Eine Entscheidung

In Reims am Bahnhof verwirft die Mitarbeiterin der französischen Bahn die Arme: Mit unzerlegten Velos kommen Sie mit dem Zug nicht nach Spanien! Wir diskutieren hin und her, sie berät sich mit ihrer Kollegin, wir haben zum Glück vorrecherchiert: schliesslich bekommen wir Tickets für uns und unsere Velos bis nach Toulouse. Dort sollen wir uns wieder informieren, die KollegInnen im Süden wüssten besser Bescheid, was die Linien nach Spanien anbelangt. Der Plan: Wir schlagen uns mit dem Zug bis nach Valencia durch und fahren ab da in Richtung Portugal.

Drei Tage später sind wir unterwegs nach Melun, als Stefanie plötzlich am Strassenrand anhält: Du, ich muss dir was sagen! Wollen wir wirklich nach Spanien fahren? Ich lasse die Information durch mein System sickern. Wir fahren weiter. Ich bin gespalten. Über den Verkehr haben wir wenig Gutes gehört (was uns an Litauen erinnert) und die Temperaturen werden wohl nicht so gut sein, dass wir wieder vor allem zelten können. Ausserdem sind es nach Portugal und dann in die Schweiz ungefähr so viele Kilometer wie von Bern nach Tallinn – aber uns bleibt weniger Zeit. Wir haben das Bedürfnis, es jetzt entspannter anzugehen, was gerade hier in Frankreich, wo ich mich einfach unterhalten, informieren, austauschen kann, besonders gut funktioniert. Gleichzeitig habe ich erst neulich wieder Bilder aus Spanien angeschaut – es sieht wirklich sehr schön aus.

Bei einer nächsten Haltemöglichkeit warte ich: Du, ich meine, nur weil wir die Tickets gekauft haben, heisst das noch lange nicht, dass wir diesen Zug auch nehmen MÜSSEN. Wir fahren weiter. Wir halten noch diverse Male an, diskutieren, erwägen, verarbeiten. Schliesslich wird uns klar, dass wir jetzt vor allem zwei Dinge wollen: Velofahren und länger in Frankreich bleiben. Die Aussicht, uns bald schon wieder auf eine neue Sprache einzulassen, wieder für zwei bis drei weitere Monate in die (semi-)Sprachlosigkeit einzutauchen, um uns am Ende, ganz am Ende, einen guten Monat in Frankreich zu erholen, finden wir auf einmal nicht mehr so berauschend.

Denn neben dem Velofahren und Europa erleben ist auch ein Ziel in diesem Jahr wichtig: das Gefühl erleben, über unsere Zeit frei verfügen zu können. Und jetzt bietet sich diese Gelegenheit: einem Bedürfnis nachgehen und handeln, einfach so.

Der Beck in Metz

In einem neuen Land freuen wir uns immer auf den ersten gemütlichen Einkauf. Im Carrefour Express nahe unseres Hotels in Metz (F) streifen wir durch die Regale, neue Lebensmittel, neue Getränke, und von mir seit Monaten sehnlichst erwartet: Käse. Richtiger Käse. Die bisherigen Länder auf unserer Tour konnten mit diversen feinen Esswaren aufwarten, aber leider nicht mit gutem Hart- und Halbhart-Käse.

Draussen ist es längst dunkel geworden, als wir mit unseren Köstlichkeiten im Zimmer sitzen, durch eine Häuserschlucht schauen und essen.

Leider hatten wir vergessen, dass der nächste Tag ein Sonntag ist. Während Lebensmittelgeschäfte in Polen, dem Baltikum und in Schweden auch sonntags geöffnet haben, ist dies in Frankreich nicht der Fall. Wir finden zwar einen geöffneten Waschsalon und ein Tea Room – können aber keine Nahrungsmittel einkaufen. Hungrig stellen wir fest, dass auch die Biobäckerei um die Ecke geschlossen ist – obwohl sie gemäss Schild geöffnet haben sollte. Ein Mann kommt aus einer Seitentür. Wir haben sonntags ab 15 Uhr geschlossen, sagt er und zeigt auf das Schild, hier habe ein Zettel mit dem entsprechenden Hinweis gehangen. Wir können unsere Gesichtszüge nicht kontrollieren. Was wollten Sie, Brot? Wir nicken. Also, kommen Sie. Er schliesst die Ladentür auf und zeigt uns, was es noch gibt: Baguettes, Croissants und einen Laib dunkles Brot. Eine Baguette, sage ich. Wollen Sie auch noch Croissants? Er hält uns ein Blech voller französischer Gipfeli hin. Wir schauen uns an, also, zwei bitte. Stefanie hat das Portemonnaie hervorgezogen und wühlt im Münz. Nein, nein, kein Geld, bitte, die Kasse ist schon geschlossen. Sie will ihm etwas geben, für die „Kaffee-Kasse“, nein, wirklich nicht.

Ich sage ihm, er habe uns gerettet – denn morgen ist ein Feiertag: Am Tag des Waffenstillstandes 1918 sind praktisch alle Geschäfte und Restaurants geschlossen.

Eine warme Dusche und ein Schlafplatz

Es ist bald beschlossene Sache: Wir werden vorläufig nicht zelten. Der Aufwand, Zeltplätze zu finden, ist gross, die Distanzen dazwischen sind meist nicht in einem Tag zu überbrücken und unser Material ist den Temperaturen nicht so gewachsen, dass es auf Dauer Spass macht. Nur ist unser Budget aber nicht für Hotelnächte ausgelegt. Wir wenden uns also dem Warmshower-Netzwerk zu.

Warmshowers ist ein Netzwerk von VelofahrerInnen für VelofahrerInnen. Im Minimum werden eine heisse Dusche (warm shower) und ein Schlafplatz angeboten. Das kann ein eigenes Zimmer sein, aber auch ein Platz auf der Couch, im Wohnzimmer (mit Mätteli und Schlafsack) oder im Garten zum Zelten. Manchmal gibt es Abendessen oder man kann die Küche benutzen. Manche Warmshower bieten auch andere Dienstleistungen an, dass man Pakete an ihre Adresse schicken kann oder dass man Velos und/oder Gepäck für eine gewisse Zeit einstellen kann. Das sind alles Dinge, die für Langzeit-VelofahrerInnen sehr wichtig sein können.

Ich bin seit Neuseeland Mitglied, leider hat es bislang nie geklappt. Entweder haben die Leute nicht oder erst viel zu spät zurückgeschrieben. Hier in Frankreich haben wir aber gleich beim ersten Versuch Glück. Kein Problem, schreibt Raphaël, wir könnten sogar ein eigenes Zimmer haben, er komme zwar erst um 19 Uhr heim, aber Estelle werde da sein.

Während wir uns durch die Hügelzüge der Champagne kämpfen, merke ich, dass ich wenig an die bevorstehende erste Begegnung mit einem Warmshower denke. Ich habe offenbar ein sehr gutes Gefühl.

Vom letzten Hügelzug tauchen wir ab in ein kleines Tal und finden das kleine Dorf mit trutzigen Steinhäusern und einer ebenso trutzigen Kirche. Nummer 25, hat Raphaël geschrieben, mit grünen Fensterläden. Ich klopfe vorsichtig ans Küchenfenster, weil dahinter eine Frau an der Abwäsche beschäftigt ist. Herzlich willkommen, sagt sie, sie heisse Estelle.

Wir laden die Velos ab, stellen sie zwischen Treppe und Bad, Estelle zeigt uns das Zimmer. Wir duschen und richten uns ein. Dann suche ich Estelle und frage, wie es hier so laufe mit den Warmshowers, ob es Abendessen gäbe oder ob wir uns selber was kochen. Nein nein, sagt sie, sie koche etwas für alle, ob Pommes Frites in Ordnung seien.

