Die Lontzkedüne bei Leba

Ein Elektrotaxi bringt uns zum Parkplatz des Slowinzischen Nationalparks. Dort steigen wir auf ein anderes Elektrotaxi um und fahren bis zum Fuss der grössten Wanderdüne der pommerschen Ostseeküste: die Lontzke-Düne: 500m breit, 1500m lang und ca. 35m hoch. Ein unheimlich grosser Haufen aus feinem, hellem Sand. Diese Düne wandert, das heisst, sie verschiebt sich jährlich um zwölf Meter in Richtung Osten. Wikipedia erklärt sehr anschaulich, wie das funktioniert: „Auf der dem Wind zugeneigten Westseite hat die Düne eine geringe Steigung, während auf der dem Wind ab geneigten Seite der Hang sehr steil ist. Ab einer Windgeschwindigkeit von 18 km/h beginnen die Sandkörner die flache Seite hinauf zu rollen, bis sie an der oberen Kante auf der windgeschützten Seite hinab fallen. Während im Frühling und Sommer, bei eher schwachen Winden die Düne in die Höhe wächst, verflacht sie sich bei stärkeren Winden im Herbst und Winter und erreicht dann eine höhere Wandergeschwindigkeit“ (Wikipedia: Lontzkedüne). Eine Windgeschwindigkeit von 18km/h ist nicht viel, das ist noch als leichter Wind beschrieben, bei dem sich Blätter und Zweige bewegen und Wimpel gestreckt werden. Am Meer sind die Bedingungen für eine Wanderung also fast immer gegeben. Bei ihrer Wanderung begräbt die Lontzkedüne unter sich, was immer sich ihr in den Weg stellt, zum Beispiel Dörfer und Wälder. Die Menschen konnten dieser Naturkraft bislang nichts entgegen setzen. Das ist eindrücklich: Wo die Düne steil abfällt, wage ich mich nicht ganz bis zu den äussersten Fussspuren vor und sehe Tannen und Buchen aus der Sandwand herausragen. Auf der Düne sieht man das Resultat: Die Bäume sterben ab. Nicht ganz klar ist mir, wann sie genau absterben. Ob es schon der Druck durch den den Stamm umschliessenden Sand ist oder ob sie erst sterben, wenn sie komplett im Sand versunken sind und Fotosynthese unmöglich wird. Kennt sich da jemand aus?

Sand

Nach Ustka zeigt der R10 (Internationaler Radweg) Zähne und Klauen. Das beginnt mit einem schmalen Weg durch ein Naturschutzgebiet, eine grosse, unüberschaubare Fläche mit hohem Gras, von Wasserstellen und kleinen Waldstücken durchzogen. Der Weg ist eher ein Wanderweg, holperig, aber soweit zu fahren. Hin und wieder gibt es gerundete Holzstege, die brückenähnlich über wohl allzu vernässte Stellen führen – wir müssen uns so stark auf den Weg konzentrieren, dass wir um uns herum wenig wahrnehmen. Als wir schon zu weit in diesem Gebiet drin sind, um noch umkehren zu können, stürzen sich Mücken auf uns. Und Bremsen. Wie es um mich steht, kann ich nicht sehen, aber um Stefanie schwirren mindestens acht grosse Bremsen, die Mücken sieht man schlechter. Sie steigt ab, führt einen seltsamen Tanz auf und nestelt dann ihre lange Hose hervor. Ich zwänge mich, das Velo an mich gelehnt, in die Regenhose. Bei Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad. Mückenschutz auf die Arme und weiter geht es, Stefanie in langer Hose, Regenjacke und Kopfnetz. Mit der ständigen Ablenkung durch Bremsen und personenhohes Gras, das im Gesicht kitzelt, können wir nicht mehr richtig fahren und entscheiden uns für einen strammen Fussmarsch.

Danach kommen Platten. Diese sind von der fiesen Sorte, also mit den ovalen Vertiefungen, allerdings querverlegt, so dass ich zwischen Misdroy und Ustka noch schwärmte, dass man das doch fahren könne. Ja, wenn die Wege relativ neu sind. Wenn sie älter sind, liegen die Platten nicht mehr genau aneinander, sie verschieben sich, senken sich an einer Ecke ab, so dass es nicht gelingt, mittels auf den Horizont gerichtetem Blick auf dem ca. acht Zentimeter breiten Stück zwischen den Vertiefungen zu bleiben. Dazu kommen die Höhenunterschiede zwischen Platten. Wir holpern vorwärts, nur weg von dem Stech-Getier, und das mittlerweile tropische Klima in der Regenkleidung treibt uns noch zusätzlich an. Da wir ja nicht das Ziel haben, den R10 zu fahren, sondern ihn fahren, weil er in unserer Richtung liegt, kürzen wir ein Stück ab, die Platten werden besser. Ausserdem sind es jetzt zwei Spuren aus Platten und dazwischen Sand, der mehrheitlich fahrbar ist. Zur Aufmunterung blinken zwei Traktoren, die uns mit Anhängern voller Heuballen entgegenkommen links, dass sie in die Hofeinfahrt abbiegen und wir somit nicht ausweichen müssen. Und die Landwirte heben grüssend die Hand! Findet ihr nicht der Erwähnung wert? Wir schon – auf 1600km durch Deutschland haben wir nicht erlebt, dass wir aus Autos oder Traktoren auch nur wahrgenommen wurden, wenn wir uns an den Strassenrand stellten, um die Gefährte vorbeizulassen.

Weiter geht es mit Sand. Auf gepresstem, feuchtem Sand oder durch eine ca. einen Zentimeter hohe Schicht trockenen Sands zu fahren verursacht ein schönes Geräusch: ein Knirschen, aber aufgrund der kleinen Sandteilchen ist nicht mehr jedes Berührungsgeräusch am Reifen zu hören, sondern ein durchgehendes Geräusch, fast wie ein Summen, ein samtenes, glücklichmachendes Geräusch. Das wir leider nicht oft hören, denn der Sand ist schnell eher acht Zentimeter tief, das fühlt sich an, als würde jemand abrupt nach dem Hinterrad greifen, es festhalten und das Vorderrad verdrehen. Wer nicht aufpasst, fliegt. Auf einer sandigen Strasse läuft es so ab: abrupte Verlangsamung durch tiefen Sand, Kontrollverlust, absteigen, das nicht mehr 45kg schwere, sondern gefühlt 90kg schwere Velo aus dem Sand ziehen, aufsteigen, 10-15m fahren, Wiederholung. Angestrengt lesen wir den Boden, wo können wir fahren, wo ist der Sand zu tief. Als zusätzliche Herausforderung sind unsere schweren Velos unflexibel, dass wir nicht leicht die Spur wechseln können. Grundsätzlich ist es besser, dem Vorderrad seinen Willen zu lassen im Sand, den Lenker festzuhalten und in die Pedale zu treten. So kommt man schon mal durch Sandstücke, das haben wir mit der Zeit gelernt. Gleichzeitig driftet das Velo aber meist zu einer Strassenseite hin, was dazu führt, dass es sich geradewegs in tiefe Sandlöcher verrennt. Im Sand vergisst das Rad nämlich, dass es rollen kann und driftet seitwärts mit leichter Tendenz gegen vorne. Zu dieser schweisstreibenden, kräftezehrenden Arbeit kommt dazu, dass wir manchmal in langer Kleidung stecken, weil es im Wald natürlich auch Mücken gibt. Und an sonnigen Stellen Bremsen.

So gelangen wir nach Leba. Wir stellen das Zelt auf, duschen und haben dann nichts Besseres vor, als uns am Nachmittag noch einmal richtig in den Sand zu begeben. Wir besuchen die grösste Wanderdüne an der pommerschen Ostseeküste (siehe nachfolgenden Blogbeitrag).

Sand ist auch nach Leba ein Thema, denn auch am nächsten Tag landen wir wieder im Sand und schieben eine gute Stunde die Velos. Danach sitzen wir mit hochroten Köpfen und Schweissbächen im Gesicht im Schatten vor einem Sklep, jede ein kühles Getränk in der Hand. Ich will heute keine Wälder mehr sehen, sagt Stefanie. Also fahren wir Landstrasse. Das klappt gut, es geht hoch und runter, der Verkehr ist mässig. Beim nächsten entgegenkommenden Velofahrer fragen wir, ob er von Gdansk kommt und wie die Strecke war. Kein Sand, sagt er, mehrheitlich gut zu fahren.

Bis Gdynia, der kleineren Schwesterstadt im Norden von Gdansk, holpern wir noch einmal über alles mögliche: Platten, alten, zerbröckelten und geflickten Teer, schönen Asphalt, fein und neu gepflasterte Radwege. Die grösste Herausforderung polnischer Strassen ist, dass sich der Belag jederzeit und aus keinem erkennbaren Grund ändern kann. Das ist auf Osmand (unsere Navigationsapp) nicht erkennbar (bei Osmand gelten Platten und Pflaster als befestigt, was natürlich korrekt, aber in der Praxis unbrauchbar ist) und bestimmt auch auf Karten nicht.

