Durch Nordostpolen

Während wir auf der ersten Hälfte unserer Reise durch Polen (von der deutschen Grenze bis Gdansk) mit dem überraschend gut ausgebauten R10 (Eurovelo 10) und der guten touristischen Infrastruktur (Campings und Läden) geradezu verwöhnt wurden, weht nun ein anderer Wind. Zwar hat Stefanie einen Veloweg gefunden, von dem wir vorher nichts gewusst hatten: Green Velo. Er führt ab Elblag durch die ländlichen Gebiete nahe der russischen Grenze und danach der Ostkrenze entlang, worauf er sich im Süden in verschiedene Routen aufteilt. Allerdings existiert er erst seit 2015, was es mit den Unterkünften etwas schwierig macht.

Wir sind bereit für die zweite Stufe in Polen. Die Wörter haben wir besser im Griff, wir kennen die Bandbreite möglicher Strassenbeläge und den Verkehr. Und wir haben in sinnvollen Abständen Übernachtungsmöglichkeiten gefunden, manchmal Campings, manchmal einfache Hotels.

Diese wirken auf mich, wie ich mir Internatszimmer vorstelle: zwei Betten, ein Schrank, ein Tisch mit Kühlschrank darunter, zwei Stühle. Das Design ist funktional und karg, das Zimmer klein. Das erste „Hotelik“, das wir ansteuern, steht zwischen der Bahnlinie, einer gigantisch wirkenden Industrieanlage aus einer Reihe von himmelhohen Silos und der Rückseite des Supermarkts Biedronka, da wo Wagen voller Toilettenpapier und Getränkeflaschen darauf warten, in die Regale geräumt zu werden. Die Dame am Empfang kann genug Englisch, dass es zur Verständigung ausreicht – nett, aber auch schade, denn so entgeht uns das Hochgefühl, relevante Dinge mit beschränktem Vokabular regeln zu können. Frühstück gibt es nicht, aber eine komplett eingerichtete Küche, die man nutzen kann. Ausser uns gibt es noch ein älteres Ehepaar, das am Abend einträchtig aus einer als Tupperware genutzten Glaceschachtel Pouletschenkel isst und eine Gruppe von ungefähr sieben Leuten, die sich das Abendessen liefern lassen. Anderntags türmen drei mittelalterliche Frauen Lebensmittel auf den Tisch, kochen Pfannen voller Eier und schauen dazu Peoplesendungen auf dem TV, der im Essraum an der Wand hängt.

Wir machen aber auch noch eine andere Hotelerfahrung. In Bartoszyce stossen wir unsere Velos über den durch eine Baustelle zur Unkenntlichkeit verunstalteten Stadtplatz. Auf dem Internet sehen wir später Bilder davon: Wasserspiele, Bäume, Bänke, umgeben von schönen Häuserfronten.
Die Frau vom Hotel kann nur Polnisch. Während Stefanie unten mit den Velos wartet, zeigt sie mir den Aufenthaltsraum – das zumindest denke ich. Es gibt eine Bartheke mit Lavabo und Kühlschrank und eine riesige Sitzgruppe. Als die Frau mehrmals ins Zimmer deutet, wage ich mich mit meinen sandigen Schuhen einen Schritt vor und sehe: das ist unser Zimmer! Auf den 50 Quadratmetern steht nicht nur die riesige Sitzgruppe, sondern noch ein Doppelbett, ein Einzelbett, eine Frisierkommode und ein Hometrainer. Dobra, dobra, sage ich, gut, gut. Wir beschliessen, hier eine zweite Nacht anzuhängen – so grosse Hotelzimmer sind selten.
Ausserdem ist hier das Frühstück gut und das Rührei hervorragend (alle drei Rühreier, die wir in Polen geniessen, sind hervorragend)!

Die Qualität der Strassen ist erwartungsgemäss unterschiedlich. Es gibt tolle Abschnitte mit gutem Belag, wenig Verkehr, so dass wir unsere Aufmerksamkeit der Landschaft widmen können. Goldene Getreidefelder, alte Gehöfte hinter grünen Bäumen. Häufig stehen neue(re) Gebäude neben alten, die manchmal so baufällig aussehen, dass wir nicht sicher sind, ob sie noch genutzt werden. Aber vielleicht ist es wie mit den Traktoren und Ackergeräten: was bei uns schon lange beim Alteisen gelandet wäre, wird hier bisweilen noch eingesetzt.

Viele Alleen, in den Kronen über uns rauscht ein starker nördlicher Wind, der uns einen beflügelnden Raumwind beschert. Eindrückliche Wolkenformationen bilden sich über grünen Weiden, auf denen Kühe und Pferde im hohen Gras stehen. Die Wiesen sind von Wassergräben durchzogen, die man am blühenden Mädesüss und am Schilf erkennt, der an den Ufern wächst.
Einmal ist der Belag in der ersten Tageshälfte so gut, dass wir um 11.58 Uhr bereits 40 Kilometer gefahren sind. Am Strassenrand blüht es violett, gelb, blau, rosa – die Freude darüber wird etwas geschmälert, wenn man die Pflanzen kennt: u.a. Jakobskreuzkraut und Ackerkratzdisteln.

