Heim heim heim (Hamburg Bern)

Das Ungemach beginnt mit einer Durchsage kurz nach Mannheim: Liebe Fahrgäste, leider sind bei Bauarbeiten unplanmässige Störungen aufgetreten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht klar, ob unser Zug über Karlsruhe hinaus verkehren kann. Ich habe an Stefanies plötzlichem Aufrichten gemerkt, dass die Durchsage wohl wichtig war, war in meinem Buch versunken. Was ist los, sage ich. Irgendwie sind sie nicht sicher, ob wir weiterfahren können, sagt Stefanie.

Im Wagen hat sich Unruhe bereitgemacht, Leute checken auf ihrem Handy, das Teenager-Girl das mit dem kleinen Bruder alleine unterwegs ist im Abteil schräg uns gegenüber ruft mal daheim an. Später heisst es noch, dass der Zug „voraussichtlich“ weiterfahren könne, bald ist aber klar: keine Chance. „Ich sage dir, ich will nie mehr mit Sven alleine verreisen“, sagt das Mädchen ins Telefon, und später zum Bruder: „Es hat nichts mit dir zu tun, Sven, ehrlich nicht, aber die Verantwortung ist mir einfach zu gross.“ Da wir später undeutlich erkennen, dass sie ihn umarmt, denken wir, dass er wohl geweint hat. Ich sage zu Stefanie, wir könnten sie einfach mitnehmen, wenn wir keine Velos hätten. Die Kids wollen nach Basel Badischer Bahnhof – aber Schienenersatzverkehr nimmt in der Regel keine Velos mit.

Da unsere Velos in der ersten Klasse ganz vorne im Zug stehen, müssen wir eh bald los, damit wir es durch alle Wagen schaffen. Stefanie hält bei den Kids an und sagt ihnen, ihr geht dann raus und hört auf die Lautsprecher. Dort wird gesagt, wie es weitergeht. Die meisten Leute werden weiterfahren wollen – folgt ihnen oder fragt einen DB-Verantwortlichen. Da fällt mir auf, dass seit der Durchsage keine SchaffnerInnen mehr aufgetaucht sind.

Bald kennen wir auch den Grund: Nachdem wir uns durch sechs oder sieben Wagen gekämpft haben, durch Leute mit wenig Verständnis, warum wir nicht in unserem Wagen aussteigen können, schaffen wir es zu Surly und Velotraum – und zu den SchaffnerInnen. Zu sechst oder siebt sitzen sie in der ersten Klasse zusammen. Mit Müh und Not schafft Stefanie es, dass sie die Zugbindung unserer Tickets aufheben – keineR von ihnen kümmert sich um die Leute, zum Beispiel um die Kids aus unserem Wagen.

In Karlsruhe ist der Bahnhof proppevoll, wir retten uns auf den Bahnhofsplatz und beraten. Schienenersatzverkehr ist keiner zu sehen, alle strömen auf die S7 – da haben wir keine Chance. Wir warten eine Stunde, trinken etwas und fahren dann mit der S8, in der wir gerade noch so Platz finden, nach Rastatt. Der kleine Bahnhof ist voller Leute, sie strömen auf den Platz hinaus, umringen die Linienbusse, fragen, wie man weiter nach Baden-Baden komme. Schienenersatzverkehr ist keiner zu sehen.

(c) Scheuner

Rastatt: Die Fahrer der Linienbusse werden gelöchert, wie man weiter in Richtung Süden komme.

(c) Scheuner

Wenn es hier je Schienenersatzverkehr gibt, haben wir mit den Velos keine Chance…

Wir haben zwei Paare aus der Schweiz getroffen und unsere Pläne mit ihnen ausgetauscht. Sie entscheiden sich dann auch, auf ihre Räder zu steigen und die zehn Kilometer nach Baden-Baden zu fahren. Dort finden wir ziemlich komfortabel Platz auf dem Perron – bis klar wird, dass der ICE aus dem Süden nicht bis Baden-Baden fahren wird – er wurde früher gestoppt, damit Baden-Baden nicht noch mit Reisenden aus dem Süden überfüllt wird, die nicht in den Norden weiterreisen können. Alle Reisenden, die den ICE hätten nehmen können, also keine Velos dabei haben, strömen jetzt auf unser Perron. Mir wird eng, als ich die Menge sehe. Ein Mann ruft uns zu, ihr könnt fahren, ihr habt ja kein Problem. Der Witz in seiner Stimme verschleiert nur schlecht den aggressiven Unterton. Zu spät denke ich über eine Replik nach: Sie haben Füsse, Sie können gehen. Oder ein Taxi nehmen.

Um uns herum füllt sich der Platz, ein Amerikaner möchte etwas am Selecta-Automaten holen, wir machen Platz. Eine Frau weint. Es werden immer mehr Menschen. Du, sage ich zu Stefanie, ich will da nicht reindrücken, das ist mir zu heikel. Die zwei anderen Paare, eines aus Bremgarten BE und eines aus der Innerschweiz wurden durch die aufs Perron drängenden Leute von uns weggeschoben. Sie haben weniger Gepäck und werden es vielleicht schaffen. Da fährt der Zug ein, eine normale Wagenkombination eines Regiozuges. Mir wird schlecht.

Die Menschenmasse drängt auf die Türen zu, stopft sich rein, zieht Koffer und Kinder hinterher, stösst einander Kinderwagen in die Hacken, jede und jeder will rein, wer zu schwach oder anderweitig benachteiligt ist, fällt raus. Ich denke an Brecht, ja, hier ist jedeR sich selbst der/die Nächste. Da ein Teil der Menschen es in den Zug schafft, ist endlich der Weg zu den Treppen frei, wir schieben unsere Räder die Rampe hinunter und sind draussen. Dort sind mittlerweile Busse aufgetaucht, mehrere Ambulanzen, Feuerwehrautos und ein Auto mit einem Anhänger voller Dixi-Klos. Notfall-Seelsorge steht auf den dunkelblauen Jacken etlicher älterer Frauen. Na endlich, denke ich.

Wir versuchen noch, ein Taxi zu bekommen und ein Mann ist auch willig, es zu versuchen. Aber wir kriegen nie und nimmer beide Velos mit Gepäck und uns rein – ausserdem kostet die Fahrt nach Basel 300 Euros.

Wenig später sind wir wieder unterwegs, fahren der Bahn entlang in Richtung Süden. 250 Kilometer sind es nach Bern, ich male mir Katastrophenszenarios aus, dass wir immer weiterfahren und jeder Bahnhof überfüllt ist. Wir beschliessen, eine Nacht irgendwo zu verbringen. In rund 12 Kilometern Distanz finde ich einen Camping, rufe an, ja, die Frau wartet auf uns.

In der einsetzenden Dämmerung schaffen wir es, finden den Camping, überfallen die arme Frau mit unserer Geschichte, so dass sie sagt, stellt mal auf, geniesst den Abend, den Rest schauen wir morgen. Es ist ein schöner Camping, an einem See, fast noch hübscher als der in der Nordheide, natürlicher einfach, wir duschen und essen im Restaurant. Insofern ist es ein gemütlicher Abend – nur halt nicht total entspannt – die Arbeit am Montag drückt auf meine Stimmung.

Der Morgen rollt an, bald sitzen wir mit unserem Frühstück auf den Knien und schauen auf den See hinaus. Der Plan ist, nach Achern zu fahren und zu hoffen, dass wir dort einen Zug erwischen.

Das klappt. Allerdings verpassen wir den Anschluss in Offenburg um vermutlich zehn Sekunden. Ich stecke noch im Lift, der mich aufs Perron bringt, Stefanie ist schon oben, der Schaffner verbietet ihr, noch einzusteigen.

Ein Regionalzug bringt uns nach Basel Badischer Bahnhof. Auf den Klappsitzen im Veloabteil sitzen Leute. Darf ich Sie bitten, Platz zu machen, fragt Stefanie höflich, dies ist ein Veloabteil. Die Leute murren, wollen nicht aufstehen. Dabei steht an der Wand, man solle für einen reibungslosen Ein- und Aussteigeverkehr den Velos, Kinderwägen und Rollstühlen Platz im Abteil machen. Eine Frau sagt, wir sind schon lange unterwegs, mussten warten. Wir auch, sage ich, wir sind vierundzwanzig Stunden zu spät. Da sagt sie nichts mehr, sie stehen auf, wir zurren die Velos fest. An fast allen nachfolgenden Stationen steigen weitere Velos zu, man kommt kaum mehr durchs Abteil.

Im Wagen unterhalten wir uns mit einem Paar, das mit den Velos von Basel nach Nizza fährt in drei Wochen. Sie haben den Urlaub noch vor sich.

Gegen halb fünf erreichen wir den Badischen Bahnhof, helfen dem Paar noch auf den Weg in Richtung Süden und fahren dann zum Bahnhof SBB. Fast 26 Stunden später als geplant sind wir endlich endlich daheim. Der Erholungseffekt durch die Ferien ist schon wieder fast gänzlich verpufft.

(c) Katharina

 

 

 

 

 

 

Nach Hamburg rein (Holm-Seppensen – Hamburg)

Am letzten Tag regnet es. Wir räumen alles zusammen, schaffen es, das Zelt halbwegs trocken zu reiben, als es eine Zeitlang nur nieselt und ziehen unter zwei grosse Bäume fürs Frühstück. Es hätte nicht sein müssen, sagt Stefanie.

Wir steigen in die volle Montur, Regenjacke, Regenhose, Gamaschen, um die Schuhe trocken zu halten, dazu der Helmschutz und schicken uns drein. Anfänglich ist auf der Landstrasse, der entlang wir in typisch deutscher Manier auf dem Trottoir fahren, viel Verkehr, aber als die Strasse eine Kurve macht und wir gerade aus weiterfahren, bessert sich das. Es gibt leichte, lange Steigungen, die ich als nette Abwechslung zur topfebenen Nordseeküste empfinde. Auf unserer Übersichtstabelle sind die zwei Tage in der Heide deutlich erkennbar: Die Höhenmeter übersteigen deutlich die 200er Marke – an der Nordsee sind wir gar nie auf 100 gekommen.

(c) Scheuner

Dass Fahrräder in Deutschland oft aufs Trottoir verbannt werden, macht meist keinen Spass: holperiger Untergrund ist die Regel.

Mein Velo klingt wie geölt – ist es aber immer noch nicht. Vielleicht übertönt der Regen und das Rauschen der Reifen auch das Gequietsche. Mit dem Ölen ist es immer so eine Sache: Sobald man anfährt, denkt man, nein, ich wollte doch gestern ölen – heute Abend mache ich es bestimmt! Und am Abend sind Essen, Duschen, Lesen und die Unterhaltung wichtiger.

Stefanie schimpft bei Kilometer zehn, ihr sitzen noch die gestrigen Holperkilometer in den Beinen. Ich schlage vor, dass wir bei Kilometer 20 irgendwo drinnen was essen. Das ist eine meiner Methoden, wenn ich nicht mehr mag – nicht gleich nachgeben, aber sich ein klares Ziel setzen und das einhalten.

Etliche Kaffees passen uns nicht, als wir die 20-Kilometer-Marke überschritten haben, beim Freilichtmuseum muss man Eintritt zahlen. Die Frau an der Kasse erklärt aber, rund 400 Meter weiter gebe es einen Kiosk, da könne man reinsitzen. In der Tat, obwohl ich es eher als Restaurant beschreiben würde. Es gibt Currywurst und Pommes, mit Spezi (Mezzo Mix). Du bist unerbittlich, sagt Stefanie.

24 Kilometer vor der Innenstadt taucht das Ortsschild von Hamburg auf. Der Verkehr hat deutlich zugenommen, die Beschilderung ist weiter erratisch und schickt uns wild hin und her, die Fahrradwege erscheinen und noch holperiger als bisher. Plötzlich taucht etwas weiter vorne ein grosses, gemauertes Tor auf, dahinter öffnet sich eine neue Dimension, ein Wurmloch in die Zukunft, wir sind bei Stargate gelandet.

(c) Scheuner

Ein Tor in eine andere Dimension.

So sieht es zumindest aus: Hinter dem Tor öffnet sich eine alte Eisenbrücke mit vielen Verstrebungen, die in der Ferne undeutlich durch die regennasse Luft erkennbar sind. Wir durchqueren das Tor und ich blicke um mich, überrascht und fast ein wenig sprachlos, so unverhofft; schon nur dafür hat sich die Einfahrt nach Hamburg gelohnt, sage ich zu Stefanie, schaue mich um und fahre dadurch in Schlangenlinien über die Brücke. Komm, wir machen ein Fotoshooting, sagt Stefanie, die sich über meine Freude freut. Sofort stoppe ich, sie fährt nochmal zurück, ich fotografiere, später umgekehrt. Als wir die Brücke hinter uns lassen, ich schaue noch mehrmals zurück, die Verstrebungen, die alten Laternen, sage ich nochmals und mit Bestimmtheit, zumindest dafür hat es sich gelohnt.

(c) Scheuner

Diese alte Eisenbrücke ist das einzige, was sich an der 24km langen Strecke zwischen dem Ortsschild Hamburg und der Innenstadt gelohnt hat.

Etwas später stelle ich fest, es ist das einzige, aber auch wirklich das einzige, wofür es sich gelohnt hat. Der Rest ist nur nass und lärmig und gefährlicher Verkehr und holperige Velowege und schlechte Beschilderung. Über mehrere Kilometer erzählen die Schilder immer wieder „HH Centrum – 12 km“, dann „HH Centrum – 11 km“, dann wieder „HH Centrum – 12 km“.

(c) Scheuner

Lachen trotz mässig guter Laune.

Das Aggressionslevel steigt, wir möchten ankommen, wollen uns ja heute Abend mit Christoph treffen und haben gehofft, um vier Uhr in Hamburg im Hotel zu sein. Stefanie fährt auf einen Fussgängerstreifen hinaus, die Velo-/FussgängerInnen-Ampel ist grün. Da rollt ein Auto auf den Fussgängerstreifen zu, es ist abgebogen und hatte eine grüne Ampel mit orangem Blinklicht. Stefanie stoppt, will sich nicht anfahren lassen, da schaut der Autofahrer auf unsere Ampel, in dem Moment schaltet die auf rot, er deutet lehrerhaft darauf – ja, komm, fahr zu, sagt Stefanie – und explodiert.

Mit 17 Prozent Akkuleistung navigiere ich uns weiter, zwischendurch glauben wir wieder der Beschilderung, die uns aber im Zickzack durch ein Einfamilienhausquartier schickt. Jetzt explodiere ich, diese Beschilderung ist doch das blödeste, kriegen denn die das nicht hin, eine anständige, kohärente Beschilderung zu machen und beschliesse, ab jetzt einfach nach Google Maps zu fahren.

Das funktioniert auch tatsächlich und gegen halb fünf sind wir beim Hostel angekommen. Es liegt an einer stark befahrenen Strasse im Quartier Hammerbrook. Die Hostelzimmer gehören zu einem Fitnesszenter – wir tragen die Velos in den ersten Stock und schliessen sie im Flur vor unserem Zimmer ab. Dann einrichten, aufräumen, duschen, Geräte aufladen.

Abendessen gibt es mit Christoph in der Oberhafenkantine, einem schrägen Haus direkt an der Bahnlinie. Er ist mit fünf Kumpels in acht Tagen an die Nordsee gefahren – von Ulm. Das sind rund 1000 Kilometer. Zum Abschluss sind sie jetzt ein Wochenende in Hamburg, aber offenbar hat sich Christoph etwas von der Gruppe abgesetzt – deren Vorlieben liegen offenbar mehrheitlich beim Biertrinken…

Es ist ein gemütlicher Abend, wir tauschen alte und neue Geschichten aus, reden übers Radfahren im Allgemeinen und in Norddeutschland und müssen um neun Uhr unseren Tisch wieder freigeben.

Das ist uns nicht unrecht – fährt doch unser Zug morgen vor sieben Uhr. In 24 Stunden sind wir daheim, denken wir – und wissen noch nicht, wie falsch wir damit liegen.

(c) Katharina

In der Heide! (Soltau-Holm-Seppensen)

Die Tür hinter mir geht auf und ein Mädchen mit langen blonden Haaren fährt auf seinem Trottinett und einem rosaroten Rucksack an mir vorbei. Mit ihrer Mutter hat sie vorhin neben mir an den Lavabos gestanden und hat sich minutenlang die Haare gebürstet, während die Mutter sich die Haare föhnte. Während ich meine Medikamente nahm, die Zähne putzte und die Linsen einlegte, traf mich immer mal wieder der ausdruckslose Blick der rund Zehnjährigen.