Nach Gdynia zeigt Polen, was es auch kann: ein breiter, rot gefärbter oder mit roten, feinen Pflastersteinen gebauter Radweg neben der Strasse führt uns bis nach Gdansk. Teilweise entlang einer mehrspurigen Strasse, teilweise der Meerfront von Sopot (Städtchen zwischen Gdynia und Gdansk) entlang, wo weisse Sonnenschirme in den blauen Himmel zeigen und Menschen zum Strand und zu den Eisbuden strömen. Auch hier begreifen nicht alle FussgängerInnen, dass Radwege tabu (und bei den Geschwindigkeiten mancher RadlerInnen hier geradewegs gefährlich) sind. Es gibt perfekt ausgeschilderte Radweg-Umleitungen und einen kleinen Radkreisel. Markiert ist der R10 hier nicht mehr und auch sonst ist die Beschilderung nicht immer klar: Manchmal ist der Radweg einspurig, also auf der einen Seite der Strasse in die eine, auf der anderen in die andere Richtung, manchmal ist Gegenverkehr. Auch beim Überqueren von grossen Kreuzungen ist nicht immer klar, wie wir genau fahren müssen, um schliesslich am richtigen Ende der Kreuzung zu landen. Trotzdem: Von Autos unbehelligt fahren wir auf dem R10 praktisch bis zu unserer Unterkunft, einem Apartment im Zentrum von Gdansk.

Polen: Erste Einblicke

Polen. Ein neues Land. Eine neue Sprache, neue Kultur. Am ersten Tag machen wir uns auf zum Meer, ins Dorf, noch etwas unsicher, etwas fehl am Platz, verletzlich, unverständlich und unverstanden, stets befürchtend, etwas falsch zu machen. Die wichtigsten polnischen Wörter haben wir nachgeschaut, herausgeschrieben und wenn es darauf ankommt, dann doch noch nicht parat: Guten Tag, danke, auf Wiedersehen. Wir lesen die Wörter, die an Häusern und Ladenfronten stehen und notieren uns, was vielleicht einmal wichtig sein könnte: wolne pokoje, Zimmer frei. Schau, ein Sklep, sage ich, denn darüber haben wir gehört. Zwar bedeutet Sklep in erster Linie „Geschäft“, aber gemeint sind meist kleine Läden, die es an jeder Ecke gibt, mit Nahrungsmitteln und den Gütern des täglichen Bedarfs, ein unterschiedliches Sortiment und häufig bedient. Und manchmal auch mit hausgemachtem Kuchen. Wir freuen uns auf diese kleinen Läden, weil sie ein „Museum of modern living“ (ein Museum des modernen Lebens) sind und weil es viele neue Esswaren gibt, die wir ausprobieren wollen. Und weil in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern die Läden so dünn gesät waren, dass wir planen mussten, wo und für wie viele Tage einkaufen.

In den ersten zwei Tagen halten wir uns der Einfachheit halber an Selbstbedienungsläden, jedenfalls bis wir die Wörter im Griff haben. Die Sprachlosigkeit in einem neuen Land ist anstrengend. Doch noch in der ersten Woche landen wir in einem kleinen Dorf im Sklep, einem gelben, einstöckigen Gebäude mit Flachdach. Drin eine lange Theke quer durch den Raum, eine Kühlvitrine mit Käse, Butter und anderen Belägen, dahinter Regale mit Alkohol, anderen Getränken, Gemüse, Toastbrote. Guten Tag, (haben Sie vielleicht) Brot? (Das da). (Und den Käse hier). (Und diese Tomate und Gurke). Und (etwas Kuchen, vielleicht soviel), gut, gut (das ist alles) gut. Danke. Auf Wiedersehen.

Nach dieser ersten Woche kommen die Wörter, haben sich in unserem Gehirn und in unseren Mündern eingerichtet. Die Leute sind freundlich und geduldig, manche beobachten unsere Polnischkenntnisse wohlwollend und amüsiert, andere weniger, aber wir kommen soweit gut durch. In einem Laden oder beim Einchecken in einem Camping ist ja meist klar, was wohl Sache ist. Wir haben ausserdem festgestellt, alle wollen Münz. An jeder Kasse. Und es gibt viel Münz (5, 2, 1 Zloty sowie 50, 20, 10, 5, 2, 1 Groszy).

Wir haben ausserdem den Eindruck, dass hier die soziale Distanz geringer ist als bei uns. Wir erleben, dass die Menschen in Schlangen (für uns zu) nah aufrücken, sich problemlos im Laden an einem vorbeidrängen, dass die Zelte eng gestellt werden (wir hatten schon ca. 1.50m Abstand, was in Deutschland oder in der Schweiz undenkbar wäre) und dass sie es auch in den Ferien gerne nah aufeinander haben. Es wird nämlich viel gebaut hier an der polnischen Ostseeküste, neben Hotels auch Anlagen mit kleinen Häusern – manchmal direkt aneinander, manchmal mit einem Meter Distanz dazwischen.

Seit der Grenze fahren wir auf dem Europäischen Radfernweg R10 entlang der Ostseeküste. Es war nicht unbedingt unser Ziel, aber wenn Radwege in die richtige Richtung führen, folgen wir ihnen ganz gerne. Auf den ersten zwölf Kilometern von Swinoujscie nach Misdroy sahen wir unsere Befürchtungen bestätigt, dass die Strassenverhältnisse schlechter seien als in Ostdeutschland. Seit Misdroy haben sich unsere Erfahrungen ziemlich geändert.

Der R10 (zwischen Swinoujscie und Ustka, wo wir jetzt sind) ist zu einem geringen Teil unbefestigt, und wenn, sind es gute Gravelstrassen oder nicht allzu sandig. Ausserdem hat die EU investiert, wie Schilder zeigen: der Radweg ist über weite Strecken gut bis sehr gut ausgebaut, allerdings kaum markiert. Ein deutscher Radler, den wir getroffen hatten, kaufte sich nach den ersten Kilometern eine Karte – in unserer App Osmand ist der R10 ausgewiesen. Der Radweg ist teilweise so gut ausgebaut, dass es bizarr wirkt: hier feiner Teer, auf der Strasse Betonplatten. Durch Kolberg wurden wir komplett auf einem in rötlichen Steinen „gemauerten“ Radstreifen geleitet, ohne uns zu verfahren oder etwas suchen zu müssen. Durch die Wälder, die die Ostseeküste hier säumen, führen breite geteerte Wege, halb für Velos, halb für FussgängerInnen auf dem Weg zum Strand, immer wieder kreuzen die Wege vom Parkplatz zum Meer die Velo-Strässchen. Bei diesen „Eingängen“ zum Strand gibt es auch immer wieder saubere Dixieklos.

Insofern ist unser Einstieg in Polen glimpflich verlaufen. Denn mit neuen Ländern ist es ja immer so eine Sache: Werden wir das Land mögen? Wird es uns mögen? Wird es mit der Sprache klappen? Werden wir uns wohl fühlen?

Der Nordosten

Kurz nach dem Brandenburger Tor finden wir auf den Berlin-Usedom-Radweg, auf dem wir Berlin in Richtung Norden verlassen.

Durch die Strassen, besprayte Wände, Pärke mit Glasscherben, JoggerInnen, HündelerInnen, ein Mann wartet an der Ampel, einen kleinen Hund in ein Frottiertuch gewickelt auf dem Arm, gepflasterte Strassen, umgeleitete Velowege, dann, nach 26 Kilometern, die Grenze Berlin/Brandenburg, es wird ländlicher, Einfamilienhäuser, bald Wiesen, wir folgen der Panke (Flüsschen). Fahre fast über einen Vogel, halte an. Ein Grünsprecht sitzt am Strassenrand. Ich bewege mich nicht, er hüpft herum, und flattert nach einigen Minuten in eine nahe Hecke.

In Bernau stossen Shivani und Selina zu uns, sie begleiten uns bis zu unserem heutigen Übernachtungsort in Eberswalde. Wir reden und fahren auf einem schmalen geteerten Weg durch grosse Wiesen mit hohem Gras, kleine Wäldchen, schliesslich Kiefernwälder mit bemoostem Boden. Einmal setzen wir uns in dieses Moos, über uns rauschen die Bäume und es knackt und immer mal wieder schickt eine einen prüfenden Blick nach oben.

Der Camping liegt direkt am Kanal und ist, nicht übertrieben, ein Sandkasten. Er gehört zu einem sich noch im Bau befindenden Marina Park rund um die ehemalige Städtische Badeanlage; es sollen ein kleines Hotel sowie Bed&Bike-Unterkünfte entstehen, neben dem Camping sind auch Restaurant und die Anlegeplätze für Kanalboote in Betrieb.

Eine Libelle landet auf meiner Hand; im ersten Moment zucke ich zurück, denn ich glaube zu wissen, dass sie stechen können. Dann lasse ich aber zu, dass sie sich wieder setzt, denn wie oft passiert das schon? Türkis und schwarz gefärbt, der Körper eckig, das lange Hinterteil mit einem erneuten, diesmal jedoch rundlichen Teil am Ende, das Ganze sieht technisch aus, eine Aneinanderreihung verschiedener Maschinenstücke. Darüber Flügel, die nur aus einem Gitter zu bestehen scheinen, in das am Ende, wie zur Zierde, einige farbige Plättchen eingesetzt sind.

