Bei Luise in Krokshult

Krokshult ist nicht nur der Ort, an den meine Freundin Luise nach zwei missglückten Auswanderungsversuchen in die USA und nach Portugal vor vier Jahren gezogen ist, an dem sie mit ihren zwei Kindern, einigen Hühnern, zwei Katzen und zwei neulich leider verschwundenen Meerschweinchen in einem winzigen weissen Häuschen lebt. Nicht mitgezählt sind hier die beiden Pferde, eine Ardennerstute mit Fohlen, mit der Luise im Winter Holz rückt. Das Häuschen ist – wie hier üblich – von weiteren Gebäuden umgeben: einer ehemaligen Werkstatt, in „Schwedenrot“ und praktischerweise isoliert, die heute als Gästehaus genutzt wird, einem Unterstand für Holz, einem selbstgebauten Gewächshaus aus mehreren alten Fenstern, die in einen Rahmen aus Holz eingepasst sind, der heutigen Werkstatt und einer Garage. Das Hühnerhaus ist dabei nicht mitgezählt, das in einer Ecke des kleinen Grundstücks steht, direkt auf den Fels gebaut, der hier an die Oberfläche kommt. Es ist nicht der einzige Ort, an dem der Fels an die Oberfläche kommt – weder auf Luises Grundstück noch in der gesamten Gegend. Aber dazu später.

Luise und ich haben uns vor siebzehn Jahren kennengelernt, als wir beide Austauschschülerinnen in Island waren, ich aus der Schweiz, Luise aus Deutschland. Der Kontakt hat sich gehalten, obwohl wir uns vor vierzehn Jahren das letzte Mal gesehen hatten. Luise würden wir besuchen, soviel hatte bei unserer Planung immer festgestanden und jetzt wurde ihr Daheim zum Hort der Stille, zum Zufluchtsort, an dem wir tagsüber ganz alleine ebendieser Stille lauschten, die Hühner beobachteten, die Katzen ins Haus liessen und wieder rausschmissen und Tee tranken.

Nein, Krokshult ist auch eine ganz spezielle Landschaft in Schweden. Nirgendwo anders – wenn man dem Internet glauben mag – sieht es in Schweden noch aus wie um 1850. Nur hier in dieser Gegend. Und natürlich auch nur, wenn man die Autos, die nach heutiger Mode gekleideten Menschen, die selten auftretenden Geräusche von Motorsägen und Trimmern und andere Sachen abzieht.

Vorherrschend sind Holzzäune, die in Abständen von drei Metern zwei leicht V-förmig im Boden verankerte Pfosten aufweisen, die aus entasteten Tännchen gemacht scheinen. Auf einer Seite des Zauns sind diese Pfosten gegen den Boden hin mit einer weiteren Stange abgestützt. Die Querstreben sind in einem 45°-Winkel vom Boden dazwischen gelegt. Als Abstandhalter sind die Pfosten mit Wacholderzweigen wie mit Seilen zusammengebunden. Ein einfaches Prinzip, aber ziemlich schwierig zu erklären (Bilder findest du hier). Diese Zäune säumen nicht nur die Strassen, sondern teilen Weiden auf und umrunden Hausgrundstücke. Weidegatter sind zwei oder drei Querstangen, die an den Torpfosten in Schlingen aus Wacholderzweigen geschoben werden.

Schafe und Pferde grasen auf Weiden, die in Nichts dem ähneln, was wir als Weiden gewohnt sind. Aber natürlich wird jede Fläche, die beweidet wird, zur Weide. Die Flächen hier weisen zwar durchaus Gras auf, bestehen aber mehrheitlich aus grossen Steinen, Fels, der an die Oberfläche tritt, Dornenbüschen, grossgewachsenen Bäume sowie deren Nachwuchs und nassen Stellen mit Sauergräsern.

Mähweiden und ackerfähige Flächen sind klein, von den beschriebenen Holzzäunen oder dicken Steinmauern umgeben. Auch hier tritt praktisch auf jeder Parzelle irgendwo der Fels an die Oberfläche, wie uns Luises Freund Patrik bei einem Rundgang über den Hof erzählt, den er mit seinen Eltern bewirtschaftet. Ein Grossteil der gut 100 Hektaren ist Wald, das Wiesland verpachtet. Auf einer Mähweide direkt neben dem Haus grasen vier Simmentaler Rinder eines Nachbarn.

Der Vergleich nebeneinander liegender Mähweiden und einer Weide wie oben beschrieben macht deutlich, wie viel Arbeit in den ebenen Flächen mit gleichmässiger Grasnarbe liegt. Generationen von Menschen haben hier von Hand Steine entfernt und zu Mauern aufgeschichtet. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts, erzählt Patrik, habe es schliesslich Maschinen mit Kränen gegeben, mit denen auch die Felsblöcke entfernt werden konnten. Der kleine Acker, auf dem Patrik Kartoffeln und Getreide für den Hausgebrauch anbaut, ist noch immer von Steinen übersät.

Plötzlich wird klar, dass hier alles einmal voller Steine, Felsblöcke und dem zutage tretenden Fels war. Der Fels ist noch da, er ist schwierig wegzubekommen, die Menschen haben damit leben gelernt. Zäune werden angepasst, bei manchen Häusern bildet der Fels die Garagenvorfahrt, manchmal das Fundament, nur bei Strassen wird er manchmal gesprengt. Links und rechts der Strasse ragen dann die kantigen Felswände in die Höhe. Jede Fläche, die einigermassen eben ist, wurde in aufwändiger Kleinarbeit geräumt, eingeebnet, der Natur abgetrotzt.

Das wirft ein neues Licht auf die Kundschaft des Gartenbauunternehmens, bei dem Luise arbeitet: manche Menschen wollen unbedingt einen schönen Rasen vor dem Haus, auch wenn das für die Gärtnerin keine so tolle Aufgabe ist und bei der grossen Trockenheit letztes Jahr auch viele Rasen kaputtgegangen sind. Ich frage mich, ob flache, schöne Rasenstücke vor dem Haus ein Schatten des Statussymbols sind, das eine ebene Grasfläche früher bedeutete: ich kann es mir leisten, eine Fläche aufwändig einzuebnen und dann nichts Sinnvolles damit zu machen.

Krokshult ist eine ursprüngliche Bewirtschaftungslandschaft; sie muss bewirtschaftet werden, um ursprünglich zu bleiben. Das hatte vor einigen Jahr ein Regierungsbeschluss nicht verstanden, erzählt Luise. Auf den kleinen, unwirtschaftlichen Flächen sollten Fichten gezogen werden. Die Nachkommen der Bauern, die diese Flächen in eben beschriebener, mühseliger Handarbeit urbar gemacht hatten, zogen scharf die Luft ein. Zu Hilfe eilte ein Verein, der die Flächen botanisch kartierte und seltene Pflanzen feststellte – damit durften die Flächen nicht verändert werden.

Ein Unfall führt zu einer Pilzpfanne

In Tallinn erreicht uns die Post-Zielerreichungs-Müdigkeit, eine Mischung aus aufgebrauchten letzten Energien und angestauten Eindrücken der letzten vier Monate. Tallinn war voll und es war heiss. Sandalen und kurze Hose dominierten und wer draussen unterwegs war, schlich dem Schatten der Häuser entlang.

In den letzten zehn Wochen haben wir vier Länder besucht, mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachen, mit anderen Strassensystemen, anderen Strassenbelägen, anderen Campingplatzsystemen, unterschiedlichen Kenntnissen des Englischen sowie unterschiedlicher Treffsicherheit der Übersetzungen bei G-Translator. Wir genossen jeweils den Wechsel, der in der Regel dadurch bestand, noch einmal die liebgewonnenen Nahrungsmittel zu kaufen, uns zu überlegen, was uns an dem Land gefallen hatte, schliesslich die Grenze zu überfahren, ein Foto zu machen und sich auf das neue Land einzulassen, mit neuer Aufmerksamkeit herumzuschauen und Landschaft und Leute aufzunehmen.

Gleichzeitig hatten die vielen Eindrücke vor allem mich ermüdet. Mein Geist sehnte sich nach Ruhe, um alles zu verarbeiten, um wieder Platz für Neues zu schaffen. Auch Stefanie war müde, bei ihr betraf die Müdigkeit allerdings eher die Beine und andere Körperteile.

Müde nahmen wir die Fähre nach Stockholm und müde fuhren wir durch Stockholm, über Gamla Stan und möglichst auf gerader Strecke wieder aus der Stadt heraus. Wir hatten genug von den Städten und ihrem Trubel.

