Verkehr

Ein Seitenwind drückt uns an den Strassenrand, der Verkehr hat zugenommen, wir greifen unsere Lenker fest und behalten die weisse Linie im Blick, von der wir uns nicht zu weit entfernen dürfen. In der Ferne sehen wir immer wieder gewagte Überholmanöver und konzentrieren uns noch besser auf das, was um uns herum geschieht. Plötzlich schert ein Auto auf der Gegenfahrbahn kurz vor uns aus und rast dicht an uns vorbei; Stefanie stösst einen Laut aus wie ein Tier, ich bin wie festgefroren, zitternd halten wir am Strassenrand und schauen uns an. Was war das? Da hat einer einfach auf unserer Höhe überholt, sagt Stefanie, ungläubig und verständnislos.

Wir sind seit einigen Stunden in Litauen, die ersten zwanzig Kilometer auf der ersten Strasse waren keine grosse Herausforderung, es gab wenig Verkehr. In Kalvarija stiessen wir auf eine neue Strasse, zwar bezeichnungstechnisch von derselben Grösse, aber mit deutlich mehr Verkehr. Nach wenigen Kilometern suchten wir unsere Leuchtwesten hervor, die wir bislang auf jeder Velotour mitgeführt, aber noch nie benutzt hatten. In Litauen sind VelofahrerInnen verpflichtet, Leuchtwesten mitzuführen und wie wir sehen, tragen sie die Einheimischen auch.

Dieses erste Überholmanöver ist nicht das letzte, das wir in Litauen erleben. Stefanie recherchiert im Internet: offenbar ist bei solchen Überholmanövern der Gegenverkehr verantwortlich dafür, dass es keinen Unfall gibt. Das bestätigt sich einige Tage später, als wir beobachten, dass der Gegenverkehr tatsächlich praktisch auf Null herunterbremst, bis das überholende Auto sich wieder in den Verkehr eingereiht hat.

Wir stehen diesem Verhalten komplett verständnislos gegenüber. Wir sind uns gewöhnt, dass Überholen ein Manöver ist, für das man jederzeit selber das Risiko trägt. Und in Litauen? Überholen vor Kurven ohne Sicht? Kein Problem. Überholen bei entgegenkommendem Verkehr? Kein Problem.

Wir rufen uns etwas in Erinnerung, was auf Velotouren im Ausland immer gilt: Fahre demütig. Um übermässigen Energieverlust durch Angst und Frustration zu vermeiden, habe ich ein Mantra zusammengestellt, das ich mir immer wieder vorsage, wenn mit Wut auf die Verhältnisse überkommt:

Der Verkehr ist eine Konstante, die wir nicht ändern können. Er kann uns traurig und aggressiv machen und dazu führen, dass wir Angst um unser Leben haben. Als Tourenfahrerinnen gehören wir zu den schwächsten Verkehrsmitgliedern – wir müssen alles kontrollieren, den Verkehr hinter uns (durch die Rückspiegel), den Gegenverkehr, und wir müssen berechnen, welche Position für uns die sicherste ist: weiterfahren, anhalten oder die Strasse verlassen. Wir versuchen, die AutofahrerInnen nicht zu verfluchen, die unser Leben aufs Spiel setzen, in dem sie zu nah an uns vorbeiziehen, oder wenn der Gegenverkehr auf unserer Höhe überholt. Wir versuchen, nicht zu viel Energie zu verlieren, in dem wir uns über all die Idioten aufregen, die uns (und sich selber!) gefährden, in dem sie fahren wie in (beliebiges Land einfügen), sondern wir wollen dankbar sein für alle, die uns mit genügend Abstand überholen, die hinter uns bremsen, wenn der Gegenverkehr dicht ist und uns über jene freuen, die uns winken.

Nach einigen Tagen auf grösseren Strassen (der „Memel-Radweg“ führt praktisch komplett über die 141) fühlen wir uns auf seltsame Weise zerschlagen. Obwohl wir uns mit der Zeit an den Verkehr gewöhnen, an die Geschwindigkeiten, die die Limite von 90 km/h fast immer überschreiten und das Röhren von Lastwagen, haben wir den Eindruck, dass sich die ständige Angst, die hohe Konzentration und die Abgase auf die Psyche niederschlagen.

Kleine Strassen sind auch in Litauen meist unbefestigt, kiesig, schotterig, sandig, manchmal sogar Waldwege, die eher Wanderwege sind. Nach Klaipeda, als Esther und Hans zu uns stossen, wird es uns gelingen, uns möglichst an (in Osmand) gelb markierte Strassen zu halten: ruhige Landstrassen mit relativ wenig Verkehr. Hier verbringen wir einige richtig schöne Velotage.