Am nächsten Tag regnet es in den frühen Morgenstunden, was die Schlaglöcher in den Strassen mit Wasser füllt. Nach wenigen Kilometern Teer landen wir auf einer unbefestigten Piste, verfahren uns, wobei der richtige Weg nicht besser ist, aber halt richtig: sandig, bisweilen so tief, dass die Hinterräder schwimmen, nass, abschüssig, dann wieder grasig und ansteigend. Einer gepflasterten Chaussee führt ein geteerter Radstreifen entlang, die EU hat finanziert. Der Spass ist aber nur von kurzer Dauer, dann wird der Weg wieder wie zuvor. Im kleinsten Gang hötterlen wir voran, geben dann auf und schieben. In Grossziehen erstmal essen und überdenken. Drei Kinder beäugen uns neugierig, wir grüssen und fragen, ob es hier einen Brunnen gebe. Nein, sagen sie. Später tauchen sie wieder auf, einen Welpen im Schlepptau. Wir versuchen, ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, aber es ist harzig. Aus den wenigen Autos, die vorbeifahren, wird vorwiegend geschaut. Einer zieht sich sogar am Lenkrad hoch, dass er noch länger aus dem Fenster schauen kann.

Die Landschaft ist von grossen Getreidefeldern geprägt, in denen Mohn und Kornblumen leuchten, Hecken, hohes Gras, aus grossen Arealen mit alten Landmaschinen schauen uns Hühner und Ziegen zu, als wir einen Farmer essen. Zeitweise fahren wir auf der Hauptstrasse, wo wir gut vorankommen und der Verkehr gesittet ist. Bis plötzlich steht, Velo verboten. Wir weichen auf einen unbefestigten, aber gewalzten Kiesweg daneben aus, der aber nach einigen Kilometern in einer Wiese endet. Eine deutlich erkennbare Spur niedergedrückten Grases und Reifenspuren im offenen Boden zeugen aber davon, dass andere nicht lange gefackelt haben. Wir auch nicht und schieben die Velos durch hüfthohe Pflanzen, etwas wie Rittersporn, Mohn, Gras – aber zum Glück keine Brennnesseln.

An der steilen Böschung kämpfen wir, schieben die Velos auf die Strasse. Es geht durch Ortschaften mit schlechten Strassen (vier Reihen Betonplatten nebeneinander, meist mit Höhenunterschieden von bis zu 4cm dazwischen), aber teilweise schicken Häusern, ein seltsamer Kontrast. Osmand schickt uns im Zickzack durch Hinterhöfe, über Parkplätze und entlang von Wohnblocks, eine mittelalte Frau mit kurzen, grauen Haaren schaut aus dem Fenster, nickt uns zu, verzieht keine Miene. Die Strassen sind innerorts teilweise wirklich miserabel, erinnern mich an die Ukraine und die Republik Moldau. Ich kann nachvollziehen, dass sich die Leute fragen, wie es hier weitergehen soll.

Sobald wir wieder auf den Berlin-Usedom-Radweg stossen, wird der Belag besser. Wir schaffen es dank Zusatz-Effort rechtzeitig auf den Camping am Oberuckersee; eine junge Velofahrerin, die uns 17km vor dem Camping überholt hat, hat uns schon vorgemeldet. Der Camping ist in einem Wald, der steil gegen den See hin abfällt, nach dem grasigen Strand kommen zwei Ebenen Zelte. Es hat verschiedene Veloleute. Das ist der erste Camping, auf dem es viele Leute hat, sagt Stefanie, vor allem viele Menschen im Zelt. Bis jetzt waren wir meist das einzige Zelt, wenn nicht gar die einzigen Gäste.

Einen Tag später kaufen wir in einem Landmarkt-Laden ein. Davor sitzen drei ältere Männer auf einem Bänkli, dann Kopfsteinpflaster, Wohnblocks. Einen Moment bin ich erstaunt, dass alle Deutsch sprechen. Es erinnert mich an die Ukraine.

Generell wirkt die Gegend zunehmend fremd auf mich, ich habe den Eindruck, nicht mehr in Deutschland zu sein. Ich frage mich, wie das Leben der Leute hier aussieht, die hinter diesen holperigen Strassen und Trottoirs leben.

Beim Picknicken an einem kleinen See taucht ein Auto des deutschen Zolls auf – die polnische Grenze ist hier nah, Stettin ist für Autos schon angeschrieben.

Das Wetter ist schwül, die Sonne brennt, immer wieder halten wir an und leeren uns etwas Wasser über den Kopf. Ein kaltes Getränke wäre jetzt viel Wert. Deshalb folgen wir dem Wegweiser „Freibad“, müssen aber feststellen, dass es hier keinen Kiosk gibt. Dafür wenige hundert Meter danach ein Friedhof mit eiskaltem Wasser. An einer Tankstelle gäbe es sicher kühle Getränke nur – wir haben seit Tagen keine Tankstelle mehr gesehen.

Manche Dörfer sind hier so klein, dass sie keine Strassennamen haben, respektive alle Strassen tragen den Ortsnamen. Wieder eine gepflasterte Ortsverbindung, grosse Pfützen, wir balancieren auf den schmierigen Steinen dazwischen. Wie kamen die Trabis damit klar?

Trutzige Kirchen aus grossen, runden Steinen gemauert. Wir sehen wenige Menschen abgesehen vom Camping und manche davon wenden den Kopf ab, wenn wir vorüberfahren. Eine Frau ist minutenlang vor uns einer Strasse entlang gegangen, wir sind hinter ihr her geholpert, die Küchenausrüstung klapperte in der Saccoche, die Saccoche am Gepäckträger, aber sie schaute sich kein einziges Mal um, wer denn hier so seltsame Geräusche mache. Ist das die norddeutsche Kühle, von der man öfters hört oder sollen wir es als Zeichen von Abgestumpftheit und Desinteresse nehmen?

Zwei Tage noch bis Polen. Allerdings fährt die Fähre nach Usedom nicht, wie uns zwei Mitglieder einer tschechischen Radgruppe mitteilen, die vorausgefahren sind. Na dann, zwanzig Kilometer Umweg über Anklam und eine Planänderung. Ich mache Witze, dass ich es als grenzwertige Marketingmassnahme der Stadt Anklam finde, weil sie vielleicht zu wenig Gäste hat. Die Peene ist hier nämlich nicht mehr breit, Usedom ist am anderen Ende gut erkennbar, aber eben, ohne Fähre kein Usedom. Wir organisieren uns einen Camping in Wolgast, der auf den ersten Blick nach Stellplatz für Wohnmobile aussieht, aber die Frau am Telefon sagt, Zelt, kein Thema. Der Platz stellt sich erfreulicherweise als grüne Wiese heraus, mit alten Eichen und Linden, direkt am Wasser.

Wir sind fast im Norden angelangt, zumindest was unsere Reise in Deutschland anbelangt. Es ist Zeit für ein neues Land. Zwar ist der Respekt gross, eine neue Sprache, eine neue Kultur. Über Polen kursieren viele Vorurteile – obwohl wir den Eindruck haben, dass viele Leute noch gar nie im Land waren. Ich hoffe, es gibt endlich wieder Hefebrot – seit Wochen gab es in den Bäckereien nur Sauerteigbrot. Besonders der Osten von Deutschland hat uns beeindruckt, gefallen, berührt, erstaunt, gefordert. Gerade die Strassen haben es in sich, wir sind viele Kilometer eher geholpert als gefahren. Die Landschaft ist von Landwirtschaft geprägt, mit grossen Feldern, grossen Wiesen, aber auch vielen Hecken, sehr schönen Kiefernwäldern und vielen Seen. Immer wieder konnten wir abends eine Runde schwimmen. Die Menschen sind nicht per se unfreundlich, insgesamt ist das Klima sozial gesehen aber kühler. Es wird eher geschaut als gefragt, zwar zurückgegrüsst, aber mit wenig Enthusiasmus. Aber es können und sollen nicht alle so leutselig sein wie im Süden.

Auf Usedom kommen wir in eine neue Welt. Entlang der Strasse hängen Plakate: Pferdetheater, Katzenkabinett, Europas grösste Schmetterlingsfarm, Holzskulpturenausstellung, viel mehr Verkehr auf den Strassen. Kleine Läden, Stände mit Souvenirs und Strandartikel, Kaffeehäuser und Eisdielen, schlendernde Gäste. Am Horizont weht die Flagge der Wasserwacht, dahinter ist bestimmt das Meer. Wir schieben die Velos durch die Fussgängerzone und das liegt sie: die Ostsee. Da der Radweg zwar der Küste entlangführt, aber praktisch ausschliesslich im Wald und unbefestigt ist, fahren wir auf der Hauptstrasse, um Strecke zu machen. Schliesslich wollen wir heute noch nach Polen.

Nach Ahlbeck fahren wir wieder dem Meer entlang, auf einem breiten, perfekt angelegten Radweg mit regem Verkehr. Auf Osmand sehe ich uns an die Grenze heranrücken, dann ist sie da. Eine Schneise, ein Monument mit beiden Flaggen, weiter vorne am Meer zwei Pfähle, schwarz-rot-gold der eine, rot-weiss der andere. Ein Foto und dann sind wir drüben und plötzlich sprachlos. Wir finden einen Bankomaten und die Fähre, die uns über die Swina bringt. Usedom gilt als Insel, weil zwei Flüsse sie vom deutschen respektive polnischen Festland abgrenzen: die Peene (Peenemünde) und die Swina (Swinemünde, Swinoujscie).

