Ostdeutschland bis Berlin

Thüringen begrüsst uns mit strahlendem Himmel und eiskaltem Wind. Bald nach der Mittagspause, für die wir vergeblich einen windstillen Ort suchen und schliesslich unsere Stühle neben einem Fussballplatz aufstellen, erklimmen wir auf einer steilen Strasse die Talflanke. Wir halten immer wieder an und verschnaufen, und zum ersten Mal in Deutschland reagieren die AutofahrerInnen besonnen: sie verlangsamen, kurven um uns herum, obwohl wir hin und wieder etwas ungünstig stehen blieben. Der Atem schaut nicht auf eine gute Stelle am Strassenrand.

Auf einem langen, gemässigten Anstieg auf einer unbefestigten Strasse überqueren wir den Rennsteig, einen bekannten Wanderweg im Thüringer Wald. Viele Häuser sind zunehmend komplett geschindelt, mit Schiefer, manche auch mit günstigeren, wohl künstlichen, Schindeln.

Der Camping liegt in einer Senke, wir stellen unser Zelt zwischen dem Flüsschen Ilm und einem Forellenteich auf, packen uns sofort in alle verfügbaren Schichten ein. Wieder einmal ein kalter Abend nach einem kalten Tag und vor einer kalten Nacht. Das prägt nun schon die letzten Wochen, die Kälte setzt uns zu, Lippen und Finger springen auf, am Morgen sind die Spitzen von Rüebli und Gurken glasig. Die Mützen tragen wir Tag und Nacht.

Die nächsten zwei kalten Tage folgen wir dem Ilm-Radweg. Die Innenstädte der kleinen Orte, die wir durchfahren, sind zunehmend gepflastert, im Schritttempo holpern wir durch die Strassen. Ich schimpfe, Stefanie sagt, in der DDR war hier alles so. Am zweiten Tag schaffen wir es nicht bis Oettern. Wo ist denn da die Freiheit, fragt Stefanie. Wir kämpfen mit unseren Erwartungen, der wohl anstrengendste Kampf. Nach Kaffee und Kuchen in Kranichfeld beschliessen wir, auf den nächstgelegenen Camping zu fahren und die Lage zu überdenken.

Freudig begrüsst uns die Frau hinter dem Tresen und auch alle vorbeilaufenden MitarbeiterInnen grüssen, als hätten wir uns schon mal gesehen. Woher, fragt sie, die Finger mit den langen bemalten Fingernägeln schweben über der Tastatur ihres Computers. Aus der Schweiz, sage ich. Aber nicht hergefahren, will sie sich versichern. Doch, bestätige ich.

Stille.

Steve? sagt sie nach einer Weile zu einem Mann, der hinter ihr Prospekte einräumt. Ich kann gerade gar nichts dazu sagen, sagt er. Sie: Hätte ich einen Hut, würde ich ihn vor euch ziehen.

Wir beschliessen, der Kälte zu entfliehen und drei Nächte in Weimar zu verbringen.

Am Nachmittag sitzen wir in einem Hotelzimmer, die Füsse auf dem Ofen, die Teetasse in der Hand und schauen dem Sprühregen durchs Fenster zu. Drei Nächte und zwei Tage lang kein Regenprotokoll, keine dicke Hülle aus Daunen und Regenjacke, keine Handschuhe, kein kaltes Wasser, kein Vergraben im Schlafsack.

Dafür Bauhaus-Museum, Waschsalon und Kaffee.

Als die erste Ampel mit dem DDR-Ampelmännchen auftaucht, denke ich: Nee, jetzt haben sie hier auch diese doofen Ampelmännchen, die in Berlin so touristisch ausgeschlachtet werden. Dann fällt mir ein, dass die ja von hier stammen.

Nach Weimar wird es warm, die Sonne scheint, die Ärmel müssen runter, die Hosen werden hochgekrempelt. Am Mittag liegen wir auf einem Spielplatz im Gras und können es nicht glauben: Warm! Kein Wind!

Zwischen Obertreba und Untertreba an der Saale fahren wir den 1000. Kilometer.

Am Abend sitzen wir bis zum Schlafen ohne Daunenjacke und -hose, ohne Mütze, ohne Halstuch fast ergriffen neben unserem Zelt und sagen immer wieder zueinander, unglaublich, schon so spät, und immer noch so warm.

Die Nebenstrassen sind zunehmend unbefestigt, die Hauptstrassen zwar befestigt, aber mit geflickten Löchern, Rissen und sandigen Zwischenstücken. Hunde rennen uns hinter Gartenzäunen kläffend hinterher, die Häuser sind klein, viele mit Garten und Gemüsebeeten, Kartoffeln, Beerensträuchern.

Die Navigation mit Tante G wird schwieriger, was sie hier als velotauglich anzeigt, ist es in der Praxis häufig nicht – zumindest nicht mit vollbeladenen Tourenvelos. Breite, unbefestigte Wege sind meist gut fahrbar, aber immer öfters leitet sie uns in den Wald, wo die Wege schnell unpassierbar werden, Zweige, aufgewühlte Erde, Gras, wir rutschen oder das Hinterrad schwimmt im Sand, manche Wege wären selbst zu Fuss nur mit viel Abenteuergeist passierbar. Dazu freuen sich Myriaden von Mücken auf ein einfaches Mahl.