Raphaël kommt etwas später, ein schlanker, kleiner Mann, mit einem Instrumentenkasten in der Hand. Da er auch recht gut Englisch redet, wechseln wir die Sprache, damit Stefanie besser versteht. Er legt eine Platte auf und wir setzen uns ins Wohnzimmer, erzählen, wo wir durchfahren. Warmshowers hatte Raphaël bisher nur einmal beherbergt, wir stehen also auch einem Anfänger gegenüber. Allerdings ist er oft nicht zu Hause: Der Bassist lebt von der Musik, spielt in vier Bands und hat 60 Auftritte pro Jahr.

Übrigens sei er bald in Orléans, sagt er, als wir die Reise der nächsten zwei Wochen skizzieren. Es stellt sich heraus, dass er an unserem ersten Abend in Orléans 750m von unserer Unterkunft entfernt einen Gig haben wird: Wir werden mit Esther und Hans, die uns in Orléans besuchen, hingehen.

Bei diesem Warmshower gibt es nicht nur ein eigenes Zimmer und ein Znacht, sondern auch eine grosse Portion Vertrauen: Als er uns fragt, wann wir morgens losfahren, stellt sich heraus, dass die beiden noch vor uns aufbrechen werden. Kein Problem, sagt Raphaël, wir könnten losfahren, wenn wir wollten, wir sollen einfach die Tür hinter uns zuziehen.

Eine eisige Nacht

Die vierte Zeltnacht im November verbringen wir bereits in Frankreich. Bei 7°C haben wir die Grenze überquert. Als wir den Parc régional naturel de la Lorraine erreichen, regnet es wieder einmal. Es wird schnell kalt.

Auch dieser Camping hat bereits zu. Als ich jedoch eine SMS auf die auf der Internetseite angegebene Nummer schreibe, wir würden mit dem Velo durch Frankreich fahren, ob es möglich sei, bei ihnen zu zelten, kommt eine klare Antwort: Bien sûr! (Natürlich!)

Eine kleine Strasse führt durch den nassen Herbstwald, schliesslich bremsen wir vorsichtig eine lange Abfahrt hinunter und landen bei den Etangs du Longeau. Zwei Häuser, eine Bar, eine Jurte. Der Campingplatz befindet sich auf der anderen Seite des einen Sees, Regen und die beginnende Dämmerung trüben die Sicht. Wie wird diese Nacht werden?

Wir finden ein Sanitärgebäude mit geöffneten Duschen und Toiletten und beschliessen, direkt daneben unser Zelt aufzustellen. Der Regen hört immer mal wieder auf, beginnt wieder, irgendwo schreit ein Vogel. Wenn es nicht regnet, tropft Wasser von den Bäumen.

Er sei in einer Stunde wieder da, hat uns der Besitzer geschrieben, er müsse zuerst die Kinder von der Schule abholen. Ich prüfe im Duschraum, ob es heisses Wasser gibt. Heisses Wasser gibt es, aber der Raum ist teilweise offen, die Temperatur entspricht also derjenigen draussen.

Das warme Wasser erscheint mir am Anfang siedend heiss, wohl weil mein Körper recht kalt ist. Mit der Zeit wird es besser, dennoch fröstelt es mich durchwegs, das warme Wasser vermag nicht gegen die Umgebungstemperatur anzukommen. Aber uns ist nach der Dusche immerhin etwas warm.

Irgendwann taucht der Besitzer auf, die Autoscheinwerfer tasten sich langsam durch die Regennacht. Er mache uns die Bar auf, wir sollen doch nach vorne kommen.

Die Bar ist ein grosser Raum mit Schanktheke, allerlei farbigen Fläschli dahinter mit Hochprozentigem, langen Tischen mit Stühlen, einem Ofen, der eingefeuert wird und einer Menge „Deko“: alte Gerätschaften, Schreibmaschinen, eine Jukebox, Instrumente, Autoplaketten usw.

Wir kochen draussen und essen drinnen, der Besitzer räumt hinter der Bar auf – im Moment ist sie geschlossen wegen Saison-Instandsetzung. Plötzlich taucht er mit einer Kiste auf und sagt, er wolle uns etwas schenken. Ich bin neugierig, aber auch zurückhaltend: wer mit dem Velo unterwegs ist, will nicht plötzlich gut gemeinte, aber unpraktische, schwere Päckli erhalten. Als er die längliche, flache Kartonkiste aufgebrochen hat, erklärt er: Ein 24-Stunden-Notfallrationspaket der französischen Armee. Warum, frage ich, als ich es näher inspiziere. Weil wir Extrem-Camperinnen seien, sagt er.

Es gibt zwei Hauptmahlzeiten (Rindfleischsalat und Tortellini mit Fleisch, zwei Entrées (Thon und Suppe), ein Päckli Dreierlei Güetzi (mit Schokolade, salzig, süss), ein Päckli Konfitüre, eine Büchse Käse, Pulvergetränke (Kaffee, Tee, Schokolade, Isostar). Dazu eine Menge Müsliriegel, Schokolade und Nougat, ein Päckli Nastücher und ein Kit, um die Mahlzeiten und Getränke zu wärmen. Total 3600 Kalorien.

Als wir später die Bar mit ihrem Licht und ihrer Wärme verlassen und durch den dunklen Wald zu unserem Zelt zurückgehen, ist es sehr kalt. Die grossen Wassertropfen auf unserem Zelt sind gefroren. Zwar zeigt die Wetterapp zwei Grad für diese Gegend an, aber wir befinden uns in einer Kältesenke. In dieser Nacht frieren wir immer wieder, schlafen wieder ein, ziehen noch etwas an, schlafen wieder. Am Morgen haben wir ausserdem weniger Glück als am Abend: Als wir mit gepackten Velos zur Bar kommen, um dort unser Frühstück zu machen, ist noch niemand aufgestanden. Wir stampfen mit den Füssen, während wir Wasser und Milch wärmen. Als wir alles verpackt haben, sind unsere Füsse eiskalt und wir fürchten uns ein wenig vor dem heutigen Tag.

Aber zum Glück führt der erste Kilometer entlang des Bächleins Longeau über einen engen Waldweg. Wir schieben und nach dem Kilometer sind auch unsere Füsse wieder warm. Für uns ist aber klar, dass diese Nacht unser Material an die Grenze gebracht hat und wir uns überlegen müssen, wie geht es weiter?

Unterwegs im Nahetal

Endlich wieder unterwegs! Auf unseren Gesichtern hat sich ein Dauergrinsen festgehakt, als Elfriede und Jürgen uns hinterherwinken und wir zum Flüsschen Nidda rollen, dem wir bis zur Mainmündung folgen. Das Wetter ist grau und kühl, nach wenigen hundert Metern müssen wir die optimistischerweise angezogenen Sommer-Radhandschuhe gegen die dicken Winterhandschuhe eintauschen.

Wir hätten bereits einige Tage früher abfahren wollen, dann wurde Stefanie von einer Erkältung ins Bett gesteckt. Während sie hustete, heissen Tee trank und schlief, tigerte ich im Haus herum, bastelte an der Ausrüstung und gab vor, mich mit dem kommenden Teil der Reise zu beschäftigen. Aber hauptsächlich wollte ich raus, den Fahrtwind spüren, vorwärts kommen!

Einen guten Monat Pause hatten wir uns gegönnt, Ferien mit Stefanies Eltern im Rheingau, einige Tage bei Elfriede und Jürgen in der Nähe von Frankfurt, bei denen wir auch die Velos und den Grossteil des Gepäcks unterstellen konnten. Schliesslich fuhr Stefanie zum Wellnessen und besuchte ihre Eltern im Schwarzwald, ich ging zu einem Zen-Kurs und verbrachte eine Woche als Einzelgast im Kloster Triefenstein. Mehr als sechs Monate praktisch 24 Stunden am Tag zusammen zu sein ist eine Herausforderung, die wir gern angenommen haben. Gleichzeitig hatte sich mit der Zeit gezeigt, dass auch das Bedürfnis nach allein sein gestillt werden will.