Bald fahren wir tatsächlich auf einem schönen Heideweg, sandig ist der Boden und überall liegen Föhrennadeln. Links und rechts vom Weg tauchen erste Erikapflanzen auf. Blühen die schon oder noch, fragt Stefanie, aber ich weiss es nicht. Bei nahen Pflanzen ist die violett-rosa Farbe gut zu erkennen, in der Ferne sieht es eher nach braun aus. Über den rund dreissig Zentimeter hohen Büschen wachsen hie und da Föhren. Der Blick reicht nicht weit, bald stösst er an einen kleinen Wald am Horizont. Ich vermeine ätherische Öle zu riechen, leicht brennt es in der Nase, der Duft erinnert mich an das Mittelmeer. Wir sind in der Heide!

(c) Scheuner

Die ersten Meter in der Heide.

(c) Scheuner

Blühende Erikasträucher (Heidekraut).

Damit ist es aber bald vorbei, der Veloweg wird sehr abenteuerlich, Mais- und Getreidefehler tauchen auf, Hecken umrahmen Wiesen, auf denen Kühe grasen, Bauernhöfe und gepflügte Äcker. Ich dachte, die Lüneburger Heide sei ein Naturschutzgebiet, sage ich. Stefanie erinnert an Dieter, der uns auf dem Campingplatz in Burhave mit Bratwürsten versorgt hat und erzählte, dass die Lüneburger Heide auch nicht mehr sei, was sie mal war, dass es sich gar nicht lohne, hinzufahren, weil der effektive Heideteil heute nur noch eine kleine Fläche sei. Ich befürchte, dass die letzten paar Kilometer vielleicht die ganze Heidelandschaft gewesen sei, die wir heute sehen und bin sehr enttäuscht.

Wir schlagen uns nach Bispingen durch, ich suche mit dem Handy nach einem Weg. Aber der Weg wird zu sandig, zu begrast, so dass wir umdrehen. Stefanie sagt, vielleicht muss man den Schildern einfach mal vertrauen, was wir dann auch tun. Prompt wird der Weg noch schlimmer, sehr abenteuerlich bis praktisch nicht fahrbar. Hohes Gras, sehr unebener Boden, verschlämmt… Ein Paar mit grossen Rucksäcken und Wanderschuhen sieht uns erstaunt an, als es uns kreuzt. Das ist als Veloweg ausgeschildert, denke ich, sage aber nichts. Vielleicht muss man den Schildern einfach mal vertrauen, spöttle ich, während ich voranholpere, kann aber nicht lachen, weil ich mich dafür zu fest konzentrieren muss.

(c) Scheuner

Das ist ein offiziell ausgeschilderter Veloweg!

Beim Mittagessen auf einer Bank vor der mit roten Backsteinen gemauerten Kirche in Bisingen habe ich die Hoffnung auf eine anständige Heidelandschaft schon praktisch begraben. Wir gönnen uns gleich anschliessend Kaffee und Kuchen in der „Schmucken Witwe“ gleich auf der anderen Strassenseite.

Wir fahren weiter in Richtung Nordheide, als ein Schild kommt „Autos, Motorräder verboten“ und daneben eine Infotafel „Naturschutzgebiet Lüneburger Heide“. In mir frohlockt es, wir lesen den Text und ich sage, hier fängt das Naturschutzgebiet an, das war gar keine Heide bis jetzt und die Hoffnung ist aus der Asche auferstanden.

Die Heide ist mitnichten eine natürliche Landschaft. Sie entstand aus der Dreifelderwirtschaft heraus und würde heute in wenigen Jahren verwalden, wenn dagegen nicht angekämpft würde. Über Jahrhunderte hinweg haben die Heidebauern Heidepflanzen durch mähen und plaggen geerntet und als Einstreu verwendet. Kot und Urin der Tiere tränkten das Material und dadurch wurde es zu Dünger. Auf den abgeernteten Flächen konnte sich nur wieder die anspruchslose Heide regenerieren.

Den Hofdünger brachten die Bauern auf ihren insgesamt auch eher mageren Feldern aus. Dann bauten sie einige Jahre Roggen an. Wurde der Ertrag zu gering, weil durch die Ernte natürlich immer Nährstoffe abgeführt wurden, wechselten sie zum anspruchsloseren Sandhafer und danach zum Buchweizen. Danach ruhte das Land, wurde als Viehweide genutzt und erst dann wurde wieder neuer Hofdünger ausgebracht.

Wir fahren unter einer Strasse hindurch in das Naturschutzgebiet und bleiben nach einigen hundert Metern erstaunt stehen. Auf einem Stoppelfeld, im Naturschutzgebiet darf nur nach biologischen Richtlinien Landwirtschaft betrieben werden, tummelt sich ein junges Wildschwein. Völlig ungerührt von uns und einem entgegenkommenden Paar springt es über die Stoppelreihen, wühlt mit dem Rüssel im Boden und trabt weiter. Im Blickkontakt mit dem Paar steht die Frage: Wo ist die Mutter?

(c) Scheuner

Wo ist die Mutter?

Nach einigen Kilometern durch den Wald auf einer breiten, geteerten Strasse ohne Verkehr ist allerdings fertig mit lustig: Der Boden ist gepflastert! Daneben führt ein Sandweg entlang, in dem mehr als zwanzig Zentimeter tiefe Spuren von Fuhrwerken erkennbar sind. Wir holpern und schimpfen und holpern und schimpfen, eine kleine Anhöhe entlang und dann breitet sich die Heide aus. Wahrscheinlich ist nur rund um Wilsede noch Heide, dort gibt es bestimmt auch die Heidschnucken-Schafe, prophezeit Stefanie (und wird Recht behalten). In Wilsede ist das Freilichtmuseum der Heide. Wir halten an und beraten, während ein Fuhrwerk mit Touristen an uns vorüberzieht. Gemeinsam beschliessen wir dann, auf dem Wanderweg zu fahren, neben Sandpiste und Pflasterstrasse in Richtung Wilsede führt.

(c) Scheuner

Sandpiste und gepflasterter Weg durch die Heide.

Im Freilichtmuseum der sogenannten Heidebauern können wir viele der alten Geräte und Werkzeuge sehen. Viele Einrichtungsgegenstände sind aber nicht heide-typisch, sondern kennt man auch bei uns als der „guten alten Zeit?!“ Soviel steht auf einem Plakat, das zwei Männer beim mühseligen Plaggenstechen zeigt. Vom Wort „Plaggen“ kommt übrigens das uns bekannte Wort „Plackerei“. Zum Plaggenstechen gehören kurze Hacken sowie Geräte zum Greifen der „Soden“.

Die Herfahrt sei auch eine Plackerei gewesen, erzählen wir der Frau an der Kasse, mit den ganzen Pflasterstrassen. Sie berichtet, dass man früher nur auf den Sandpisten die Heide habe durchqueren können – und die hätten uns bestimmt auch keinen Spass gemacht. Da man aber sowieso immer Steine gesammelt habe, die durch die Winterbewegungen im Boden an die Oberfläche gearbeitet worden seien, sei es natürlich sinnvoll gewesen, die Strassen damit zu pflastern. Sie habe ein Velo mit sehr dicken Pneus und könne daher gut auf dem Strand fahren. Wir kommen auch mit einer anderen Mitarbeiterin ins Gespräch, die uns im Laufe dessen rät, später auf dem Pastor-Bode-Weg in Richtung Döhle zu fahren und dann nach Undeloh abzubiegen. Da würden wir wirklich durch die Heidelandschaft fahren. Ich glaube, sie hatte Mitgleid mit mir, weil ich so enttäuscht war von der bisherigen Heide.

(c) Scheuner

Eine Herde Heidschnucken (Schafe) mit einem Schäfer.

Zwar finden wir den Weg nicht auf Anhieb, es ist nicht ganz einfach, sich in dem Dorf aus traditionellen Häusern und der umgebenden Landschaft zu orientieren, aber auf Google Maps finde ich ihn schliesslich: Pastor-Bode-Weg. Bald rattern wir voran, der Untergrund ist sandig, von Wurzeln durchzogen, mit etwas Gras bewachsen und links und rechts nichts als Heidelandschaft. Obwohl ich mich auf den Weg konzentrieren muss, schaue ich immer wieder auf, schaue mich um, nehme die Landschaft in mich um, denke, jetzt bin ich in der Lüneburger Heide!

(c) Scheuner

Wir sind in der Heide!

(c) Scheuner

Die Wege fordern mich heraus.

Dann geht es länger bergab, wir können es ziehen lassen, aber da der Boden sehr uneben ist, richtet sich unsere ganze Aufmerksamkeit aufs Fahren. Ich rege mich nicht übers Holpern auf, denn wir sind ja in der Heide! Der Untergrund fordert mich aber, da ich keine Mountainbike-Vergangenheit habe wie Stefanie, das Surly schüttelt die Saccochen, ich höre das Besteck im Küchen-Tupperware klappern. Später wird der Weg noch herausfordernder, zumindest für mich, auf und ab geht es, immer wieder breiten sich grössere Sandstücke auf dem Weg aus, in dem die Reifen unserer Velos sofort schwimmen, dort verliert man rasant an Geschwindigkeit und kann auch kaum mehr lenken, wenn man tritt, drehen die Räder durch. Aber meist reicht es gerade so, dass ein Rad auf griffigem Boden ist und man sich quasi selbst aus dem Sand ziehen kann. Ich vergesse einen Moment lang alles um mich herum, inklusive der Wunde an meinem Bein, die weiterhin besorgniserregend aussieht und immer wieder juckt.

(c) Scheuner

Immer wieder gibt es sandige Pools, die die Geschwindigkeit drastisch reduzieren, aber oft kann man sich mit einem Rad selbst aus dem Pool ziehen.

Den Campingplatz in der Nordheide, an einem Badesee im Dorf Holm-Seppensen, erreichen wir, als die Sonne untergeht. Wir sind müde und spüren die Beine, die Holperstrecke in der Heide hat uns herausgefordert. Stefanie meldet uns an und bezahlt, ich werfe einen Blick auf den Camping. Am See stehen zwei Zelte mit zwei Velos, dürfen wir wohl auch direkt am See zelten, frage ich mich. In der Tat: Bald stossen wir unsere Velos an den beiden Frauen vorbei, die ihre Zelte quer zum See aufgestellt haben. Wir wählen den Boden sorgfältig aus, der sandige Untergrund ist zwar mit Gras bewachsen, aber es wird trotzdem nicht ganz einfach sein, die Häringe sicher zu verankern. Bald haben wir es aber geschafft, während Stefanie das Zelt einräumt, kümmere ich mich um den Apero.

Es dauert einfach immer so lange, Zelt aufstellen, einräumen, duschen, bis es etwas zu essen gibt. Daher haben wir uns angewöhnt, etwas Kleines zu essen, sobald das Zelt steht. Am Kiosk des nahegelegenen Minigolfplatzes erstehe ich einen Teller Kartoffelsalat und zwei Getränke – ein Mezzo Mix für mich. Das ist das Getränk dieser Veloferien – die Mischung aus Cola und Fanta finde ich erstaunlich gut und man findet sie in Deutschland fast überall.

(c) Scheuner

Camping in Holm-Seppensen.

(c) Scheuner

Am Badesee in Holm-Seppensen.

(c) Katharina

Am Rande der Heide (Bad Zwischenahn – Oldenburg (Zug) – Soltau)

Zimmer ohne Frühstück haben wir gebucht und kochen uns Tee am Ufer des Zwischenahner Meeres. Dann rollen wir mehrheitlich der Bahn entlang durch einen lichten Wald nach Oldenburg. In der Innenstadt stossen wir direkt auf dem Ökomarkt und kaufen Heidelbeeren, Nektarinen, Tomaten und Zucchetti.

Die Frau fragt uns, woher wir seien, aus der Schweiz, antworte ich. Sie nickt so anerkennend mit dem Kopf, dass ich erklären muss, dass wir ab Hamburg gefahren seien. Warum nehmen alle Menschen automatisch an, dass wir aus der Schweiz hergefahren seien? Wenn ich dann das mit dem Zug und Hamburg erkläre, finden sie die Leistung schon wieder klein. Meist ist es doch andersrum, sie glauben einem nicht, dass man schon so weit gefahren ist…

Im Zug nach Bremen fällt Stefanies Blick auf meinen Unterschenkel. In der geröteten Fläche rund um die Verletzung hat sich nochmal eine deutlich abgrenzbare Stelle in dunklerem Rot gebildet. Uns ist plötzlich beiden nicht mehr wohl und eine Rückfrage bei Stefanies Mutter, die das Foto von der Stelle prompt in der Apotheke herumzeigt und nach Rat fragt, bestätigt unser Gefühl – ich muss es anschauen lassen, wir sind erst in mehreren Tagen wieder in der Schweiz.

In Bremen bringen wir tatsächlich alle Saccochen und Wasserflaschen in einem Schliessfach unter. In der Bahnhofsmission frage ich nach einer Hausarztpraxis. Ein älterer Mann arbeitet am Computer, ein jüngerer sagt zu mir, hm, da könnte ich ihnen nur (irgendein Name) empfehlen. Der ältere schaltet sich ein und sagt plötzlich, Sie sind nicht obdachlos und ich verneine. Erst da merke ich, dass die meisten Leute, die an einem der Tische hinter mir sitzen, doch etwas verloren aussehen. Nein, sage ich, ich komme zu Ihnen, weil ich hier niemanden kenne und Hilfe brauche. Mittwochnachmittag seien alle Hausarztpraxen geschlossen, sagt der Mann, wie lange sind Sie schon in Bremen? Rund zwanzig Minuten, sage ich und er lacht. Auf einen Zettel schreibt er mir eine Adresse, der notfallärztliche Bereitschaftsdienst in einem Spital.

(c) Scheuner

Alle 8 Saccochen und die Wasserflaschen passen in ein Schliessfach.

Die Frau am Empfang nimmt meine Daten auf, lässt sich erklären, was ich habe. Dann füge ich noch zögernd hinzu, im Prinzip haben wir einen Zug um sechs, wenn Sie es also möglich machen könnten, dass wir ihn erwischen, wären wir Ihnen sehr dankbar. Aber sonst ist natürlich auch okay. Die Frau, Mitte fünfzig, halblange graue Haare und ein recht strenger Blick, schaut zweifelnd auf die Uhr an der Wand, aber ich spüre, dass ich genau den richtigen Ton getroffen habe, bittend, aber verständnisvoll, denn sie sagt schliesslich, setzen Sie sich in Vorraum zwei.

Kaum zehn Minuten später erzähle ich meine Geschichte, die Ärztin sticht die Wunde an und schaut, ob noch ein Zeckenkopf drin sei. FSME-übertragende Zecken gebe es in der Region nicht, sagt sie dann. Alles andere sehe man erst nach rund zwei Wochen, dann desinfiziert sie und entlässt mich wieder.

Wir schaffen den Zug locker, haben die Velos mit den Gummizügen fest vertäut und sitzen mit angeschalteten Readern auf zwei Sitzen. Es wird 18.46, aber der Zug fährt nicht ab. Sehr geehrte Fahrgäste, leider befinden sich zur Zeit Kinder auf dem Geleis, dadurch verspätet sich unsere Abfahrt. Aber die Polizei ist schon unterwegs. Die Nachricht entlockt einigen der entspannteren Fahrgäste ein Grinsen, eine Frau tippt auf dem Handy herum und sagt dann, meine Kinder sind es nicht, die liegen bereits im Bett, habe ich gerade gecheckt. Ausserdem sind sie noch zu klein.

Eine halbe Stunde später sind wir erst auf dem Weg nach Soltau, südlich der Lüneburger Heide gelegen.

