Auf der Autobahn

Nach mehreren Wochen haben wir genug von den Strassenverhältnissen und beschliessen, auf möglichst kurzem Weg durch Lettland zu fahren und bald in Estland anzukommen – entgegenkommende VelofahrerInnen schwärmten uns nämlich vom nördlichsten baltischen Staat vor, es sei dort sehr gut zum Radfahren.

Dennoch wollen wir nicht ganz direkt nach Riga fahren, denn dort führt nur eine grosse Strasse hin. Gleichzeitig wollen wir auch nicht bis Jurmala, wo wir zwar auf den Eurovelo 13 stossen würden – aber die Campingplätze dort oben klingen in den Bewertungen ziemlich heruntergekommen.

Wir beginnen also mit zwanzig Kilometern auf der P99, einer befestigten, eher verkehrsarmen Landstrasse durch kleine Wälder und weite Felder, Mähdrescher stäuben in der Ferne. Ich bin schon dabei, mich mit Lettland zu versöhnen, als wir auf die A9 wechseln. Unklugerweise ist das die Verbindungsstrasse vom Küstenort Liepaja nach Riga. Ausserhalb des weissen Streifens bleibt uns zwischen 30 und 50 Zentimetern Platz, danach kommt grober Kies. Wir fahren Hinterrad an Vorderrad, wer hinten fährt, meldet jeden LKW, was zeitweise alle paar Sekunden der Fall ist. „LKW“ ruft Stefanie, wir greifen die Lenker fester, konzentrieren uns noch stärker, bereiten uns auf den Windstoss vor, der uns mal bremst, mal voranschiebt, und sind immer froh, wenn die Ungetüme vorbei sind und wieder nur normale Autos vorbeirasen. Zwanzig Kilometer geht das so, rund alle vier Kilometer pausieren wir an einer Bushaltestelle, trinken etwas, lassen die Augen im Grünen ruhen (um sie zu entspannen), dann werfen wir uns wieder ins Getümmel.

Über eine ruhigere Strasse erreichen wir den Ort Pinki, kaufen ein und gönnen uns ein Eis. Wir wissen noch nicht, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht.

Ab hier heisst die Strasse A5 und sieht aus wie eine Autobahn bei uns, kein Mittelstreifen in Grün, aber zwei Spuren in jede Richtung. Ich halte mich an die weissen Striche, da ruft Stefanie von hinten: „Achtung, beidseits!“ und schon rauschen zwei Fahrzeuge links und rechts an mir vorbei, jede Zelle in meinem Körper ist in Alarmbereitschaft. Wir haben eine dumme Entscheidung getroffen, aber jetzt können wir nur noch vorwärts.
Bald darauf können wir hinter einer Baustellenabsperrung fahren, in regelmässigen Abständen aufgestellte Pfosten, und sind damit sicherer.
Links neben uns rasen sie vorbei, PKWs, Pickups, manchmal Lastwagen. Bald sehen wir die Brücke, auf die wir gelangen müssen, um bald von dieser grossen Strasse weg und auf dem EV13 in die Innenstadt von Riga fahren zu können. Da kommt die Auffahrt, rufe ich Stefanie zu und pedale vorwärts – nur ist die Auffahrt gesperrt: Baustelle. Einen Moment denke ich, dass wir die Velos vielleicht hochschieben können, aber das Sandbett beträgt ca. 30cm.

Wir schauen uns um und versuchen, inmitten der schnellen Bewegungen und dem Röhren der Lastwagen auszumachen, wo sich die provisorische Auffahrt befindet. Weiterfahren bringt nichts, also schieben wir zurück und finden einen Lastwagenfahrer, der an sein Fahrzeug gelehnt am Rand der Baustelle steht. Stefanie fragt ihn, wie man auf die Brücke komme. Er versteht uns nicht wirklich, zuckt aber nicht mit der Wimper, dass wir uns auf dieser Strasse befinden. Schliesslich sehen wir, dass etwas weiter zurück mehrere Autos stark verlangsamen und aus dem Blickfeld verschwinden. Wir schieben also noch weiter zurück, überqueren ein Kiesfeld und stehen am Rand einer holperigen, nur halbwegs geteerten, provisorischen Fahrbahn, die auf die Brücke führt. Das führt aber in die falsche Richtung, sage ich, aber es bleibt uns nichts anderes rüber. Hauptsache, mal auf die Brücke.

Als im Verkehrsstrom keine blinkenden Fahrzeuge mehr auszumachen sind, hasten wir auf die Bahn und fahren los. Es braucht alle Kraft, die wir haben, um den Lenker durch die tiefen Löcher und die Häufchen von Asphalt zu führen, wir pedalen, was die Beine hergeben. Hinter uns rattert und schwankt ein leerer Lastwagen, wir machen uns breit unter unseren Leuchtwesten. Nach 200 Metern erreichen wir die Autobahn auf der Brücke, ich sehe ein Schild, das in 150m einen U-Turn anbietet. Zum Glück gibt es nur mässig viele Autos, so dass Stefanie recht beherzt den Arm rausstrecken und einspuren kann. Ich ziehe mit und wir landen auf der Spur ganz links und reihen uns für den U-Turn ein. Hinter uns ein Auto, der Fahrer bremst friedlich auf unsere knapp 20km/h ab und zuckelt hinter uns her, bis wir auf der entgegenkommenden Spur angekommen sind und ganz erschöpft am rechten Rand halten. Auch hier hat es eine Baustellenabsperrung, hinter der wir fahren können.

Mein Stress ist enorm, die hohen Geschwindigkeiten, der Lärm, die Abgase, die Verantwortung: wenn hier etwas schief läuft, werde ich mir das nie verzeihen. In meinem Kopf hämmert die Spannung, ich will einfach nur weg von hier.