Wieder gemeinsam zurück bei Elfriede und Jürgen planten wir die Fahrt nach Frankreich, besorgten einige letzte Ausrüstungsgegenstände für den Winter und genossen noch einmal die Gastfreundschaft.

Sechs Tage sind es bis nach Metz in Frankreich. Der erste Tag ist hart. Unsere Körper hatten sich an den Ruhemodus mit viel Lesen und gemächlichem Spazieren gewöhnt und beschwerten sich über die Veränderung. Darüber hinaus hatten wir viel Zeit indoor verbracht und hatten damit den Abstieg der Temperaturen nicht mitbekommen.

Drei Nächte verbringen wir in Deutschland noch im Zelt – denn entgegen der allgemeinen Vermutung gibt es durchaus Plätze, die noch geöffnet sind und es teilweise ganzjährig bleiben. Allerdings müssen wir gut planen und in der Regel sicherheitshalber kurz anrufen. Einmal kochen wir draussen, an einem Gartentisch unter einem Stoffpavillon, zweimal haben wir Glück und finden einen Platz im Warmen zum Kochen und Essen.

Der Camping am Zusammenfluss von Alsenz und Nahe ist eigentlich schon geschlossen. Die beiden Platzwarte Christoph und Christoph sind allerdings noch vor Ort mit Instandhaltungsarbeiten beschäftigt. Sie haben den Platz vor einem Jahr gekauft – als Altersvorsorge. Ihr Plan: Zehn bis fünfzehn Jahre investieren, dann Leute einstellen zum Rasen mähen usw. und gemütlich die Gäste begrüssen. Sie essen gleichzeitig Znacht wie wir und unterhalten uns mit Einblicken in das Leben eines Campingplatzbesitzers.

Das Wetter ist meistens grau, manchmal kalt und mit häufigem Regen, manchmal aber gibt es auch Sonne und blauen Himmel. Wir tragen einige Schichten, denn zwar schwitzen wir am Körperstamm, frieren jedoch an den Extremitäten. Wir können auf unsere Erfahrungen vom Frühling zurückgreifen – was wir dort an Kleidung trugen, hat sich bewährt. Zusätzlich sind noch wasserdichte Socken und ein „Nieren-Schlauch“ dazu gekommen. Beide Teile müssen sich allerdings erst noch bewähren.

Der Nahetal-Radweg verläuft entweder auf relativ ruhigen Strassen oder auf separaten Radwegen. Die Nahe-Weine seien neulich öfters in den Medien gewesen, hat uns der eine Camping-Christoph erzählt, deshalb nehme hier der Tourismus zu. Offenbar wird die Nahe die neue Mosel. Wo immer möglich, stehen an den Hängen Reben, nur unterbrochen von allzu felsigen und buschigen Stellen. Dazwischen gibt es hoch aufragende Steilwände aus rötlichem Fels.

Der Tag mit den meisten Höhenmetern bringt auch das schlechteste Wetter. Es beginnt zu regnen, als wir aus dem Hof des Hotels fahren, in dem wir die Nacht verbracht haben. Wenn wir uns nicht bewegen, wird uns sofort kalt. Immer wieder ist der Radweg von nassen Blättern bedeckt, wir fahren entweder langsam oder schieben teilweise auch, wenn das Gefälle zu hoch ist. Erinnere mich das nächste Mal daran, dass Flussradwege beileibe nicht immer eben sind, sagt Stefanie. Dabei wissen wir das eigentlich seit der Tour an der Ruhr (2016). An einem weiteren Aufstieg treffen wir auf zwei Spaziergänger. Der eine erzählt, im nächsten Dorf gebe es ein Cafe, gleich bei der Schule. Wir freuen uns, denn bislang hatte es keine Möglichkeit gegeben, irgendwo unterzustehen und nur schon das Picknick zu essen. Im nächsten Dorf finden wir kein Cafe. Stefanie fragt einen Arbeiter, der aber nicht hier wohnt und von nichts weiss. Auch ein älteres Paar in einem Auto, das zurückhaltend die Scheibe herunterdreht, als ich ihnen winke, weiss auch nichts. Es ist kalt, es ist nass, die Jacken lassen zwar das Wasser nicht durch, fühlen sich aber kühl an. Schliesslich hilft uns ein Bauer weiter, der umständlich aus seinem Traktor klettert: Im nächsten Dorf gebe es tatsächlich ein Cafe.

Auf drei langen bangen Kilometern tobt in uns der Kampf zwischen Hoffnung (ein Cafe!) und Realismus (Es könnte geschlossen sein!).

Doch es hat auf: Zwar ist es nur ein Stehcafe, aber die Verkäuferin freut sich über den Besuch, wir drapieren unsere klammen Sachen und wärmen die Finger an einer Tasse Milchkaffee. Schliesslich dürfen wir sogar auf ihr privates Klo.

Auch der Campingplatz am Bostalsee hat eigentlich schon geschlossen, jedenfalls werden die Rasenflächen nicht mehr gemäht, erklärt mir die Frau am Telefon. Sie findet jedoch ein Plätzchen für uns und das Sanitärgebäude hat auch noch auf – schliesslich sind noch immer Dauercamper auf dem Platz.

Die Anlage wirkt komplett verlassen, als wir unsere Velos in der Dämmerung neben der Barriere durchschieben und unser Zelt neben einer Boccia-Anlage aufstellen. Die Temperatur fällt schnell, sobald die Sonne weg ist. Mit klammen Fingern drücken wir die Häringe in den Boden, stellen unsere Saccochen ins Zelt und suchen die Sachen zum Duschen. Das Sanitärgebäude ist rund 300m entfernt, wir gehen durch dunkle Strassen, links und rechts stehen leere Wohnmobile und kleine Hütten.

Im Innern des Sanitätsgebäude ist es gefühlt 25 Grad warm, wir fühlen uns wie damals, als wir Anfang November in Thailand aus dem Flughafengebäude getreten sind. Als wir später vor dem Gebäude kochen und drinnen im Gang essen, tauchen drei Personen auf. Ein Mann schaut mir beim Kochen zu, während er auf seine Frau wartet. Es sei etwas kalt beim Zelt, sage ich. Ihm entfährt ein keuchendes kurzes Lachen: Wie kommt man auf die Idee, bei dem Wetter zu zelten?

Bei Luise in Krokshult

Krokshult ist nicht nur der Ort, an den meine Freundin Luise nach zwei missglückten Auswanderungsversuchen in die USA und nach Portugal vor vier Jahren gezogen ist, an dem sie mit ihren zwei Kindern, einigen Hühnern, zwei Katzen und zwei neulich leider verschwundenen Meerschweinchen in einem winzigen weissen Häuschen lebt. Nicht mitgezählt sind hier die beiden Pferde, eine Ardennerstute mit Fohlen, mit der Luise im Winter Holz rückt. Das Häuschen ist – wie hier üblich – von weiteren Gebäuden umgeben: einer ehemaligen Werkstatt, in „Schwedenrot“ und praktischerweise isoliert, die heute als Gästehaus genutzt wird, einem Unterstand für Holz, einem selbstgebauten Gewächshaus aus mehreren alten Fenstern, die in einen Rahmen aus Holz eingepasst sind, der heutigen Werkstatt und einer Garage. Das Hühnerhaus ist dabei nicht mitgezählt, das in einer Ecke des kleinen Grundstücks steht, direkt auf den Fels gebaut, der hier an die Oberfläche kommt. Es ist nicht der einzige Ort, an dem der Fels an die Oberfläche kommt – weder auf Luises Grundstück noch in der gesamten Gegend. Aber dazu später.