Es dunkelt schon ein, als wir die sechs Kilometer von Soltau unter die Räder genommen haben und unser Zelt aufstellen, einen Tee kochen und Brot und Käse essen, bevor wir duschen und uns in den Schlafsack verkriechen. Morgen geht es in die Heide, denke ich, als ich den Kopf auf meinen Kissensack bette, endlich! Ich erinnere mich an die Heide an der französischen Atlantikküste, da war ich wohl fünfzehn oder sechzehn, am Ende der Heidelandschaft hat Hans gesagt, schau dir alles nochmal gut an, wer weiss, ob und wann zu je in die Heide zurückkehrst. Ich habe nochmal die Augen über die ebene Landschaft mit den niedrigen violett blühenden Erika, dem Heidekraut, schweifen lassen, bin noch einige Schritt auf dem federnden Boden mit den blankgelegten Wurzeln gegangen, habe noch einmal an das Gedicht von Theodor Storm gedacht:

Über die Heide hallet mein Schritt;
dumpf aus der Erde wandert es mit.

Herbst ist gekommen, Frühling ist weit –
gab es denn einmal selige Zeit?

Brauende Nebel geisten umher,
schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.

Wär‘ ich nur hier nicht gegangen im Mai!
Leben und Liebe – wie flog es vorbei!

Mehr als zehn Jahre, ja mein halbes Leben ist seither vergangen und ich kann mich an keine Heidelandschaft dazwischen erinnern. Hans hat recht gehabt, man weiss nicht, ob und wann man zurückkehrt.

Die Lüneburger Heide ist einer jener Begriffe, die einem im Kopf rumschwirren und jedesmal, wenn man sie hört oder an sie denkt, beschwören sie ein Gefühl herauf, eine Notwendigkeit, einmal im Leben dorthin zu fahren, das zu sehen, sich dort zu befinden, dort zu sein, ein Wunsch, ein Punkt auf der Bucket List, auf der sich alles befindet, was man im Leben tun möchte, und dazu gehörte irgendwie auch die Lüneburger Heide. Das Wort Heide selbst löst in mir die Vorstellung einer speziellen, aber nicht unbedingt harmonischen oder hübschen Landschaft aus, sondern eher von einer etwas Kargem und Eintönigem und Weitem. Ich bin sehr gespannt auf morgen!

(c) Katharina

Leer (Bingum) – Bad Zwischenahn

Am nächsten Morgen geniesse ich einen Moment die Ruhe, sitze in meinem Stuhl und lese, während das Teewasser kocht. Ich habe einen Fuss auf das andere Knie gelegt und merke, dass oberhalb des Innenknöchels etwas absteht, wische mit der Hand darüber, es blutet leicht, vielleicht habe ich mich irgendwo unbemerkt verletzt und jetzt hat sich ein Bluttropfen gebildet. Ich vergesse den Vorgang sofort wieder.

Zum Abendessen gestern gab es Speck und Pilze in der Sauce, heute morgen Speck im Rührei. Länger kann man die Speckwürfel nicht aufbewahren. So sitze ich später mit Speck im Mund, kauend, mit geschlossenen Augen in der Sonne und denke, gut geht es mir.

(c) Scheuner

Stefanie macht Frühstück.

(c) Scheuner

Speck mit Rührei.

Meine Ferienbücher habe ich bereits ausgelesen und weil mein Reader bezüglich W-Lan etwas wählerisch ist, lese ich halt nun alte Bücher. „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling über seine Zeit auf dem Camino de Santiago habe ich als unterhaltsames Buch in Erinnerung. Darin sagt ihm eine Frau, Glückseligkeit gebe es nur nach Leid. Das Licht brauche Dunkel, nur auf das Licht könne kein Schatten fallen. Das Dunkel jedoch könne auch ohne Licht existieren. Kerkeling ist erstaunt und hat offenbar darüber noch nie nachgedacht. Das ist vielleicht auch verständlich, als absoluter Couch-Patatoe hat er sich den Weg vorgenommen und macht es ganz gut.

An wesentlich härtere Abenteuer-Bücher gewöhnt, ist mir der Gedanke gut bekannt. Seit ich beschlossen habe, nach Neuseeland zu gehen, hat die Suche nach Grenzen weiter zugenommen. Früher ging es eher um Mut, traue ich mich, Gleitschirm zu fliegen oder in einem Segelflugzeug ein Kunstprogramm mit Looping und trudelndem freien Fall zu sitzen, später ging es eher um körperliche Leistung. Schaffe ich es, mit dem Velo über die Grimsel zu fahren? Auch Neuseeland selbst gehört dazu, schaffe ich es, drei Monate lang beinahe jeden Tag Velo zu fahren? Schaffe ich die Pässe, den Gegenwind, die Hitze, den Regen, die Einsamkeit, das Alleinsein und halte ich mich selbst dabei aus? Kann ich mich motivieren? Kann ich meinen Kopf über meine Beine stellen? Kann ich weitermachen, obwohl ich nicht mehr mag?

Aus körperlich schwierigen Situationen ziehe ich heute eine Zufriedenheit, die in meinem Innersten etwas erschafft, Stein auf Stein legt, die ich nicht mehr verlieren kann. Nicht mehr zu mögen, sich an einer Grenze zu glauben und sich darüber hinwegzusetzen, um zu merken, dass es doch noch geht, hat fast etwas Heilsames, bin ich überzeugt. Natürlich kann man auch brechen, aber bei körperlichen Herausforderungen habe ich den Eindruck, ist das Risiko kleiner als bei psychischen. Auch die Folgen sind anders.

Neuseeland ist mir dieser Tage sowieso nah, nicht nur wegen des Radfahrens. Überraschend hat Christoph, der Ulmer, den ich in Neuseeland kennengelernt habe, einen Gruss von der Nordsee geschickt. Ich bin auch an der Nordsee! habe ich geantwortet und zufällig ist er am Wochenende in Hamburg. Wir haben uns auf ein Bier verabredet!

Leer ist laut den Notizen von Stefanie eine der velofreundlichsten Städte Norddeutschlands. Das dürfen wir uns nicht entgehen lassen, sind wir uns einig und erwarten jetzt natürlich, dass man super rein- und auch wieder rausfindet. Es ist ein hübsches Städtchen mit diversen „Radstrassen“, ganz viel rot geplättelten Häusern, Strassen und allem, was sich halt so plätteln lässt. Vor dem Rathaus orientieren wir uns neu. Unten an der breiten Treppe steht eine Gruppe alter Menschen mit Rosen in der Hand, offenbar ist das Rathaus auch das Standesamt. Ich hätte gerne gewartet und gesehen, wer geheiratet hat – jemand, dessen gesamte Hochzeitsgesellschaft aus alten Menschen besteht klingt nach einer guten Geschichte.

(c) Scheuner

Fahrradstrasse in Leer.

Aber wir fahren weiter, leider ist die Beschilderung nicht ganz so verständlich, wie man sich das wünschen könnte. Trotzdem finden wir einen Bioladen. Ich warte draussen mit den Velos. Ein Mann mit einem Transportvelos ist mit Drillingen unterwegs, die alle an einem Eis lutschen, ungefähr sechsjährige Mädchen. Ein spazierendes Paar spricht ihn auf die Drillinge an und ich überhöre einen Teil des Gesprächs, da ich nur wenige Meter dahinter an meinem Velo lehne. Es ist ganz klar, sagt der Mann, es braucht Struktur und Regelmässigkeit. Wir haben von Anfang an bestimmt, wann gewickelt und gestillt wird. Wenn Sie hier nicht den Ton angeben, haben Sie verloren. Ich nerve mich im ersten Moment, weil die Mädchen gleich angezogen sind, verstehe aber, dass man jeweils gleich dreimal die gleiche Kleidung kauft. Alles andere ist sehr aufwändig – aber warum müssen alle immer genau das gleiche anziehen?

Den Weg aus Leer hinaus finden wir hingegen ziemlich gut. Wir wollen der Leda entlang fahren. Der Radweg endet bald im Wasser – wir müssen eine Pünte nehmen, eine einfache Fähre über die Jümme. Auf einem Schild steht, Fahrgäste bitte Zeichen geben, und als ich keine Klingel oder ähnliches finde, überlege ich, laut zu Juuzen. Dann stellt sich aber heraus, Montag und Dienstag Ruhetag…

(c) Scheuner

Leider ist Ruhetag bei der Pünte (Fähre) über die Jümme.

Also folgen wir der Jümme, einem mäandernden Fluss, dessen Deich so niedrig ist, dass wir praktisch auf der Höhe des Wasserspiegels fahren und über den Deich schauen können. Eine Weile liefern wir uns ein Wettrennen mit einem Schiff „Andrea“ und gewinnen. Als wir in einem kleinen Holzunterstand picknicken, schiebt sich das Schiff aber wieder an uns vorbei. Die Strasse führt eng dem Flüsschen entlang, wir wechseln immer wieder die Himmelsrichtung, haben leichten Gegenwind, dann Rückenwind, immerhin wird schön abgewechselt.

(c) Scheuner

Leider ist Ruhetag bei der Pünte (Fähre) über die Jümme.

(c) Scheuner

Kleiner (einseitiger) Wettbewerb mit dem Schiff „Andrea“.

Wir sind wieder auf dem Land, alle Entgegenkommenden oder Überholenden grüssen, sogar ein Töfflibueb. Wenn wir in eine Stadt kommen, finden wir es zuerst immer komisch, dass die Leute nicht grüssen. Ob sie hier noch „Moin“ sagen wie an der Nordsee, sind wir uns nicht sicher, aber es ist am einfachsten.

In Augustfehn ist es Zeit für einen Kaffee und Stefanie fragt zur Sicherheit in einer Bäckerei nach, ob sie eine Toilette haben. Bald sitzen wir mit einer grossen Schale Milchkaffee und einem Stück Kuchen an einem der vier Tische. Als Stefanie nach dem Klo fragt, stellt sich heraus, dass wir das private Klo der Bäckerin benutzen dürfen. Ich freue mich darüber, die Frau ist sympathisch und als Stefanie zurück ist, lasse ich mich von der Frau zum Klo führen. Der Weg führt durch etliche Räume mit Teigmaschinen und fahrbaren Regalen mit Blechen, auf denen gebackene Teilchen stehen, alles ist weisslich vom Mehl, Mehlsäcke stehen herum. Als wir unser Zvieri bezahlen und noch Brot und ein Rosinenbrötli kaufen, sehe ich das Bioland-Siegel. Es ist eine Bioland-Bäckerei!

Als wir aus der Tür treten, hat Regen eingesetzt. Zwar nieselt es erst noch, aber wir ziehen uns die Regensachen über, wer zeltet, sollte nicht allzu nass werden. Als wir in Bad Zwischenahn ankommen, hat sich der Himmel grau bedeckt und es regnet auf eine zurückhaltende, dauerhafte Art, die durchaus bis morgen dauern könnte. Stefanie schlägt vor, dass wir uns ein Hotel gönnen – wir wollten ursprünglich in Emden eines nehmen, aber dann hatten sich ja die Pläne geändert. Also liegt eine Übernachtung im Hotel durchaus im Budget.

Der Abend wird zu einem Tiefpunkt unserer Ferien: Das Hotelzimmer ist klein und das Fenster können wir nicht öffnen, weil es draussen von der Abluft einer nahen Restaurantküche penetrant nach altem Öl riecht. Da wir grossen Hunger haben, setzen wir uns ziemlich bald in ein Restaurant und essen Fisch, der sich leider als gefroren herausstellt, der Salat wird in der Sauce ertränkt – nur die Pommes Frites sind richtig gut. Wir regen uns über uns selber auf, müssen aber auch ein bisschen lachen – und gönnen uns ein Eis in einer Eisbude.

Damit schlendern wir dem Zwischenahner Meer entlang, einem grossen See. In einer Art Freilichtmuseum wurden hier verschiedene traditionelle Häuser aus der Umgebung aufgebaut, mit Reetdächern und gemauertem Fachwerk – interessiert stelle ich fest, dass das, was ich an den Reetdächern bisher nicht identifizieren konnte, getrocknetes Heidekraut ist.

Loch an Loch und dichtet doch, sagt der zwanzigjährige Lehrling im dritten Lehrjahr als Dachdecker Fachrichtung Reetdach und lächelt uns vom Bildschirm meines Tablets entgegen. Nach dem misslungenen Abend liegen wir im Hotelbett und schauen uns eine Dokumentation über den Beruf Reetdachdecker an. Mit Heidekraut wird der Giebel gefüllt und der Dachfirst gemacht. Es gibt auch Fachwerk, das mit Heidekraut ausgefüllt wird.

Erst gegen halb elf können wir endlich das Fenster öffnen, die Küche hat jetzt geschlossen. Draussen regnet es schon länger nicht mehr, der Himmel hat aufgemacht und wir sind uns reuig und wären lieber im Zelt.

Ich schmiere Fenistil Gel auf meine Wunde über dem Innenknöchel, vielleicht war es halt doch eine Zecke. Der Einstich ist hart geworden und hat sich darum herum rot verfärbt. Ausserdem juckt es.

(c) Katharina

Grosse Schiffe (Emden (Knock) – Leer (Bingum))

Das erste Ziel heute ist die Kesselschleuse in Emden. Unterwegs fragt Stefanie einen Mann nach dem Weg, während ich auf dem Handy herumtippe. Als der Mann in die Richtung deutet und sagt, 200m geradeaus, halte ich das Handy hoch und rufe: Ich habs! Der Mann sagt, dann wollen Sie bestimmt in die Jugendherberge, worauf wir fast ein bisschen entrüstet verneinen – es ist noch nicht mal Mittag!

(c) Scheuner

Kesselschleuse (Wasserstrassen-Kreuzung) in Emden.

Die Kesselschleuse ist eine Wasserkreuzung, vier Kanäle mit unterschiedlichen Wasserständen münden in einen runden Kessel, alle Kanäle können mit Schleusentoren geschlossen werden. Leider passiert nicht viel und wir machen uns auf die Suche nach einem Kaffee. Das stellt sich leider als schwierig heraus – ebenso schwierig, wie aus Emden rauszukommen.

Stefanie ist erschüttert, dass es nach Leer noch gut zwanzig Kilometer sind – denn wir wollten es heute eigentlich noch mindestens zwanzig, eher dreissig Kilometer über Leer hinaus schaffen. An einem Wegweiser mit verschiedenen Radwegen ist ein Schild montiert, Umleitung hier durch, aber man weiss nicht warum und wo der Radweg gesperrt ist. Wir fragen eine Frau, die uns mit dem Rad entgegen kommt, aber uns nicht weiterhelfen kann. Das passiert oft: Man fragt Radfahrende aus der Region, aber manchmal sind sie sich überhaupt nicht bewusst, dass es Radwege gibt, geschweige denn Radfernwege oder Radwanderwege, wie zum Beispiel die Europaradroute entlang der Nordsee, die in Dänemark anfängt und in Holland endet. Dann fühle ich mich, als gehörten wir einer Gemeinschaft an, die nicht so bekannt ist, als wären die Radwege ein geheimes Wegnetz, das durch die Region, das Land oder durch Europa führt, von dem nur wenige wissen.

Wir fahren also weiter, Stefanie schimpft, wie kann das so schwierig sein, eine anständige Markierung zu machen, mit Wegweisern, die deutlich in die richtige Richtung zeigen, mit kleinen Schildern für den jeweiligen Radweg, die an den wichtigen Orten angebracht sind…

Wir landen in einem Industriegebiet, in dem ein Lastwagen sich nicht traut, uns zu überholen und beide, wir und der Lastwagen, finden bald heraus, wo der Veloweg gesperrt ist. Beide müssen wenden.

Wir beschliessen, bis Leer zu fahren und dann weiterzuschauen. Da fällt uns ein, dass wir für die Zugfahrt nach Soltau einen Ruhetag eingeplant haben, was eigentlich gar nicht nötig ist. Dadurch lässt sich die Stresse bis nach Oldenburg in komfortable Tagesetappen aufteilen.

Entlang der Bahn führt ein holperiger, geplättelter Radweg, es schüttelt uns und die Velos, schlecht verhaltene Flüche verlassen unsere Lippen. An einem Bahnübergang hat es einen kleinen Kasten mit einem Knopf – die Schranke ist immer geschlossen. Wer die Schienen überqueren will, muss drücken. Das hat uns neulich eine Einheimische vorgemacht. Also drücke ich den Knopf und sage, einmal die Schranke, bitte. Darauf kommt eine schwierig verständliche Antwort, etwas von „warten“ und „Zug“. Wenige Minuten später fährt ein Zug durch, dann geht die Schranke hoch. Ich rufe „Danke“ in Richtung des Gerätes, bin aber nicht sicher, ob das in der Zentrale gehört wird.