Seit der Grenze ist der R10 gut ausgeschildert, wir finden ihn auch nach der Fähre wieder. Er beginnt gut ausgebaut, nur um bald auf einen Waldweg abzubiegen, der unsere Aufmerksamkeit fordert, so dass wir von dem uns umgebenden Naturschutzgebiet wenig mitbekommen. Später wird der Weg sandig, dass wir schieben müssen, dazwischen grober Schotter, dann einzelne dieser grossen Schottersteine auf gepresstem Boden, theoretisch umfahrbar, praktisch nicht immer. Wir halten den Lenker fest und legen Kilometer um Kilometer zurück. Wir brauchen anderthalb Stunden für die zwölf Kilometer bis zum Camping.

Am Wegrand stehen ab und zu Schilder, die wir nicht verstehen und wir machen uns nicht die Mühe, herauszufinden, was es heisst. Ich habe in den Autopiloten geschaltet, denke immer nur daran, dass das irgendwann ein Ende haben muss, dass ein Camping wartet und eine Dusche und ein Abendessen.

Zwischendurch wird der Weg besser, ich kann mich umschauen. Der Kiefernwaldboden ist von Farn bedeckt, manchmal auch von Heidelbeerbüschen. Das Grün leuchtet, daneben die rötlichen Kiefernstämme, sehr schön. Als der Weg befestigt wird, sind es Platten von der fiesen Sorte, mit Aussparungen, die zu eng stehen, als dass man zwischendurch rollen könnte. Aber ein mehrstöckiger Hotelkomplex und zu mietende Apartments zeigen an, dass die Ortschaft nicht mehr weit sein kann.

Stefanie will im Camping-Restaurant ein Bier holen und kommt zusätzlich mit einer gegrillten Wurst zurück, offenbar gibt es ein Fest und alles ist gratis. Und dann sitzen wir da und schauen uns an und sagen, hey, wir sind jetzt in Polen.

Ostdeutschland bis Berlin

Thüringen begrüsst uns mit strahlendem Himmel und eiskaltem Wind. Bald nach der Mittagspause, für die wir vergeblich einen windstillen Ort suchen und schliesslich unsere Stühle neben einem Fussballplatz aufstellen, erklimmen wir auf einer steilen Strasse die Talflanke. Wir halten immer wieder an und verschnaufen, und zum ersten Mal in Deutschland reagieren die AutofahrerInnen besonnen: sie verlangsamen, kurven um uns herum, obwohl wir hin und wieder etwas ungünstig stehen blieben. Der Atem schaut nicht auf eine gute Stelle am Strassenrand.

Auf einem langen, gemässigten Anstieg auf einer unbefestigten Strasse überqueren wir den Rennsteig, einen bekannten Wanderweg im Thüringer Wald. Viele Häuser sind zunehmend komplett geschindelt, mit Schiefer, manche auch mit günstigeren, wohl künstlichen, Schindeln.

Der Camping liegt in einer Senke, wir stellen unser Zelt zwischen dem Flüsschen Ilm und einem Forellenteich auf, packen uns sofort in alle verfügbaren Schichten ein. Wieder einmal ein kalter Abend nach einem kalten Tag und vor einer kalten Nacht. Das prägt nun schon die letzten Wochen, die Kälte setzt uns zu, Lippen und Finger springen auf, am Morgen sind die Spitzen von Rüebli und Gurken glasig. Die Mützen tragen wir Tag und Nacht.

Die nächsten zwei kalten Tage folgen wir dem Ilm-Radweg. Die Innenstädte der kleinen Orte, die wir durchfahren, sind zunehmend gepflastert, im Schritttempo holpern wir durch die Strassen. Ich schimpfe, Stefanie sagt, in der DDR war hier alles so. Am zweiten Tag schaffen wir es nicht bis Oettern. Wo ist denn da die Freiheit, fragt Stefanie. Wir kämpfen mit unseren Erwartungen, der wohl anstrengendste Kampf. Nach Kaffee und Kuchen in Kranichfeld beschliessen wir, auf den nächstgelegenen Camping zu fahren und die Lage zu überdenken.

Freudig begrüsst uns die Frau hinter dem Tresen und auch alle vorbeilaufenden MitarbeiterInnen grüssen, als hätten wir uns schon mal gesehen. Woher, fragt sie, die Finger mit den langen bemalten Fingernägeln schweben über der Tastatur ihres Computers. Aus der Schweiz, sage ich. Aber nicht hergefahren, will sie sich versichern. Doch, bestätige ich.

Stille.

Steve? sagt sie nach einer Weile zu einem Mann, der hinter ihr Prospekte einräumt. Ich kann gerade gar nichts dazu sagen, sagt er. Sie: Hätte ich einen Hut, würde ich ihn vor euch ziehen.

Wir beschliessen, der Kälte zu entfliehen und drei Nächte in Weimar zu verbringen.

Am Nachmittag sitzen wir in einem Hotelzimmer, die Füsse auf dem Ofen, die Teetasse in der Hand und schauen dem Sprühregen durchs Fenster zu. Drei Nächte und zwei Tage lang kein Regenprotokoll, keine dicke Hülle aus Daunen und Regenjacke, keine Handschuhe, kein kaltes Wasser, kein Vergraben im Schlafsack.

Dafür Bauhaus-Museum, Waschsalon und Kaffee.

Als die erste Ampel mit dem DDR-Ampelmännchen auftaucht, denke ich: Nee, jetzt haben sie hier auch diese doofen Ampelmännchen, die in Berlin so touristisch ausgeschlachtet werden. Dann fällt mir ein, dass die ja von hier stammen.

Nach Weimar wird es warm, die Sonne scheint, die Ärmel müssen runter, die Hosen werden hochgekrempelt. Am Mittag liegen wir auf einem Spielplatz im Gras und können es nicht glauben: Warm! Kein Wind!

Zwischen Obertreba und Untertreba an der Saale fahren wir den 1000. Kilometer.

Am Abend sitzen wir bis zum Schlafen ohne Daunenjacke und -hose, ohne Mütze, ohne Halstuch fast ergriffen neben unserem Zelt und sagen immer wieder zueinander, unglaublich, schon so spät, und immer noch so warm.

Die Nebenstrassen sind zunehmend unbefestigt, die Hauptstrassen zwar befestigt, aber mit geflickten Löchern, Rissen und sandigen Zwischenstücken. Hunde rennen uns hinter Gartenzäunen kläffend hinterher, die Häuser sind klein, viele mit Garten und Gemüsebeeten, Kartoffeln, Beerensträuchern.

Die Navigation mit Tante G wird schwieriger, was sie hier als velotauglich anzeigt, ist es in der Praxis häufig nicht – zumindest nicht mit vollbeladenen Tourenvelos. Breite, unbefestigte Wege sind meist gut fahrbar, aber immer öfters leitet sie uns in den Wald, wo die Wege schnell unpassierbar werden, Zweige, aufgewühlte Erde, Gras, wir rutschen oder das Hinterrad schwimmt im Sand, manche Wege wären selbst zu Fuss nur mit viel Abenteuergeist passierbar. Dazu freuen sich Myriaden von Mücken auf ein einfaches Mahl.

Der Mann vom Camping hat kurz geschwiegen, als ich mich telefonisch nach den Öffnungszeiten der Rezeption erkundigte. Machen wir es so, sagte er und erklärte. Also folgen wir den blauen Wegweisern durch den Wald. Unter grossen Zeltdächern stehen Campingvans mit Gartenzäunen, auch Garagen sind mit Zeltplanen errichtet. Bei einem Spielplatz biegen wir gemäss Anweisung links ab, folgen der Strasse bis zum Ende. Dort befindet sich die Holzplattform, neben der wir unser Zelt aufstellen sollen. Wir schauen uns um: Der Weg macht eine Kurve um die Plattform, auf der anderen Seite ein kleiner Sandstrand, der See, Schilf, ein lichter Wald aus Birken, Eichen und Föhren. Wir stellen uns direkt neben den Strand und springen erstmal in den See, da es keine Duschen gibt.

Schöner Abend mit weichem Licht, die Sonne sinkt hinter die Bäume, wir essen, hören Enten und Frösche, ab und zu fällt ein Kiefernzapfen. Genau so habe ich mir das vorgestellt, sagt Stefanie.

Nach vier Tagen bei Brigitte und Dieter (Gespräche, Kaffee trinken, Velos putzen, lesen, die Frösche im Teich beobachten) in der Nähe von Torgau machen wir uns auf nach Berlin.

Ein Rehbock schreckt auf, als wir vorbeifahren, springt im Getreidefeld davon. Neben Stefanie steigt plötzlich ein Storch auf, zwischen Radweg und Strasse, schlägt mit grossen Schwingen, gewinnt taumelnd an Höhe.