Luise und ich haben uns vor siebzehn Jahren kennengelernt, als wir beide Austauschschülerinnen in Island waren, ich aus der Schweiz, Luise aus Deutschland. Der Kontakt hat sich gehalten, obwohl wir uns vor vierzehn Jahren das letzte Mal gesehen hatten. Luise würden wir besuchen, soviel hatte bei unserer Planung immer festgestanden und jetzt wurde ihr Daheim zum Hort der Stille, zum Zufluchtsort, an dem wir tagsüber ganz alleine ebendieser Stille lauschten, die Hühner beobachteten, die Katzen ins Haus liessen und wieder rausschmissen und Tee tranken.

Nein, Krokshult ist auch eine ganz spezielle Landschaft in Schweden. Nirgendwo anders – wenn man dem Internet glauben mag – sieht es in Schweden noch aus wie um 1850. Nur hier in dieser Gegend. Und natürlich auch nur, wenn man die Autos, die nach heutiger Mode gekleideten Menschen, die selten auftretenden Geräusche von Motorsägen und Trimmern und andere Sachen abzieht.

Vorherrschend sind Holzzäune, die in Abständen von drei Metern zwei leicht V-förmig im Boden verankerte Pfosten aufweisen, die aus entasteten Tännchen gemacht scheinen. Auf einer Seite des Zauns sind diese Pfosten gegen den Boden hin mit einer weiteren Stange abgestützt. Die Querstreben sind in einem 45°-Winkel vom Boden dazwischen gelegt. Als Abstandhalter sind die Pfosten mit Wacholderzweigen wie mit Seilen zusammengebunden. Ein einfaches Prinzip, aber ziemlich schwierig zu erklären (Bilder findest du hier). Diese Zäune säumen nicht nur die Strassen, sondern teilen Weiden auf und umrunden Hausgrundstücke. Weidegatter sind zwei oder drei Querstangen, die an den Torpfosten in Schlingen aus Wacholderzweigen geschoben werden.

Schafe und Pferde grasen auf Weiden, die in Nichts dem ähneln, was wir als Weiden gewohnt sind. Aber natürlich wird jede Fläche, die beweidet wird, zur Weide. Die Flächen hier weisen zwar durchaus Gras auf, bestehen aber mehrheitlich aus grossen Steinen, Fels, der an die Oberfläche tritt, Dornenbüschen, grossgewachsenen Bäume sowie deren Nachwuchs und nassen Stellen mit Sauergräsern.

Mähweiden und ackerfähige Flächen sind klein, von den beschriebenen Holzzäunen oder dicken Steinmauern umgeben. Auch hier tritt praktisch auf jeder Parzelle irgendwo der Fels an die Oberfläche, wie uns Luises Freund Patrik bei einem Rundgang über den Hof erzählt, den er mit seinen Eltern bewirtschaftet. Ein Grossteil der gut 100 Hektaren ist Wald, das Wiesland verpachtet. Auf einer Mähweide direkt neben dem Haus grasen vier Simmentaler Rinder eines Nachbarn.

Der Vergleich nebeneinander liegender Mähweiden und einer Weide wie oben beschrieben macht deutlich, wie viel Arbeit in den ebenen Flächen mit gleichmässiger Grasnarbe liegt. Generationen von Menschen haben hier von Hand Steine entfernt und zu Mauern aufgeschichtet. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts, erzählt Patrik, habe es schliesslich Maschinen mit Kränen gegeben, mit denen auch die Felsblöcke entfernt werden konnten. Der kleine Acker, auf dem Patrik Kartoffeln und Getreide für den Hausgebrauch anbaut, ist noch immer von Steinen übersät.

Plötzlich wird klar, dass hier alles einmal voller Steine, Felsblöcke und dem zutage tretenden Fels war. Der Fels ist noch da, er ist schwierig wegzubekommen, die Menschen haben damit leben gelernt. Zäune werden angepasst, bei manchen Häusern bildet der Fels die Garagenvorfahrt, manchmal das Fundament, nur bei Strassen wird er manchmal gesprengt. Links und rechts der Strasse ragen dann die kantigen Felswände in die Höhe. Jede Fläche, die einigermassen eben ist, wurde in aufwändiger Kleinarbeit geräumt, eingeebnet, der Natur abgetrotzt.

Das wirft ein neues Licht auf die Kundschaft des Gartenbauunternehmens, bei dem Luise arbeitet: manche Menschen wollen unbedingt einen schönen Rasen vor dem Haus, auch wenn das für die Gärtnerin keine so tolle Aufgabe ist und bei der grossen Trockenheit letztes Jahr auch viele Rasen kaputtgegangen sind. Ich frage mich, ob flache, schöne Rasenstücke vor dem Haus ein Schatten des Statussymbols sind, das eine ebene Grasfläche früher bedeutete: ich kann es mir leisten, eine Fläche aufwändig einzuebnen und dann nichts Sinnvolles damit zu machen.

Krokshult ist eine ursprüngliche Bewirtschaftungslandschaft; sie muss bewirtschaftet werden, um ursprünglich zu bleiben. Das hatte vor einigen Jahr ein Regierungsbeschluss nicht verstanden, erzählt Luise. Auf den kleinen, unwirtschaftlichen Flächen sollten Fichten gezogen werden. Die Nachkommen der Bauern, die diese Flächen in eben beschriebener, mühseliger Handarbeit urbar gemacht hatten, zogen scharf die Luft ein. Zu Hilfe eilte ein Verein, der die Flächen botanisch kartierte und seltene Pflanzen feststellte – damit durften die Flächen nicht verändert werden.

Ein Unfall führt zu einer Pilzpfanne

In Tallinn erreicht uns die Post-Zielerreichungs-Müdigkeit, eine Mischung aus aufgebrauchten letzten Energien und angestauten Eindrücken der letzten vier Monate. Tallinn war voll und es war heiss. Sandalen und kurze Hose dominierten und wer draussen unterwegs war, schlich dem Schatten der Häuser entlang.

In den letzten zehn Wochen haben wir vier Länder besucht, mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachen, mit anderen Strassensystemen, anderen Strassenbelägen, anderen Campingplatzsystemen, unterschiedlichen Kenntnissen des Englischen sowie unterschiedlicher Treffsicherheit der Übersetzungen bei G-Translator. Wir genossen jeweils den Wechsel, der in der Regel dadurch bestand, noch einmal die liebgewonnenen Nahrungsmittel zu kaufen, uns zu überlegen, was uns an dem Land gefallen hatte, schliesslich die Grenze zu überfahren, ein Foto zu machen und sich auf das neue Land einzulassen, mit neuer Aufmerksamkeit herumzuschauen und Landschaft und Leute aufzunehmen.

Gleichzeitig hatten die vielen Eindrücke vor allem mich ermüdet. Mein Geist sehnte sich nach Ruhe, um alles zu verarbeiten, um wieder Platz für Neues zu schaffen. Auch Stefanie war müde, bei ihr betraf die Müdigkeit allerdings eher die Beine und andere Körperteile.

Müde nahmen wir die Fähre nach Stockholm und müde fuhren wir durch Stockholm, über Gamla Stan und möglichst auf gerader Strecke wieder aus der Stadt heraus. Wir hatten genug von den Städten und ihrem Trubel.