Auf kurzen Etappen dauerte es zwei Tage, bis wir den Grossraum Stockholm hinter uns gelassen hatten. In einem Netz aus unzähligen Radwegen suchten wir unseren Weg südwärts und fuhren schliesslich auf mittleren Strassen, als die separaten Radwege verschwanden. Da wir immer noch ziemlich müde waren, passierte uns das „Dümmste Selbstverschuldete“, was beim Velofahren passieren kann: ein Auffahrunfall. Ich sah etwas, bremste, Stefanie war zu nah aufgefahren, konnte nicht mehr bremsen, schrammte in mein Velo und fiel. Wir hatten Glück im Unglück und es kam kein Auto. Zitternd schob sie ihr Velo in eine abbiegende Strasse, die zu einer Baumschule führte. Mein Velo konnte ich nicht mehr schieben, Stefanies Vordersaccoche war so auf mein rückwärtiges Schutzblech gestossen, dass es umgeknickt wurde und das Rad komplett blockierte.

Bald sassen wir am Strassenrand, der Inhalt zweier Saccochen verstreut, weil wir an zwei nur selten benutzte Dinge ranmussten: Werkstatt und Apotheke. Stefanie versorgte ihr aufgeschrammtes Knie, ich hebelte an meinem Schutzblech herum. In Minutentakt fuhren Autos an uns vorbei, bremsten, um sich dann in den Verkehr auf der Hauptstrasse einzufädeln. Niemand liess die Scheibe herunter, niemand fragte, ob wir Hilfe bräuchten.

Einigermassen wiederhergestellt schafften wir es auf den Campingplatz, eine Wiese mit einem Toiletten-Duschen-Haus in der Nähe des Meeres. Unentwegt hatten wir auf der Fahrt hierher die Optionen hin- und hergewälzt, wie würden sich die Schmerzen von Stefanies Knie verändern, welche Transportmöglichkeiten gab es in Schweden für Fahrräder, wie weit war es noch bis zu Luise (eine Freundin von mir, mehr zu ihr gibt es im nächsten Blogbeitrag).

Als abends ein Camperbössli mit einem deutschen Kennzeichen auf den Platz rollte, ergab sich eine neue Möglichkeit. Stefanie erkundigte sich, ob sie am nächsten Tag nach Nyköping fahren würden und ob es möglich wäre, dass sie sie mitnähmen. Leider nein, sie wollten sich das Naturschutzgebiet in der Nähe ansehen.

Als wir inmitten gepackter Saccochen frühstückten, schlenderte der Mann plötzlich her zu uns. Sie hätten sich besprochen und beschlossen, dass sie Stefanie nach Nyköping fahren würden. Sie hätten früher auch viele Fahrradtouren unternommen, da hätten sie solche Hilfe auch geschätzt. Leider stellte sich heraus, dass sie dachten, Stefanie müsse in eine Apotheke, um Medikamente zu holen wegen des Unfalls – sie glaubten nicht, dass sie Stefanie UND das Velo UND das ganze Gepäck in ihr Bössli bringen könnten. Gleichzeitig eröffnete ihr Angebot die Möglichkeit, tatsächlich Voltaren sowie Nahrungsmittel einzukaufen, um eine zweite Nacht auf dem Camping zu bleiben und Stefanies Knie die Chance zu geben, besser zu heilen. Ja, beschnacken Sie sich, sagte der Mann, der aus Hamburg kam.

Eine Viertelstunde später sass ich mit dem Mann im Auto, während die Frau einen Spaziergang machte und Stefanie das Zelt wieder einräumte und schliesslich ihr Bein hochlagerte.

Als wir nach einer Autofahrt mit anregendem Gespräch zurückkehrten, hatte die Frau im Wald faustgrosse Steinpilze gefunden. Wenn wir heute Abend eine Pilzpfanne machen, würden Sie die Hälfte essen, fragte sie. Ich nickte begeistert, denn der Mann hatte mir im Auto viel von ihrer beider Pilzleidenschaft erzählt und dass es in Schweden noch richtig viele Pilze gäbe, in einer Grösse und Anzahl, wie sie in Deutschland nicht mehr vorkämen.

So sassen wir also abends vor unserem Zelt und warteten auf das Abendessen, während es aus der kleinen Küche des Bösslis nach angebratenem Speck roch. Vorab gab es zwei kleine Tässchen mit Sud, schliesslich die Pilzpfanne mit gekochten Kartoffeln.

Dieses Erlebnis zeigt, wie schnell auf eine unerfreuliche Sache eine erfreuliche folgen kann. Und umgekehrt.

Im Sowjetblock in Tallinn

Noch fünfhundert Meter, unter einer Bahnlinie durch, noch dreihundert Meter, abbiegen, durch den Schatten einer Reihe von Kastanienbäumen und noch einmal abbiegen, Ziel erreicht. Wir stehen hinter einem Haus, eine Grünfläche, Mülltonnen, parkierte Autos, das eine oder andere rostige Velo mit fehlenden Einzelteilen lehnt an dem Haus: ein langes Gebäude, vier Stockwerke hoch, die Fassadenfarbe blättert ab. Hinter manchen Fenstern hängen adrette Gardinen, hinter anderen ist vielleicht nicht gerade Müll, doch aber unordentlich aufgehäuftes Material zu sehen. Irgendwo in diesem Haus haben wir eine Wohnung gemietet.

Langsam schieben wir die Velos zur Vorderseite. Auf einer Grünfläche umstehen einige Kastanienbäume einen neu gemachten Spielplatz und eine Sitzbank. Darauf vier alte Frauen, die Russisch sprechen. Wir sind zu früh, die Vermieterin kommt erst in zehn Minuten. Also nehmen wir die Umgebung in uns auf, den an Sowjetzeiten erinnernden Häuserblock, die breite Treppe, die zu einer Eisentür hochführt, Glassplitter auf dem Vorplatz. Eben waren wir noch an netten estnischen Häuschen aus Holz vorbeigefahren und hatten uns gewünscht, dass wir die nächsten fünf Nächte in einem solchen verbringen können.

Heruntergekommene Gegenden verbinden wir automatisch mit einer gewissen Bedrohung, herausgeputzte Gegenden mit Sicherheit. Das ist trügerisch – ich irrte einmal in einer äusserst schicken Gegend in der Nähe des Pont-du-Gard herum und suchte jemanden, den ich nach dem Weg fragen konnte. Aber alle Häuser verbargen sich hinter hohen Mauern und automatischen Schiebetoren, die wenigen Menschen, die ich sah, waren weit entfernt und verschwanden schnell hinter den Mauern. Beim Reisen lernt man mit der Zeit, dass Gegenden, die vermeintlich heruntergekommen aussehen – schäbige Hausfassaden, bröckelnde Eingangstreppen, aufgequollene Holzfensterläden usw. – nicht bedrohlich sein müssen. Vielmehr ist vielleicht das Geld knapp und wird auf Dinge verwendet, die wichtiger sind als eine perfekte Fassade.

Wir beobachten die Menschen um uns herum, die vier alten Frauen sind gut gekleidet, eine davon steht auf, verabschiedet sich, geht mit einem neugierigen Blick an uns vorbei und verschwindet im Haus, nachdem sie die Tür mit einem Badge geöffnet hat. Wir fühlen uns etwas unwohl, sind ein Fremdkörper, unsere beladenen Velos, die farbenfrohen Trikots, wir fallen auf. Stefanie ist noch immer etwas skeptisch: Was für eine Wohnung haben wir da gemietet!? Ich erzähle ihr von einem Erlebnis in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau. Ich war von dem Bekannten meines Dozenten aus der Schweiz am Flughafen abgeholt und zu ihm nach Hause gebracht worden. Bei seiner Frau und ihm würde ich die nächsten zehn Tage wohnen und mit ihm Betriebe besuchen für meine Semesterarbeit. Wir bogen von der Strasse ab auf einen Parkplatz, an dessen Seite ein Haus hochwuchs, das bei unserem Standard massiv heruntergekommen war: auf den kleinen Balkonen stapelten sich Müllsäcke, aus denen der Inhalt durch Löcher herausquoll, kaputte Möbel und einige undefinierbare Dinge, die Fassade war nicht mehr nennenswert vorhanden, von den Klimaanlagen an der Aussenwand rannen rostfarbene Striemen die Wand hinunter, zu der Eingangstüre führte eine bröckelige Betontreppe hinauf, die rostige Eisentür selbst hing schräg. Die Büsche um den Parkplatz, der eigentlich nur ein Stück löcherigen Asphalts war, waren grau, nur der Müll dazwischen leuchtete bunt. Strassenhunde schnüffelten herum. Der Mann, den ich vor einer halben Stunde zum ersten Mal gesehen hatte, stieg aus und ging mit meinem Gepäckstück selbstverständlich die Treppe hoch, durch die Rosttür. Drinnen roch es streng und im düsteren Licht konnte ich verschmierte Wände erkennen. Ich dachte fest daran, dass mein Dozent diesen Mann gut kannte und ich Abenteuern nicht abgeneigt war. Vor einer weiteren Eisentür in der Ecke dieses „Eingangsbereichs“ blieben wir stehen, schliesslich fand der Mann einen Schlüssel und schloss auf. Dahinter kam eine unversehrte, adrette Eingangstür zum Vorschein, die er ebenfalls aufschloss. Ich trat aus dem Abbruchhaus in ein Daheim: sauber, warm und freundlich war es in dieser Wohnung, die Frau kam auf mich zu und begrüsste mich und aus der Küche hinter ihr roch es verführerisch nach Essen.