Einmal stossen wir auf eine Baustelle. Langsam fahren wir auf den Kipper zu, der ein Steine-Sand-Gemisch ablädt und warten, bis wir Blickkontakt mit einem der Bauarbeiter herstellen können. Wir warten nur kurz, dann winkt uns einer der Männer links vorbei, räumt zwischen einem Baum und einem Weizenfeld einige Äste weg und hilft uns, die Velos über die holperigen hohen Wurzeln zu stossen. Wir dürfen auch auf dem gewalzten Bett fahren, no problem. Jetzt ist auch klar, warum die Strassen so bald ausgefahren sind. Auf dem gewalzten Bett wird geteert – schwere Fahrzeuge drücken die Strasse nach und nach ein.
Generell wird mit Baustellen pragmatisch umgegangen. Auf der Grossbaustelle auf dem Stadtplatz in Bartoszyce haben sich regelrechte Trampelpfade gebildet. Bis jetzt hat es nie geheissen, es gebe kein Durchkommen. Autos werden in der Regel umgeleitet, für FussgängerInnen und Velos gibt es immer eine Lösung.

Wir fahren auch auf schlechtem Teer, der so bröckelig ist, dass wir mit einer Geschwindigkeit um die 8kmh vorwärts rumpeln. Dann gibt es wieder lange, schnurgerade Strecken auf Gravel – wir vermuten ein ehemaliges Bahntrassee. Hier braucht Stefanie irgendwann Musik. Während sie so unterstützt flott vorantritt, komme ich kaum hinterher. Meine Kopfhörer sind in einer hinteren Saccoche und damit schlecht zu erreichen. Also sondiere ich, ob es Fragen gibt, die mich beschäftigen. Denn das ist etwas, was ich am Radfahren so schätze: Die Aussenwelt aufnehmen, sie durch die Augen ziehen lassen und gleichzeitig einen inneren Raum öffnen, in den etwas aufsteigen kann. Dieses gleichzeitige innerliche und äusserliche Wahrnehmen empfinde ich als notwendig. Ich stelle fest, dass Fragen auftauchen, was und wo werde ich arbeiten, wo werden wir wohnen, wie werden wir wohnen, aber es ist noch keine Zeit der Antworten. Jetzt ist eine Zeit der Fragen, die sich mir mit einem milden, noch distanzierten Interesse stellen, als würde ich mich fragen, wie es ist, in Polen zu leben.

Irgendwann bricht unser letzter kompletter Tag in Polen an und der fährt noch einmal alles auf. Ein Gebiet mit weiten Weiden, das mit dem träge wiederkäuenden Vieh und den verstreuten Gebäuden etwas Alpähnliches hat. Über einer sandigen Kiesstrasse, die soweit gut zu fahren ist, bilden sich dramatische Wolkenbilder. Ich realisiere, dass jede Umdrehung uns weiterbringt, ob gerast, geholpert oder geschoben.

Bei einem Gebäude hockt ein Storchennest auf einem Strommast, die kleinen Störche tragen bereits das schwarz-weisse Federkleid der erwachsenen Tiere. Als wir in Ostdeutschland unsere ersten Störche sahen diesen Frühling, waren die Küken noch klein. Ebenso wie der Raps erst blühte, der jetzt reif ist. Und im Herbst werden wir mit den Zugvögeln in den Süden ziehen.

Regen überrascht uns, nachdem wir uns an einem Kipper vorbeigequetscht haben, der mitten auf der Strasse steht, drei Männer vor der offenen Kühlerhaube. Der Regen kommt wie ein grauer Schleier, schon prallt er auf unsere hastigen Bemühungen, Regenkleider hervorzukramen.

Durch eine Mehlbaumallee fahren wir auf einer geteerten, aber rumpeligen Strasse zu zwei alten Eisenbahn-Viadukten, der Sehenswürdigkeit in dieser Gegend. Plötzlich ist etwas los, es gibt Autos, einen kleinen Kiosk, andere VelofahrerInnen.

Am Nachmittag sind es noch zwanzig Kilometer nach Wizajny, wo wir unsere letzte Nacht auf polnischem Boden verbringen werden. Durch den Regen wird der sandig-kiesige Untergrund klebrig, hängt am Reifen fest, fällt auf Kette und Antrieb herunter, es beginnt zu kratzen. Wir fahren zwischen 7 und 11 km/h, Tritt für Tritt, ich kämpfe mit der Wut in mir, auf diese Strasse, auf den Regen, der uns in Schauern erreicht, Regenzeug anziehen, Regenzeug ausziehen; ich beobachte diese Wut von aussen, bin mir bewusst, dass sie Kraft kostet, die ich lieber in Tritt ummünzen möchte, aber schaffe es nicht immer. Aber schliesslich tritt ein, was ich ja weiss: Irgendwann sind es nur noch zehn Kilometer.