Auf kurzen Etappen dauerte es zwei Tage, bis wir den Grossraum Stockholm hinter uns gelassen hatten. In einem Netz aus unzähligen Radwegen suchten wir unseren Weg südwärts und fuhren schliesslich auf mittleren Strassen, als die separaten Radwege verschwanden. Da wir immer noch ziemlich müde waren, passierte uns das „Dümmste Selbstverschuldete“, was beim Velofahren passieren kann: ein Auffahrunfall. Ich sah etwas, bremste, Stefanie war zu nah aufgefahren, konnte nicht mehr bremsen, schrammte in mein Velo und fiel. Wir hatten Glück im Unglück und es kam kein Auto. Zitternd schob sie ihr Velo in eine abbiegende Strasse, die zu einer Baumschule führte. Mein Velo konnte ich nicht mehr schieben, Stefanies Vordersaccoche war so auf mein rückwärtiges Schutzblech gestossen, dass es umgeknickt wurde und das Rad komplett blockierte.

Bald sassen wir am Strassenrand, der Inhalt zweier Saccochen verstreut, weil wir an zwei nur selten benutzte Dinge ranmussten: Werkstatt und Apotheke. Stefanie versorgte ihr aufgeschrammtes Knie, ich hebelte an meinem Schutzblech herum. In Minutentakt fuhren Autos an uns vorbei, bremsten, um sich dann in den Verkehr auf der Hauptstrasse einzufädeln. Niemand liess die Scheibe herunter, niemand fragte, ob wir Hilfe bräuchten.

Einigermassen wiederhergestellt schafften wir es auf den Campingplatz, eine Wiese mit einem Toiletten-Duschen-Haus in der Nähe des Meeres. Unentwegt hatten wir auf der Fahrt hierher die Optionen hin- und hergewälzt, wie würden sich die Schmerzen von Stefanies Knie verändern, welche Transportmöglichkeiten gab es in Schweden für Fahrräder, wie weit war es noch bis zu Luise (eine Freundin von mir, mehr zu ihr gibt es im nächsten Blogbeitrag).

Als abends ein Camperbössli mit einem deutschen Kennzeichen auf den Platz rollte, ergab sich eine neue Möglichkeit. Stefanie erkundigte sich, ob sie am nächsten Tag nach Nyköping fahren würden und ob es möglich wäre, dass sie sie mitnähmen. Leider nein, sie wollten sich das Naturschutzgebiet in der Nähe ansehen.

Als wir inmitten gepackter Saccochen frühstückten, schlenderte der Mann plötzlich her zu uns. Sie hätten sich besprochen und beschlossen, dass sie Stefanie nach Nyköping fahren würden. Sie hätten früher auch viele Fahrradtouren unternommen, da hätten sie solche Hilfe auch geschätzt. Leider stellte sich heraus, dass sie dachten, Stefanie müsse in eine Apotheke, um Medikamente zu holen wegen des Unfalls – sie glaubten nicht, dass sie Stefanie UND das Velo UND das ganze Gepäck in ihr Bössli bringen könnten. Gleichzeitig eröffnete ihr Angebot die Möglichkeit, tatsächlich Voltaren sowie Nahrungsmittel einzukaufen, um eine zweite Nacht auf dem Camping zu bleiben und Stefanies Knie die Chance zu geben, besser zu heilen. Ja, beschnacken Sie sich, sagte der Mann, der aus Hamburg kam.

Eine Viertelstunde später sass ich mit dem Mann im Auto, während die Frau einen Spaziergang machte und Stefanie das Zelt wieder einräumte und schliesslich ihr Bein hochlagerte.

Als wir nach einer Autofahrt mit anregendem Gespräch zurückkehrten, hatte die Frau im Wald faustgrosse Steinpilze gefunden. Wenn wir heute Abend eine Pilzpfanne machen, würden Sie die Hälfte essen, fragte sie. Ich nickte begeistert, denn der Mann hatte mir im Auto viel von ihrer beider Pilzleidenschaft erzählt und dass es in Schweden noch richtig viele Pilze gäbe, in einer Grösse und Anzahl, wie sie in Deutschland nicht mehr vorkämen.

So sassen wir also abends vor unserem Zelt und warteten auf das Abendessen, während es aus der kleinen Küche des Bösslis nach angebratenem Speck roch. Vorab gab es zwei kleine Tässchen mit Sud, schliesslich die Pilzpfanne mit gekochten Kartoffeln.

Dieses Erlebnis zeigt, wie schnell auf eine unerfreuliche Sache eine erfreuliche folgen kann. Und umgekehrt.

Im Sowjetblock in Tallinn

Noch fünfhundert Meter, unter einer Bahnlinie durch, noch dreihundert Meter, abbiegen, durch den Schatten einer Reihe von Kastanienbäumen und noch einmal abbiegen, Ziel erreicht. Wir stehen hinter einem Haus, eine Grünfläche, Mülltonnen, parkierte Autos, das eine oder andere rostige Velo mit fehlenden Einzelteilen lehnt an dem Haus: ein langes Gebäude, vier Stockwerke hoch, die Fassadenfarbe blättert ab. Hinter manchen Fenstern hängen adrette Gardinen, hinter anderen ist vielleicht nicht gerade Müll, doch aber unordentlich aufgehäuftes Material zu sehen. Irgendwo in diesem Haus haben wir eine Wohnung gemietet.

Langsam schieben wir die Velos zur Vorderseite. Auf einer Grünfläche umstehen einige Kastanienbäume einen neu gemachten Spielplatz und eine Sitzbank. Darauf vier alte Frauen, die Russisch sprechen. Wir sind zu früh, die Vermieterin kommt erst in zehn Minuten. Also nehmen wir die Umgebung in uns auf, den an Sowjetzeiten erinnernden Häuserblock, die breite Treppe, die zu einer Eisentür hochführt, Glassplitter auf dem Vorplatz. Eben waren wir noch an netten estnischen Häuschen aus Holz vorbeigefahren und hatten uns gewünscht, dass wir die nächsten fünf Nächte in einem solchen verbringen können.

Heruntergekommene Gegenden verbinden wir automatisch mit einer gewissen Bedrohung, herausgeputzte Gegenden mit Sicherheit. Das ist trügerisch – ich irrte einmal in einer äusserst schicken Gegend in der Nähe des Pont-du-Gard herum und suchte jemanden, den ich nach dem Weg fragen konnte. Aber alle Häuser verbargen sich hinter hohen Mauern und automatischen Schiebetoren, die wenigen Menschen, die ich sah, waren weit entfernt und verschwanden schnell hinter den Mauern. Beim Reisen lernt man mit der Zeit, dass Gegenden, die vermeintlich heruntergekommen aussehen – schäbige Hausfassaden, bröckelnde Eingangstreppen, aufgequollene Holzfensterläden usw. – nicht bedrohlich sein müssen. Vielmehr ist vielleicht das Geld knapp und wird auf Dinge verwendet, die wichtiger sind als eine perfekte Fassade.