(c) Scheuner

Bahnübergang mit stets geschlossener Schrank. Wer durch will, muss mal drücken und nett fragen.

35 Kilometer die Ems hoch liegt die Meyer Werft in der Nähe von Papenburg. Die Werft baut grosse Kreuzfahrtsschiffe, die – vom Stapel gelassen – die Ems runter bis ins Meer fahren, um dann an ihren Bestimmungsort gebracht zu werden. Nun ist die Ems zwar ein stattlicher Fluss, aber nichtsdestotrotz sind diese Schiffe viel zu gross dafür. Daher sind die Überführungen regelrechte Spektakel, die Giganten werden von kleineren Schiffen gezogen. Unter anderem wird dafür die Ems auch gestaut – an dem Emssperrwerk, gegen den sich ansässige Einzelpersonen und Naturverbände gewehrt haben. In erster Linie soll das Sperrwerk dem Hochwasserschutz dienen, denn es kann bei Sturmfluten und aussergewöhnlichen hohen Wasserständen der Nordsee geschlossen werden, was das dahinterliegende Land und die Städte schützt. Aber natürlich nützt das Sperrwerk ebenso der Meyer Werft, die nur dadurch an ihrem traditionellen Firmensitz weiterhin die grossen Kreuzfahrtsschiffe bauen kann. Natürlich behält des auch Arbeitsplätze in der Region und nicht wenige.

Wir hatten kein Glück und sahen kein unnatürlich gross erscheinendes Schiff die Ems runterfahren. Das soll jedesmal ein grosses Spektakel sein, da man nie so nah an die Schiffe sonst rankommt und der Anblick dieser grossen Schiffe in dem kleinen Fluss wirklich etwas Spezielles sind.

(Bild: wattenrat.de)

Giganten von der Meyer Werft. (Bild: noz.de)

Das meiste davon erfahren wir von einer Schautafel auf einem Aussichtspunkt. Drei Schafe grasen auf dem Deich und kommen auf uns zu, als sie uns sehen. Die drei Böcke sehen aus wie Comic-Schafe. Vollkommen rund, steckt in der Mitte der recht breite Kopf und unten schauen aus dem Pelzmantel vier schlanke Beinchen heraus. Sie lassen sich bereitwillig kraulen. Die Finger versinken in der dichten Wolle, die nach der verklebten, verdreckten äussersten Schicht frisch und weiss und sauber ist. Stefanie schaut durch ein fest installiertes Fernglas. Auf dem Schiff gibt es ein Auto, sagt sie und dann: Und ein Velo. Ausserdem hängt da Wäsche. Unten auf der Ems fährt langsam ein niedriges Frachtschiff in Richtung Dollart und der Nordsee.

(c) Scheuner

Drei Böcke auf dem Deich.

Kaffee finden wir in einem Ort, in dem das meiste geschlossen hat. Aber ein Mann erklärt uns, wie wir zum Supermarkt finden, dort gebe es auch eine Bäckerei. Nach einem grossen Milchkaffee und zwei Stück gefülltem Teekuchen kaufen wir ein. Stefanie hilft einem Mann, Saft zu suchen und er sagt, ach, Sie kommen aus der Schweiz? Und da kommen Sie hierher? Bei uns sagt man, wenn man Ostfriesland sieht, musst du weiterfahren…

Wir sind heute etwas angeschlagen und nehmen gerne die Gelegenheit war, in Brouwen’s Hofladen einzukehren. Der Kartoffel-Grosshandel-Betrieb hat einen hübschen Hofladen direkt an der grösseren Strasse, natürlich mit Kartoffeln, aber auch verschiedenem Gemüse, Fertigwaren im Glas von einem anderen Betrieb und kleinen Geschenken. Wir kaufen Schafmilchseife zum Heimnehmen, Heidelbeeren, Kirschen, einen Ostfriesen-Eistee zum Probieren und endlich auch Wattwürmer. Bei Brouwens sind das rund 40 cm lange geräucherte Würste. Aber hier oben wird aus dem Wattwurm Profit geschlagen, wo es nur geht. Auf Märkten und in Läden haben wir festgestellt, dass nahezu alles, was lang und dünn ist, hier den Namen Wattwurm trägt.

(c) Scheuner

In Brouwen’s Hofladen.

Von dem wohl berühmtesten Tier im Wattenmeer sind bei Ebbe allerdings nur die Hinterlassenschaften zu sehen – kleine Kotkringelhäufchen, ähnlich den Regenwürmern auf dem Land. In der Seehundstation in Norden gab es eine Ausstellung über das Watt und dort stellte ich fest, dass im Watt genau wie auf dem Acker und auf dem Grünland die Würmer eines der zentralsten Tiere sind: Sie verbessern den Luft- und Wasserhaushalt und die Bodenqualität.

Weiter geht es auf einer kleinen mit Betonplatten ausgelegten Strasse direkt hinter dem Deich. Kaum sind wir über die kleinen „Bovistops“, eine Serie von Stangen, die Schafe am Überqueren hindern, gerattert, sehen wir in rund hundert Metern zwei Männer, die offenbar versuchen, rund zehn bis fünfzehn Hühner davon zu überzeugen, sich in ein Gehege zu bewegen. Warte mal, sage ich zu Stefanie, die schaffen das sonst nie. Also halten wir, einen Fuss auf dem Pedal, der andere am Boden, setzen wir uns schräg auf die Velostange und schauen zu. Der jüngere Mann steht an der Deichschräge und scheucht die Hühner mit ausgebreiteten Armen langsam in Richtung Plattenstrasse und in das Gehege dahinter, der ältere Mann versucht, die Hühner drinnen am Rausgehen zu hindern, aber trotzdem die sich draussen befindlichen hineinzuscheuchen. Ich befürchte schon, dass es noch lange dauern könnte, da sind endlich alle Hühner verschwunden. Der junge Mann wartet an der Strasse auf uns, als wir weiterfahren und sagt, danke fürs Warten. Gern geschehen, sage ich und als wir schon dreissig Meter weiter sind, zu Stefanie: Wir bremsen für Bauern.

Am Abend sitze ich gemütlich neben dem Zelt und lese, Stefanie ist Duschen gegangen. Der Campingplatz war ziemlich leer, als wir uns niedergelassen haben, danach sind noch einige Velo-Parteien gekommen. Die Zeltwiesen sind jedoch in grosse Abschnitte mit Hecken getrennt eingeteilt und so kann sich jede Partei einen eigenen Abschnitt nehmen. Wir haben also rund drei Aren nur für uns alleine. Eine Horde von Jungen fährt mit den Velos ständig die Rampe hoch zur Toilette rauf und runter, das Geratter und ihre aufgeregten Rufe sind das einzige Geräusch an dem lauschigen Abend.

Wollen Sie bei einem Duell mitmachen, höre ich plötzlich eine Stimme und die vier Jungs stehen auf dem Weg vor unserer Parzelle. Ich lehne ab, will lesen, aber sie bleiben hartnäckig. Ich müsse nur die Arme kreuzen, die Finger verschränken und dann würde er auf einen Finger zeigen, den ich heben müsse. Belustigt erhebe ich mich und sage, ach, das haben wir als Kind auch gemacht, komme mir dabei aber unglaublich alt vor. Der grösste Junge zeigt auf einen kleineren, gegen ihn treten Sie an. Ich verrenke mich entsprechend und der Kleine auch. Der Grosse zeigt auf einen meiner Finger, berührt ihn aber und ich strecke ihn. Wenn du den Finger berührst, ist es superleicht, sage ich und er schlägt sich die Hand an den Kopf, nein, ich bin ja so doof, Sie haben gewonnen, Sie sind gut. Ich muss lachen und kehre zurück zu meinem Buch.

Beim Abendessen unterhalten wir uns darüber, was ein Meer ausmacht. Jetzt sind wir wirklich an der Ems, das Meer ist weit weg und trotzdem hatte ich nicht das Bedürfnis, mich vom Meer zu verabschieden. Das hatte ich sonst immer – aber es zeigt mir in diesem Moment eher, dass ich die Nordsee gar nicht so richtig als Meer wahrgenommen habe. Tagsüber war es weg, weil wir in einer Woche da waren, in der tagsüber Ebbe war und auch bei Flut sah man ständig Land am Horizont. Entweder waren wir am Jadebusen, einer Bucht mit recht engem Ausgang, also hatten wir praktisch immer „Land in Sicht“ und später waren die Inseln Spiekeroog und Co. vorgelagert, also hatten wir auch da immer Land am Horizont. Diese Weite, der für ein natürliches Phänomen viel zu perfekt ebene Horizont, die Wellen, die kommen und gehen und bei denen ich immer daran denke, dass Menschen vor hunderten oder tausenden von Jahren die gleiche Sicht hatten, wenn man Strandkörbe, Eisbuden und andere menschgemachten Sachen ausblendet, das hatte ich hier gar nicht so. Stefanie erging es ähnlich, auch das eine entzauberte Kindheitserinnerung.

Wir waren nur kurz im Watt. Die Begeisterung, die eine Gruppe von Kindern hatte, die in kurzen Hosen und Leibchen mit Schaufeln bewaffnet Löcher gruben und fasziniert darin herumstocherten, war bei uns nicht auszulösen. Uns war kalt mit den heraufgerollten Hosen, gegen den Wind trugen wir die Regenjacken und hatten die Kapuzen hochgeklappt. Wir duschten unsere Füsse, wuschen die Socken grob aus und waren froh, wieder in unsere trockenen Schuhe zu kommen.

(c) Scheuner

Hoi du.

(c) Scheuner

In Emden-Knock.

(c) Katharina

Meer und Meer (Norddeich-Emden (Knock))

Auch am nächsten Morgen haben wir „Frühstücksfernsehen“. Das Wetter ist wieder windig, aber kein Vergleich zu Vorgestern. Dazu scheint die Sonne. Aus einem versteckteren Teil der Fahrradzeltwiese tauchen eine Frau und ein Kind auf, beide mit normalen Velos, haben sie auf dem Gepäckträger in einem Körbchen Zelt und Schlafsack, der Junge hat am Lenker mit Kabelbindern eine graue Plastikkiste befestigt, in der sein Rucksack liegt, die Frau trägt einen Rucksack.

Vermutlich bleibt mir ein bisschen der Mund offenstehen, Teetasse in der Hand. Nicht zum ersten Mal denke ich angesichts solch einfacher Ausrüstung, die jedoch in ihrem Fall noch alles toppt, was ich bisher gesehen oder woran ich mich aus eigener Erfahrung als Kind und Teenager noch erinnere, das sind die richtigen AbenteurerInnen. Wir mit unserem Expeditionszelt und den Hightech-Superschlafsäcken, mit Windstopper-Softshell-Kleidung und den wasserdichten Ortlieb-Saccochen – was ist daran noch Abenteuer? Es wird doch gut ausgehen, wo ist da noch die Unsicherheit, die Ungewissheit eines glimpflichen Ausgangs, das Risiko, dass etwas schief gehen könnte? Und wo denn noch das Gefühl, etwas erreicht zu haben?

Ich äussere meine Gedanken, Stefanie sagt: Du weißt ja nicht, woher sie kommen, vielleicht wohnen sie in Norden. Dennoch, verteidige ich meinen Gedankengang, stell dir vor, was der Junge in der Schule dann zu erzählen hat. Vielleicht ist aber das Erlebnis, mit der Mutter oder der grossen Schwester Zelten gegangen zu sein, alles mit dem Rad transportiert zu haben, auch vor allem für ihn ein Abenteuer und die SchulkameradInnen, die den Sommer in Thailand, Kalifornien oder beim Tauchen am Mittelmeer verbracht haben, lächeln nur müde ab seinen Erzählungen. Auch für mich (Stefanie) war es als Mädchen bereits ein Abenteuer, im Garten meiner Grosseltern im Zelt zu schlafen.

Als ich beim Zusammenrollen des Zelts den Regenwurmkot von der Unterseite des Zeltbodens wische, ist er sandig.

Endlich wieder fahren! Auf dem Radweg halten wir auf Norden zu, die ruhige Landstrasse führt zwischen Weiden und Getreidefeldern entlang. Ich schaue auf die Strasse und dann auf meine Beine, die wie die Kolben eines Motors auf und ab gehen, in einem strengen Takt, zack, zack, zack, zack, eine gute geölte Maschinerie, unter ihnen fliegt der Asphalt nur so weg, die Bändel meiner Schuhe sind zu langsam und bleiben einen Moment in der Luft stehen, wenn der Schuh das Pedal niederdrückt, dann fällt er auf den Schuh, wenn dieser schon fast wieder im Begriff ist, hochzukommen. Vorwärts, vorwärts, Kopf runter und treten, treten, meine Augen suchen den Strassenbelag ab, gibt es Unebenheiten oder Löcher, grosse Steine, dann weiche ich aus, greife kurz an die Bremsen, um bereit zu sein – endlich geht es wieder vorwärts!

Wir wollen heute zum „Grossen Meer“, einem grossen Niedrigmoorsee. Nicht zum ersten Mal glaube ich die geografische Nähe zu Holland in der Sprache festzustellen. „Meer“ bedeutet auf Holländisch See, während „Zee“ sowohl See als auch Meer im Sinne von Ozean bedeutet. Auch der hiesige Dialekt, das Plattdeutsch, hat gewisse Ähnlichkeiten mit dem Holländischen – wobei es sicher hier genauso als Sprache wahrgenommen wird wie wir das Schweizerdeutsche als Sprache verteidigen, hat grosse Ähnlichkeit zum Holländischen.

(c) Scheuner

Kanäle rund ums grosse Meer. Aus einer Höhe von 20m von einem Vogelturm herab.

Nach Mariahafe suchen wir uns den Weg mittels Google Maps, weil die Fahrradwege wieder einmal nicht genug direkt zum Ziel führen. Zuerst ist der Untergrund grober Gravel, der jedoch nach und nach verschwindet und in Gras übergeht. Jede für sich suchen wir uns den Weg auf dem groben Traktorweg, auf einer schmalen Spur getrockneten Grases arbeiten wir uns voran. Stefanie ist vorangefahren, es sieht aus, als würde sie über ein Stück Wiese fahren. Ich senke den Blick auf die wenigen Dutzend Zentimeter von meinem Reifen und suche mir meinen Weg. Alles arbeitet zusammen, die Augen sagen, was kommen wird, die Hände lenken, die Beine arbeiten, damit ich vorwärtskomme, geben im richtigen Moment Schub, wenn eine kleine Senke kommt, verhalten sich ruhig, wenn ich bremse. Ich stecke total im Moment, kann an nichts anders mehr denken, der Untergrund nimmt keine volle Konzentration in Anspruch. Es erinnert mich ans Fechten, da hat man eine Zehntelssekunde nicht aufgepasst, schon hat die Gegnerin einen Punkt gelandet. Genauso geht es hier, nicht am falschen Ort abstehen, immer schön auf den zwanzig Zentimetern mit kurzem, getrocknetem Gras bleiben, wo der Boden einschätzbar bleibt, alle Berührungspunkte zum Rad, also Hände, Sitzfläche und Füsse müssen zusammenhalten, sich nach den Befehlen des Hirns richten, das durch die Augen die Situation liest… Wie ich so etwas liebe!

(c) Raisch

Keine Plättli, ole!

(c) Scheuner

Wenigstens nicht gepflastert…

Vom Meer selbst sehen wir nicht sehr viel, da meist Schilf und Büsche im Weg stehen. Heute suchen wir uns einen Weg durch die Landschaft anhand von Sehenswürdigkeiten, auf die wir gerne unsere Augen legen würden. Die nächste auf der Liste ist die Kirche mit dem schiefen Turm von Suurhusen. Mit einem Überhang von 2,43m soll der Turm sogar noch schiefer als derjenige von Pisa sein! Wir finden die Kirche auf Anhieb und auch gleich das „Café am Schiefen Turm“. Die Schiefe ist nicht aufs Bild bannbar, so spazieren wir mit zurückgelegten Köpfen um den wirklich ziemlich schiefen Turm. Die Wände der Kirche, natürlich aus roten Backsteinen gemauert, sind konkav auf der einen, konvex auf der einen Seite und der Turm neigt sich vom Kirchenschiff weg. Der Grund ist der Grund: Der unzuverlässige Boden bewegt sich und die eine Seite des Turms senkt sich langsam ab.

Die Kirche mit dem schiefen Turm in Suurhausen. Foto eines Fotos.