Schwarze Eichen, dunkle Blätter zwischen schmalen hellen Birken, teilweise hüfthoher Farn, Erika oder Heidelbeeren, dann wieder Bestände mit rötlichen Kiefern, der Waldboden voller Moos. Der Boden ist sehr sandig, auf Feldwegen müssen wir manchmal einige Meter schieben, weil es so sandig ist, dass die Räder nicht mehr greifen.

Nach dem Wald grosse Wohnhäuser, eingezäunt, Polizei. Eine Flüchtlingsunterkunft? Dienen die Zäune den Menschen als Schutz oder den anderen als Kontrolle?

Wir testen Osmand, eine Open-Source-Offline-Kartenapp, die uns an zwei Seen vorbeiführt, aufgefüllte Kohlengruben wurden in ein Naturschutzgebiet verwandelt, im Hintergrund ist noch öde ein Teil des Abbaugebietes zu erkennen.

Die Dörfer haben jetzt Doppelnamen, deutsch und etwas, was wie Polnisch aussieht. Es ist sorbisch, diese westslawische Bevölkerung lebt hier in der Lausitz.

Grosse Felder mit langen Bewässerungsanlagen, wie ich sie in Neuseeland gesehen habe, aber hier nicht auf Weiden, sondern bei Weizen und Raps. Ein Betrieb mit drei grossen Milchviehställen, riesigen Silos und Fahrsilos, deren Wände höher sind als der Traktor, der davor steht.

Zwei Tage durch den Spreewald, auf schmalen, unbefestigten Wegen entlang der Spree, die Dutzende von Kanälen speist, grosse waldige Auengebiete, kleine Dörfer, in denen man Boote mieten oder sich in einem Stak-Kahn chauffieren lassen kann. Reethaufen rund um senkrechte Pfähle.

Durch Alleen von alten Linden fahren wir Berlin zu, Kiesweg, dann eine lange, frisch geteerte Strasse entlang, durch den Wald, immer wieder Gruppen von Männern auf Rädern, Bierdosen in der Hand, Musik, sie fahren häufig kreuz und quer über die Strasse, wir schieben die Hände in Bremsposition, halb nachsichtig, halb irritiert ob der etwas fragwürdigen Auslegung dieses Vatertages (Auffahrt), der mehrheitlich aus Männerausflügen bestehen, die mit Bier zu tun haben.

Grosse Geflügelställe, Pferde schnuppern am staubigen Boden ihrer Paddocks, in Neubausiedlungen arbeiten Menschen in ihren Gärten.

Als eine kleinere Strasse in eine grössere mündet, sehen wir das Stadtschild von Berlin – 20 Kilometer vor unserem Kiez.

Auf der Suche nach einem Klo landen wir im Krankenhaus Hedwigshöhe, obwohl Stefanie fremde Spitäler etwas gruselig findet, da sie „krank“ riechen. Durch kleine Quartierstrassen, die Grundstücke werden kleiner, die Strassen sind nach wie vor eine Mischung aus Asphalt, Betonplatten, Pflaster und sandigen Zwischenstücken, lotst Stefanie uns zum Mauerradweg, eine breite Teerstrasse nur für Langsamverkehr, die Autobahn im Boden darunter. Dem Teltow-Kanal entlang, viele Menschen mit Velos, Roller Blades – wirklich eine sehr schöne Bewegung – und zu Fuss, Gümmeler, Leute mit Kindern.

Das Tempelhofer Feld ist voller Leute, sie liegen, lesen, schmusen, fahren Velo, stehen an Glace-Ständen, wir kurven herum, bremsen, weichen aus, Männer in Röcken, Frauen mit Kopftuch, Kinder in Anhängern und in den Kisten von Lastenvelos, niemand zuckt auch nur mit der Wimper, dass wir hier so schwerbeladen durchrollen, wir sind in Berlin. Durch die Hasenheide, dann taucht schon die Kirche am Südkreuz auf. Die grösste Strasse an diesem Tag ist wohl die Bergmannstrasse im Kiez, wir biegen ab, wissen wohin, kramen den Schlüssel hervor, er passt, schieben die Velos in den Innenhof, laden ab, schleppen alles in den vierten Stock und dann ist unsere erste Etappe abgeschlossen: wir sind von Bern nach Berlin gefahren.

Schlaglichter aus Bayern

Bayern begrüsst uns mit einem blau-weissen Himmel und einem prächtigen Maibaum: die Rinde ist in Mustern, rund um Schrift und Bild, vom Fichtenstamm weggeschnitzt. Wir staunen und fragen uns, wie lange das Kunstwerk wohl stehen bleiben darf.

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Am nächsten Morgen klemmt sich Stefanie beim Herumheben der Saccochen im Zelt eine Rippe ein, kann kaum noch gehen. Sie schafft es aufs Fahrrad und fährt 22 Kilometer. Dann beschliessen wir, einen Nothalt einzulegen. In einem kleinen Städtchen namens Wolframs-Eschenbach, mit einer nahezu vollständig erhaltenen Wehranlage, Fachwerkhäusern in der Altstadt und einer Pension. Stranden hier für drei Nächte, Schmerztabletten, Übungen von dringlich angeschriebenen physiotherapeutischen Freunden von ehemaligen Arbeitskolleginnen, liegen, lesen, schreiben. Draussen ein erneuter Wintereinbruch mit Hagel, Schnee und tiefen Temperaturen – die Frau von der Pension holt ihre Geranien über Nacht herein.

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Ein neuer Baustil taucht auf, die Dächer kommen weit herunter, bisweilen ist der erste Stock schon komplett im Dachgeschoss, gleichzeitig haben die Häuser keine Vordächer, sondern enden an der Hausmauer in einer Regenrinne. Sie sehen aus wie Spielzeughäuser, vereinfacht, damit kleine Kinderhände nichts abreissen können. Der fränkische Baustil, wie wir später erfahren.

Welliges Land, Waldstreifen, dazwischen grosse Wiesen mit verblühtem Löwenzahn, nicht extensiv, aber auch nicht wirklich fett, Koppeln mit Pferden, mäandernde Bäche, es ist ein schönes Gebiet hier.

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Auf dem Camping in der Nähe von Nürnberg fährt abends eine fette Audilimousine auf den Platz, ein herziges, rundliches Campinganhängerli im Schlepptau. Der Mann kommt am nächsten Morgen zu Stefanie und fragt, ob uns nicht kalt gewesen sei in der Nacht. Bei ihnen sei die Heizung ausgestiegen und sie hätten sehr gefroren…

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Ein sehr steiles Wegstück führt uns hinauf auf eine Brücke – doch es ist ein Aquädukt, breit fliesst der Main-Donau-Kanal über die Landschaft. Industrieanlagen werfen zitternde Spiegelbilder aufs Wasser, keine Schiffe, wenig Enten. Die Bank zum Mittagessen nimmt uns ein grimmig dreinblickender Radfahrer, der sich eine Zigarette anzündet.

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Camping am Dechsendorfer Weiher, in einer Landschaft mit aneinandergereihten eckigen Weihern. Eine Amsel mit zwei Jungen streift ständig ums Zelt, zieht zwischen unserem Kochgeschirr und der Ausrüstung Würmer aus der Erde, stemmt sich mit den drahtigen Beinen ins Gras. Die zwei Jungen sind durch das aufgeplusterte Gefieder grösser als das Elter. Sie quäken und rennen herum, die grosse Amsel scheint uns genervt ob den unselbständigen Teenagern.

Am nächsten Morgen rennt eine Ratte geschäftig zwischen Hecke und dem für Zelte vorgesehenen Grasstreifen hin und her, zehn bis fünfzehn Meter von unserem Zelt entfernt. Heute also Tierdoku im Frühstücksfernsehen.

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Es regnet. Wieder einmal. Was es bis jetzt fast immer tat, wenn es nicht grau/kalt/windig oder sonnig/kalt/windig war. Kurz vor Bamberg, als wir den Main-Donau-Kanal verlassen: Fähre. Beide hoffen, dass sie bedient ist. „Woll’n Sie ans andere Ufer rüber? Rufen Sie laut: Fährmann, hol rüber!“ steht auf einem Schild und wir rufen: Fäääääääärimaaaaaaa! Nach einem kurzen, angstvollen Moment öffnet sich im kleinen Haus oberhalb der Fähre eine Tür und ein Mann in Leuchtkleidung steigt die Böschung hinunter zum Boot, hantiert mit Stahlseilen und Ketten, stösst sich mit einem Fuss vom Ufer ab, steht dann ruhig, die Hände in den Taschen, abwartend. Vom Seil festgehalten, von der Strömung bewegt, kommt die Fähre langsam auf uns zu. Der Fährmann macht eine Kopfbewegung, wir grüssen und schieben die Velos auf die Fläche, der Mann stösst sich wieder vom Ufer ab, legt in einer Atempause das Seil um und die Fähre gleitet langsam zurück. Bamberg begrüsst uns mit strömendem Regen, nur Rapsfelder leuchten heute.

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Klopf klopf klopf, Kuchen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen, sagt die Stimme unserer Nachbarin neben unserem Zelt. Gestern Abend haben wir uns schon mit ihnen unterhalten. Wir brauchen einen Augenblick, um zu begreifen, dass wir gemeint sind. Vor unserer Tür steht ein Teller mit Rhabarberkuchen!