Wir beobachten die Menschen um uns herum, die vier alten Frauen sind gut gekleidet, eine davon steht auf, verabschiedet sich, geht mit einem neugierigen Blick an uns vorbei und verschwindet im Haus, nachdem sie die Tür mit einem Badge geöffnet hat. Wir fühlen uns etwas unwohl, sind ein Fremdkörper, unsere beladenen Velos, die farbenfrohen Trikots, wir fallen auf. Stefanie ist noch immer etwas skeptisch: Was für eine Wohnung haben wir da gemietet!? Ich erzähle ihr von einem Erlebnis in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau. Ich war von dem Bekannten meines Dozenten aus der Schweiz am Flughafen abgeholt und zu ihm nach Hause gebracht worden. Bei seiner Frau und ihm würde ich die nächsten zehn Tage wohnen und mit ihm Betriebe besuchen für meine Semesterarbeit. Wir bogen von der Strasse ab auf einen Parkplatz, an dessen Seite ein Haus hochwuchs, das bei unserem Standard massiv heruntergekommen war: auf den kleinen Balkonen stapelten sich Müllsäcke, aus denen der Inhalt durch Löcher herausquoll, kaputte Möbel und einige undefinierbare Dinge, die Fassade war nicht mehr nennenswert vorhanden, von den Klimaanlagen an der Aussenwand rannen rostfarbene Striemen die Wand hinunter, zu der Eingangstüre führte eine bröckelige Betontreppe hinauf, die rostige Eisentür selbst hing schräg. Die Büsche um den Parkplatz, der eigentlich nur ein Stück löcherigen Asphalts war, waren grau, nur der Müll dazwischen leuchtete bunt. Strassenhunde schnüffelten herum. Der Mann, den ich vor einer halben Stunde zum ersten Mal gesehen hatte, stieg aus und ging mit meinem Gepäckstück selbstverständlich die Treppe hoch, durch die Rosttür. Drinnen roch es streng und im düsteren Licht konnte ich verschmierte Wände erkennen. Ich dachte fest daran, dass mein Dozent diesen Mann gut kannte und ich Abenteuern nicht abgeneigt war. Vor einer weiteren Eisentür in der Ecke dieses „Eingangsbereichs“ blieben wir stehen, schliesslich fand der Mann einen Schlüssel und schloss auf. Dahinter kam eine unversehrte, adrette Eingangstür zum Vorschein, die er ebenfalls aufschloss. Ich trat aus dem Abbruchhaus in ein Daheim: sauber, warm und freundlich war es in dieser Wohnung, die Frau kam auf mich zu und begrüsste mich und aus der Küche hinter ihr roch es verführerisch nach Essen.

Unsere Vermieterin in Tallinn tauchte pünktlich auf und sprach Englisch mit russischem Akzent. Sie führte mich, während Stefanie mit den Velos wartete, durch die Tür in eine wohl sechzig Quadratmeter grosse Eingangshalle, in der in einer Ecke mit Zahlen versehene Briefkästen angebracht waren. Die höchste Zahl war 197. Über eine Treppe erreichten wir den ersten Stock und gingen einen langen Gang entlang, an dem links und rechts im Abstand von wenigen Metern Türen angebracht waren. Die letzte Tür, sagte die Frau, und unsere Schritte hallten auf dem Linoleum. In der Mitte des Gangs befand ein grosser Raum, vermutlich genau so gross wie eine der Wohnungen, mit zwei Fenstern, die mit künstlichen Blumen geschmückt waren. Ansonsten stand nur ein Stuhl in diesem Raum. (Kennt sich jemand mit sowjetischer Architektur aus und weiss, wozu dieser Bereich gedient hat?)

Am Ende des Gangs führte eine Tür auf ein winziges Balkönchen, auf dem an einer Wäscheleine Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt waren. Die letzte Tür davor links war unsere. Mit einem Schlüssel, der im Prinzip ein Stock Eisen war, an dessen Ende links und rechts kleine Eisenstäbe herausragten, schloss sie die Tür auf. Ein Inneneinrichtungstraum aus silber und violett begrüsste mich, mit einer gesprenkelten Tapete, einem Türrahmen aus künstlichen Steinen und einem Zwergflusspferd als Deko. Wow, sagte ich, als ich die Schuhe abstreifte und die Wohnung inspizierte: Bett, Bettdecken, Waschmaschine, WLAN, Müll. Das sind erfahrungsgemäss die Fragen, die ich stelle.

Wir scheinen in einem russischen Quartier gelandet zu sein, denn rund um uns hören wir kaum Estnisch – und dabei gibt es nur 0.2% russischsprechende Menschen in Estland. Als wir unsere Velos durch die Eingangshalle stossen, alle Taschen abladen und dabei sind, alles hochzutragen, kommen drei ebenfalls russischsprechende Männer, die offenbar auf dem gleichen Stock wohnen. Der letzte nimmt mir nicht nur die beiden Saccochen aus den Händen, die ich gerade hochtragen will, sondern hält uns geduldig die Tür auf, während wir die Velos wieder beladen, um sie den langen Gang entlang zu schieben. Schliesslich verschwindet er in der ersten Wohnung links, die er offenbar mit den anderen zwei Männern bewohnt und die deutlich weniger schick eingerichtet ist als unsere.

Im Zug

Es giesst wie aus Eimern, als wir auf einem gut markierten Veloweg aus Riga rausfahren. Tropfende Bäume, Ringe auf Wasserflächen, Leute hasten ans Trockene, ein Mann drückt auf den Knopf an einer Fussgängerampel und zieht sich unter einen vorspringenden Fenstersims zurück, dennoch mehren sich die Flecken auf seinem hellen Jackett.

Nach dem Mittagessen im Wartehäuschen einer Bushaltestelle führt uns der Eurovelo 13 auf eine schmale Sandpiste in einem Föhrenwald. Unter keinen Umständen tun wir uns das in diesem Regen an. Also fahren wir acht Kilometer zurück, stellen uns bei einer Tankstelle unter und erwägen die Möglichkeiten. Leider gibt es nur eine einzige Alternative: Die A1/E67, die Hauptverbindung von Riga nach Tallinn – auf dieser Strasse wird der Eurovelo 13 später sowieso führen.

Mir steckt jedoch das Erlebnis auf der Autobahn vor Riga noch in den Knochen – und bei diesem Regen, mit dem Wasser auf der Fahrbahn und der schlechten Sicht flösst uns diese Strasse noch mehr Angst ein. Stumm schauen wir auf die tropfende, spritzende, klatschnasse Welt.

Was ist mit dem Zug, fragt Stefanie. Schon seit einigen Kilometern sind wir immer wieder an einer Bahnlinie gefahren. Aber – wollen wir das, Zug fahren?

Der nächste Bahnhof ist nur wenige hundert Meter entfernt. Mit sinkenden Herzen beschliessen wir, zum Bahnhof zu fahren und uns die Sache anzuschauen. Ein kleiner Bahnhof, etwa wie Bern-Weissenbühl, wir stellen fest: in acht Minuten fährt ein Zug nach Saulkrasti. Damit würden wir den schlimmsten Abschnitt überwinden.

Plötzlich geht es schnell. Ich stehe vor dem Ticketschalter, die dicke Frau dahinter lächelt mich an, ich spreche langsam Englisch und sie nickt. Zeigt mir den Betrag auf dem Taschenrechner, ich zahle und habe vier Tickets in der Tasche: zwei Personen, zwei Velos.

Noch sechs Minuten bis zur Abfahrt. Ich haste hinaus, wir machen die Velos bereit zum Verladen: die Gummizüge vom Gepäckträger weg, die Wasserflaschen irgend in eine Tasche. Ein Programm hat uns übernommen, die Gedanken ausgeschaltet, jetzt gilt nur: vorwärts, vorwärts. Die Frau vom Ticketschalter erscheint in der offenen Tür und deutet auf das hintere Gleis. Wir bedanken uns und schieben die Velos über die Schienen auf die andere Seite.

Ein alter Zug rollt in den Bahnhof, öffnet die Türen über steilen Stufen. Wir reissen die Taschen weg, hieven die Velos hoch, schmeissen die Gepäckstücke hinterher, der Zug hupt, ein schrilles, lautes Geräusch. Jetzt nicht abfahren, bitte, schreit Stefanie und hebt die Hände in Richtung Lokomotive. Wir klettern unseren Sachen hinterher, die Türen schliessen sich, der Zug ruckelt, schwankt, quietscht – und fährt. Als ich mich umschaue, steht in der geöffneten Abteiltür eine junge Schaffnerin mit strengem Pferdeschwanz. Ich entschuldige mich und lege die Handflächen vor der Brust zusammen. Sie nickt und setzt sich hin.