Unsere Vermieterin in Tallinn tauchte pünktlich auf und sprach Englisch mit russischem Akzent. Sie führte mich, während Stefanie mit den Velos wartete, durch die Tür in eine wohl sechzig Quadratmeter grosse Eingangshalle, in der in einer Ecke mit Zahlen versehene Briefkästen angebracht waren. Die höchste Zahl war 197. Über eine Treppe erreichten wir den ersten Stock und gingen einen langen Gang entlang, an dem links und rechts im Abstand von wenigen Metern Türen angebracht waren. Die letzte Tür, sagte die Frau, und unsere Schritte hallten auf dem Linoleum. In der Mitte des Gangs befand ein grosser Raum, vermutlich genau so gross wie eine der Wohnungen, mit zwei Fenstern, die mit künstlichen Blumen geschmückt waren. Ansonsten stand nur ein Stuhl in diesem Raum. (Kennt sich jemand mit sowjetischer Architektur aus und weiss, wozu dieser Bereich gedient hat?)

Am Ende des Gangs führte eine Tür auf ein winziges Balkönchen, auf dem an einer Wäscheleine Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt waren. Die letzte Tür davor links war unsere. Mit einem Schlüssel, der im Prinzip ein Stock Eisen war, an dessen Ende links und rechts kleine Eisenstäbe herausragten, schloss sie die Tür auf. Ein Inneneinrichtungstraum aus silber und violett begrüsste mich, mit einer gesprenkelten Tapete, einem Türrahmen aus künstlichen Steinen und einem Zwergflusspferd als Deko. Wow, sagte ich, als ich die Schuhe abstreifte und die Wohnung inspizierte: Bett, Bettdecken, Waschmaschine, WLAN, Müll. Das sind erfahrungsgemäss die Fragen, die ich stelle.

Wir scheinen in einem russischen Quartier gelandet zu sein, denn rund um uns hören wir kaum Estnisch – und dabei gibt es nur 0.2% russischsprechende Menschen in Estland. Als wir unsere Velos durch die Eingangshalle stossen, alle Taschen abladen und dabei sind, alles hochzutragen, kommen drei ebenfalls russischsprechende Männer, die offenbar auf dem gleichen Stock wohnen. Der letzte nimmt mir nicht nur die beiden Saccochen aus den Händen, die ich gerade hochtragen will, sondern hält uns geduldig die Tür auf, während wir die Velos wieder beladen, um sie den langen Gang entlang zu schieben. Schliesslich verschwindet er in der ersten Wohnung links, die er offenbar mit den anderen zwei Männern bewohnt und die deutlich weniger schick eingerichtet ist als unsere.

Im Zug

Es giesst wie aus Eimern, als wir auf einem gut markierten Veloweg aus Riga rausfahren. Tropfende Bäume, Ringe auf Wasserflächen, Leute hasten ans Trockene, ein Mann drückt auf den Knopf an einer Fussgängerampel und zieht sich unter einen vorspringenden Fenstersims zurück, dennoch mehren sich die Flecken auf seinem hellen Jackett.

Nach dem Mittagessen im Wartehäuschen einer Bushaltestelle führt uns der Eurovelo 13 auf eine schmale Sandpiste in einem Föhrenwald. Unter keinen Umständen tun wir uns das in diesem Regen an. Also fahren wir acht Kilometer zurück, stellen uns bei einer Tankstelle unter und erwägen die Möglichkeiten. Leider gibt es nur eine einzige Alternative: Die A1/E67, die Hauptverbindung von Riga nach Tallinn – auf dieser Strasse wird der Eurovelo 13 später sowieso führen.

Mir steckt jedoch das Erlebnis auf der Autobahn vor Riga noch in den Knochen – und bei diesem Regen, mit dem Wasser auf der Fahrbahn und der schlechten Sicht flösst uns diese Strasse noch mehr Angst ein. Stumm schauen wir auf die tropfende, spritzende, klatschnasse Welt.

Was ist mit dem Zug, fragt Stefanie. Schon seit einigen Kilometern sind wir immer wieder an einer Bahnlinie gefahren. Aber – wollen wir das, Zug fahren?

Der nächste Bahnhof ist nur wenige hundert Meter entfernt. Mit sinkenden Herzen beschliessen wir, zum Bahnhof zu fahren und uns die Sache anzuschauen. Ein kleiner Bahnhof, etwa wie Bern-Weissenbühl, wir stellen fest: in acht Minuten fährt ein Zug nach Saulkrasti. Damit würden wir den schlimmsten Abschnitt überwinden.

Plötzlich geht es schnell. Ich stehe vor dem Ticketschalter, die dicke Frau dahinter lächelt mich an, ich spreche langsam Englisch und sie nickt. Zeigt mir den Betrag auf dem Taschenrechner, ich zahle und habe vier Tickets in der Tasche: zwei Personen, zwei Velos.

Noch sechs Minuten bis zur Abfahrt. Ich haste hinaus, wir machen die Velos bereit zum Verladen: die Gummizüge vom Gepäckträger weg, die Wasserflaschen irgend in eine Tasche. Ein Programm hat uns übernommen, die Gedanken ausgeschaltet, jetzt gilt nur: vorwärts, vorwärts. Die Frau vom Ticketschalter erscheint in der offenen Tür und deutet auf das hintere Gleis. Wir bedanken uns und schieben die Velos über die Schienen auf die andere Seite.

Ein alter Zug rollt in den Bahnhof, öffnet die Türen über steilen Stufen. Wir reissen die Taschen weg, hieven die Velos hoch, schmeissen die Gepäckstücke hinterher, der Zug hupt, ein schrilles, lautes Geräusch. Jetzt nicht abfahren, bitte, schreit Stefanie und hebt die Hände in Richtung Lokomotive. Wir klettern unseren Sachen hinterher, die Türen schliessen sich, der Zug ruckelt, schwankt, quietscht – und fährt. Als ich mich umschaue, steht in der geöffneten Abteiltür eine junge Schaffnerin mit strengem Pferdeschwanz. Ich entschuldige mich und lege die Handflächen vor der Brust zusammen. Sie nickt und setzt sich hin.

Mit einem Gefühl wie zerschlagenes Glas in der Brust setzen wir uns langsam in unseren nassen Regenkleidern auf die Sitze und starren durch beschlagene Scheiben auf eine Heidelandschaft, leicht rosa vom Heidekraut, mit Birken und Kiefern und tiefen Sandwegen.

In Saulkrasti regnet es immer noch. Wir suchen auf der Karte nach einem Ort, an dem wir ankommen können und finden eine Strandbar mit grossen Fenstern. Grau liegt das Wasser unter einem ebenso grauen Himmel, der Horizont ist als schmale, nur unmerklich dunklere Spur zu erkennen.

Eine Frau überlässt uns ihren Tisch am Fenster, sie wohne am Meer und gucke eh nur aufs Handy, und dann sitzen wir da und schauen über unsere Milchkaffees aufs Meer, bis sich die Aufregung, die Trauer und die Wut in uns wieder gelegt haben – wie wenn sich Erdteilchen in Wasser langsam am Boden absenken und reines, klares Wasser übrigbleibt. 

Auf der Autobahn

Nach mehreren Wochen haben wir genug von den Strassenverhältnissen und beschliessen, auf möglichst kurzem Weg durch Lettland zu fahren und bald in Estland anzukommen – entgegenkommende VelofahrerInnen schwärmten uns nämlich vom nördlichsten baltischen Staat vor, es sei dort sehr gut zum Radfahren.

Dennoch wollen wir nicht ganz direkt nach Riga fahren, denn dort führt nur eine grosse Strasse hin. Gleichzeitig wollen wir auch nicht bis Jurmala, wo wir zwar auf den Eurovelo 13 stossen würden – aber die Campingplätze dort oben klingen in den Bewertungen ziemlich heruntergekommen.