Ruhetag am nächsten Tag, sitze mit dem Tee in der Hand in der geöffneten Tür, der vorgespannte Tarp schützt mich vom Regen, schaue auf die träg dahinfliessende Regnitz und die Regentropfen, Muster auf der Oberfläche. Enten drücken sich, etwas verschlafen noch, ins Gras. Sie brauchen nichts, kein Zelt, keinen Tarp, keine Regenkleider, keine Daunenjacken, sie haben alles selbst. Schaue uns an, was wir alles brauchen, um die Regennacht zu überstehen. Die Enten schütteln am Morgen das Gefieder und die Regentropfen rollen ins Gras.

Ein Tag später: Sonne. Wir kriechen ohne Regenjacke aus dem Zelt, ich baue das Tarp ab, die Heringe sind voller Sand, der sofort an allem klebt, die Wanderstöcke auch, ausserdem quillt Wasser hervor, als ich sie zusammenschiebe. Frühstück in der Sonne, sich in den Stuhl zurücklehnen, aaah.

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Unser letzter Tag in Bayern, Gerste und Triticale recken ihre Grannen zum baierisch blau-weissen Himmel, zum Abschied noch einmal, heute Abend sind wir in Thüringen. Salbei blüht verschwenderisch violett am Strassenrand.

In Maroldsweisach folgen wir der Hauptstrasse, hätten jedoch abbiegen sollen. Wir beschliessen, die Route neu rechnen zu lassen und nicht zurückzufahren. Tante G schickt uns heute aber von Kieswegen auf Waldwege, auf halb zugewachsene Waldwege. Sie weiss nicht mehr weiter, sie kennt keine Wege zwischen Bayern und Thüringen, natürlich, hier war die Welt zu Ende, bis 1989. Stefanies maps.me findet einen Weg, wir kämpfen uns über Wanderwege, die von Zweigen übersät sind, die nach unseren Ketten, Speichen, Taschen greifen, wehren ab, schieben die Räder durch Morast. Da vorne sollte ein Weg kommen, sagt Stefanie, Kolonnenweg heisst er. Ein Weg mit Namen muss ja was Gutes bedeuten, denke ich. Der Weg ist sehr schmal, links und rechts schrammen Zweige an den Saccochen vorbei, in eine kleine Senke, auf der anderen Seite mit Keuchen und Schimpfen hinauf, dann stehe ich auf dem Kolonnenweg: Betonelemente, mit Vertiefungen von 10x5cm, zwei Spuren, dazwischen hohes Gras, nur schlecht zu fahren, in mir dämmert eine Erkenntnis, hinter und vor uns tut sich eine Schneise auf, rechts Bayern, Nadelgehölze, links Thüringen, Birken; wir stehen auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze, dem eisernen Vorhang, der Verlängerung der Mauer. Geschichte überrollt uns, hier auf diesem ehemals tödlichen Grund, die friedliche Stille im Wald und das Vogelgezwitscher mischen sich mit Geschichten, Bildern. Sich hier zu verirren konnte früher den Tod bedeuten. Stumm schieben wir die Velos vorwärts, abwärts, sind dankbar für die dreissig Jahre, die inzwischen vergangen sind.

Dann endet der Kolonnenweg in einen Kiesweg, der mündet in eine Strasse und bald rollen wir den Hügel hinab nach Hellingen, Bratwürsten und Gesellschaft entgegen.

Klo in Ornbau

Über eine kleine Brücke fahren wir in die Innenstadt von Ornbau, einem kleinen Städtchen südlich von Nürnberg, mit gepflasterten Strassen rund um die Kirche. Auf der Suche nach einer Toilette und einem Café spricht Stefanie einen jungen Mann an, der an uns vorbeiradelt. „Klo?“ sagt der Mann, „also meine Freundin wohnt gleich um die Ecke.“ Da kommt sie auch schon daher, auf einem Tourenvelo mit Lowrider am Vorderrad. Klo, klar, kein Problem. Die Tür führt von der Strasse gleich ins Wohnzimmer einer grossen WG, gemütlich mit durchgesessenen Sofas. Sie fahren auch längere Touren, erzählen sie uns separat, denn eine von uns ist ja jeweils auf dem Klo, er sei schon von Ornbau nach London gefahren und gemeinsam hätten sie mit den Velos die dänische Westküste erkundet; es sei dort sehr schön. Nach einem Tipp für ein gutes Kaffeehaus und vielen guten Wünschen fahren wir bereichert weiter.

 

Aebi und der 1. Mai

Die Krone der über zehn Meter langen Birke zittert, als der Anhänger bewegt wird, auf dem der Baum liegt. Farbige Bändel werden an die Kinder verteilt, die schon eine Weile erwartungsvoll herumstanden. „Das war immer ein Highlight für uns“, erklärt Astrid. Bei ihr und Christoph haben wir zwei Nächte übernachtet. Christoph und ich haben uns in Neuseeland kennengelernt, als wir beide dort mit dem Velo unterwegs waren; seither haben wir einen losen Kontakt behalten. Astrid ist hier im Dorf Hausen aufgewachsen, Christoph im Dorf nebenan, wo sie jetzt auch wohnen.

Es ist der 30. April um acht Uhr abends. Die Luft ist frisch, die Leute tragen warme Jacken. Der Himmel hat eine grau-rosa Färbung, die Dämmerung beginnt.

Die Kinder umschwirren die Baumkrone wie die Motten das Licht, umkreisen ihn, binden Bändel fest, ihre hellen Stimmen sind aufgeregt, eines sagt: „Ist noch irgendwo Blau im Umlauf?“ Bald trägt der Baum gelbe, rote und blaue Bändel.

Rund zwanzig Feuerwehrleute sind angetreten, wohl alle, die es in ihrer Abteilung gibt. Was mich zu einem Witz veranlasst: Wie viele Feuerwehrleute braucht es, um einen Maibaum aufzustellen? Alle.

„Absolut nichts Spektakuläres“, hat uns Astrid gesagt, als sie uns fragte, ob wir mitkommen wollten zum Maibaum aufstellen. Es ist auf nette Weise nicht spektakulär, abgesehen von der Feuerwehr vielleicht zwanzig bis dreissig Leute, ein Lastwagen mit Kran, ein kleines Zelt mit Grill und Getränken. Die Feuerwehr bewacht den Baum bis zum nächsten Morgen, denn theoretisch könnte er immer noch von EinwohnerInnen eines benachbarten Dorfs abgesägt werden. Heute wirklich eher theoretisch, Christoph kann sich aber noch an Zeiten erinnern, als das eher praktisch der Fall war. Nach dem Morgengrauen ist es nicht mehr erlaubt, dann ist der Baum sicher. Dasselbe gilt für Maibäume, die ein Bursche der jungen Frau stellt, die er verehrt. Auch den müsste man eigentlich bewachen, damit nicht ein anderer Bursche den Baum umsägt und seinen aufstellt. Tatsächlich sehen wir bei einem Rundgang durchs Dorf einen Maibaum für „Fabienne“. Stefanie hat später recherchiert, dass in Schaltjahren die Frauen den Burschen einen Baum aufstellen – zumindest in einigen Gegenden. Aber in der Nacht, in der April zu Mai wird, werden nicht nur Bäume gestellt, sondern auch Streiche gespielt. Über die Streiche von diesem Jahr wird hier selbstverständlich geschwiegen. Deshalb hier ein verjährter Streich: In Hausen gibt es ein gelbes Haus mit einem blauen Sockel. Als es neu (oder jedenfalls neu gestrichen) war, wurde dort ein Schild aufgehängt: „IKEA-Eröffnung“ mit Datum und Uhrzeit. Sehr verbreitet scheinen aber Streiche zu sein, die Rasierschaum beinhalten, zum Beispiel werden Briefkästen oder Türklinken damit „dekoriert“. Das fanden wir weniger lustig, sahen es aber am nächsten Tag in verschiedenen Dörfern.

Der erste Mai ist ein Feiertag in der Gegend, manche gehen auf eine Demonstration (auch davon sahen wir am nächsten Tag Reste und Plakate). Für Christoph und seine Freunde sieht der erste Mai jedoch anders aus: Einen Wagen schmücken und damit von Fest zu Fest (respektive Dorf zu Dorf) ziehen. Dieses Jahr sogar mit einem Aebi! Den Schweizer Berg-Mehrzwecktransporter kenne ich aus den Sommerferien meiner Kindheit gut. Was für ein Gefühl, wenn man verklebt und verschwitzt vom Heuen auf dem Beifahrersitz sass, im Bauch noch den Fleischkäse und den Most vom Zmittag im Schatten eines Baumes spürte, die Schwere in den Gliedern, und der Aebi rumpelte heimwärts, und wenn er dann auf eine geteerte Strasse einbog und hochschaltete… seufz

Item. Christoph hat offenbar bei seinen Alpeinsätzen in der Schweiz verstanden, wie toll ein Aebi ist und sich ein ziemlich altes Exemplar gekauft. Jetzt steht das Gefährt mit einem Aufkleber vom Braunviehzuchtverband im Hof vor dem Haus und wird mit Birkenzweigen und farbigen Bändeln geschmückt. Eine Festbank und Rückenlehnen werden angeschraubt. Damit wird am 1. Mai von Dorf zu Dorf gefahren, getrunken, gelacht und gefeiert.