Nach einem Kaffee und einem Stück Apfel-Streusel-Kuchen machen wir uns auf den Weg zurück ans Wasser, ob es die Nordsee sein wird oder eher die Ems, das lässt sich nicht so genau sagen. Im Mündungsbereich von Flüssen ins Meer ist das ja nie so ganz klar. Der Tag heute ist von einem kühlen Wind geprägt, aber die Sonne scheint. Überall wird Getreide gedroschen, werden Ballen gepresst und gewickelt, Traktoren mit Anhängern voller Ballen oder Kipper mit Getreide werden herumgefahren.

Bevor wir den Campingplatz ansteuern, wollen wir auf Deutschlands höchsten Leuchtturm hochsteigen. Ich verspreche mir aus der Höhe von 65 Metern eine neue Sicht auf die uns umgebende Landschaft, dass sich das Potenzial, dass diese Landschaft reizvoll machen könnte, ausschöpfe, dass sich Muster ergäben zwischen Feldern, Gräben, Wiesen und Hecken, Flecken schwarz-weisser Holsteinkühe und brauner Pferde, cremefarbene Flecken von Schafen am Deich. Eine Frau ist dabei, die Toiletten zu reinigen, als wir neben dem Leuchtturm anhalten, wir haben geschlossen, sagt sie, schon seit fünf. Es ist bald sieben. Ich bin enttäuscht, jetzt behält die Landschaft die Antwort auf die Frage für sich, ob sie reizvoll sein könnte.

(c) Scheuner

Der höchste Leuchtturm Deutschlands – leider von uns unbesucht.

(c) Scheuner

Flaches, flaches Land.

Wir checken die Öffnungszeiten für den nächsten Tag, aber der Leuchtturm ist erst ab elf Uhr geöffnet. Das Muster zieht sich hier durch die Gegend und deckt sich mit dem, was der rasenmäherreparierende, sehr hilfreiche Mann vor einigen Tagen gesagt hat: Touristisch eine Entwicklungsdestination. Die Öffnungszeiten in der Hauptsaison sind wenig freundlich, die Campingplätze sind ebenfalls häufig nach achtzehn Uhr nicht mehr offen – und das ist bestimmt nicht nur für Radlerinnen manchmal schwierig.

Der Campingplatz liegt hinter dem Deich, der Mann an der Reception lacht, als Stefanie ihm erzählt, dass bereits einige Campings ab sechs Uhr abends nicht mehr wirklich offen seien und dass man Glück haben müsse, dass es noch eine Karte für den Zutritt zu Duschen und Klos gebe. Wir sind bis 22 Uhr, da sagt er und lacht nochmals. Ich erkundige mich beim Laden, wie lange sie offen haben und kaufe zwei alkoholfreie Biere und eine Tüte Erdnussflips. Der Platzchef kommt bald auf seinem Velo herangeradelt und sagt uns das, was wir am liebsten hören: Stellen Sie sich irgendwo auf, den Rest erledigen wir morgen.

Wir entscheiden uns für eine Parzelle, auf der bereits zwei kleine Zelte mit fünf Velos – eine Familie – stehen. Sonst ist wenig Platz frei. Während wir aufstellen, tritt eine ältere Frau aus dem Vorzelt des Campingwagens, der neben uns steht und grüsst uns. Wir sind fast in Ihrem Vorgarten, aber wir bleiben nur eine Nacht, versuche ich mein Gefühl, etwas zu nah zu sein, zu übertünchen, aber die Frau freut sich. Bleiben Sie doch nur, dann läuft etwas, sagt sie.

Das Zelt aufgestellt, sitzen wir bald im letzten Flecken Sonne und geniessen das Bier. Plötzlich sagt Stefanie, hier haben wir zum ersten Mal keinen Wind und ich halte in der Bewegung inne, die Flasche schwebt vor meinem Mund. Du hast Recht, sage ich. Bis jetzt hatten wir immer zumindest ein bisschen Wind, aber hier ist es ein wirklich ruhiger Abend, der Wind ist weg, die letzten Sonnenstrahlen zielen zwischen den Bäumen hindurch auf den Boden.

Mit einer Familie, die noch später ankommt als wir, unterhalten wir uns später über schöne Velodestinationen. Sie empfehlen die amerikanische Westküste und die Azoren, hingegen raten sie dringend von den Kapverden ab. Tiefstes Afrika, sagt die Frau mit Inbrunst, kaum aus dem Flughafen raus, schon alle Taschen aufgerissen, ständig Leute um einen rum, du bist nie alleine. Wir empfehlen Thailand. Gemeinsam lachen wir auch ein bisschen über die Duschen – zwar gibt es Kabinen, aber man muss sich im Gang ausziehen und die Kleider und das Handtuch draussen lassen. Jeder Camping ist ein kleines Königreich, sage ich, mit eigenen Regeln. Der Mann nickt zustimmend und wir müssen lachen. Ich habe mir schon oft überlegt, welcher Typ Mensch einen Campingplatz führt. Es gibt Plätze, da hängen überall Schilder, „Rasieren in der Dusche verboten“ und „Abfall bitte beim Ausgang entsorgen“. Auf anderen ist man relaxter. Auf den Gedanken mit dem Königreich bin ich etwas stolz, vor allem, weil er mich gelassener macht. Ab jetzt kann ich einfach denken, halt ein neues Königreich mit neuen Regeln, und muss mich weniger über die manchmal etwas zu weitgehende Bevormundung aufregen.

(c) Katharina

Seehunde und Tee (Norddeich)

Wir erwachen, von draussen sind die üblichen Geräusche des morgendlichen Campingplatzes zu hören, Schritte im Gras, Reissverschlüsse, Toilettengeräusche von weiter her, Autos fahren vorbei, alles nah und weit weg zugleich. Stefanie dreht sich im Schlafsack zu mir um und sagt, du, meinst du, wir könnten noch eine Nacht hierbleiben? Wir seien noch gar nicht im Watt gewesen und dann hätten wir auch mehr Zeit für die Seehund-Station und vielleicht fürs Teemuseum und ab hier wären wir ja dann nicht mehr am Meer.

Bald sitzen wir wieder in unseren Stühlen, schlürfen Tee und schieben Brot mit Spiegelei in den Mund und haben Frühstücksfernsehen: Die Familie mit dem kleinen Jungen packt zusammen, belädt die Velos. Ist es fachliches Interesse oder nur Neugier, das uns antreibt, anderen beim Abbau zuzuschauen? Wir diskutieren, was wir sehen, manchmal befürchte ich, dass wir dabei zu laut sprechen. Wie gehen sie vor? Haben sie ein System? Wer trägt wieviel Gepäck? Wirkt es koordiniert?

Die Mädels aus Norddeich sind ja gestern Abend auch noch eingetroffen, sie packen recht schnell zusammen, verabschieden sich von uns und schieben ihre Velos zur Küche. Drei Jungs, die in einem Zelt schlafen und gestern Abend ihre Ortlieb-Taschen in blauen Kehrichtsäcken verstaut und ausserhalb des Zelts gelagert haben, packen zusammen. Sie kommen kaum vorwärts, immer sind nur zwei mit Packen beschäftigt, was der dritte macht, ist unklar. Einer fährt dann mal mit bepacktem Velo weg und sagt, er sei beim W-LAN.

Zwei andere Jungs haben in einem recht kleinen Zelt geschlafen, neben dem keine Velo standen. Es stellt sich heraus, dass sie mit dem Rucksack unterwegs sind. Die Familie verabschiedet sich, als sie ihre Velos an uns vorüberstossen, der kleine Junge hat zwei Frontroller-Saccochen hinten und einen Sack quer. Stolz schiebt er sein Velo an uns vorbei. Wetten, dass er einen Sack quer hat, weil die Eltern das so haben, sagt Stefanie.

Auf der Suche nach dem Seehund-Zentrum fahren wir zu weit, wohl wegen der unbeladenen Velos und dem leichten Rückenwind, von dem wir uns verleiten liessen, einfach die Fahrt geniessen. In der Seehund-Station werden junge Seehunde aufgepäppelt, die verwaist sind. Das kann passieren, wenn die Mutter stirbt, wenn sie das Junge aus unbekannten Gründen verlässt oder wenn die beiden durch Ebbe und Flut voneinander getrennt werden.

(c) Scheuner

Seehunde in der Auffangstation in Norddeich.

Seehunde gehören zum Wattenmeer, das war mir nicht bewusst. Sie sind unheimlich gute Taucher und können bis eine halbe Stunde unter Wasser bleiben. Das schaffen sie, weil sie rund dreimal mehr Blut als wir haben und ausserdem viel mehr rote Blutkörperchen. Zusätzlich können sie Sauerstoff in den Muskeln speichern. Bei diesen langen Tauchgängen senken sich Herzschlag und Atmung, und die Verdauung setzt aus.

In einem Becken tummeln sich einige grössere Seehunde, die liegen auf der Seite, Kopf und Schwanz anghoben, die Flossen bewegen sich scheinbar selbständig, wie sich bei manchen Leuten ihre Zehen wie selbständig bewegen. Einige Seehunde im Wasser treiben senkrecht an Ort und Stelle und legen den Kopf so weit zurück, dass ihnen die Sonne aufs Kinn scheint. So eloquent sie im Wasser scheinen, so elegant, so fliessend ihre Bewegungen im Wasser ind, so träge wirken sie an Land, bewegen sich hopsend vorwärts, die kurzen Flossen an der Seite nutzlos, die Gesichter freundlich. Einer hat sich in die Rinne manövriert, die am Rand des Betonbereichs angebracht ist, die zusammen mit dem Wasser das Gehege ausmachen. Er kommt kaum wieder heraus, ruggt vor und zurück, wie ein Auto, das in eine Rille gefahren ist.

Seehunde können offenbar im Wasser schlafen, sie treiben dann unter der Oberfläche und tauchen im Halbschlaf alle rund sieben Minuten auf, um nach Luft zu schnappen. Das Leben der Seehunde ist an den Wechsel von Ebbe und Flut im Wattenmeer ausgerichtet. Sie sonnen sich auf Sandbänden bei Ebbe und bewegen sich bei Flut im Wasser. Steht eine Niederkunft an, so beginnt sie nicht, bis das Wasser eine Sandbank freigibt. Die Mutter kann die Wehen so steuern, dass der Zeitpunkt stimmt. Das Junge hätte sonst keine Überlebenschance. Noch so ist die Zeit knapp. Denn bei der nächsten Flut müssen beide ins Wasser, das Kleine kann sofort schwimmen. Nur manchmal ruht es sich auf dem Rücken der Mutter aus.

Die jungen Seehunde sind in Dreier- und Vierergruppen in kleinen Gehegen untergebracht, die ebenfalls halb aus Betonfläche, halb aus Wasser bestehen. Einige Tiere liegen an Land, andere schwimmen, immer wieder kann man einem zuschauen, das sich plump und unbeholfen an Land müht. Die Kleinen können es nicht alle so gut und rutschen immer mal wieder zurück und brauchen mehrere Anläufe. Frisch an Land gekommen, glänzen ihre muskulösen Leiber silbrig im Licht, sind sie schon länger draussen, trocknet das Fell und wid erst als solches erkennbar.

Gegen Mittag fahren wir landeinwärts in Richtung Norden. Ich habe Hunger und Lust auf eine Currywurst. Doch dann sehe ich einen Buchladen. Wir stöbern herum, dabei stelle ich etwas schockiert fest, dass es kaum richtige Bücher in dem Laden gibt. Die Regale und Tische in dem doch grossen Raum werden ausgefüllt von Geschenkbüchern, leichter, um nicht zu sagen, seichter Unterhaltungsliteratur, Kriminalromanen mit und ohne Lokalkolorit, die ja im Moment total in sind, nichts, was mich zu einem Kauf verleiten würde. Richtige Bücher gibt es nur auf der Seite mit den Spiegel-Bestsellern. So stelle ich mir eine Ferienbuchhandlung vor, in der ich, obwohl sie viele Titel bietet, verzweifeln würde.

Wir finden schliesslich einen vietnamesischen Imbiss, Stefanie kauft sich etwas vom Fischbrötchen-Imbiss. Obwohl ich gerne Fisch esse, ist mir eher nach etwas gebratenem und ich bin mit dem Vietnam-Imbiss zufrieden.

Ebenso zielgerichtet wie wir das Hafenmuseum in Carolinensiel besuchten und nach den Themen suchten, die uns interessierten, besuchen wir das Teemuseum, verwässern den Besuch nicht, in dem wir desinteressiert und nur weil wir Eintritt bezahlt haben, durch alle anderen Abteilungen streifen, wir sind des Tees wegen hergekommen, Kaffee und Schokolade können uns diesmal gestohlen bleiben. Dass in Ostfriesland Tee getrunken wird, geht auf zwei Gründe zurück: Erstens war Holland und damit die ostasiatische Kompanie nicht weit und zweitens war das Wasser in der Moorregion recht brackig und konnte eigentlich erst durch das Aromatisieren mit Tee getrunken werden. Und natürlich als Bier.

(c) Scheuner

Im Teemuseum in Norden wird die „Ostfriesische Teezeremonie“ ganz genau erklärt.

Ein anderer Zusammenhang, der zwischen Tee und Porzellan, hängt damit zusammen, dass Tee ein leichtes Material ist, und Porzellan ein willkommener Ballast auf der beschwerlichen Reise per Schiff von Asien nach Europa.

Anschliessend trinken wir in der Fussgängerzone einen Ostfriesentee im Kännchen, der mit Sahne und Kandiszucker kommt. Nachdem wir zum ersten Mal eingeschenkt haben, geht die Kerze aus und ich sage, dafür, dass es hier ständig windet, haben sie schlechte Kerzchen/Stövchen. Man würde doch hier etwas Windfestes erwarten! Auch zum dritten oder vierten Mal Tee trinken schauen wir gespannt zu, wie sich die Sahne vom Tassenboden abstösst und wie ein Feuerwerk an der Teeoberfläche „explodiert“. Ob wohl so ein Feuerwerk, vom Himmel aus betrachtet, so aussieht?

Mit unseren neuen „Beachies“, den Watt-Socken, die uns mit ihren gummierten Sohlen vor Verletzungen durch Muscheln schützen, machen wir einen Abstecher zum Strand. Überall sieht man Menschen mit langsamen Schritten im Watt herumwandern.

(c) Scheuner

Socken mit gummierten Sohlen, damit man sich die Füsse im Watt nicht an Muschelschalen verletzt.

(c) Scheuner

Wattenmeer ole!

(c) Scheuner

Auf der Fahrradzeltwiese. Stefanie hat sich vor dem Wind ins Zelt zurückgezogen.

(c) Katharina

Widerstand (Harlesiel-Norddeich)

Am Morgen unserer Abreise in Harlesiel regnet es, also bauen wir ab und stossen die Velos zum Küchencontainer, kochen dort, den Kocher auf eine Herdplatte gestellt und essen an dem kleinen Tisch neben dem Kühlschrank. Offenbar ist der Rest des Campingplatzes früher aufgestanden als wir und es herrscht Rushhour beim Abwaschen. Wir sitzen mittendrin mit unserem Müesli und dem Tee in den Thermosbechern und dem gebratenen Ei auf dem Brot und versuchen, uns von dem Rummel nicht beeindrucken zu lassen.

Die zwei jungen Frauen, die gestern recht spät erst aufgetaucht sind, schieben ebenfalls ihre Velos zum Küchencontainer. Als ich aufs Klo gehe, sehe ich, dass sie ein Rad auf den Sattel gedreht haben und an der Kette herumbasteln. Als ich vom Klo zurückkomme, sind sie immer noch dabei. Kommt ihr zurecht, frage ich, sie lächeln mich an und die eine sagt, da war was mit der Kette, aber ich glaube, jetzt gehts. Sie drehen das Velo wieder, steigt auf und fährt auf dem Weg zwischen den Zelten durch, die Beine O-förmig nach aussen gedreht, den Blick prüfend auf die Kette und die Schaltung gerichtet.