Wir beginnen also mit zwanzig Kilometern auf der P99, einer befestigten, eher verkehrsarmen Landstrasse durch kleine Wälder und weite Felder, Mähdrescher stäuben in der Ferne. Ich bin schon dabei, mich mit Lettland zu versöhnen, als wir auf die A9 wechseln. Unklugerweise ist das die Verbindungsstrasse vom Küstenort Liepaja nach Riga. Ausserhalb des weissen Streifens bleibt uns zwischen 30 und 50 Zentimetern Platz, danach kommt grober Kies. Wir fahren Hinterrad an Vorderrad, wer hinten fährt, meldet jeden LKW, was zeitweise alle paar Sekunden der Fall ist. „LKW“ ruft Stefanie, wir greifen die Lenker fester, konzentrieren uns noch stärker, bereiten uns auf den Windstoss vor, der uns mal bremst, mal voranschiebt, und sind immer froh, wenn die Ungetüme vorbei sind und wieder nur normale Autos vorbeirasen. Zwanzig Kilometer geht das so, rund alle vier Kilometer pausieren wir an einer Bushaltestelle, trinken etwas, lassen die Augen im Grünen ruhen (um sie zu entspannen), dann werfen wir uns wieder ins Getümmel.

Über eine ruhigere Strasse erreichen wir den Ort Pinki, kaufen ein und gönnen uns ein Eis. Wir wissen noch nicht, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht.

Ab hier heisst die Strasse A5 und sieht aus wie eine Autobahn bei uns, kein Mittelstreifen in Grün, aber zwei Spuren in jede Richtung. Ich halte mich an die weissen Striche, da ruft Stefanie von hinten: „Achtung, beidseits!“ und schon rauschen zwei Fahrzeuge links und rechts an mir vorbei, jede Zelle in meinem Körper ist in Alarmbereitschaft. Wir haben eine dumme Entscheidung getroffen, aber jetzt können wir nur noch vorwärts.
Bald darauf können wir hinter einer Baustellenabsperrung fahren, in regelmässigen Abständen aufgestellte Pfosten, und sind damit sicherer.
Links neben uns rasen sie vorbei, PKWs, Pickups, manchmal Lastwagen. Bald sehen wir die Brücke, auf die wir gelangen müssen, um bald von dieser grossen Strasse weg und auf dem EV13 in die Innenstadt von Riga fahren zu können. Da kommt die Auffahrt, rufe ich Stefanie zu und pedale vorwärts – nur ist die Auffahrt gesperrt: Baustelle. Einen Moment denke ich, dass wir die Velos vielleicht hochschieben können, aber das Sandbett beträgt ca. 30cm.

Wir schauen uns um und versuchen, inmitten der schnellen Bewegungen und dem Röhren der Lastwagen auszumachen, wo sich die provisorische Auffahrt befindet. Weiterfahren bringt nichts, also schieben wir zurück und finden einen Lastwagenfahrer, der an sein Fahrzeug gelehnt am Rand der Baustelle steht. Stefanie fragt ihn, wie man auf die Brücke komme. Er versteht uns nicht wirklich, zuckt aber nicht mit der Wimper, dass wir uns auf dieser Strasse befinden. Schliesslich sehen wir, dass etwas weiter zurück mehrere Autos stark verlangsamen und aus dem Blickfeld verschwinden. Wir schieben also noch weiter zurück, überqueren ein Kiesfeld und stehen am Rand einer holperigen, nur halbwegs geteerten, provisorischen Fahrbahn, die auf die Brücke führt. Das führt aber in die falsche Richtung, sage ich, aber es bleibt uns nichts anderes rüber. Hauptsache, mal auf die Brücke.

Als im Verkehrsstrom keine blinkenden Fahrzeuge mehr auszumachen sind, hasten wir auf die Bahn und fahren los. Es braucht alle Kraft, die wir haben, um den Lenker durch die tiefen Löcher und die Häufchen von Asphalt zu führen, wir pedalen, was die Beine hergeben. Hinter uns rattert und schwankt ein leerer Lastwagen, wir machen uns breit unter unseren Leuchtwesten. Nach 200 Metern erreichen wir die Autobahn auf der Brücke, ich sehe ein Schild, das in 150m einen U-Turn anbietet. Zum Glück gibt es nur mässig viele Autos, so dass Stefanie recht beherzt den Arm rausstrecken und einspuren kann. Ich ziehe mit und wir landen auf der Spur ganz links und reihen uns für den U-Turn ein. Hinter uns ein Auto, der Fahrer bremst friedlich auf unsere knapp 20km/h ab und zuckelt hinter uns her, bis wir auf der entgegenkommenden Spur angekommen sind und ganz erschöpft am rechten Rand halten. Auch hier hat es eine Baustellenabsperrung, hinter der wir fahren können.

Mein Stress ist enorm, die hohen Geschwindigkeiten, der Lärm, die Abgase, die Verantwortung: wenn hier etwas schief läuft, werde ich mir das nie verzeihen. In meinem Kopf hämmert die Spannung, ich will einfach nur weg von hier.

Stefanie kontrolliert auf der App, wir sind wirklich auf der Brücke, jetzt sind es nur noch wenige hundert Meter, dann wird die Strasse in eine gelbe übergehen und wir können auf den Veloweg wechseln, beruhigt sie mich. Ich nicke und fahre los, ganz rechts, hinter den Baustellenpfosten, schliesslich über eine Auffahrt und weiter ganz rechts, links brausen sie weiterhin an uns vorbei. Unter der Brücke führen Schienen durch und diesen führt der Veloweg entlang. Wir fahren um eine grosse Kurve, biegen rechts ab und stossen vor den Schienen auf den Veloweg. Noch vor wenigen Sekunden fuhren wir auf der Autobahn, jetzt rollen wir auf feinem Teer durch einen kleinen Wald, die Autobahn dröhnt nur noch von Weitem, Vögel zwitschern und langsam, langsam beruhigt sich unser Herzschlag.

Kempingas

Campingplätze gibt es in Litauen vor allem an der Ostsee. In anderen Regionen ist man auf eine eingehendere Recherche angewiesen, wenn man nicht wild zelten will. Zeltsymbole auf Osmand und Papierkarten müssen recherchiert, Texte von Webseiten übersetzt werden. Auf diese Weise haben wir eine Campingmöglichkeit in einem kleinen Tal entlang des kleinen Flusses Minija gefunden.

Nach einem Tag auf kleineren und grösseren Strassen durch Litauen stehen wir an einem Kiesweg, der von der Strasse wegführt. Hier ist auf einem grossen Schild das Gelände des Campings aufgezeichnet, Klos und Parkplätze sind markiert. Wir folgen dem Kiesweg, an Unterständen und Feuerstellen vorbei und treffen schliesslich auf einige Zelte sowie eine Frau mit ihrem Sohn. Kempingas, fragt Hans, Campingplatz? Die Frau winkt ihren Sohn heran, er soll übersetzen. Er überlegt lange und sagt dann, this property is private (dieses Gelände ist privat). Wir nicken, er denkt wieder angestrengt nach. You want to rent a campsite? fragt er dann (Ihr wollt einen Campingplatz mieten?). Wir nicken wieder. You have to pay (ihr müsst zahlen). Wir nicken, wo? Oben an der Strasse gebe es ein Haus, da wohne die Besitzerin. Da gibt es kein Haus, flüstert Stefanie von hinten. Ob sie einen Namen habe, diese Frau, frage ich. Sie heisse Violetta.

Eine junge Frau und ein junger Mann tauchen auf, tropfend direkt aus dem Fluss. Auch die junge Frau wird hergewunken, sie soll uns eine Botschaft ausrichten. Violetta habe eine Telefonnummer und ihre Freunde würden sie uns geben.

Wir warten, die vier Personen reden miteinander und gehen zu ihrem Unterstand, dessen windexponierte Seite sie mit Frischhaltefolie winddicht gemacht haben. Passiert jetzt noch etwas, fragt Hans.

Kurz bevor die unklare Situation unerträglich wird, fährt ein Auto voller Leute heran, grosses Begrüssen, dann kommt die junge Frau wieder zu uns und gibt uns die Nummer. Wir fahren zur Strasse zurück und besprechen. Stefanie ist nicht sehr begeistert, Esther und Hans wirken abwartend. Ich rufe also diese Violetta an und versuche, klares und einfaches Englisch zu sprechen. Die Frau hat Mühe, ihr fehlt der Wortschatz, sie fragt dann, ob ich Russisch spreche. Ganz wenig, sage ich. Wie immer rattert auf dieses Wort eine Ladung Russisch auf mich runter. Ich kann immerhin klarmachen, dass wir vor Ort sind. Sie sagt „gut“ und dann etwas, was ich als „ich komme“ verstehe. Wir warten, Hans schaut auf die Uhr und sagt, 15 Minuten geben wir ihr, Stefanie schaut noch Alternativen im Internet, ich zermartere mein Hirn, ob ich die Frau richtig verstanden habe, Esther studiert den Plan. Jedes Auto, das an uns vorbeifährt, verfolgen wir mit den Augen.