Die Strasse geht hoch und runter und auf dem Hügel steht jeweils ein Haus, meist ein Betrieb. Ein Mann kommt mit einem Eimer und einem Schemel in der Hand von einer Kuh, die auf der Wiese steht. Ein Pferd ist an den Vorderbeinen kurzgehalten zusammengebunden und trippelt dem Zaun entlang neben uns her. Drei Rinder sind an Pflöcken auf einer Wiese angebunden und schauen uns mit grossen Augen und aufgestellten Ohren entgegen. Zwei nehmen unseren Anblick gelassen, das dritte erschrickt, will wegrennen, fällt ins Seil und wird zurückgerissen.

Die giftigeren Anstiege schieben wir mittlerweile. Wir sind körperlich und geistig müde, hatten in zehn Tagen nur einen Ruhetag. Das ist zu wenig. Und irgendeinmal reicht die schönste Landschaft nicht mehr, um einen bei Laune zu halten.
Noch ein Hügel. Die Ortschaft muss doch bald kommen, sagt Stefanie. Noch ein Hügel. Ich bin hungrig und realisiere, dass es eine Hungerast-Situation werden könnte: der hohe Rollwiderstand schlaucht ganz schön. Aber es sind nur noch zwei Kilometer, das sollte gehen. Noch ein Hügel und noch einer. Und dann sind tatsächlich Häuser zu erkennen, der Kiessandweg mündet in eine Teerstrasse. Mühelos rollen wir ins Dorf und halten beim Sklep an. Als ich nach dem Einkauf mehrere Handvoll Chips in meinen Mund stopfe, lässt der Himmel wieder herunter was er kann.

Die Unterkunft, die wir ansteuern, gibt es offenbar nicht. Im strömenden Regen stehen wir vor einem Haus mit dunklen Fenstern, kein Schild, kein Hinweis, nichts. Wir sind müde, hungrig und uns ist kalt – sollen wir anrufen? Klingeln? Wir bringen den Mut nicht auf und beschliessen, zu einer zweiten Möglichkeit weiterzufahren, einer Agroturystyka. Das sind Zimmer bei Privaten, häufig kann man auch zelten. Was es mit unserer Vorstellung von Agrotouristik zu tun hat, haben wir nicht herausgefunden, es gab nie einen Hinweis auf einen landwirtschaftlichen Betrieb.

Auf dem Weg vom Sklep hierher regnet es so fest, dass wir kaum die Strasse vom Strassenrand unterscheiden können. Ein Auto fährt vor uns in den Hof, um den mehrere Gebäude stehen. Deutlich steht auf einem Schild, dass man hier zelten kann. Das Auto verschwindet über einen Gartenweg hinter den Häusern. Ansonsten ist niemand zu sehen, es ist 18 Uhr, wirkt aber aufgrund des Regens schon wie zehn Uhr abends.
Hinter einem Vorhang schaut eine ältere Frau hervor, ich lächle ihr zu und winke. Als sie das Fenster öffnet, frage ich, zelten? Sie gestikuliert in die Richtung, in der das Auto verschwunden ist. Ich wage mich weiter auf den Privatgrund vor und sehe, wie eine Familie aus dem Auto steigt und im Haus verschwindet.
Unentschlossen schauen wir uns um, Platz hat es genug. Da kommt aus dem Haus eine andere Frau spannt einen Regenschirm auf und ich frage, zelten. Tak, sagt sie, ja. Sofort ist alles egal, der Regen, die Uhrzeit, der heutige Tag mit der schwierigen Strasse am Nachmittag.

Auch am nächsten Tag regnet es, als wir unsere Velos vor dem Leviathan-Supermarkt abstellen, um noch einmal richtig mit Zloty einzukaufen. Wir stocken unsere Vorräte an Schoggi, Nüssen und Farmern auf, greifen noch einmal zu unseren Lieblingssachen. Dann geht es mit mehreren steilen Anstiegen zur polnisch-litauischen Grenze. Diese kommt überraschend, ein Busch hat das Schild verdeckt. Freude, Neugier, Respekt – aber die Situation ist ganz anders als vor dem Grenzübertritt nach Polen. Dort waren wir aus einer bekannten, recht vertrauten Welt (Deutschland) in ein komplett neues Land gekommen, mit einer neuen Sprache und den damit verbundenen Herausforderungen. Nun sind wir aber bereits dreieinhalb Wochen mit unseren wenigen Wörtern klargekommen – also vertrauen wir darauf, dass es auch in Litauen funktionieren wird.

Auf der litauischen Seite ist die Strasse zweispurig, mit Mittelstreifen. Wir treten zügig in die Pedale, wollen rein in dieses Land. Kurzer Blick auf die Uhr: Es ist Viertel nach zwölf, sage ich. Sicher?! ruft Stefanie von hinten, das kann doch nicht sein. Doch, sage ich, 12.18 jetzt. Es bleibt still, nur die kratzenden Geräusche unserer Ketten sind zu hören. Dann die Erleichterung in Stefanies Stimme: Es gibt eine Zeitverschiebung! Wir sind 11.17 aus Polen ausgereist und um 12.18 in Litauen angekommen.