Mit einem Gefühl wie zerschlagenes Glas in der Brust setzen wir uns langsam in unseren nassen Regenkleidern auf die Sitze und starren durch beschlagene Scheiben auf eine Heidelandschaft, leicht rosa vom Heidekraut, mit Birken und Kiefern und tiefen Sandwegen.

In Saulkrasti regnet es immer noch. Wir suchen auf der Karte nach einem Ort, an dem wir ankommen können und finden eine Strandbar mit grossen Fenstern. Grau liegt das Wasser unter einem ebenso grauen Himmel, der Horizont ist als schmale, nur unmerklich dunklere Spur zu erkennen.

Eine Frau überlässt uns ihren Tisch am Fenster, sie wohne am Meer und gucke eh nur aufs Handy, und dann sitzen wir da und schauen über unsere Milchkaffees aufs Meer, bis sich die Aufregung, die Trauer und die Wut in uns wieder gelegt haben – wie wenn sich Erdteilchen in Wasser langsam am Boden absenken und reines, klares Wasser übrigbleibt. 

Auf der Autobahn

Nach mehreren Wochen haben wir genug von den Strassenverhältnissen und beschliessen, auf möglichst kurzem Weg durch Lettland zu fahren und bald in Estland anzukommen – entgegenkommende VelofahrerInnen schwärmten uns nämlich vom nördlichsten baltischen Staat vor, es sei dort sehr gut zum Radfahren.

Dennoch wollen wir nicht ganz direkt nach Riga fahren, denn dort führt nur eine grosse Strasse hin. Gleichzeitig wollen wir auch nicht bis Jurmala, wo wir zwar auf den Eurovelo 13 stossen würden – aber die Campingplätze dort oben klingen in den Bewertungen ziemlich heruntergekommen.

Wir beginnen also mit zwanzig Kilometern auf der P99, einer befestigten, eher verkehrsarmen Landstrasse durch kleine Wälder und weite Felder, Mähdrescher stäuben in der Ferne. Ich bin schon dabei, mich mit Lettland zu versöhnen, als wir auf die A9 wechseln. Unklugerweise ist das die Verbindungsstrasse vom Küstenort Liepaja nach Riga. Ausserhalb des weissen Streifens bleibt uns zwischen 30 und 50 Zentimetern Platz, danach kommt grober Kies. Wir fahren Hinterrad an Vorderrad, wer hinten fährt, meldet jeden LKW, was zeitweise alle paar Sekunden der Fall ist. „LKW“ ruft Stefanie, wir greifen die Lenker fester, konzentrieren uns noch stärker, bereiten uns auf den Windstoss vor, der uns mal bremst, mal voranschiebt, und sind immer froh, wenn die Ungetüme vorbei sind und wieder nur normale Autos vorbeirasen. Zwanzig Kilometer geht das so, rund alle vier Kilometer pausieren wir an einer Bushaltestelle, trinken etwas, lassen die Augen im Grünen ruhen (um sie zu entspannen), dann werfen wir uns wieder ins Getümmel.

Über eine ruhigere Strasse erreichen wir den Ort Pinki, kaufen ein und gönnen uns ein Eis. Wir wissen noch nicht, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht.

Ab hier heisst die Strasse A5 und sieht aus wie eine Autobahn bei uns, kein Mittelstreifen in Grün, aber zwei Spuren in jede Richtung. Ich halte mich an die weissen Striche, da ruft Stefanie von hinten: „Achtung, beidseits!“ und schon rauschen zwei Fahrzeuge links und rechts an mir vorbei, jede Zelle in meinem Körper ist in Alarmbereitschaft. Wir haben eine dumme Entscheidung getroffen, aber jetzt können wir nur noch vorwärts.
Bald darauf können wir hinter einer Baustellenabsperrung fahren, in regelmässigen Abständen aufgestellte Pfosten, und sind damit sicherer.
Links neben uns rasen sie vorbei, PKWs, Pickups, manchmal Lastwagen. Bald sehen wir die Brücke, auf die wir gelangen müssen, um bald von dieser grossen Strasse weg und auf dem EV13 in die Innenstadt von Riga fahren zu können. Da kommt die Auffahrt, rufe ich Stefanie zu und pedale vorwärts – nur ist die Auffahrt gesperrt: Baustelle. Einen Moment denke ich, dass wir die Velos vielleicht hochschieben können, aber das Sandbett beträgt ca. 30cm.

Wir schauen uns um und versuchen, inmitten der schnellen Bewegungen und dem Röhren der Lastwagen auszumachen, wo sich die provisorische Auffahrt befindet. Weiterfahren bringt nichts, also schieben wir zurück und finden einen Lastwagenfahrer, der an sein Fahrzeug gelehnt am Rand der Baustelle steht. Stefanie fragt ihn, wie man auf die Brücke komme. Er versteht uns nicht wirklich, zuckt aber nicht mit der Wimper, dass wir uns auf dieser Strasse befinden. Schliesslich sehen wir, dass etwas weiter zurück mehrere Autos stark verlangsamen und aus dem Blickfeld verschwinden. Wir schieben also noch weiter zurück, überqueren ein Kiesfeld und stehen am Rand einer holperigen, nur halbwegs geteerten, provisorischen Fahrbahn, die auf die Brücke führt. Das führt aber in die falsche Richtung, sage ich, aber es bleibt uns nichts anderes rüber. Hauptsache, mal auf die Brücke.

Als im Verkehrsstrom keine blinkenden Fahrzeuge mehr auszumachen sind, hasten wir auf die Bahn und fahren los. Es braucht alle Kraft, die wir haben, um den Lenker durch die tiefen Löcher und die Häufchen von Asphalt zu führen, wir pedalen, was die Beine hergeben. Hinter uns rattert und schwankt ein leerer Lastwagen, wir machen uns breit unter unseren Leuchtwesten. Nach 200 Metern erreichen wir die Autobahn auf der Brücke, ich sehe ein Schild, das in 150m einen U-Turn anbietet. Zum Glück gibt es nur mässig viele Autos, so dass Stefanie recht beherzt den Arm rausstrecken und einspuren kann. Ich ziehe mit und wir landen auf der Spur ganz links und reihen uns für den U-Turn ein. Hinter uns ein Auto, der Fahrer bremst friedlich auf unsere knapp 20km/h ab und zuckelt hinter uns her, bis wir auf der entgegenkommenden Spur angekommen sind und ganz erschöpft am rechten Rand halten. Auch hier hat es eine Baustellenabsperrung, hinter der wir fahren können.

Mein Stress ist enorm, die hohen Geschwindigkeiten, der Lärm, die Abgase, die Verantwortung: wenn hier etwas schief läuft, werde ich mir das nie verzeihen. In meinem Kopf hämmert die Spannung, ich will einfach nur weg von hier.

Stefanie kontrolliert auf der App, wir sind wirklich auf der Brücke, jetzt sind es nur noch wenige hundert Meter, dann wird die Strasse in eine gelbe übergehen und wir können auf den Veloweg wechseln, beruhigt sie mich. Ich nicke und fahre los, ganz rechts, hinter den Baustellenpfosten, schliesslich über eine Auffahrt und weiter ganz rechts, links brausen sie weiterhin an uns vorbei. Unter der Brücke führen Schienen durch und diesen führt der Veloweg entlang. Wir fahren um eine grosse Kurve, biegen rechts ab und stossen vor den Schienen auf den Veloweg. Noch vor wenigen Sekunden fuhren wir auf der Autobahn, jetzt rollen wir auf feinem Teer durch einen kleinen Wald, die Autobahn dröhnt nur noch von Weitem, Vögel zwitschern und langsam, langsam beruhigt sich unser Herzschlag.