17 Minuten später rollt ein Auto heran, eine Frau kurbelt die Scheibe herunter und sagt: You? Sie bedeutet mir, ihr hinterherzufahren und rollt holpernd auf dem Feldweg voran. Gemischt Englisch-Russisch erklärt sie, wo wir uns hinstellen können. Fünf Plätze gibt es insgesamt, jeweils grosse Wiesen mit Unterständen, Feuerstellen, Tischen und Bänken und einem Klo. Wer zahlt, mietet gleich einen ganzen Platz. Solche Zeltplätze gäbe es in Litauen öfter, aber häufig ist für AusländerInnen nicht klar, wie es funktioniert – und Anrufen ist ein Glücksspiel.

Wir entscheiden uns für eine kleinere Wiese mit einem steilen Zugang zur Minija. Toiletten gibt es etwas entfernt unter den Bäumen, Plumpsklo ohne Schüssel, also nur eine Öffnung im Boden. Wasser kommt aus einer quietschenden Pumpe, laut der Frau Trinkwasser, aber wir finden es reichlich rostig und würden Tee damit kochen müssen. Gut, gut, sage ich immer wieder, erleichtert, dass sich alles zum Guten gewendet hat. Sie lächelt nun sogar. Woher, will sie noch wissen, Schweiz, sage ich, sie macht „ooooooh“ und verwirft die Hände. Sie fragt noch etwas, was mit „wieviel“ anfängt, aber ich verstehe den Rest des Satzes nicht, und sage mal, eine Nacht; ihre Reaktion darauf passt allerdings nicht. Es kostet zehn Euro für uns alle vier zusammen. Wir stellen unsere Velos hin und gehen baden. Die Minija ist klar, etwas bräunlich, dadurch sieht man, dass am Boden viel Holz liegt. Das Wasser ist anfangs etwas kühl, aber gibt uns ein gutes Gefühl.

Von Fähren und Informationen

Von Nida auf der kurischen Nehrung, einem langen, schmalen Landstück, das das kurische Haff von der Ostsee abgrenzt, wollen wir die Fähre ans andere Ufer nehmen. Bereits am Vortag waren wir am Hafen gewesen und hatten die Fähre gesucht – oder zumindest irgend eine Information. Eine Frau wies mit der Hand in eine Richtung, in der zwar ein Schiff lag, das zwar irgendwie ans andere Ufer fuhr, aber nicht wirklich dahin, wo wir hinwollten.

Nun stehen wir wieder hier, vier bepackte Velos – Esther und Hans sind ja jetzt auch dabei. Wir sind früh genug am Hafen, eine Stunde vorher und fragen herum. Stefanie und ich suchen die Tourist Information auf. Die Frau am Desk weist auf einen Mann, der vor einer Vitrine kniet und Sachen einräumt. Wir möchten gerne die Fähre nach Vente nehmen, sage ich, wo fährt die genau? Der Mann blickt mich erstaunt an, als würde ich etwas fragen, was komplett offensichtlich sei. Er räumt weiterhin Sachen in die Vitrine und ich knie mich ebenfalls nieder. Die Fähre komme etwa um zehn Uhr an und fahre um 10.30. Genau, bestätige ich, das seien auch meine Informationen. Aber wo fahre die Fähre? Am Hafen. Ja, aber wo genau? Am Hafen. Genaueres ist nicht zu erfahren.

Hans hat in der Zwischenzeit mit einem Mann geredet, der nur Russisch und Litauisch spricht (!). Er habe gesagt, dass Vente wegen zu wenig Wasser nicht angefahren werden könne.

Wir irren etwas umher, finden schliesslich direkt hinter dem Hafengebäude in einer Ecke ein A4-grosses Blatt mit den Informationen zur Fähre, die auch tatsächlich gegen zehn Uhr kommt und uns mitnimmt.

Es ist nicht das erste Mal, dass die vagen Informationen unsere Geduld auf die Probe stellen. In Polen hatte uns die Mitarbeiterin der Camping-Reception mit Blick auf die Webseite einer Fähre gesagt, sie sollte morgen um 15 Uhr fahren. Ich regte mich auf, zeterte, dass ich von einer Tourismusmitarbeiterin erwarte, dass sie klare Aussagen machen könne, und nicht nur, „sollte“. Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran, dass alles vage wirkte und am Ende doch jeweils funktionierte. Aber unsere schweizerische Ader möchte alles genau wissen, genau planen und komplett kontrollieren können. Das funktioniert hier nicht – wir haben uns angewöhnt, neben einem Plan B auch das Vertrauen zu haben, dass es auch jetzt wieder klappen würde.

Auf der Suche nach Insulin

In Kaunas ist es an der Zeit, Insulin für Stefanie zu beschaffen. In der ersten Apotheke haben sie jedoch nur Einmalpens, was als Notlösung in Frage käme – aber die Extraktion wäre sehr aufwändig. In der zweiten Apotheke sieht es zunächst genauso aus, Stefanie zuckt also mit den Schultern und fragt nach Alkoholtupfern. Wie viele, fragt die Apothekerin und nimmt einen kleinen Stapel aus der angefangenen 100er-Packung. Stefanie zögert einen Moment und sagt dann, eine ganze Packung, bitte.

Stefanie ist noch dabei, das Rezept wieder einzupacken, als die Frau zu ihrem Handy greift und sagt, ich schaue mal, was es noch gibt. Wir warten, dann sagt sie, nein, hier gibt es nichts anderes. Stefanie fragt, welche Art von Insulin sie denn in Ampullen hätten. Humalog, sagt die Frau. Stefanie reagiert sofort und sagt, das geht auch, das sei ja nur von einer anderen Firma. Die Apothekerin holt die Packung und fragt wieder, wie viele Ampullen wir denn möchten. Dass sowohl die Ampullen wie auch die Alkoholtupfer hier einzeln verkauft werden, gibt uns zu denken. Ist das Material für die Menschen hier so teuer? Finanziert die Krankenkasse nur jeweils einzelne Dosen?

Wir sind jedenfalls ganz aufgekratzt, dass es doch noch geklappt hat und die Apothekerin in der zweiten Apotheke von sich aus versucht hat, eine Lösung zu finden.

Von der Beschäftigung mit dem Krieg

Nach den ersten verkehrsreichen Strassen in Litauen entscheiden wir uns am zweiten Tag für ein Zick-Zack aus weissen Strassen. Neben vielen Kies-Sand-Pisten mit Wellblech* lotst uns Osmand schliesslich in einen Wald. Wir schieben, der Rückweg wäre viel zu lang. Zwei schlammige Spuren, hohes Unkraut in der Mitte, grosse Kletten, Brennesseln, andere. Zum Teil grosse Pfützen, wir helfen einander, die Velos durchzuhieven. Nach zwanzig Minuten bemerken wir auf der linken Seite plötzlich ein Schild, das auf eine Sehenswürdigkeit hindeutet. Hier, an diesem Weg?

Ein neuer Holzzaun umrandet einen Soldatenfriedhof. Kniehohe Kreuze mit breitem Längs- und Querbalken, der Querbalken steht nur wenig über den Längsbalken hinaus, was den vielen identischen Kreuzen eine trutzige Bodenständigkeit verleiht. Dazwischen ein hohes Holzkreuz, deutsche Soldaten 1914-1918. Da liegen sie, die Wehrmänner, Gefreiten, Musketiere, Jäger und Unteroffiziere. Bei näherem Betrachten waren es nicht nur deutsche, sondern auch russische Soldaten. War es einfach wichtig, dass jemand sie mal wieder besuchte? Zwar sieht der Friedhof nicht vernachlässigt aus und von dieser Seite des Waldes ist er auch besser zu erreichen als von der Seite, von der wir hergekommen sind.

Für uns als eine nicht direkt am Krieg beteiligte Nation, zumindest nicht im Sinne Gefallener, ist die Beschäftigung mit dem Krieg hier, aber auch in Deutschland und Polen, immer etwas eigenartig. In Dörfern werden Panzer ausgestellt und Bunker als touristisches Highlight angepriesen. Das wirkt auf uns sehr schräg – als würden wir den Krieg unterstützen, ja glorifizieren, würden wir solche Stätten besuchen. Wir unterstellen dem Interesse daran etwas Anrüchiges, Ungebührliches, anerkennen aber, dass es hier Teil der Geschichte ist. Es gibt offenbar ein Bedürfnis, Kriegsschauplätze zu besichtigen und sich auf diese Weise mit dem Krieg und seinen Schrecken auseinanderzusetzen. Land und Leute haben unter dieser Geschichte gelitten – Zeitzeugen und -zeuginnen gibt es ja heute noch.