Wir verlassen Astrid und Christoph am 1. Mai und fahren nordwärts in Richtung Nürnberg. Im Fahrtwind flattern Birkenzweige und farbige Bändel, mit denen Surly und Velotraum geschmückt sind.

PS. Am 1. Mai morgens steht auch vor Astrids Haus ein Maibaum.

Unterwegs mit Rebekka

Rebekka machte mit Stefanie die Ausbildung in Freudenstadt und arbeitete zwei Jahre mit ihr in Langnau, kehrte danach aber nach Deutschland zurück. Sie wohnt vierzig Kilometer von Dornstetten entfernt, eine ideale Tagesetappe im Moment. Ja sicher, wir freuen uns, schrieb sie, als Stefanie fragte, ob wir bei ihnen übernachten könnten, vielleicht komme ich euch entgegen.

Als wir am Dorfausgang von Dornstetten sind, wartet sie schon mit ihrem Velo auf uns.

Das Wetter ist warm und sonnig, bald zippen wir unsere Ärmel ab und steigen aus den langen Hosen. Neben der Strasse blühen Obstbäume, die Wiesen sind gelb gesprenkelt vom Löwenzahn. Zwei Rennradfahrer wollen vorbei und nerven sich, dass sie ab unseren Lasteseln bremsen müssen. „Auf die Klingel würden wir hören“, sagt Rebekka.

Ab Altensteig lotst uns Rebekka ein langes, ruhiges Tal hoch, um eine grobe Steigung zu umgehen. Es gibt nicht viel Verkehr und den wenigen auch nur, weil die Strecke eine inoffizielle Umfahrung für eine gesperrte Strasse ist. Rebekka ist mit unserem Tempo etwas unterfordert und möchte Velo tauschen. Während wir auf dem leichten Rad schwanken, schafft sie die Herausforderung „vollbeladenes Tourenvelo“ mit Bravour. Bei ihnen zu Hause angekommen, öffnet Thomas, der ambitionierte Rennradfahrer die Tür, hebt eines unserer Fahrräder an und sagt: „Damit kann man ja nicht fahren, ist ja viel zu schwer.“

Am nächsten Tag zeigt sich der schon länger angekündigte Wetterumschwung: es regnet und ist kühl. Trotzdem stürzen sich Rebekka und die beiden Kinder in Regenkleidung und suchen nach Handschuhen. Über eine tolle Abfahrt erreichen wir das Seitzental und radeln der Nagold entlang. Stefanie und ich als ruhige Pole zwischen den Kindern, die vor und zurückschiessen, so dass Rebekka manchmal rufen muss: Haltet euch auf dem Weg, nicht dass sie bremsen müssen!

Dem Agenbach entlang auf die Höhe in Richtung Deckenpfronn führt ein schöner Teerweg hoch. Helle Buchenblätter heben sich von nassdunklen Stämmen ab. Die Kinder machen es gut, aber bei den radsportbegeisterten Eltern verwundert einen das auch nicht.

Nach einer heissen Schokolade in Deckenpfronn holt Thomas die Kinder und ihre Räder auf dem Heimweg von der Arbeit ab, Rebekka fährt zurück. Wir ziehen weiter.

Bald öffnet sich die Landschaft, wir kommen aus dem Schwarzwald heraus, der Wald verschwindet, Felder mit Getreide und Raps, Weiden und Hecken prägen die Landschaft. Kilometer um Kilometer lassen wir hinter uns zurück. Wir fahren durchs Gäu, so heisst die Gegend hier. Am Horizont im Osten zeigt sich jedoch schon der Hügelzug der Schwäbischen Alp.

Auf und ab im Schwarzwald

„Da habt ihr euch aber die falsche Talseite ausgesucht!“ meint ein Mann, der uns auf seinem E-Mountainbike locker in die Pedale tretend überholt, als wir unsere Velos kurz nach Alpirsbach einen steilen Kiesweg hinaufstossen. „Danke, wir wissen, was wir tun“, sage ich, etwas genervt, denn in den letzten Tagen gab es immer wieder Sprüche. Allerdings hatten wir die Strecke anders in Erinnerung, aber damals waren wir nur wenige Tage gefahren, hatten kein Zelt, keine Kochausrüstung und nicht viel Elektronik dabeigehabt, sondern nur etwas Material für die Tage bei Stefanies Eltern. Jetzt präsentierten sich die Kilometer bis Lossburg als ständiges Auf und Ab, den Blick auf den Kilometerzähler geheftet, im Wald zwar deutlich kühler als auf der Strasse unten – und ohne Verkehr.

Es sind nicht die ersten Anstiege, mit denen wir kämpfen. Da war der Schweizer Jura, dann nach Lörrach die Ausläufer des Schwarzwaldes, später der Schwarzwald selbst. Die Rechnung ist einfach: wenig Training mal viel Gewicht bedeutet einen härteren Einstieg in unser Velojahr, als wir es uns erhofft hatten. „Neckig“ heisst das auf Schwäbisch, wenn man ohne Training an ein Rennen geht, erklärt uns Thomas später. Jetzt wissen wir, wie es sich anfühlt.

Da war zum Beispiel das Landwassereck. Es ist Karfreitag, herrliches Wetter, blühende Bäume, die Strassen voller Motorradfahrer, die ihre Maschinen ausführen. Die Strasse beginnt bald zu steigen. „Nach einem Kilometer wird es besser“, sagt ein Landwirt zu Stefanie, als wir wieder einmal am Strassenrand anhalten und verschnaufen. Autos und Motorräder ziehen an uns vorbei. Bald wird es so steil, dass wir alle fünfzig bis hundert Meter anhalten. Gümmeler und Mountainbikerinnen überholen uns, sagen „weiter so“ oder „ihr habt aber viel Gepäck“. Ich kralle die Hände um den Lenker, richte den Blick auf den Asphalt, er ist mit vielen kleinen Steinchen durchsetzt, und auf den weissen Streifen, damit ich für die Autos einschätzbar bleibe. Die Passhöhe kommt in Sicht, eine Person auf der Terrasse zeigt uns den hochgereckten Daumen. Wir arbeiten uns weiter hoch, die Sonne brennt, die Beine auch, Zug um Zug, Tritt um Tritt, schaffen wir es nach oben. Ein Gümmelerpärli gratuliert uns und fragt, wo wir hinwollen. Estland, sage ich.

Scheiden tut weh

Abschied von den Eltern in Weil am Rhein, knapp einen Kilometer nach der deutschen Grenze, nach einem Eis und einem Kaffee, während der Himmel Regen auf die Erde schickt, eine Umarmung noch, ein paar warme Blicke, einige Male schwer schlucken, die Velos in Richtung Strasse schieben, aufsteigen, abstossen, wegfahren. Der Regen nässt die Jacken, färbt den Asphalt dunkel, die Reifen der Autos zischen beim Vorbeifahren, wir fahren geradeaus, stumm, ich denke an Patent Ochsner, „das wo du i mine Ouge gsehsch, chöi nid Träne si, es rägnet i mis Gsicht“.

Während wir im Grenzgebiet herumirren, zwischen hier und dort, daheim und der Fremde, dem Zusammensein mit FreundInnen und Familie und unserer Reise, lässt sich in uns die Gewissheit nieder, dass es jetzt wirklich angefangen hat. Die anstrengende Vorbereitungszeit und die unzähligen Abschiede von Liebgewonnenen sind zu Ende, wir sind abgefahren, haben die Schweiz hinter uns gelassen, sind in das erste Land eingetaucht.

Die ersten Tage zwischen Köniz und der Grenze waren eine Art Klassenfahrt, eine durch Wind und Temperaturen um die 5° C etwas extreme Art der vorösterlichen Velotour mit FreundInnen und Familie, wir quälten uns gemeinsam durch die Bise, tauten bei heissen Schokoladen und Ovos in Landbeizen auf, warteten aufeinander, picknickten und zelteten. Stefanie und ich hatten alle organisatorischen Fragen abgeschlossen oder aufgeschoben, bis diese Schwebezeit vorüber sein würde, diese Zeit zwischen dem Abfahren und dem letzten Abschied auf der anderen Seite der Grenze.

Aber die Schweiz lässt uns nicht einfach los, auf dem Weg von Weil nach Lörrach zum Camping überschreiten wir die Grenze mehrmals, mal sind es Schweizer Telefonnummern auf Firmenschildern, mal deutsche Strassenschilder, ein Velofahrer weist uns den richtigen Weg in einem Dialekt, der weder hier noch dort eindeutig zuordenbar ist. Amseln singen auf Dachfirsten, am Camping ist eine Familie bereit, um Essen zu gehen, die Mutter schickt den Sohn noch einmal zum Camper zurück, er solle eine andere Hose anziehen. Stefanie checkt uns ein, ich warte mit den Velos, lehne mich an eine Mauer, überwältigt von unserem Mut und von unserer Entschlossenheit, vielleicht auch von unserer Naivität, dann kommt Stefanie, wir stossen unsere Velos zu einer Wiese, laden die Taschen ab, setzen die Zeltstangen zusammen, schieben sie in die Kanäle, stellen das Zelt auf, stossen Heringe in den feuchten Boden, entrollen Schlafsäcke und Isomatten, richten uns ein, und mit den vertrauten Handgriffen richtet sich unser Blick langsam nach vorne, nach morgen und übermorgen.

