Bei Luise in Krokshult

Krokshult ist nicht nur der Ort, an den meine Freundin Luise nach zwei missglückten Auswanderungsversuchen in die USA und nach Portugal vor vier Jahren gezogen ist, an dem sie mit ihren zwei Kindern, einigen Hühnern, zwei Katzen und zwei neulich leider verschwundenen Meerschweinchen in einem winzigen weissen Häuschen lebt. Nicht mitgezählt sind hier die beiden Pferde, eine Ardennerstute mit Fohlen, mit der Luise im Winter Holz rückt. Das Häuschen ist – wie hier üblich – von weiteren Gebäuden umgeben: einer ehemaligen Werkstatt, in „Schwedenrot“ und praktischerweise isoliert, die heute als Gästehaus genutzt wird, einem Unterstand für Holz, einem selbstgebauten Gewächshaus aus mehreren alten Fenstern, die in einen Rahmen aus Holz eingepasst sind, der heutigen Werkstatt und einer Garage. Das Hühnerhaus ist dabei nicht mitgezählt, das in einer Ecke des kleinen Grundstücks steht, direkt auf den Fels gebaut, der hier an die Oberfläche kommt. Es ist nicht der einzige Ort, an dem der Fels an die Oberfläche kommt – weder auf Luises Grundstück noch in der gesamten Gegend. Aber dazu später.

Luise und ich haben uns vor siebzehn Jahren kennengelernt, als wir beide Austauschschülerinnen in Island waren, ich aus der Schweiz, Luise aus Deutschland. Der Kontakt hat sich gehalten, obwohl wir uns vor vierzehn Jahren das letzte Mal gesehen hatten. Luise würden wir besuchen, soviel hatte bei unserer Planung immer festgestanden und jetzt wurde ihr Daheim zum Hort der Stille, zum Zufluchtsort, an dem wir tagsüber ganz alleine ebendieser Stille lauschten, die Hühner beobachteten, die Katzen ins Haus liessen und wieder rausschmissen und Tee tranken.

Nein, Krokshult ist auch eine ganz spezielle Landschaft in Schweden. Nirgendwo anders – wenn man dem Internet glauben mag – sieht es in Schweden noch aus wie um 1850. Nur hier in dieser Gegend. Und natürlich auch nur, wenn man die Autos, die nach heutiger Mode gekleideten Menschen, die selten auftretenden Geräusche von Motorsägen und Trimmern und andere Sachen abzieht.

Vorherrschend sind Holzzäune, die in Abständen von drei Metern zwei leicht V-förmig im Boden verankerte Pfosten aufweisen, die aus entasteten Tännchen gemacht scheinen. Auf einer Seite des Zauns sind diese Pfosten gegen den Boden hin mit einer weiteren Stange abgestützt. Die Querstreben sind in einem 45°-Winkel vom Boden dazwischen gelegt. Als Abstandhalter sind die Pfosten mit Wacholderzweigen wie mit Seilen zusammengebunden. Ein einfaches Prinzip, aber ziemlich schwierig zu erklären (Bilder findest du hier). Diese Zäune säumen nicht nur die Strassen, sondern teilen Weiden auf und umrunden Hausgrundstücke. Weidegatter sind zwei oder drei Querstangen, die an den Torpfosten in Schlingen aus Wacholderzweigen geschoben werden.

Schafe und Pferde grasen auf Weiden, die in Nichts dem ähneln, was wir als Weiden gewohnt sind. Aber natürlich wird jede Fläche, die beweidet wird, zur Weide. Die Flächen hier weisen zwar durchaus Gras auf, bestehen aber mehrheitlich aus grossen Steinen, Fels, der an die Oberfläche tritt, Dornenbüschen, grossgewachsenen Bäume sowie deren Nachwuchs und nassen Stellen mit Sauergräsern.

Mähweiden und ackerfähige Flächen sind klein, von den beschriebenen Holzzäunen oder dicken Steinmauern umgeben. Auch hier tritt praktisch auf jeder Parzelle irgendwo der Fels an die Oberfläche, wie uns Luises Freund Patrik bei einem Rundgang über den Hof erzählt, den er mit seinen Eltern bewirtschaftet. Ein Grossteil der gut 100 Hektaren ist Wald, das Wiesland verpachtet. Auf einer Mähweide direkt neben dem Haus grasen vier Simmentaler Rinder eines Nachbarn.

Der Vergleich nebeneinander liegender Mähweiden und einer Weide wie oben beschrieben macht deutlich, wie viel Arbeit in den ebenen Flächen mit gleichmässiger Grasnarbe liegt. Generationen von Menschen haben hier von Hand Steine entfernt und zu Mauern aufgeschichtet. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts, erzählt Patrik, habe es schliesslich Maschinen mit Kränen gegeben, mit denen auch die Felsblöcke entfernt werden konnten. Der kleine Acker, auf dem Patrik Kartoffeln und Getreide für den Hausgebrauch anbaut, ist noch immer von Steinen übersät.

Plötzlich wird klar, dass hier alles einmal voller Steine, Felsblöcke und dem zutage tretenden Fels war. Der Fels ist noch da, er ist schwierig wegzubekommen, die Menschen haben damit leben gelernt. Zäune werden angepasst, bei manchen Häusern bildet der Fels die Garagenvorfahrt, manchmal das Fundament, nur bei Strassen wird er manchmal gesprengt. Links und rechts der Strasse ragen dann die kantigen Felswände in die Höhe. Jede Fläche, die einigermassen eben ist, wurde in aufwändiger Kleinarbeit geräumt, eingeebnet, der Natur abgetrotzt.

Das wirft ein neues Licht auf die Kundschaft des Gartenbauunternehmens, bei dem Luise arbeitet: manche Menschen wollen unbedingt einen schönen Rasen vor dem Haus, auch wenn das für die Gärtnerin keine so tolle Aufgabe ist und bei der grossen Trockenheit letztes Jahr auch viele Rasen kaputtgegangen sind. Ich frage mich, ob flache, schöne Rasenstücke vor dem Haus ein Schatten des Statussymbols sind, das eine ebene Grasfläche früher bedeutete: ich kann es mir leisten, eine Fläche aufwändig einzuebnen und dann nichts Sinnvolles damit zu machen.

Krokshult ist eine ursprüngliche Bewirtschaftungslandschaft; sie muss bewirtschaftet werden, um ursprünglich zu bleiben. Das hatte vor einigen Jahr ein Regierungsbeschluss nicht verstanden, erzählt Luise. Auf den kleinen, unwirtschaftlichen Flächen sollten Fichten gezogen werden. Die Nachkommen der Bauern, die diese Flächen in eben beschriebener, mühseliger Handarbeit urbar gemacht hatten, zogen scharf die Luft ein. Zu Hilfe eilte ein Verein, der die Flächen botanisch kartierte und seltene Pflanzen feststellte – damit durften die Flächen nicht verändert werden.