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* Fahren Autos mit einer gewissen Geschwindigkeit über Strassen aus lockerem Material (Sand, Erde), bilden sich mit der Zeit quer zur Fahrtrichtung liegende Wellen. Je nach Fahrgeschwindigkeit, Gewicht des Fahrzeugs und Beschaffenheit des Strassenmaterials werden die Wellen grösser oder kleiner. Mit dem Fahrrad fühlt sich das an, als würde man über Wellblech fahren, daher der Name.

 

 

Verkehr

Ein Seitenwind drückt uns an den Strassenrand, der Verkehr hat zugenommen, wir greifen unsere Lenker fest und behalten die weisse Linie im Blick, von der wir uns nicht zu weit entfernen dürfen. In der Ferne sehen wir immer wieder gewagte Überholmanöver und konzentrieren uns noch besser auf das, was um uns herum geschieht. Plötzlich schert ein Auto auf der Gegenfahrbahn kurz vor uns aus und rast dicht an uns vorbei; Stefanie stösst einen Laut aus wie ein Tier, ich bin wie festgefroren, zitternd halten wir am Strassenrand und schauen uns an. Was war das? Da hat einer einfach auf unserer Höhe überholt, sagt Stefanie, ungläubig und verständnislos.

Wir sind seit einigen Stunden in Litauen, die ersten zwanzig Kilometer auf der ersten Strasse waren keine grosse Herausforderung, es gab wenig Verkehr. In Kalvarija stiessen wir auf eine neue Strasse, zwar bezeichnungstechnisch von derselben Grösse, aber mit deutlich mehr Verkehr. Nach wenigen Kilometern suchten wir unsere Leuchtwesten hervor, die wir bislang auf jeder Velotour mitgeführt, aber noch nie benutzt hatten. In Litauen sind VelofahrerInnen verpflichtet, Leuchtwesten mitzuführen und wie wir sehen, tragen sie die Einheimischen auch.

Dieses erste Überholmanöver ist nicht das letzte, das wir in Litauen erleben. Stefanie recherchiert im Internet: offenbar ist bei solchen Überholmanövern der Gegenverkehr verantwortlich dafür, dass es keinen Unfall gibt. Das bestätigt sich einige Tage später, als wir beobachten, dass der Gegenverkehr tatsächlich praktisch auf Null herunterbremst, bis das überholende Auto sich wieder in den Verkehr eingereiht hat.

Wir stehen diesem Verhalten komplett verständnislos gegenüber. Wir sind uns gewöhnt, dass Überholen ein Manöver ist, für das man jederzeit selber das Risiko trägt. Und in Litauen? Überholen vor Kurven ohne Sicht? Kein Problem. Überholen bei entgegenkommendem Verkehr? Kein Problem.

Wir rufen uns etwas in Erinnerung, was auf Velotouren im Ausland immer gilt: Fahre demütig. Um übermässigen Energieverlust durch Angst und Frustration zu vermeiden, habe ich ein Mantra zusammengestellt, das ich mir immer wieder vorsage, wenn mit Wut auf die Verhältnisse überkommt:

Der Verkehr ist eine Konstante, die wir nicht ändern können. Er kann uns traurig und aggressiv machen und dazu führen, dass wir Angst um unser Leben haben. Als Tourenfahrerinnen gehören wir zu den schwächsten Verkehrsmitgliedern – wir müssen alles kontrollieren, den Verkehr hinter uns (durch die Rückspiegel), den Gegenverkehr, und wir müssen berechnen, welche Position für uns die sicherste ist: weiterfahren, anhalten oder die Strasse verlassen. Wir versuchen, die AutofahrerInnen nicht zu verfluchen, die unser Leben aufs Spiel setzen, in dem sie zu nah an uns vorbeiziehen, oder wenn der Gegenverkehr auf unserer Höhe überholt. Wir versuchen, nicht zu viel Energie zu verlieren, in dem wir uns über all die Idioten aufregen, die uns (und sich selber!) gefährden, in dem sie fahren wie in (beliebiges Land einfügen), sondern wir wollen dankbar sein für alle, die uns mit genügend Abstand überholen, die hinter uns bremsen, wenn der Gegenverkehr dicht ist und uns über jene freuen, die uns winken.

Nach einigen Tagen auf grösseren Strassen (der „Memel-Radweg“ führt praktisch komplett über die 141) fühlen wir uns auf seltsame Weise zerschlagen. Obwohl wir uns mit der Zeit an den Verkehr gewöhnen, an die Geschwindigkeiten, die die Limite von 90 km/h fast immer überschreiten und das Röhren von Lastwagen, haben wir den Eindruck, dass sich die ständige Angst, die hohe Konzentration und die Abgase auf die Psyche niederschlagen.

Kleine Strassen sind auch in Litauen meist unbefestigt, kiesig, schotterig, sandig, manchmal sogar Waldwege, die eher Wanderwege sind. Nach Klaipeda, als Esther und Hans zu uns stossen, wird es uns gelingen, uns möglichst an (in Osmand) gelb markierte Strassen zu halten: ruhige Landstrassen mit relativ wenig Verkehr. Hier verbringen wir einige richtig schöne Velotage.

Durch Nordostpolen

Während wir auf der ersten Hälfte unserer Reise durch Polen (von der deutschen Grenze bis Gdansk) mit dem überraschend gut ausgebauten R10 (Eurovelo 10) und der guten touristischen Infrastruktur (Campings und Läden) geradezu verwöhnt wurden, weht nun ein anderer Wind. Zwar hat Stefanie einen Veloweg gefunden, von dem wir vorher nichts gewusst hatten: Green Velo. Er führt ab Elblag durch die ländlichen Gebiete nahe der russischen Grenze und danach der Ostkrenze entlang, worauf er sich im Süden in verschiedene Routen aufteilt. Allerdings existiert er erst seit 2015, was es mit den Unterkünften etwas schwierig macht.

Wir sind bereit für die zweite Stufe in Polen. Die Wörter haben wir besser im Griff, wir kennen die Bandbreite möglicher Strassenbeläge und den Verkehr. Und wir haben in sinnvollen Abständen Übernachtungsmöglichkeiten gefunden, manchmal Campings, manchmal einfache Hotels.

Diese wirken auf mich, wie ich mir Internatszimmer vorstelle: zwei Betten, ein Schrank, ein Tisch mit Kühlschrank darunter, zwei Stühle. Das Design ist funktional und karg, das Zimmer klein. Das erste „Hotelik“, das wir ansteuern, steht zwischen der Bahnlinie, einer gigantisch wirkenden Industrieanlage aus einer Reihe von himmelhohen Silos und der Rückseite des Supermarkts Biedronka, da wo Wagen voller Toilettenpapier und Getränkeflaschen darauf warten, in die Regale geräumt zu werden. Die Dame am Empfang kann genug Englisch, dass es zur Verständigung ausreicht – nett, aber auch schade, denn so entgeht uns das Hochgefühl, relevante Dinge mit beschränktem Vokabular regeln zu können. Frühstück gibt es nicht, aber eine komplett eingerichtete Küche, die man nutzen kann. Ausser uns gibt es noch ein älteres Ehepaar, das am Abend einträchtig aus einer als Tupperware genutzten Glaceschachtel Pouletschenkel isst und eine Gruppe von ungefähr sieben Leuten, die sich das Abendessen liefern lassen. Anderntags türmen drei mittelalterliche Frauen Lebensmittel auf den Tisch, kochen Pfannen voller Eier und schauen dazu Peoplesendungen auf dem TV, der im Essraum an der Wand hängt.

Wir machen aber auch noch eine andere Hotelerfahrung. In Bartoszyce stossen wir unsere Velos über den durch eine Baustelle zur Unkenntlichkeit verunstalteten Stadtplatz. Auf dem Internet sehen wir später Bilder davon: Wasserspiele, Bäume, Bänke, umgeben von schönen Häuserfronten.
Die Frau vom Hotel kann nur Polnisch. Während Stefanie unten mit den Velos wartet, zeigt sie mir den Aufenthaltsraum – das zumindest denke ich. Es gibt eine Bartheke mit Lavabo und Kühlschrank und eine riesige Sitzgruppe. Als die Frau mehrmals ins Zimmer deutet, wage ich mich mit meinen sandigen Schuhen einen Schritt vor und sehe: das ist unser Zimmer! Auf den 50 Quadratmetern steht nicht nur die riesige Sitzgruppe, sondern noch ein Doppelbett, ein Einzelbett, eine Frisierkommode und ein Hometrainer. Dobra, dobra, sage ich, gut, gut. Wir beschliessen, hier eine zweite Nacht anzuhängen – so grosse Hotelzimmer sind selten.
Ausserdem ist hier das Frühstück gut und das Rührei hervorragend (alle drei Rühreier, die wir in Polen geniessen, sind hervorragend)!