Stefanie kontrolliert auf der App, wir sind wirklich auf der Brücke, jetzt sind es nur noch wenige hundert Meter, dann wird die Strasse in eine gelbe übergehen und wir können auf den Veloweg wechseln, beruhigt sie mich. Ich nicke und fahre los, ganz rechts, hinter den Baustellenpfosten, schliesslich über eine Auffahrt und weiter ganz rechts, links brausen sie weiterhin an uns vorbei. Unter der Brücke führen Schienen durch und diesen führt der Veloweg entlang. Wir fahren um eine grosse Kurve, biegen rechts ab und stossen vor den Schienen auf den Veloweg. Noch vor wenigen Sekunden fuhren wir auf der Autobahn, jetzt rollen wir auf feinem Teer durch einen kleinen Wald, die Autobahn dröhnt nur noch von Weitem, Vögel zwitschern und langsam, langsam beruhigt sich unser Herzschlag.

Verkehr

Ein Seitenwind drückt uns an den Strassenrand, der Verkehr hat zugenommen, wir greifen unsere Lenker fest und behalten die weisse Linie im Blick, von der wir uns nicht zu weit entfernen dürfen. In der Ferne sehen wir immer wieder gewagte Überholmanöver und konzentrieren uns noch besser auf das, was um uns herum geschieht. Plötzlich schert ein Auto auf der Gegenfahrbahn kurz vor uns aus und rast dicht an uns vorbei; Stefanie stösst einen Laut aus wie ein Tier, ich bin wie festgefroren, zitternd halten wir am Strassenrand und schauen uns an. Was war das? Da hat einer einfach auf unserer Höhe überholt, sagt Stefanie, ungläubig und verständnislos.

Wir sind seit einigen Stunden in Litauen, die ersten zwanzig Kilometer auf der ersten Strasse waren keine grosse Herausforderung, es gab wenig Verkehr. In Kalvarija stiessen wir auf eine neue Strasse, zwar bezeichnungstechnisch von derselben Grösse, aber mit deutlich mehr Verkehr. Nach wenigen Kilometern suchten wir unsere Leuchtwesten hervor, die wir bislang auf jeder Velotour mitgeführt, aber noch nie benutzt hatten. In Litauen sind VelofahrerInnen verpflichtet, Leuchtwesten mitzuführen und wie wir sehen, tragen sie die Einheimischen auch.

Dieses erste Überholmanöver ist nicht das letzte, das wir in Litauen erleben. Stefanie recherchiert im Internet: offenbar ist bei solchen Überholmanövern der Gegenverkehr verantwortlich dafür, dass es keinen Unfall gibt. Das bestätigt sich einige Tage später, als wir beobachten, dass der Gegenverkehr tatsächlich praktisch auf Null herunterbremst, bis das überholende Auto sich wieder in den Verkehr eingereiht hat.

Wir stehen diesem Verhalten komplett verständnislos gegenüber. Wir sind uns gewöhnt, dass Überholen ein Manöver ist, für das man jederzeit selber das Risiko trägt. Und in Litauen? Überholen vor Kurven ohne Sicht? Kein Problem. Überholen bei entgegenkommendem Verkehr? Kein Problem.

Wir rufen uns etwas in Erinnerung, was auf Velotouren im Ausland immer gilt: Fahre demütig. Um übermässigen Energieverlust durch Angst und Frustration zu vermeiden, habe ich ein Mantra zusammengestellt, das ich mir immer wieder vorsage, wenn mit Wut auf die Verhältnisse überkommt:

Der Verkehr ist eine Konstante, die wir nicht ändern können. Er kann uns traurig und aggressiv machen und dazu führen, dass wir Angst um unser Leben haben. Als Tourenfahrerinnen gehören wir zu den schwächsten Verkehrsmitgliedern – wir müssen alles kontrollieren, den Verkehr hinter uns (durch die Rückspiegel), den Gegenverkehr, und wir müssen berechnen, welche Position für uns die sicherste ist: weiterfahren, anhalten oder die Strasse verlassen. Wir versuchen, die AutofahrerInnen nicht zu verfluchen, die unser Leben aufs Spiel setzen, in dem sie zu nah an uns vorbeiziehen, oder wenn der Gegenverkehr auf unserer Höhe überholt. Wir versuchen, nicht zu viel Energie zu verlieren, in dem wir uns über all die Idioten aufregen, die uns (und sich selber!) gefährden, in dem sie fahren wie in (beliebiges Land einfügen), sondern wir wollen dankbar sein für alle, die uns mit genügend Abstand überholen, die hinter uns bremsen, wenn der Gegenverkehr dicht ist und uns über jene freuen, die uns winken.

Nach einigen Tagen auf grösseren Strassen (der „Memel-Radweg“ führt praktisch komplett über die 141) fühlen wir uns auf seltsame Weise zerschlagen. Obwohl wir uns mit der Zeit an den Verkehr gewöhnen, an die Geschwindigkeiten, die die Limite von 90 km/h fast immer überschreiten und das Röhren von Lastwagen, haben wir den Eindruck, dass sich die ständige Angst, die hohe Konzentration und die Abgase auf die Psyche niederschlagen.

Kleine Strassen sind auch in Litauen meist unbefestigt, kiesig, schotterig, sandig, manchmal sogar Waldwege, die eher Wanderwege sind. Nach Klaipeda, als Esther und Hans zu uns stossen, wird es uns gelingen, uns möglichst an (in Osmand) gelb markierte Strassen zu halten: ruhige Landstrassen mit relativ wenig Verkehr. Hier verbringen wir einige richtig schöne Velotage.