Der Mann vom Camping hat kurz geschwiegen, als ich mich telefonisch nach den Öffnungszeiten der Rezeption erkundigte. Machen wir es so, sagte er und erklärte. Also folgen wir den blauen Wegweisern durch den Wald. Unter grossen Zeltdächern stehen Campingvans mit Gartenzäunen, auch Garagen sind mit Zeltplanen errichtet. Bei einem Spielplatz biegen wir gemäss Anweisung links ab, folgen der Strasse bis zum Ende. Dort befindet sich die Holzplattform, neben der wir unser Zelt aufstellen sollen. Wir schauen uns um: Der Weg macht eine Kurve um die Plattform, auf der anderen Seite ein kleiner Sandstrand, der See, Schilf, ein lichter Wald aus Birken, Eichen und Föhren. Wir stellen uns direkt neben den Strand und springen erstmal in den See, da es keine Duschen gibt.

Schöner Abend mit weichem Licht, die Sonne sinkt hinter die Bäume, wir essen, hören Enten und Frösche, ab und zu fällt ein Kiefernzapfen. Genau so habe ich mir das vorgestellt, sagt Stefanie.

Nach vier Tagen bei Brigitte und Dieter (Gespräche, Kaffee trinken, Velos putzen, lesen, die Frösche im Teich beobachten) in der Nähe von Torgau machen wir uns auf nach Berlin.

Ein Rehbock schreckt auf, als wir vorbeifahren, springt im Getreidefeld davon. Neben Stefanie steigt plötzlich ein Storch auf, zwischen Radweg und Strasse, schlägt mit grossen Schwingen, gewinnt taumelnd an Höhe.

Schwarze Eichen, dunkle Blätter zwischen schmalen hellen Birken, teilweise hüfthoher Farn, Erika oder Heidelbeeren, dann wieder Bestände mit rötlichen Kiefern, der Waldboden voller Moos. Der Boden ist sehr sandig, auf Feldwegen müssen wir manchmal einige Meter schieben, weil es so sandig ist, dass die Räder nicht mehr greifen.

Nach dem Wald grosse Wohnhäuser, eingezäunt, Polizei. Eine Flüchtlingsunterkunft? Dienen die Zäune den Menschen als Schutz oder den anderen als Kontrolle?

Wir testen Osmand, eine Open-Source-Offline-Kartenapp, die uns an zwei Seen vorbeiführt, aufgefüllte Kohlengruben wurden in ein Naturschutzgebiet verwandelt, im Hintergrund ist noch öde ein Teil des Abbaugebietes zu erkennen.

Die Dörfer haben jetzt Doppelnamen, deutsch und etwas, was wie Polnisch aussieht. Es ist sorbisch, diese westslawische Bevölkerung lebt hier in der Lausitz.

Grosse Felder mit langen Bewässerungsanlagen, wie ich sie in Neuseeland gesehen habe, aber hier nicht auf Weiden, sondern bei Weizen und Raps. Ein Betrieb mit drei grossen Milchviehställen, riesigen Silos und Fahrsilos, deren Wände höher sind als der Traktor, der davor steht.

Zwei Tage durch den Spreewald, auf schmalen, unbefestigten Wegen entlang der Spree, die Dutzende von Kanälen speist, grosse waldige Auengebiete, kleine Dörfer, in denen man Boote mieten oder sich in einem Stak-Kahn chauffieren lassen kann. Reethaufen rund um senkrechte Pfähle.

Durch Alleen von alten Linden fahren wir Berlin zu, Kiesweg, dann eine lange, frisch geteerte Strasse entlang, durch den Wald, immer wieder Gruppen von Männern auf Rädern, Bierdosen in der Hand, Musik, sie fahren häufig kreuz und quer über die Strasse, wir schieben die Hände in Bremsposition, halb nachsichtig, halb irritiert ob der etwas fragwürdigen Auslegung dieses Vatertages (Auffahrt), der mehrheitlich aus Männerausflügen bestehen, die mit Bier zu tun haben.

Grosse Geflügelställe, Pferde schnuppern am staubigen Boden ihrer Paddocks, in Neubausiedlungen arbeiten Menschen in ihren Gärten.

Als eine kleinere Strasse in eine grössere mündet, sehen wir das Stadtschild von Berlin – 20 Kilometer vor unserem Kiez.

Auf der Suche nach einem Klo landen wir im Krankenhaus Hedwigshöhe, obwohl Stefanie fremde Spitäler etwas gruselig findet, da sie „krank“ riechen. Durch kleine Quartierstrassen, die Grundstücke werden kleiner, die Strassen sind nach wie vor eine Mischung aus Asphalt, Betonplatten, Pflaster und sandigen Zwischenstücken, lotst Stefanie uns zum Mauerradweg, eine breite Teerstrasse nur für Langsamverkehr, die Autobahn im Boden darunter. Dem Teltow-Kanal entlang, viele Menschen mit Velos, Roller Blades – wirklich eine sehr schöne Bewegung – und zu Fuss, Gümmeler, Leute mit Kindern.

Das Tempelhofer Feld ist voller Leute, sie liegen, lesen, schmusen, fahren Velo, stehen an Glace-Ständen, wir kurven herum, bremsen, weichen aus, Männer in Röcken, Frauen mit Kopftuch, Kinder in Anhängern und in den Kisten von Lastenvelos, niemand zuckt auch nur mit der Wimper, dass wir hier so schwerbeladen durchrollen, wir sind in Berlin. Durch die Hasenheide, dann taucht schon die Kirche am Südkreuz auf. Die grösste Strasse an diesem Tag ist wohl die Bergmannstrasse im Kiez, wir biegen ab, wissen wohin, kramen den Schlüssel hervor, er passt, schieben die Velos in den Innenhof, laden ab, schleppen alles in den vierten Stock und dann ist unsere erste Etappe abgeschlossen: wir sind von Bern nach Berlin gefahren.

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