinauf, dann stehe ich auf dem Kolonnenweg: Betonelemente, mit Vertiefungen von 10x5cm, zwei Spuren, dazwischen hohes Gras, nur schlecht zu fahren, in mir dämmert eine Erkenntnis, hinter und vor uns tut sich eine Schneise auf, rechts Bayern, Nadelgehölze, links Thüringen, Birken; wir stehen auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze, dem eisernen Vorhang, der Verlängerung der Mauer. Geschichte überrollt uns, hier auf diesem ehemals tödlichen Grund, die friedliche Stille im Wald und das Vogelgezwitscher mischen sich mit Geschichten, Bildern. Sich hier zu verirren konnte früher den Tod bedeuten. Stumm schieben wir die Velos vorwärts, abwärts, sind dankbar für die dreissig Jahre, die inzwischen vergangen sind.

Dann endet der Kolonnenweg in einen Kiesweg, der mündet in eine Strasse und bald rollen wir den Hügel hinab nach Hellingen, Bratwürsten und Gesellschaft entgegen.

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