Die Qualität der Strassen ist erwartungsgemäss unterschiedlich. Es gibt tolle Abschnitte mit gutem Belag, wenig Verkehr, so dass wir unsere Aufmerksamkeit der Landschaft widmen können. Goldene Getreidefelder, alte Gehöfte hinter grünen Bäumen. Häufig stehen neue(re) Gebäude neben alten, die manchmal so baufällig aussehen, dass wir nicht sicher sind, ob sie noch genutzt werden. Aber vielleicht ist es wie mit den Traktoren und Ackergeräten: was bei uns schon lange beim Alteisen gelandet wäre, wird hier bisweilen noch eingesetzt.

Viele Alleen, in den Kronen über uns rauscht ein starker nördlicher Wind, der uns einen beflügelnden Raumwind beschert. Eindrückliche Wolkenformationen bilden sich über grünen Weiden, auf denen Kühe und Pferde im hohen Gras stehen. Die Wiesen sind von Wassergräben durchzogen, die man am blühenden Mädesüss und am Schilf erkennt, der an den Ufern wächst.
Einmal ist der Belag in der ersten Tageshälfte so gut, dass wir um 11.58 Uhr bereits 40 Kilometer gefahren sind. Am Strassenrand blüht es violett, gelb, blau, rosa – die Freude darüber wird etwas geschmälert, wenn man die Pflanzen kennt: u.a. Jakobskreuzkraut und Ackerkratzdisteln.

Einmal stossen wir auf eine Baustelle. Langsam fahren wir auf den Kipper zu, der ein Steine-Sand-Gemisch ablädt und warten, bis wir Blickkontakt mit einem der Bauarbeiter herstellen können. Wir warten nur kurz, dann winkt uns einer der Männer links vorbei, räumt zwischen einem Baum und einem Weizenfeld einige Äste weg und hilft uns, die Velos über die holperigen hohen Wurzeln zu stossen. Wir dürfen auch auf dem gewalzten Bett fahren, no problem. Jetzt ist auch klar, warum die Strassen so bald ausgefahren sind. Auf dem gewalzten Bett wird geteert – schwere Fahrzeuge drücken die Strasse nach und nach ein.
Generell wird mit Baustellen pragmatisch umgegangen. Auf der Grossbaustelle auf dem Stadtplatz in Bartoszyce haben sich regelrechte Trampelpfade gebildet. Bis jetzt hat es nie geheissen, es gebe kein Durchkommen. Autos werden in der Regel umgeleitet, für FussgängerInnen und Velos gibt es immer eine Lösung.

Wir fahren auch auf schlechtem Teer, der so bröckelig ist, dass wir mit einer Geschwindigkeit um die 8kmh vorwärts rumpeln. Dann gibt es wieder lange, schnurgerade Strecken auf Gravel – wir vermuten ein ehemaliges Bahntrassee. Hier braucht Stefanie irgendwann Musik. Während sie so unterstützt flott vorantritt, komme ich kaum hinterher. Meine Kopfhörer sind in einer hinteren Saccoche und damit schlecht zu erreichen. Also sondiere ich, ob es Fragen gibt, die mich beschäftigen. Denn das ist etwas, was ich am Radfahren so schätze: Die Aussenwelt aufnehmen, sie durch die Augen ziehen lassen und gleichzeitig einen inneren Raum öffnen, in den etwas aufsteigen kann. Dieses gleichzeitige innerliche und äusserliche Wahrnehmen empfinde ich als notwendig. Ich stelle fest, dass Fragen auftauchen, was und wo werde ich arbeiten, wo werden wir wohnen, wie werden wir wohnen, aber es ist noch keine Zeit der Antworten. Jetzt ist eine Zeit der Fragen, die sich mir mit einem milden, noch distanzierten Interesse stellen, als würde ich mich fragen, wie es ist, in Polen zu leben.

Irgendwann bricht unser letzter kompletter Tag in Polen an und der fährt noch einmal alles auf. Ein Gebiet mit weiten Weiden, das mit dem träge wiederkäuenden Vieh und den verstreuten Gebäuden etwas Alpähnliches hat. Über einer sandigen Kiesstrasse, die soweit gut zu fahren ist, bilden sich dramatische Wolkenbilder. Ich realisiere, dass jede Umdrehung uns weiterbringt, ob gerast, geholpert oder geschoben.

Bei einem Gebäude hockt ein Storchennest auf einem Strommast, die kleinen Störche tragen bereits das schwarz-weisse Federkleid der erwachsenen Tiere. Als wir in Ostdeutschland unsere ersten Störche sahen diesen Frühling, waren die Küken noch klein. Ebenso wie der Raps erst blühte, der jetzt reif ist. Und im Herbst werden wir mit den Zugvögeln in den Süden ziehen.

Regen überrascht uns, nachdem wir uns an einem Kipper vorbeigequetscht haben, der mitten auf der Strasse steht, drei Männer vor der offenen Kühlerhaube. Der Regen kommt wie ein grauer Schleier, schon prallt er auf unsere hastigen Bemühungen, Regenkleider hervorzukramen.

Durch eine Mehlbaumallee fahren wir auf einer geteerten, aber rumpeligen Strasse zu zwei alten Eisenbahn-Viadukten, der Sehenswürdigkeit in dieser Gegend. Plötzlich ist etwas los, es gibt Autos, einen kleinen Kiosk, andere VelofahrerInnen.

Am Nachmittag sind es noch zwanzig Kilometer nach Wizajny, wo wir unsere letzte Nacht auf polnischem Boden verbringen werden. Durch den Regen wird der sandig-kiesige Untergrund klebrig, hängt am Reifen fest, fällt auf Kette und Antrieb herunter, es beginnt zu kratzen. Wir fahren zwischen 7 und 11 km/h, Tritt für Tritt, ich kämpfe mit der Wut in mir, auf diese Strasse, auf den Regen, der uns in Schauern erreicht, Regenzeug anziehen, Regenzeug ausziehen; ich beobachte diese Wut von aussen, bin mir bewusst, dass sie Kraft kostet, die ich lieber in Tritt ummünzen möchte, aber schaffe es nicht immer. Aber schliesslich tritt ein, was ich ja weiss: Irgendwann sind es nur noch zehn Kilometer.

Die Strasse geht hoch und runter und auf dem Hügel steht jeweils ein Haus, meist ein Betrieb. Ein Mann kommt mit einem Eimer und einem Schemel in der Hand von einer Kuh, die auf der Wiese steht. Ein Pferd ist an den Vorderbeinen kurzgehalten zusammengebunden und trippelt dem Zaun entlang neben uns her. Drei Rinder sind an Pflöcken auf einer Wiese angebunden und schauen uns mit grossen Augen und aufgestellten Ohren entgegen. Zwei nehmen unseren Anblick gelassen, das dritte erschrickt, will wegrennen, fällt ins Seil und wird zurückgerissen.

Die giftigeren Anstiege schieben wir mittlerweile. Wir sind körperlich und geistig müde, hatten in zehn Tagen nur einen Ruhetag. Das ist zu wenig. Und irgendeinmal reicht die schönste Landschaft nicht mehr, um einen bei Laune zu halten.
Noch ein Hügel. Die Ortschaft muss doch bald kommen, sagt Stefanie. Noch ein Hügel. Ich bin hungrig und realisiere, dass es eine Hungerast-Situation werden könnte: der hohe Rollwiderstand schlaucht ganz schön. Aber es sind nur noch zwei Kilometer, das sollte gehen. Noch ein Hügel und noch einer. Und dann sind tatsächlich Häuser zu erkennen, der Kiessandweg mündet in eine Teerstrasse. Mühelos rollen wir ins Dorf und halten beim Sklep an. Als ich nach dem Einkauf mehrere Handvoll Chips in meinen Mund stopfe, lässt der Himmel wieder herunter was er kann.

Die Unterkunft, die wir ansteuern, gibt es offenbar nicht. Im strömenden Regen stehen wir vor einem Haus mit dunklen Fenstern, kein Schild, kein Hinweis, nichts. Wir sind müde, hungrig und uns ist kalt – sollen wir anrufen? Klingeln? Wir bringen den Mut nicht auf und beschliessen, zu einer zweiten Möglichkeit weiterzufahren, einer Agroturystyka. Das sind Zimmer bei Privaten, häufig kann man auch zelten. Was es mit unserer Vorstellung von Agrotouristik zu tun hat, haben wir nicht herausgefunden, es gab nie einen Hinweis auf einen landwirtschaftlichen Betrieb.