Heim heim heim (Hamburg Bern)

Das Ungemach beginnt mit einer Durchsage kurz nach Mannheim: Liebe Fahrgäste, leider sind bei Bauarbeiten unplanmässige Störungen aufgetreten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht klar, ob unser Zug über Karlsruhe hinaus verkehren kann. Ich habe an Stefanies plötzlichem Aufrichten gemerkt, dass die Durchsage wohl wichtig war, war in meinem Buch versunken. Was ist los, sage ich. Irgendwie sind sie nicht sicher, ob wir weiterfahren können, sagt Stefanie.

Im Wagen hat sich Unruhe bereitgemacht, Leute checken auf ihrem Handy, das Teenager-Girl das mit dem kleinen Bruder alleine unterwegs ist im Abteil schräg uns gegenüber ruft mal daheim an. Später heisst es noch, dass der Zug „voraussichtlich“ weiterfahren könne, bald ist aber klar: keine Chance. „Ich sage dir, ich will nie mehr mit Sven alleine verreisen“, sagt das Mädchen ins Telefon, und später zum Bruder: „Es hat nichts mit dir zu tun, Sven, ehrlich nicht, aber die Verantwortung ist mir einfach zu gross.“ Da wir später undeutlich erkennen, dass sie ihn umarmt, denken wir, dass er wohl geweint hat. Ich sage zu Stefanie, wir könnten sie einfach mitnehmen, wenn wir keine Velos hätten. Die Kids wollen nach Basel Badischer Bahnhof – aber Schienenersatzverkehr nimmt in der Regel keine Velos mit.

Da unsere Velos in der ersten Klasse ganz vorne im Zug stehen, müssen wir eh bald los, damit wir es durch alle Wagen schaffen. Stefanie hält bei den Kids an und sagt ihnen, ihr geht dann raus und hört auf die Lautsprecher. Dort wird gesagt, wie es weitergeht. Die meisten Leute werden weiterfahren wollen – folgt ihnen oder fragt einen DB-Verantwortlichen. Da fällt mir auf, dass seit der Durchsage keine SchaffnerInnen mehr aufgetaucht sind.

Bald kennen wir auch den Grund: Nachdem wir uns durch sechs oder sieben Wagen gekämpft haben, durch Leute mit wenig Verständnis, warum wir nicht in unserem Wagen aussteigen können, schaffen wir es zu Surly und Velotraum – und zu den SchaffnerInnen. Zu sechst oder siebt sitzen sie in der ersten Klasse zusammen. Mit Müh und Not schafft Stefanie es, dass sie die Zugbindung unserer Tickets aufheben – keineR von ihnen kümmert sich um die Leute, zum Beispiel um die Kids aus unserem Wagen.

In Karlsruhe ist der Bahnhof proppevoll, wir retten uns auf den Bahnhofsplatz und beraten. Schienenersatzverkehr ist keiner zu sehen, alle strömen auf die S7 – da haben wir keine Chance. Wir warten eine Stunde, trinken etwas und fahren dann mit der S8, in der wir gerade noch so Platz finden, nach Rastatt. Der kleine Bahnhof ist voller Leute, sie strömen auf den Platz hinaus, umringen die Linienbusse, fragen, wie man weiter nach Baden-Baden komme. Schienenersatzverkehr ist keiner zu sehen.

(c) Scheuner

Rastatt: Die Fahrer der Linienbusse werden gelöchert, wie man weiter in Richtung Süden komme.

(c) Scheuner

Wenn es hier je Schienenersatzverkehr gibt, haben wir mit den Velos keine Chance…

Wir haben zwei Paare aus der Schweiz getroffen und unsere Pläne mit ihnen ausgetauscht. Sie entscheiden sich dann auch, auf ihre Räder zu steigen und die zehn Kilometer nach Baden-Baden zu fahren. Dort finden wir ziemlich komfortabel Platz auf dem Perron – bis klar wird, dass der ICE aus dem Süden nicht bis Baden-Baden fahren wird – er wurde früher gestoppt, damit Baden-Baden nicht noch mit Reisenden aus dem Süden überfüllt wird, die nicht in den Norden weiterreisen können. Alle Reisenden, die den ICE hätten nehmen können, also keine Velos dabei haben, strömen jetzt auf unser Perron. Mir wird eng, als ich die Menge sehe. Ein Mann ruft uns zu, ihr könnt fahren, ihr habt ja kein Problem. Der Witz in seiner Stimme verschleiert nur schlecht den aggressiven Unterton. Zu spät denke ich über eine Replik nach: Sie haben Füsse, Sie können gehen. Oder ein Taxi nehmen.

Um uns herum füllt sich der Platz, ein Amerikaner möchte etwas am Selecta-Automaten holen, wir machen Platz. Eine Frau weint. Es werden immer mehr Menschen. Du, sage ich zu Stefanie, ich will da nicht reindrücken, das ist mir zu heikel. Die zwei anderen Paare, eines aus Bremgarten BE und eines aus der Innerschweiz wurden durch die aufs Perron drängenden Leute von uns weggeschoben. Sie haben weniger Gepäck und werden es vielleicht schaffen. Da fährt der Zug ein, eine normale Wagenkombination eines Regiozuges. Mir wird schlecht.

Die Menschenmasse drängt auf die Türen zu, stopft sich rein, zieht Koffer und Kinder hinterher, stösst einander Kinderwagen in die Hacken, jede und jeder will rein, wer zu schwach oder anderweitig benachteiligt ist, fällt raus. Ich denke an Brecht, ja, hier ist jedeR sich selbst der/die Nächste. Da ein Teil der Menschen es in den Zug schafft, ist endlich der Weg zu den Treppen frei, wir schieben unsere Räder die Rampe hinunter und sind draussen. Dort sind mittlerweile Busse aufgetaucht, mehrere Ambulanzen, Feuerwehrautos und ein Auto mit einem Anhänger voller Dixi-Klos. Notfall-Seelsorge steht auf den dunkelblauen Jacken etlicher älterer Frauen. Na endlich, denke ich.

Wir versuchen noch, ein Taxi zu bekommen und ein Mann ist auch willig, es zu versuchen. Aber wir kriegen nie und nimmer beide Velos mit Gepäck und uns rein – ausserdem kostet die Fahrt nach Basel 300 Euros.

Wenig später sind wir wieder unterwegs, fahren der Bahn entlang in Richtung Süden. 250 Kilometer sind es nach Bern, ich male mir Katastrophenszenarios aus, dass wir immer weiterfahren und jeder Bahnhof überfüllt ist. Wir beschliessen, eine Nacht irgendwo zu verbringen. In rund 12 Kilometern Distanz finde ich einen Camping, rufe an, ja, die Frau wartet auf uns.

In der einsetzenden Dämmerung schaffen wir es, finden den Camping, überfallen die arme Frau mit unserer Geschichte, so dass sie sagt, stellt mal auf, geniesst den Abend, den Rest schauen wir morgen. Es ist ein schöner Camping, an einem See, fast noch hübscher als der in der Nordheide, natürlicher einfach, wir duschen und essen im Restaurant. Insofern ist es ein gemütlicher Abend – nur halt nicht total entspannt – die Arbeit am Montag drückt auf meine Stimmung.

Der Morgen rollt an, bald sitzen wir mit unserem Frühstück auf den Knien und schauen auf den See hinaus. Der Plan ist, nach Achern zu fahren und zu hoffen, dass wir dort einen Zug erwischen.

Das klappt. Allerdings verpassen wir den Anschluss in Offenburg um vermutlich zehn Sekunden. Ich stecke noch im Lift, der mich aufs Perron bringt, Stefanie ist schon oben, der Schaffner verbietet ihr, noch einzusteigen.

Ein Regionalzug bringt uns nach Basel Badischer Bahnhof. Auf den Klappsitzen im Veloabteil sitzen Leute. Darf ich Sie bitten, Platz zu machen, fragt Stefanie höflich, dies ist ein Veloabteil. Die Leute murren, wollen nicht aufstehen. Dabei steht an der Wand, man solle für einen reibungslosen Ein- und Aussteigeverkehr den Velos, Kinderwägen und Rollstühlen Platz im Abteil machen. Eine Frau sagt, wir sind schon lange unterwegs, mussten warten. Wir auch, sage ich, wir sind vierundzwanzig Stunden zu spät. Da sagt sie nichts mehr, sie stehen auf, wir zurren die Velos fest. An fast allen nachfolgenden Stationen steigen weitere Velos zu, man kommt kaum mehr durchs Abteil.

Im Wagen unterhalten wir uns mit einem Paar, das mit den Velos von Basel nach Nizza fährt in drei Wochen. Sie haben den Urlaub noch vor sich.

Gegen halb fünf erreichen wir den Badischen Bahnhof, helfen dem Paar noch auf den Weg in Richtung Süden und fahren dann zum Bahnhof SBB. Fast 26 Stunden später als geplant sind wir endlich endlich daheim. Der Erholungseffekt durch die Ferien ist schon wieder fast gänzlich verpufft.

(c) Katharina