Später frage ich sie, wo es heute hingehe, Emden, sagen sie und dann mit der Fähre nach Holland. Bis Groningen wollen sie fahren, der dritte Fahrtag sei heute. Wo wir denn herkämen, ich sage, von Hamburg. Wir hätten gestern einen Ruhetag eingelegt, davor seien wir in Dangast gewesen. Sie auch, sagt die Langhaarige, wir stellen fest, dass sie auf dem anderen Camping waren als wir. Sie sind wirklich jung, maximal zwanzig Jahre alt, Stefanie sagt, vielleicht haben sie diesen Sommer Abi gemacht. War ich auch so jung, als ich die Matur hinter mir hatte? Natürlich war ich das, aber ihre noch kindlichen Gesichter, der Eindruck wird durch ihre schmächtigen Gestalten noch unterstrichen, erstaunt mich doch. Aber wahrscheinlich denkt man hinterher immer, waren wir damals auch so jung. Ich erinnere mich an die Neuntklässlerinnen, die mir ungeheuer erwachsen vorkamen, als ich in der sechsten Klasse war. Später fand ich sie nur peinlich und gar nicht erwachsen.

Wir fahren zum Hafenmuseum nach Carolinensiel. Wie wir richtig vermutet hatten, wurde hier neues Land gewonnen und so immer ein neues Siel gebaut. Fast wie in Frankreich, an dessen Küste jedes Dorf fast noch ein Dorfname Plage hat, also einen Strandableger mit Hotels, kleinen Läden und der für Feriengäste notwendigen Infrastruktur, während sich das eigentliche Dorf einige Kilometer landeinwärts befindet, besteht hier häufig am Meeresufer ein Ort mit der Endung -siel, während sich ein anderer Ort, oft mit demselben Stammnamen, einige Kilometer landeinwärts befindet. An der Aufreihung von verschiedenen Ortschaften mit der Endung -siel zeigt sich an, dass die Landnahme fortgeschritten war und immer ein neues Siel dazu kam, während man der alten -Siel-Ortschaft den Namen liess. Carolinensiel liegt im Landesinnern, Harlesiel am Meer vorne.

(c) Scheuner

Hier wurde dem Meer Land abgetrotzt: Ein „Siel“ ist ein Tor im Deich, durch das bei Niedrigwasser Wasser aus den Entwässerungsgräben ins Meer geleitet werden kann.

Ein Siel ist das Bauwerk im Deich, durch das das Binnenwasser aus dem Hinterland ins Meer geleitet wird. In der Region hier besteht nämlich die Situation, dass sowohl Gefahr vom Meer drohte, die man durch den Deich einigermassen abwenden konnte, zumindest in neuerer Zeit, als auch, dass das Landwirtschaftsland hinter dem Deich ausgesprochen nass und moorig war und daher Entwässerungsgräben angelegt wurden. Wie ein Zitat im Museum belegt, „ersäuft uns entweder das Meer oder wir ertrinken hinter dem Deich“. Natürlich entstanden rund um die Sielhäfen Gasthäuser und Läden. Da die Entwässerungsgräben irgendwohin entleert werden mussten, wurden im Deich die Siele eingebaut. Bei Ebbe öffneten sich die Tore oder zumindest kleinere Klappen in den Toren, und das Entwässerungswasser wurde ins Meer geleitet. Da es sich bei den Klappen um Rückschlagventile handelte, floss zwar Entwässerungswasser ab, aber die Flut konnte nicht durch das Ventil ins Landesinnere strömen. Hinter den Sieltoren staute sich das Wasser, Schiffe konnten in einem Hafen vertäut werden und bei Flut aufs Meer hinausfahren. Der Gezeitenhub, also der Unterschied im Wasserstand zwischen Ebbe und Flut hier in der Gegend beträgt zwischen drei und dreieinhalb Metern.

Der Boden ist fruchtbarer Klei mit hohem Tonanteil, das erklärt auch, warum die Häuser hier aus Backsteinen gebaut worden sind und immer noch werden. Klei und Schilf waren, was man hier zur Verfügung hatte.

In diesem System hier an der Küste, das mit Entwässerungsgräben und Sielen, mit Deichbau und Backsteinhäusern, Reetdächern und Wattenmeer funktioniert, hat sich auch ein bestimmter Schiffstyp entwickelt, die Tjalk. Ohne Schwert ist sie mit zwei Seitenschwertern ausgerüstet, die bei Seitenwind jeweils im Lee heruntergelassen werden, um die Abdrift zu reduzieren.

Als ich im Gästebuch notiere, dass ich mich über die vielen guten Erklärungen zu Phänomenen freue, die ich bis jetzt draussen angetroffen habe, frage ich mich, nicht zum ersten Mal, ob eigentlich überhaupt jemand je diese Gästebücher liest. Werden sie ausgewertet? Aufbewahrt?

Gleich beim Eingang in den niedrigen Raum zum Thema „Deichbau“ nimmt mich ein Film gefangen, der in körnigem schwarz-weiss einen Deich zeigt. Die Wellen stehen hoch, immer wieder schwappt Wasser über den Deich, fliesst wie heisse Schokolade über einen Kuchen auf der anderen Seite herunter, aber netzt bis jetzt nur. Das Bild ist schlecht, es gibt keinen Ton und die Entwicklung auf dem Bildschirm ist gering und trotzdem bleibe ich stehen, schwitze in meiner Regenjacke und rücke den Träger meiner Velotasche auf der Schulter zurecht. Eine Ungeduld hat mich erfasst, ich gehe davon aus, dass sie einen Deichbruch zeigen werden, dass es in dem Film darum geht, und ich schäme mich ein bisschen für meine Ungeduld, handelt es sich bei einem Deichbruch doch um ein desaströses Vorkommnis. Langsam steigen die Wellen weiter an, mittlerweile schafft es jede über den Deich. Obwohl mich der Rest des Raumes reizt, endlich hinter den Deichbau zu sehen, kann ich meinen Blick nicht von dem kleinen Fernseher wenden. Jetzt wird etwas Material vom Deich gespült, unaufhaltsam frisst sich das Wasser einen Graben durch den Deich, als gäbe es nichts zu beeilen, spült jede Welle etwas mehr fort, jetzt ist zu sehen, dass das Material am Deich körnig ist, Sand vielleicht, das Wasser gräbt mehr und mehr fort, jetzt fliesst Wasser direkt durch den Deich auf das Land dahinter, breitet sich schnell aus, da sich ihm nichts entgegenstellt. Das Meer bleibt gelassen, der Sieg ist ihm gewiss, es muss sich nicht beeilen, seine Kraft ist unumstösslich. Ein Filmschnitt flackert über den Bildschirm, jetzt sieht man in eigenartig hastiger Weise Männer in dunkler Kleidung, mit Jacketts und rundlichen Schirmmützen Sandsäcke stapeln, bis Mitte Unterschenkel stehen sie im Wasser, das mittlerweile durch einen mehrere Meter breiten Graben durch den Deich fliesst, die Nutzlosigkeit ihrer Arbeit, die verzweifelte Auflehnung tut mir weh, nur beim Zuschauen, egal, was sie tun, das Meer wird sich nehmen, was es will, Material und Menschenleben, Tiere und Unterkünfte, Heime und Höfe. Fünfzig oder sechzig Jahre nach Entstehung dieses Films schaue ich ihn an, mit dem Wissen um die Geschichte von heute, und ohne mich bisher gross mit Deichbau auseinandergesetzt zu haben oder auch nur mit der Geschichte, die das Leben hinter dem Deich geschrieben hat, habe ich doch einige Filme gesehen und auch ein oder zwei Bücher gelesen, die in mir ein Bild verankert haben, nicht nur das grundsätzliche Interesse und eine gewisse Leidenschaft für Meer und das Leben am Meer, sondern auch ein Grundgefühl, was es bedeutet, am Meer zu leben, mit seiner Kraft, die im guten Fisch und Material bringt, Seefahrt und Abenteuer ermöglicht, ein Auskommen und ein Einkommen, die aber, auf der anderen Seite, einfach nimmt, sich nicht besänftigen lässt, nicht gutstimmen, egal, womit, eher noch hässig und wütend reagiert, die Kraft der Menschen überstimmt, Menschenleben nimmt und ein Auskommen unmöglich macht. Die Männer haben ihre Arbeit aufgegeben oder ich habe einen Filmschnitt verpasst, das Wasser strömt noch ungehinderter aufs Land, wenn man dieses Adjektiv steigern kann, vielleicht hat sich auch einfach nur die Breite des Dammbruchs erweitert, bis schliesslich nur noch kleine Inseln an Resten vom Deich im Wasser erkennbar sind.

In Island habe ich ein Jahr am Meer gewohnt und es als erstaunlich unaufgeregt empfunden. Und trotzdem machte es sich bemerkbar. Ein Grossteil der Industrie in Þorlákshöfn war dem Meer zu verdanken, Fischfang, -verarbeitung und -verkauf beschäftigten einen wichtigen Teil der Bevölkerung, der im Ort arbeitete und dann gab es noch die Fähre auf die Westmännerinseln. Die fährt heute von einem anderen Küstenort aus und ich denke, das hat Þorlákshöfn ein Stück weit abgedrängt. So kamen immerhin die Busse mit allerlei Menschen, einheimischen und Touristen, in den 1200-Seelen-Ort, kauften im Supermarkt oder in der Tankstelle ein, tankten und nahmen den Ort überhaupt zur Kenntnis. Das Meer bestimmte vieles, wer eine Fahrt auf dem Herjólfur, also der Fähre gebucht hatte, war sich bewusst, dass sie vielleicht nicht stattfinden würde, dass die See zu hoch war, dass die Fähre hier oder im Hafen der Hauptinsel der Westmännerinseln bleiben würde. Wurde das früh genug klar, erwischte man vielleicht noch einen Platz im Flugzeug, allerdings dauert die Fahrt zum Flughafen rund eine Stunde, Dutzende von Kilometern der Küste entlang in Richtung Osten. Manchmal war auch nichts zu machen oder man wollte nicht umbuchen, dann strandeten Verwandte und Bekannte bei uns, ich zog aus meinem 1m40-Bett ins schmale Gästebett um, damit eine Familie mit zwei kleinen Kindern in meinem Bett schlafen konnte, meine Gastschwester ging zu einer Freundin, jemand schlief auf der Couch und zum Abendessen setzte man sich, wo immer Platz war, es gab Pommes Frites und fritierten Fisch und in der engen Wohnung herrschte Notstand, den jedoch alle mit der nötigen Fassung und ohne Aufregung mittrugen. Manchmal waren sie mehrere Tage bei uns, zwei oder mehr Erwachsene mit zwei oder mehr Kindern. Manche kamen nicht auf die Inseln für einen kurzen Aufenthalt, andere wären gerne heimgefahren auf die Insel, aber das verschob sich. Wenn der Herjólfur wieder fuhr und sich die Wohnung leerte, alle Kinderspielzeuge wieder verstaut und die wenigen vergessenen Sachen von meiner Gastmutter zur Seite gelegt wurden, um sie bei Gelegenheit, bei einem nächsten Besuch ihrer- oder unsererseits mitgenommen zu werden, und ich zurück in mein Zimmer ziehen konnte, das ich völlig selbstverständlich verlassen hatte, erschien einem die Wohnung einige Tage lang als unheimlich geräumig. In den zehneinhalb Monaten, die ich in Þorlákshöfn wohnte, geschah dies bestimmt drei- oder viermal.

Erst als der Film wieder von vorne beginnt, gehe ich auf die Tafeln zu, die etwas über den Deichbau sagen. Ein Deichbruch, und noch bis vor einigen Jahrzehnten gab es öfters Deichbrüche, führten auch immer dazu, dass Land versalzen und vergiftet wurde, dass Brunnen versalzen wurden. Das erinnert mich an das Tsunami-Museum, das wir in Khao Lak (Thailand) besucht haben, die Welle war das eine, aber wer sie überlebte, hatte noch nicht alles geschafft. Ein Grossteil der Süsswasserversorgung war verschmutzt oder versalzen, was das weitere Überleben massiv erschwerte.

Das Meer, respektive der Deich, zwang die Menschen zur Zusammenarbeit. Der Schutz vor dem Wasser war etwas, was alleine nicht möglich war, man musste zusammenhalten. „Wer nicht will deichen, muss weichen“ lautete ein Schlagwort und es besagte klar, dass jene, die nicht mithelfen wollten, auswandern mussten. Jeder Haushalt war verpflichtet, einen Deichachten abzugehen, eine Steuer zum Bau, Unterhalt und zur Erweiterung des Deichs. Allerdings probierte man trotzdem, das Risiko auf Einzelne abzuwälzen. So gab es die Pfanddeichung, derzufolge jeder Einzelne als Anstösser für einen Deichbereich zuständig war. Wer seinen Aufgaben nicht nachkommen konnte, musste Haus und Hof verlassen. Er steckte seinen Spaten in den Deich und wer immer ihn übernahm, bekam Haus und Hof, mit allen Rechten und Pflichten, aber auch mit allen geltenden Verpflichtungen. Das wurde Spatenrecht genannt.

Es führte allerdings zu unkoordinierten Arbeiten und auch immer wieder zu einem Risiko, wenn jemand die Arbeit nicht ausführte oder nicht ausführen konnte. Als sinnvoller, koordinierter und sowohl effizienter wie effektiver erwies sich die Kommunionsdeichung, bei der die Kommune als solche für die Arbeiten zuständig war. Der Deich wurde gemeinsam gebaut und unterhalten. Einer, der sich besonders für den Wechsel von der Pfand- zur Kommunionsdeichung eingesetzt hatte, war Albert Brahms. Der Ingenieur aus Jever führte auch eine andere Sicht auf den Deichbau ein. Bis anhin hatte man mit Erfahrungswerten gearbeitet, nach jeder Sturmflut einfach den Deich höher gemacht, als das Wasser bei der Sturmflut gestanden war. Meist waren deshalb Deiche nur etwas über vier Meter hoch, wenn es hochkam, fünf Meter. Brahms führte kontinuierliche Wasserstandsmessungen ein, die erkennen liessen, wann das Wasser stärker stieg als normal und aufgrund derer man auch berechnen konnte, wie hoch der Deich gebaut werden musste. Auch die Deichform optimierte Brahms: Bis anhin waren die Deiche gegen das Wasser hin ebenso steil abgefallen wie gegen das Land hin. Brahms setzte sich für gegen das Wasser hin abflachende Deiche ein mit einem konvexen Profil, an dem sich das Wasser totlief und die Kraft nicht mehr hatte, grossen Schaden anzurichten.

Unterschiede beim Deichbau zwischen 1750 und 1980.

Bis ins 18. Jahrhundert war der Deichbau eine bäuerliche Arbeit, was durch Zeitprobleme zu einem Risiko wurde. Am Deich konnte nach den letzten Sturmfluten des Winters gebaut werden bis in den Herbst hinein. Das ist exakt der Zeitraum, in dem auf dem Bauernhof am meisten Arbeit anfällt. Also fehlte es an Arbeitskräften, oder an Entlöhnung, insbesondere, wenn anderswo der Deich gebrochen war und die Flickarbeiten viele Arbeitskräfte banden.

Erst im 18. Jahrhundert gab es erste wissenschaftliche Herangehensweisen an den Deichbau. Um die Oberfläche des Deichs für das Wasser weniger angreifbar zu machen, wurden entweder Grassoden ausgestochen und aufgelegt oder aber die Deichsticker kamen zur Arbeit. Sie verwoben mit speziellen Werkzeugen, die sie über ein Kissen, das sie sich an der Hüfte befestigten, bedienten, Bündel von Reet miteinander.

Schilf wird auf der Oberfläche des Deichs „vernäht“.

Heute besitzen Deiche einen Kern aus Sand, der mit einer dicken Schicht von Klei abgedeckt wird. Mit einer besonderen Mischung werden die Flächen begrünt und mit Schafen beweidet, was die Grasnarbe noch verdichtet. Höhen von 8m50 werden angestrebt.

Brahms begann mich zu interessieren, nicht nur, weil er als Person hervortrat in der Ausstellung, sondern auch, weil er recht moderne Ansichten hatte. Er ging mit einer wissenschaftlichen Einstellung an die Sache heran, liess sich nicht von Tradition beirren und stellte sich klar gegen die Pfanddeichung. Vielleicht nur, weil sie nicht effizient und effektiv war, aber vielleicht auch, weil er sah, wie viele Menschen vertrieben wurden, weil sie ihren Deicharbeiten nicht nachkommen konnten. Ebenso vehement stellte er sich gegen die These, dass die Sturmfluten göttliche Strafgerichte seien. Nachdem er die Weihnachtsflut 1717 erlebt hatte, prägte er den Spruch „Kein Deich, kein Land, kein Leben“.