Kempingas

Campingplätze gibt es in Litauen vor allem an der Ostsee. In anderen Regionen ist man auf eine eingehendere Recherche angewiesen, wenn man nicht wild zelten will. Zeltsymbole auf Osmand und Papierkarten müssen recherchiert, Texte von Webseiten übersetzt werden. Auf diese Weise haben wir eine Campingmöglichkeit in einem kleinen Tal entlang des kleinen Flusses Minija gefunden.

Nach einem Tag auf kleineren und grösseren Strassen durch Litauen stehen wir an einem Kiesweg, der von der Strasse wegführt. Hier ist auf einem grossen Schild das Gelände des Campings aufgezeichnet, Klos und Parkplätze sind markiert. Wir folgen dem Kiesweg, an Unterständen und Feuerstellen vorbei und treffen schliesslich auf einige Zelte sowie eine Frau mit ihrem Sohn. Kempingas, fragt Hans, Campingplatz? Die Frau winkt ihren Sohn heran, er soll übersetzen. Er überlegt lange und sagt dann, this property is private (dieses Gelände ist privat). Wir nicken, er denkt wieder angestrengt nach. You want to rent a campsite? fragt er dann (Ihr wollt einen Campingplatz mieten?). Wir nicken wieder. You have to pay (ihr müsst zahlen). Wir nicken, wo? Oben an der Strasse gebe es ein Haus, da wohne die Besitzerin. Da gibt es kein Haus, flüstert Stefanie von hinten. Ob sie einen Namen habe, diese Frau, frage ich. Sie heisse Violetta.

Eine junge Frau und ein junger Mann tauchen auf, tropfend direkt aus dem Fluss. Auch die junge Frau wird hergewunken, sie soll uns eine Botschaft ausrichten. Violetta habe eine Telefonnummer und ihre Freunde würden sie uns geben.

Wir warten, die vier Personen reden miteinander und gehen zu ihrem Unterstand, dessen windexponierte Seite sie mit Frischhaltefolie winddicht gemacht haben. Passiert jetzt noch etwas, fragt Hans.

Kurz bevor die unklare Situation unerträglich wird, fährt ein Auto voller Leute heran, grosses Begrüssen, dann kommt die junge Frau wieder zu uns und gibt uns die Nummer. Wir fahren zur Strasse zurück und besprechen. Stefanie ist nicht sehr begeistert, Esther und Hans wirken abwartend. Ich rufe also diese Violetta an und versuche, klares und einfaches Englisch zu sprechen. Die Frau hat Mühe, ihr fehlt der Wortschatz, sie fragt dann, ob ich Russisch spreche. Ganz wenig, sage ich. Wie immer rattert auf dieses Wort eine Ladung Russisch auf mich runter. Ich kann immerhin klarmachen, dass wir vor Ort sind. Sie sagt „gut“ und dann etwas, was ich als „ich komme“ verstehe. Wir warten, Hans schaut auf die Uhr und sagt, 15 Minuten geben wir ihr, Stefanie schaut noch Alternativen im Internet, ich zermartere mein Hirn, ob ich die Frau richtig verstanden habe, Esther studiert den Plan. Jedes Auto, das an uns vorbeifährt, verfolgen wir mit den Augen.

17 Minuten später rollt ein Auto heran, eine Frau kurbelt die Scheibe herunter und sagt: You? Sie bedeutet mir, ihr hinterherzufahren und rollt holpernd auf dem Feldweg voran. Gemischt Englisch-Russisch erklärt sie, wo wir uns hinstellen können. Fünf Plätze gibt es insgesamt, jeweils grosse Wiesen mit Unterständen, Feuerstellen, Tischen und Bänken und einem Klo. Wer zahlt, mietet gleich einen ganzen Platz. Solche Zeltplätze gäbe es in Litauen öfter, aber häufig ist für AusländerInnen nicht klar, wie es funktioniert – und Anrufen ist ein Glücksspiel.

Wir entscheiden uns für eine kleinere Wiese mit einem steilen Zugang zur Minija. Toiletten gibt es etwas entfernt unter den Bäumen, Plumpsklo ohne Schüssel, also nur eine Öffnung im Boden. Wasser kommt aus einer quietschenden Pumpe, laut der Frau Trinkwasser, aber wir finden es reichlich rostig und würden Tee damit kochen müssen. Gut, gut, sage ich immer wieder, erleichtert, dass sich alles zum Guten gewendet hat. Sie lächelt nun sogar. Woher, will sie noch wissen, Schweiz, sage ich, sie macht „ooooooh“ und verwirft die Hände. Sie fragt noch etwas, was mit „wieviel“ anfängt, aber ich verstehe den Rest des Satzes nicht, und sage mal, eine Nacht; ihre Reaktion darauf passt allerdings nicht. Es kostet zehn Euro für uns alle vier zusammen. Wir stellen unsere Velos hin und gehen baden. Die Minija ist klar, etwas bräunlich, dadurch sieht man, dass am Boden viel Holz liegt. Das Wasser ist anfangs etwas kühl, aber gibt uns ein gutes Gefühl.

Von Fähren und Informationen

Von Nida auf der kurischen Nehrung, einem langen, schmalen Landstück, das das kurische Haff von der Ostsee abgrenzt, wollen wir die Fähre ans andere Ufer nehmen. Bereits am Vortag waren wir am Hafen gewesen und hatten die Fähre gesucht – oder zumindest irgend eine Information. Eine Frau wies mit der Hand in eine Richtung, in der zwar ein Schiff lag, das zwar irgendwie ans andere Ufer fuhr, aber nicht wirklich dahin, wo wir hinwollten.

Nun stehen wir wieder hier, vier bepackte Velos – Esther und Hans sind ja jetzt auch dabei. Wir sind früh genug am Hafen, eine Stunde vorher und fragen herum. Stefanie und ich suchen die Tourist Information auf. Die Frau am Desk weist auf einen Mann, der vor einer Vitrine kniet und Sachen einräumt. Wir möchten gerne die Fähre nach Vente nehmen, sage ich, wo fährt die genau? Der Mann blickt mich erstaunt an, als würde ich etwas fragen, was komplett offensichtlich sei. Er räumt weiterhin Sachen in die Vitrine und ich knie mich ebenfalls nieder. Die Fähre komme etwa um zehn Uhr an und fahre um 10.30. Genau, bestätige ich, das seien auch meine Informationen. Aber wo fahre die Fähre? Am Hafen. Ja, aber wo genau? Am Hafen. Genaueres ist nicht zu erfahren.

Hans hat in der Zwischenzeit mit einem Mann geredet, der nur Russisch und Litauisch spricht (!). Er habe gesagt, dass Vente wegen zu wenig Wasser nicht angefahren werden könne.

Wir irren etwas umher, finden schliesslich direkt hinter dem Hafengebäude in einer Ecke ein A4-grosses Blatt mit den Informationen zur Fähre, die auch tatsächlich gegen zehn Uhr kommt und uns mitnimmt.

Es ist nicht das erste Mal, dass die vagen Informationen unsere Geduld auf die Probe stellen. In Polen hatte uns die Mitarbeiterin der Camping-Reception mit Blick auf die Webseite einer Fähre gesagt, sie sollte morgen um 15 Uhr fahren. Ich regte mich auf, zeterte, dass ich von einer Tourismusmitarbeiterin erwarte, dass sie klare Aussagen machen könne, und nicht nur, „sollte“. Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran, dass alles vage wirkte und am Ende doch jeweils funktionierte. Aber unsere schweizerische Ader möchte alles genau wissen, genau planen und komplett kontrollieren können. Das funktioniert hier nicht – wir haben uns angewöhnt, neben einem Plan B auch das Vertrauen zu haben, dass es auch jetzt wieder klappen würde.