Eine Weihnachtsgeschichte

Seit einer Stunde regnet es, in langen, grauen Fäden schiesst das Wasser vom Himmel, rinnt über unsere Helme, Gesichter, nässt Regenklamotten nach und nach durch. Die kleine Landstrasse führt schnurgerade durch Weiden, in denen das Wasser schon steht, und irgendwo links von uns ist die Loire, dieser breite Fluss, der viel Wasser führt im Moment – erst neulich war der Veloweg wieder einmal überschwemmt.

Sechs Kilometer sind es noch ins nächste Dorf, wir hoffen auf eine gedeckte Bushaltestelle – unzählige Mittagessen haben wir schon so verbracht. Ich bemühe mich, den Kopf nicht zu fest zu drehen, wenn ich im Rückspiegel schaue, ob Stefanie noch da ist, denn wenn ich den Kopf drehe, läuft mir Wasser vom Helm übers Gesicht – immerhin nicht in den Kragen. Stefanie ist noch da und neben ihr ein Auto, ein Lieferwagen, sie gestikuliert etwas und ich höre: She speaks French (sie spricht Französisch). Also bemühe ich mich um einen klaren Kurs, als das Auto zu mir vorfährt und halte an. Im Gegenlicht erkenne ich im Führerhaus eine männliche Silhouette, die fragt, wollt ihr einen Unterstand. Ich erscheine etwas begriffsstutzig, daher hakt er nach, eine Garage, wollt ihr eine Garage. Ja schon, sage ich, aber wo? Na, bei mir, nicht weit. Hier schiesst der Überlebenstrieb der Velofahrerin ein: Was heisst „nicht weit“? Gleich um die Ecke, folgt mir.

Da wir wirklich gerne in einer Garage unser Zmittag essen würden, fahren wir dem langsam dahinrollenden Lieferwagen hinterher, linksrum, rechtsrum, wo ist diese Garage genau, will Stefanie wissen. Um die Ecke, hat er gesagt, erwidere ich und hoffe, dass sie wirklich bald kommt. Wir stecken mitten in einem lange Tag und möchten nicht unnötig Kilometer hinzufügen. Tatsächlich blinkt der Wagen nach ungefähr einem Kilometer und in der Gartenmauer schiebt sich ein Tor auf. Die „Garage“ entpuppt sich als Küche, die komplett aus Glas aussen ans Haus angebaut wurde. Das hat er selber gemacht, der Mann ist nämlich Schreiner, wie er uns erklärt. Wir sollen die nassen Sachen ablegen und absitzen, ob wir Kaffee wollten. Wir wollen – und schlagen die Zähne in unsere Sandwiches. (Als es kälter und nässer wurde haben wir begonnen, am Morgen Sandwiches vorzubereiten: es isst sich leichter und schneller).

Der Schreiner – wir vergessen leider, ihn nach seinem Namen zu fragen – wird bald pensioniert, hat fünf Grosskinder, die er uns am Tablet zeigt, hat heute nur ein bisschen Büroarbeit vor sich, er sei selbständig. Als wir ihm von unserer Reise erzählen, schüttelt er immer wieder den Kopf, er scheint es kaum glauben zu können. Er habe uns gesehen und gedacht, da müsse man einfach Mitleid haben. Ich erzähle ihm, dass wir auf eine Bushaltestelle gehofft hätten. Ist das nicht besser als eine Bushaltestelle, fragt er und umfasst mit einer Armbewegung die Küche mit dem Glitzerzeug am Boden (die Grosskinder waren gestern da), das Geräusch des durchlaufenden Kaffees und die Velos, die draussen weiterhin eingeregnet werden. Ja, viel, viel besser.

Ich bekomme eine Hausführung, er erzählt, im Winter mache er Körbe und seine Frau stricke, so würden sie die Tage zubringen. Er tischt Honig von seinen Bienen auf und füllt uns ein kleines Glas ab, schliesslich probieren wir auch noch den Quittengelee, der wirklich sehr gut ist – den Schnaps lehnen wir ab, auch wenn er von seinem Vater stammt, der leider gestorben sei. Der Mann freut sich sichtlich, dass er Gesellschaft gefunden hat.

Dass wir heute noch dreissig Kilometer vor uns haben, beeindruckt ihn sichtlich. Sie seien auch schon an der Loire Rad gefahren, er und seine Frau, aber nur etwa zwanzig Kilometer am Tag. Geschwindigkeit: 5-6 Stundenkilometer. Daran habe ich nun meine Zweifel, denn in der Ebene so langsam zu fahren, ist schwierig.

Als wir unsere nassen Velosachen wieder anziehen, die klammen Handschuhe überstreifen, in den Regen hinausgehen, aufsteigen und weiterfahren, ist uns – wie es sich für eine Weihnachtsgeschichte gehört – etwas fröhlicher zumute.