Schliesslich fahren wir kurz zu Adys Backfisch & Co., Stefanie isst ein Matjesbrötchen, was ich besser auch gewählt hätte. Ich entschied mich für eine Fischfrikadelle, hausgemacht. Trotzdem konnte ich mich mit der weichen, recht undefinierbaren Masse, die leicht nach Fisch roch, nicht wirklich anfreunden.

Der Gegenwind trifft uns mit voller Wucht, nachdem wir uns in Neuharlingersiel ein Eis gegönnt haben. Die Eisbude ist eine Kindheitserinnerung von Stefanie, die jeweils in den Ferien in Harlesiel mit dem Rad die knapp zehn Kilometer ins nächste Sieldorf gefahren sind für ein Eis. Es schmeckt nicht besonders gut und ist ein bisschen enttäuschend, wie es oft mit solchen Kindheitserinnerungen ist. Die erste Ernüchterung erfolgte vor drei Jahren, als sie alleine hier mit dem Auto unterwegs war, daher waren wir beide vorbereitet. Als wir die Velos wieder aufschlossen, die wir an die offenen Schleusentore gelehnt hatten, sagte sie, in der Erinnerung ist alles so toll, das Eis so gut, der Hafen so schön. Die Frage ist, ob als Kind viele Sachen einfach sehr viel eindrucksvoller sind, als wir sie als Erwachsene wahrnehmen oder ob die Erinnerung im Laufe der Jahre aufgeladen wurde?

Ach, ihr geht an die Nordsee Radfahren, haben die Leute oft gesagt, wenn sie auf ihre Frage, wohin es in die Ferien gehe, eine Antwort erhalten haben. Da ist es ja schön flach. Ja, haben wir dann jeweils gesagt, aber es gibt Gegenwind.

Wir stemmen die Köpfe in den Wind, durch die Lüftungsschlitze im Helm zieht mehr Luft, als uns lieb ist, die Arme halten den Lenker fest, der durch die schweren Taschen immer wieder aus dem Wind ausbrechen will. Die Böen rühren im Schilf am Strassenrand, Tritt um Tritt, eine Bö kommt, einen Gang hochschalten, Tritt um Tritt. Der Wind zerrt an der Kleidung, er kühlt trotz Windstopperkleidung, er rauscht in den Ohren, Worte verlieren sich und Sätze reissen ab. Wir rufen immer erst „Du!“, um die Aufmerksamkeit der anderen zu erlangen, bis wir uns die Mühe machen, eine Frage oder ein Satz in den Wind zu brüllen. Noch dann ist nicht sicher, dass wir uns verstehen.

Bei Kilometer 28 und rund 18 Kilometer mit Gegenwind braucht es eine Motivationsspritze. Wir suchen die Kopfhörer hervor und schalten Musik ein. Bald trete ich zum treibenden Sound von Vulfpeck in die Pedale und schwinge die Faust im Takt in die Luft, grinse vom einen Ohr zum anderen, obwohl ich von der Musik gar nicht so viel höre. Zum Glück kenne ich sie gut – dann reicht es, ab und zu den Kopf zu drehen, das eine Ohr aus dem Wind zu nehmen, um ungefähr zu wissen, wo im Stück ich bin. Später singe ich mit, bei Grönemeyer und ja, Helene Fischer eignet sich ganz gut, und als alles nichts mehr nützt, zu Tschaikoswskys erstem Klavierkonzert.

Früher habe ich Gegenwind persönlich genommen. Im Unterschied zu topografischen Erschwernissen, also Steigungen, fand ich Gegenwind unnatürlich und unnötig. Ich kämpfte mich ab, fuhr in zu grossen Gängen und am Ende taten mir die Knie weh. Die drei Monate mit dem Velo in Neuseeland haben mich weitergebracht: Es gab Gegenden, da hatte ich jeden Tag, mehrere Tage am Stück, Gegenwind. Ich verlor Energie, in dem ich in den Wind schrie, ihn verfluchte, schnell in die Pedale trat, um danach etwas nachrollen zu können, was mir vergällt wurde, weil der Wind mich viel zu schnell stoppte. Und dann beschloss ich, mich nicht mehr aufzuregen, den Gegenwind nicht mehr persönlich zu nehmen, ihn hinzunehmen wie Steigungen, als Naturgewalt. Das stärkte meinen Kopf und schonte meine Beine. Ich hatte dazugelernt.

Worüber ich aber hier in dieser Landschaft nachdenke ist die Frage, ob eine abwechslungsreiche Topografie zu etwas gehört, was eine Landschaft reizvoll macht. Vor einigen Tagen haben wir eine Autobahn auf einer Brücke überquert, vielleicht zehn, fünfzehn Meter hoch und schon erstreckt sich der Blick etwas weiter übers Land, es erscheint mir bizarr, wie einen plötzlich der Blick von einer Autobahnbrücke freuen kann. Die Landschaft erscheint mir beim Fahren oft ähnlich, Weiden mit schwarzweissen Holsteinkühen, manchmal Jungvieh oder Kälber, erstaunlich oft Pferde; den Schafen am Deich, der einem den Blick aufs Meer nimmt, wenn es denn da ist, oder zumindest aufs Watt. Den waagrechten Horizont, den ich mit Meer verbinde, gibt es kaum, denn meist sind wir in einer riesigen Bucht oder am Horizont liegen Inseln, es ist also immer Land zu sehen in der Ferne. Das führt dazu, dass ich mich gar nicht am Meer fühle, dass ich eher das Gefühl habe, an einem See zu sein, zwar am Wasser, aber bedeutungsmässig halt doch völlig anders aufgeladen als ein Meer.

Wir sehen nur die Einzelteile dieser Landschaft, die einzelnen roten Backsteinhäuser, die einzelnen Pferde, die zwischen roten verblühten Blacken herumstehen und mit dem Schwanz schlagen, die Wassergräben, von Schilf gesäumt, die geplättelten oder gepflasterten Strassen. Da wir immer am Boden kleben, bleiben wir bei diesen Detailansichten stehen. Ergibt sich eine Erhöhung, wie immerhin eine Autobahnbrücke, eröffnet sich ein Raum, das Potenzial, dass diese Landschaft mehr zu bieten hat, ein gewisses Muster, Wassergräben, die die Weiden durchziehen, ein Netz geplättelter Strassen, Flecken von roten Häusern hier und dort. Aber ohne eine Erhöhung bleibt es eine Ahnung, ein Potenzial, von dem wir nicht wissen, ob es sich zu einem Muster zusammenfügen würde, das wir als reizvoll wahrnehmen könnten. Ich (Stefanie) denke aber auch immer wieder, dass das Gleichbleibende auch seinen Reiz hat, dass es eben das Auge auch beruhigt und nicht ständig herausfordert mit wechselnden Eindrücken. Denn wenn man aufs Detail achtet, sieht es doch nicht immer ganz gleich aus, wie wir am Ende unserer Reise dann noch merken werden.

Meine Schaltung spinnt wieder etwas und ich muss mehr schalten als nötig. Zwar muss man auch ebenen Flächen immer mehr schalten, aber mir fehlt genau der Gang, der am praktischsten zu fahren wäre. Also immer runter, bis es zu schwer wird, dann hoch, bis es zu leicht wird, dann wieder runter. Dabei frage ich mich, was einen Gang runterschalten eigentlich heisst. Damit will man sagen, man solle die Dinge langsamer angehen lassen, ruhiger werden. Aber bei der ganzen Schalterei, die ich tagelang betreibe, kommt mir diese Redewendung komisch vor. Einen Gang runterschalten bedeutet nicht unbedingt, dass man langsamer wird. Wenn ich die Geschwindigkeit beibehalte, aber den Gang runterschalte, erhöhe ich die Tourenzahl. Ich rotiere also schneller, vermutlich bis ich durchdrehe oder ausbrenne. Müsste man nicht eher sagen, einen Gang runterschalten UND langsamer werden? Oder lieber einen Gang hochschalten bei gleichbleibender Geschwindigkeit? Dass ich das, was ansteht, langsamer tue, oder bedachter oder so? Dass ich eher mit einer Aufgabe zufrieden bin, nicht mehr 100-prozentige Qualität anstrebe, es bei 80% gut sein lasse, dass ich eins nach dem anderen mache und nicht alles gleichzeitig, und wofür es halt nicht reicht, lass ich einfach sein? Dies scheint eher meine Art zu sein, an die Dinge heranzugehen. Einen gewissen Fatalismus anzunehmen, das Wichtigste zuerst und wenn dann noch Zeit bleibt, das andere machen. Und wenn jemand nachfragt, auch mal zu sagen, dafür hat es jetzt halt nicht gereicht. Keine Allzeit-Bereitschaft suggerieren, der Sache die Wichtigkeit nehmen, in dem ich klarstelle, dass ich auch wichtig bin, mein Privatleben, meine Gesundheit, meine Beschäftigungen neben der Arbeit.

Was ich so schätze an Veloferien, oder auch Wanderferien ist, dass ich nirgends stärker aus meinem Alltag herausgeholt werde. Sobald ich unterwegs bin, ist der Arbeitsalltag weg, weil sich hier alle Probleme um ganz andere Dinge – und um wesentlichere Dinge im Sinne des Überlebens – drehen: Was und wann esse ich? Wo kaufe ich Essen ein? Was kaufe ich ein? Wo schlafe ich? Wo führt mein Weg durch? Essen, schlafen, vorwärtskommen. In einem Alltag, der von Organisation, von Planen, von verschiedenen Ansprüchen, von den ganzen Verantwortlichkeiten der Gesellschaft (Rechnungen zahlen, soziale Kontakte usw.) geprägt ist, ist eine Auszeit unglaublich erholsam, die sich um wenige Dinge dreht. Und um Dinge, auf die es draufankommt. Wenn ich nicht esse oder schlafe, werde ich krank. Wenn ich meinen Weg verliere, irre ich herum, gebe die Kontrolle auf, gefährde mich allenfalls. Wenig von dem, was ich bei meiner Arbeit tue, hat diese Relevanz. Bei Stefanie ist es vielleicht anders, bei ihrer Arbeit geht es um Menschenleben, die Verantwortung ist gross, es können Dinge geschehen, ob durch sie oder andere beeinflussbar oder nicht, und Menschen sterben. Aber auch für sie ist ein Velourlaub erholsam, denke ich zumindest, hier hat sie nur Verantwortung für sich und vielleicht ein bisschen für mich wie man halt Verantwortung füreinander trägt in einer Beziehung.

Und dann stecken wir im Gegenwind, mit Vulfpeck und Helene Fischer und holen einen Jogger, der etliche Dutzend Meter vor uns rennt, kaum auf. Tritt um Tritt nähern wir uns, er ist trotz Gegenwind näher an seiner normalen Geschwindigkeit als wir. Deutlich näher. Auf Stoppelfeldern sitzen Gänse, auf dem Deich sitzen zwischen den vom Wind ziemlich unbehelligt grasenden Schafen schwarze Vögel, die Köpfe zwischen die Schultern gezogen lassen sie sich das Gefieder zerzausen.

(c) Scheuner

Stefanie kämpft gegen den Wind.

Mein Kilometerzähler ist kaputt, noch auf der Hinreise hat er den Geist aufgegeben, obwohl ich ihm nochmal eine neue Batterie verpasste. Das nasse Wetter auf unseren drei Tagen an der Aare vor einiger Zeit haben ihm nicht gut bekommen. Meist hat es mir auf dieser Tour nichts ausgemacht, dass ich keinen eigenen Zähler hatte, Stefanies funktioniert einwandfrei und so können wir abends unsere Kilometer und die lächerlich wenigen Höhenmeter in meine Tabelle eintragen. Aber bei Gegenwind ist ein Zähler ein grosser Motivator, man merkt, dass man vorwärts kommt und kann sich zwingen, nur noch alle fünf Kilometer, Beschwernis hin oder her, Pause zu machen. Als behelfe ich mir mit den sehr unregelmässig auftauchenden Plättchen mit „Deich-km“-Angaben und erschrecke immer wieder, wenn nach viel viel Arbeit erst wenige hundert Meter vergangen sind.

Was ich bei dem Gejammer über Gegenwind verschweige ist, dass ein kleines Bisschen, ein ganz kleiner Teil am Gegenwind auch etwas Zufriedenstellendes hat. Der Wind bietet einen Widerstand, dem ich mich entgegensetzen kann, den ich bekämpfe und bezwinge, dem ich Kilometer um Kilometer abringe, obwohl er mich fast zurückschicken will. Die wenigen Velofahrerinnen und -fahrer, die uns kreuzen, haben ein Lächeln auf den Lippen, das mir wie eine Mischung aus Milde und Amüsement vorkommt, das heisst, soviel kann ich in der kurzen Zeit erkennen, dann sind sie mit Rückenwind schon vorübergesaust.

(c) Scheuner

Mit Musik schaffen wir auch den Gegenwind!

In den fünf Stunden, die wir für die 56 Kilometer nach Norddeich benötigen, werden wir am nächsten Fahrtag zwanzig Kilometer mehr gefahren sein. Gegenwind ist harte Arbeit! Rückenwind hingegen bemerkt man kaum. Als ich in Neuseeland nach mehreren Tagen mit mehr oder weniger starkem Gegenwind einmal Rückenwind hatte, bemerkte ich im ersten Moment gar nicht, was los war. Das Fahren fiel mir ring, aber da ich im Wind fuhr, bemerkte ich ihn kaum. Wie beim Vorwindsegeln hat man den Eindruck, man fahre kaum, dabei fährt man selten schneller – vor allem nicht, wenn man gegen den Wind aufkreuzt, was zwar aufregend ist, das krängende Schiff, die Gischtspritzer, die gebauschten Segel, zurückgehaltene Kraft, die stampfenden Bewegungen des Schiffsrumpfes, wenn er sich durch die Wellenkämme pflügt, aber wirklich Geschwindigkeit macht man dabei nicht. Aber man spürt den Wind und dessen Kraft.

Wir schaffen es nach Norddeich und finden den Campingplatz, das Einchecken geht schnell vor sich und bietet schon wieder eine Motivation: Es gibt eine Fahrradzeltwiese. Wir stossen die Räder vor dem Facilities-Gebäude und dem leider schon geschlossenen Supermarkt durch, um die Ecke und stehen auf einem Stück Wiese, umgeben von Hagebutten und Holunderbüschen, diverse Zelte, die meisten mit Velos nebendran. Stefanie beginnt gleich ein Gespräch mit einer Familie, die mit einem rund sechsjährigen Jungen radelt, ich stelle das Zelt auf. Es ist schön, unter sich zu sein und nicht als Exotinnen irgendwo zwischen Caravans und Auto-Zeltlern auf einer normalen Parzelle zu stehen.

(c) Scheuner

Unter uns: In Norddeich gibt es eine Fahrradzeltwiese!

Beim Abendessen sitzen wir auf unseren Stühlen vor dem Zelt und schauen in Richtung Deich. Hinter den lichten Bäumen gut zu erkennen steht dort ein Mann und fliegt einen Lenkdrachen. Stefanie sagt, er habe es ziemlich gut im Griff, ich kann es nicht beurteilen. Aber manchmal rennt er einige Schritte vorwärts, wenn der Wind so stark ist, dass der Drachen ihn mitzieht. Das ist unser TV – anderen Leuten beim Aufstellen oder Abbauen zusehen, einem Lenkdrachen-Piloten zusehen.

Von der Ruhe (Harlesiel)

Den Ruhetag läuten wir mit einem Essen auswärts (Fisch!) und einem Bier ein. Unsere Devise ist ja, nur vor Ruhetagen Alkohol zu trinken. Wir finden ein nettes Restaurant mit wenig Klimbim und guter Scholle. Zuvor hatte unser Nachbar auf dem Zeltplatz uns den Vorschlag gemacht, beim Aufblasen der Isomatten zu helfen. Als wir dankend ablehnten und das Aufblasen als Training bezeichneten, hat er den Kopf geschüttelt und mit dem Gerät die Glut seines Grills angefacht.

Der nächste Morgen vergeht mit Waschen (Stefanie) und Blog schreiben (Katharina). Ich komme kaum voran, die App von WordPress macht mich wahnsinnig und es dauert ewig, Bilder hochladen funktioniert nicht. Als endlich alle Kleider durch die Waschmaschine und den Trockner durch sind und wir unsere Windstopper-Hosen wieder anziehen können, ist es Mitte Nachmittag und wir machen uns auf ins Dorf.