Auf dem Weg vom Sklep hierher regnet es so fest, dass wir kaum die Strasse vom Strassenrand unterscheiden können. Ein Auto fährt vor uns in den Hof, um den mehrere Gebäude stehen. Deutlich steht auf einem Schild, dass man hier zelten kann. Das Auto verschwindet über einen Gartenweg hinter den Häusern. Ansonsten ist niemand zu sehen, es ist 18 Uhr, wirkt aber aufgrund des Regens schon wie zehn Uhr abends.
Hinter einem Vorhang schaut eine ältere Frau hervor, ich lächle ihr zu und winke. Als sie das Fenster öffnet, frage ich, zelten? Sie gestikuliert in die Richtung, in der das Auto verschwunden ist. Ich wage mich weiter auf den Privatgrund vor und sehe, wie eine Familie aus dem Auto steigt und im Haus verschwindet.
Unentschlossen schauen wir uns um, Platz hat es genug. Da kommt aus dem Haus eine andere Frau spannt einen Regenschirm auf und ich frage, zelten. Tak, sagt sie, ja. Sofort ist alles egal, der Regen, die Uhrzeit, der heutige Tag mit der schwierigen Strasse am Nachmittag.

Auch am nächsten Tag regnet es, als wir unsere Velos vor dem Leviathan-Supermarkt abstellen, um noch einmal richtig mit Zloty einzukaufen. Wir stocken unsere Vorräte an Schoggi, Nüssen und Farmern auf, greifen noch einmal zu unseren Lieblingssachen. Dann geht es mit mehreren steilen Anstiegen zur polnisch-litauischen Grenze. Diese kommt überraschend, ein Busch hat das Schild verdeckt. Freude, Neugier, Respekt – aber die Situation ist ganz anders als vor dem Grenzübertritt nach Polen. Dort waren wir aus einer bekannten, recht vertrauten Welt (Deutschland) in ein komplett neues Land gekommen, mit einer neuen Sprache und den damit verbundenen Herausforderungen. Nun sind wir aber bereits dreieinhalb Wochen mit unseren wenigen Wörtern klargekommen – also vertrauen wir darauf, dass es auch in Litauen funktionieren wird.

Auf der litauischen Seite ist die Strasse zweispurig, mit Mittelstreifen. Wir treten zügig in die Pedale, wollen rein in dieses Land. Kurzer Blick auf die Uhr: Es ist Viertel nach zwölf, sage ich. Sicher?! ruft Stefanie von hinten, das kann doch nicht sein. Doch, sage ich, 12.18 jetzt. Es bleibt still, nur die kratzenden Geräusche unserer Ketten sind zu hören. Dann die Erleichterung in Stefanies Stimme: Es gibt eine Zeitverschiebung! Wir sind 11.17 aus Polen ausgereist und um 12.18 in Litauen angekommen.

Die Fahrt übers Frische Haff

Die letzten Taue verlieren den Kontakt zu den Pollern am Ufer, die Fähre tuckert los, wir verlassen das Dorf Krynica Morska mit seinen Rummel-Bahnen, Souvenirshops und Glaceständen und steuern auf Tolkmicko auf der anderen Seite des Frischen Haffs zu. Gleich hinter der Kapitänsbrücke sind unsere Velos festgemacht, sieben Leute sitzen neben uns auf den Bänken auf dem Oberdeck der Fähre.

45 Minuten dauert die Fahrt über die knapp zehn Kilometer Breite des Frischen Haffs. Hinter uns verschwindet das Ufer, das Festland von Polen ist in der Ferne als schmaler Streifen Wald zu erkennen, rechts scheinen Bäume losgelöst voneinander und ohne Haftung auf dem Boden geradezu in der Luft zu schweben, eine Sinnestäuschung durch die Spiegelung des Sonnenlichts auf dem Wasser, links, gegen Russland hin, sieht es aus, als ob das Frische Haff ins offene Meer führte, das Haff ist so lang, dass es sich über die Krümmung der Erde ausdehnt und wir dadurch das Ufer auf der russischen Seite nicht sehen.

Die Fähre ist langsam, nur ein leichter Fahrtwind weht und es ist immer noch warm. Die Velos haben wir festgebunden, aber es wäre wohl nicht notwendig gewesen. Wir sind müde von der Fahrt auf die Nehrung, unsere Mitreisenden von ihrem Ausflug auf die Nehrung und an die Ostsee.

Ich habe Zeit, über die Rolle nachzudenken, die das Frische Haff am Ende des zweiten Weltkriegs gespielt hat, als Hoffnung, als letzte Zuflucht, als Ort, an dem Tausende von Menschen gestorben sind – im Eis und in der Kälte.

Im Oktober 1944 beginnt die grosse Flucht und Vertreibung von Personen aus den ehemaligen deutschen Gebieten Ostpreussen, Pommern, Brandenburg und Schlesien. Die Deutschen fürchten Repressalien seitens der polnischen und tschechischen Bevölkerung als Reaktion auf die Gräueltaten der Nazis. Der Winter 1944 bricht früh und hart herein. Die Zugverbindungen sind durch den Krieg bald unterbrochen, Motorfahrzeuge besitzt nur die Wehrmacht. Die Menschen fliehen zu Fuss, manche mit Pferdekarren oder Handwagen. Es gibt keine medizinische Versorgung, keine Lebensmittel, kaum Trinkwasser. Die eisigen Temperaturen fordern bald die ersten Opfer: Säuglinge, Kleinkinder, alte, schwache, kranke Menschen. Viele sind überstürzt aufgebrochen, die Ausrüstung ist denkbar ungeeignet für eine solche Strapaze. Kinderwagen werden durch den Schnee geschoben, schwere Koffer mitgeschleppt.

Als am 12. Januar die Winteroffensive der Roten Armee beginnt, verschärft sich die Situation weiter. Die deutsche Armee kann den Sowjets wenig entgegen setzen. Ende Januar ist Ostpreussen von der sowjetischen Armee eingekreist und vom Rest des deutschen Reiches abgeschnitten. Die Menschen versuchen nun, in Richtung Russland zu entkommen und wagen sich über das zugefrorene Frische Haff, das nur durch eine schmale Landbrücke von der Ostsee getrennt ist. Sie hoffen, es bis Pillau (am russischen Ende des Haffs) oder zum Danziger Hafen (Gdansk) zu schaffen. Das Eis trägt die Menschen häufig nicht, Pferdekarren und Menschen sinken ein, während sie von den Sowjets beschossen werden.

In Pillau beginnt laut NDR die umfangreichste Rettungsaktion von Menschen über See aller Zeiten. Minensucher, Torpedoboote, Kreuzer, Schlepper, Eisbrecher, Fischdampfer, Kohlenfrachter und Kreuzfahrtsschiffe versuchen, die rund 75’000 Flüchtlinge aufzunehmen, die in das 12’000-EinwohnerInnen-Dorf Pillau eingefallen sind. Aber viel Stauraum ist mit Soldaten und Kriegsmaterial besetzt, die sich auf dem Rückzug befinden. Deshalb setzen manche Flüchtlinge mit Fähren auf die Nehrung über, die noch nicht von den Sowjets eingenommen ist.

Wie viele Menschen gerettet werden konnten, ist bis heute ungeklärt. Die Zahlen reichen von 800’000 bis zu 2.5 Millionen. Dazu kommt, dass der Platz auf einem der überfüllten Boote noch keine Überlebensgarantie war – der Passagierdampfer Wilhelm Gustloff wird von einem sowjetischen U-Boot torpediert und sinkt.

Wer es bis nach Deutschland schafft, trifft auf ein vom Krieg geschwächtes Land, zerbombte Städte und eine traumatisierte Bevölkerung – die den Flüchtlingen Misstrauen und Abwehr entgegenbringt.

Wir nähern uns Tolkmicko, schon sind Häuser und Autos zu erkennen, links der Ortschaft sehen wir bewaldete niedrige Hügel, durch die wir am nächsten Tag durchfahren werden, um nach Frombork zu gelangen. Die Fähre legt am kleinen Hafen an, die Leute packen ihre Taschen und steigen aus. Der Kapitän und der Billetverkäufer helfen uns, Saccochen und Velos abzuladen, neue PassagierInnen steigen ein und schon ist die Fähre wieder unterwegs, zurück nach Krynica Morska. Wir beladen unsere Velos und fahren in den Ort, wo es im Garten eines Privathauses eine Campingmöglichkeit geben soll.