(c) Scheuner

Katharina schreibt Blog: das mobile Büro.

Mich fasziniert die Schifffahrt und das Leben am Meer immer noch, auch wenn ich nicht mehr meinem kindlichen Berufswunsch Kapitänin oder Matrosin nachhänge. Hier frage ich mich, ob man den Menschen anmerkt, dass sie von der Küste kommen. Hat sich die Unsicherheit eines drohenden Dammbruchs im Leben ihrer Vorfahren gleich Ereignissen in Jahresringen in ihrer Genetik niedergeschlagen? Zum späten Mittagessen gibt es Kibbelinge (Katharina) und Backfisch (Stefanie) bei Ady’s Backfisch & Co. auf dem Parkplatz beim Edeka.

(c) Scheuner

Ady’s Backfisch & Co. auf dem Parkplatz beim Edeka.

(c) Scheuner

Kibbelinge und Backfisch von Ady.

Über den gebürtigen Engländer, den es nach mehreren Stationen in die Heimat seiner Frau hierherverschlagen hat, war ein Artikel in der Gästezeitung. Der gelernte Koch konnte er nicht ohne Herd, brät alle Fische und die Pommes frisch und ist damit offenbar eine Ausnahme. Ady ist auf eine zurückhaltende Art freundlich, dreht sich nach der Bestellung zu seinem Kühlschrank um, nimmt den Fisch heraus, zieht ihn durch den Bierteig und ab in die Friteuse. Es ist wirklich gut!

Wir schlendern durchs Dorf, kaufen Postkarten und landen in der einzigen Deichkirche der Welt. In Harlesiel gibt es einen alten und einen neuen Damm, auf dem älteren, sich weiter im Land drin befindlichen, wurde eine Kirche erstellt.

(c) Scheuner

In der Deichkirche in Harlesiel.

In der Deichkirche ist es ruhig, den Wind von draussen hört man nur noch sehr gedämpft und ab und zu das Rauschen eines Vorbeifahrenden Autos. Entzückt schauen wir uns um, in der blau gestrichenen einfachen Kirche mit einer etwas verzierten Orgel erleben wir etwas, was wir eine Weile nicht mehr hatten: einen stillen Innenraum. Eine Weile sind nur wir zwei in der Kirche, ich schaue mich um, vermutlich sogar mit offenem Mund, so überrascht von der Stille, Stefanie betet in einer der vorderen Reihen. Eine unerwartete Stille durchzieht mich (Stefanie), ich sauge die Ruhe in mir auf und es wird endlich auch in mir drinnen ganz still. Die meisten Innenräume, in denen wir in den letzten Tagen waren, waren Waschräume und Toiletten, Einkaufsläden und Restaurants, überall sind viele Menschen, überall sind Gespräche und Lachen und Geräusche, die man als Mensch in diesen Umgebungen so macht. Hier ist es einfach still. Zelten heisst ja auch, zumindest auf dem Zeltplatz, Anteil nehmen am Leben anderer. Als wir gestern Abend essen gingen, hörte ich, wie im Zelt nebenan die Gutenachtgeschichte erzählt wurde. Anderswo habe ich ein Ehepaar einen Streit austragen hören, mit einem Kind oder einem Hund wird geschimpft. Es heisst aber auch, andere am eigenen Leben Anteil nehmen lassen, sich beim Kochen zusehen lassen, beim Essen, Kinder, die zu nahe kommen, neugierig oder aus Gedankenlosigkeit, Erwachsene, die den Weg zur Küche oder zum Klo abkürzen. Es heisst auch, vor dem Einschlafen stille Küsse auszutauschen, um nicht zuviel vom eigenen Leben preiszugeben.

Navigare necesse est steht auf einem der Schiffe, die in der Kirche an der Wand hängen. Oft hängen Schiffe in Schifferkirchen, manchmal sogar im Kirchenschiff? Wie Landwirte und Bäuerinnen sind Seeleute und jene, die am Meer wohnen, den Launen der Natur stark ausgesetzt und darum auch oft gläubig. Und abergläubig. Ich verstehe den Satz auch ohne lateinische Kenntnisse, Navigation ist Notwendigkeit. Navigation heisst, zu bestimmen, wo man ist, aber auch zu wissen, wo man hinwill. Sich treiben lassen ist nicht navigieren. Navigiere ich oder lasse ich mich treiben, im Moment, in der Hoffnung, an einem Ufer anzukommen, an dem es mir gefällt? Oder navigiere ich, halte ich die Zügel in der Hand, weiss ich, wo ich bin und wo ich hinwill? Ehrlich gesagt, bin ich nicht so sicher. Vermutlich habe ich eine recht gute Vorstellung, wohin ich will, aber mir fehlt die Navigation, ich sehe die Wege nicht klar vor mir. Vielleicht fehlen mir auch die Landmarken oder Sterne, um meinen Standort zu bestimmen. Vielleicht schüchtern mich die Wege ein, die ich vor mir sehe, weil sie Ungewissheit bedeuten. Vielleicht ist das Gelände auch weglos und ich vermute, dass der Weg, mein Weg, den ich durch die Landschaft gehen werde, hart ist, dass es Widerstände und Abgründe gibt. Dass ich Gefahren ausgesetzt bin, Risiken eingehe. Navigation ist Notwendigkeit, sich treibenlassen ist keine Option.

Auf dem Rückweg zum Zeltplatz kaufen wir Fisch, den wir zum Abendessen auf dem Trangia braten. Am Abend gehen wir ans Meer. Wir sind in einer Woche an der Nordsee, in der tagsüber immer Niedrigwasser ist.

(c) Scheuner

Fisch zum Znacht.

(c) Scheuner

Hier wurde dem Meer Land abgetrotzt: Ein „Siel“ ist ein Tor im Deich, durch das bei Niedrigwasser Wasser aus den Entwässerungsgräben ins Meer geleitet werden kann.

(c) Katharina

Geholper und Schafe (Dangast-Harlesiel)

Stefanie kauft ein, Eier und Brot, Nektarinen und Tomaten. Vor dem Edeka warte ich neben den Velos und suche etwas in meiner Lenkertasche. Da finde ich mein Messer – es ist in eine fiese Nische in meiner Tasche gerutscht. Aber Ronja hat ja ihr Messer zum Glück auch wieder gefunden: Es lag unter einigen Stücken Moos, die sie als Zunder gesammelt hatten.

Sie mögen es hier geplättelt. Nicht nur die Häuser mit ihrer klinkerartigen Aussenhülle, sondern auch die Strassen. Die Radwege. Die Trottoirs. Bereits nach wenigen Metern sehnt man sich wieder nach einem Stück schönen Asphalts. Auf einem solchen Holperweg bekommt man von der Landschaft nichts mehr mit. Aus Angst vor dem nächsten Schlagloch klebt der Blick drei Meter vor dem Vorderrad am Boden.

Wir fahren weiter entlang des Deichs, das macht die Landschaft vermeintlich etwas eintönig. Aussendeichs sieht man rechts das Meer und links den Deich. Innendeichs sieht man rechts den Deich und links Weiden mit Holstein-Kühen, Schafen und Pferden, rote Häuser, Windmühlen. Und Schafe. Sie blöken, grasen, rennen, beäugen uns neugierig oder misstrauisch oder wie auch immer und grasen. Grasen mit einer Sorgfalt und Aufmerksamkeit und einer Hingabe – mir scheint, das sei mir noch nie so aufgefallen. Wenn sie grasen, tun sie nichts anderes. Einen Fuss vor den anderen arbeiten sie sich vorwärts, und sie grasen einen Grossteil des Tages. Selbst wenn sie liegen und wiederkäuen scheinen sie aufmerksam zu sein der Aufgabe gegenüber, die sie wahrnehmen. Habe ich jemals etwas über lange Zeit mit einer derartigen sorgfältigen Aufmerksamkeit gemacht?

(c) Scheuner

(c) Scheuner

Schafe kratzen sich am Zaun, werfen sich regelrecht an den Zaun ran.

(c) Scheuner

Deich – gut 8m hoch und mit einer Weite von gegen 80 m am Fuss.

Gegen Horumersiel hin verliert sich die Salzweide, die dem Deich bis jetzt meist vorgelagert war und ihn vor den Wassermassen schützt. Das Wasser läuft sich auf der langsam ansteigenden und bewachsenen Fläche sozusagen tot. Hier sieht man Lahnungen, Buschwerk wird zwischen zwei Pfahlreihen gepackt und mit Draht festgemacht. Durch die nur wenige Meter breite Öffnung zum Meer hin spült bei Flut Wasser herein und bringt Schlick und Sand mit, der sich ablagert. Bald siedeln sich Strandflieder und Queller, Schlickgras und später Andel und Rotschwingel an. So entsteht eine Salzwiese und daraus später Deichvorland.

(c) Scheuner

Mit Lahnungen wird das Material, das das Meer zweimal täglich heranführt, zurückbehalten. Nach und nach siedeln sich dort Gräser an.

In der Tourist Information fragen wir nach dem Weg zu „Hannys Radlercafé“. Unterwegs fragen uns Leute, wo wir hinwollen und eine Frau fährt auf dem Fahrrad neben uns her, sie will uns zeigen, wo wir abbiegen müssen. Sie hat ihren Wohnwagen in Schilling und wünscht uns alles Gute. Leider hat Hannys Radlercafe nur am Wochenende offen – wir haben vergessen, die Öffnungszeiten zu checken. Das zieht unsere Lebensgeister kurzfristig etwas runter, wir haben uns wirklich auf einen Kaffee oder einen Tee gefreut. Ein paar hundert Meter weiter werden wir fündig: Beim Deichgrafen gibt es einen Ostfriesen-Tee auf dem Stövchen und einen geteilten Coupe Danmark.

(c) Scheuner

Der Rahm wird gegen den Uhrzeigersinn am Tassenrand in den Tee gegossen.

(c) Scheuner

Die Rahmtröpfchen sinken auf den Tassengrund, stossen sich ab und steigen atompilzartig an die Oberfläche.

(c) Scheuner

So muss wohl ein Atompilz von oben aussehen.

Dann sind es „nur“ noch gut zehn Kilometer nach Harlesiel, wo wir einen Ruhetag verbringen werden!

(c) Katharina

Von Bier und Teek (Augusthausen-Dangast)

Unterwegs nach Varel stoppen wir an einem Infoschild. Jede Flut schwemmt Material an und bei Hochwassern bleibt es am Damm liegen und weicht diesen auf. Daher werden „Teek-Abführwege“ gebaut, um auch bei bereits leicht aufgeweichtem Damm das Material abführen zu können. Wir vermuten, dass die Strassen, auf denen wir aussendeichs fahren, solche Teek-Abführwege sind.

Plötzlich stelle ich fest: Mein Messer ist weg. Mein schönes, 37-Gramm leichtes Messer. Ich behelfe mir beim Butter schmieren mit einem Messer aus dem Küchen-Tupperware und denke an Ronja Räubertochter. Als sie und Birk ausreissen und in der Bärenhöhle wohnen, führt die Frage nach dem Messer zur existentiellen Krisensituation. Wo ist das Messer? Du hattest es doch zuletzt! Nein, du! Birk geht, Ronja bleibt, im Wissen, dass sie ohne Messer im Wald nicht überleben können. Natürlich hat ein verlorenes Messer hier in Norddeutschland für uns keine existentiellen Konsequenzen. Aber vielleicht sind wir mal anderswo, wo es darauf ankommt, und vielleicht fehlt etwas anderes, nicht „nur“ ein Messer, sondern etwas, was wir nicht kompensieren können. Es zeigt mir wieder einmal, wie wichtig es ist, unterwegs zu seinen Sachen Sorge zu tragen. Schau zu deiner Ausrüstung, dann schaut sie auch zu dir.

Im Hafen von Varel reihen sich Restaurants mit Namen wie „Scholle“ , „Aal und Krabbe“ und „Kombüse“ aneinander. Fischbrötchen werden „grundsätzlich frisch zubereitet“. Die Brauerei Tide liegt am Hafen – vier Biobiere hat sie im Angebot. Da es erst kurz vor Mittag ist, entscheiden wir uns dagegen, einzukehren und die Biere zu probieren und kaufen stattdessen zwei Flaschen zum Mitnehmen. Auf der anderen Seite des Hafens liegt der Bahlsen-Fabrikverkauf. Eine Kindheitserinnerung von Stefanie, heute heisst es Outlet und hat allerhand mehr zu bieten als nur Bahlsen Artikel. Wir decken uns mit Güetzi und Schoggi ein und pedalen dann in Richtung Rutteler Mühle.

(c) Scheuner

Im Fabrikverkauf von Bahlsen, geräucherten Aal und fangfrischen Hummer aus Marzipan.

(c) Scheuner

Hafen von Varel.

(c) Scheuner

Tide-Bier.

Dabei queren wir den Neuenburger Urwald, den Rest eines alten Hudewaldes (früher eine Waldweide). Im 19. Jahrhundert wurde er unter Schutz gestellt, seit der Zwischenkriegszeit nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt. Im zweiten Weltkrieg wurde die Fläche allerdings auf 24 Hektaren halbiert – es drängte nach Feuerholz. Die rund achthundertjährigen Eichen wurden teilweise von Buchen verdrängt – als man diese nicht mehr als Plaggen nutzte, konnten sie sich besser verjüngen und etablieren als die Eichen. Plaggen sind ausgestochene Stücke Oberboden, die als Einstreu verwendet und danach mit dem Mist vermischt als Dünger ausgebracht wurden.

(c) Scheuner

Man mag es hier geplättelt…

(c) Scheuner

Nicht der Radfahrerin liebster Strassenbela-ha-ha-ha-ha-ha-g…

Bei der Rutteler Mühle öffnen Laden und Cafe erst um zwei. Wir vertreiben uns die Zeit mit einer Mühlenbesichtigung. An rund 200 Tagen im Jahr reicht der Wind für die Produktion von Mehl, Schrot und Flocken. Auch Holz wird noch mit Windkraft gesägt, damit ist die Rutteler Mühle die einzige in Deutschland, in der das noch gemacht wird. Zwei wacklige, mehlige und steile Treppen dürfen wir hinaufsteigen. Die Siebemaschine ist in Betrieb, wir betrachten einen Moment fasziniert die harten schnellen Bewegungen. Im oberen Stock, dem letzten, den BesucherInnen noch betreten dürfen, können wir den Mechanismus nachvollziehen: Grosse Zahnräder und Riemen treiben die verschiedenen Geräte in der Mühle an.

(c) Scheuner

Rutteler Mühle – hier kann an rund 200 Tagen im Jahr Mehl gemahlen werden.

Im Mühlencafe gibt es zum ersten mal den traditionellen Ostfriesen-Tee auf dem Stövchen und ein Stück Kuchen. Die Ostfriesen haben ja ihre eigene Teezeremonie. Zuerst kommt ein Stück Kandiszucker (genannt Kluntje) in die Tasse. Der Tee wird direkt darauf gegossen, so dass der Kandis knistert und zerspringt. Am Schluss wird der Rahm kreisförmig in die Tasse geleert. Die Tröpfchen sinken auf den Tassengrund und steigen dann atompilzartig an die Oberfläche, wo sie sich verbreiten. Das Trinken erfolgt dreistufig: Der erste Schluck ist mild und sahnig, die Schlucke zwei bis ungefähr vier sind friesisch-herb und der letzte ist süss. Es ist erstaunlich, wie lokal die Süsse bleibt, wirklich erst auf dem Tassengrund schmeckt man den Zucker.

(c) Scheuner

Ostfriesentee im Kännchen.

Gestärkt geht es zurück an die Küste, nach Dangast. Speziell an dem Nordseebad ist, dass die Ortschaft erhöht liegt und damit keinen Deich benötigt. Das fällt auf den ersten Blick nicht auf, aber es gibt tatsächlich keinen Deich. Das Ufer steigt an und dann kommen die Häuser. Wir schlagen unser Zelt neben einer polnischen Familie mit einem erst wenige Wochen alten Bebe auf. Hinter ihnen ist ein Radler, mit seinem vollbepackten Elektrorad ist er in Richtung Norden unterwegs.

(c) Scheuner

Heidi und Peter von der Nordsee.

(c) Scheuner

Unterwegs finden wir Gerichte das Höchste, das wir zu Hause nie und nimmer kochen würden.

(c) Katharina