Auf der Suche nach Insulin

In Kaunas ist es an der Zeit, Insulin für Stefanie zu beschaffen. In der ersten Apotheke haben sie jedoch nur Einmalpens, was als Notlösung in Frage käme – aber die Extraktion wäre sehr aufwändig. In der zweiten Apotheke sieht es zunächst genauso aus, Stefanie zuckt also mit den Schultern und fragt nach Alkoholtupfern. Wie viele, fragt die Apothekerin und nimmt einen kleinen Stapel aus der angefangenen 100er-Packung. Stefanie zögert einen Moment und sagt dann, eine ganze Packung, bitte.

Stefanie ist noch dabei, das Rezept wieder einzupacken, als die Frau zu ihrem Handy greift und sagt, ich schaue mal, was es noch gibt. Wir warten, dann sagt sie, nein, hier gibt es nichts anderes. Stefanie fragt, welche Art von Insulin sie denn in Ampullen hätten. Humalog, sagt die Frau. Stefanie reagiert sofort und sagt, das geht auch, das sei ja nur von einer anderen Firma. Die Apothekerin holt die Packung und fragt wieder, wie viele Ampullen wir denn möchten. Dass sowohl die Ampullen wie auch die Alkoholtupfer hier einzeln verkauft werden, gibt uns zu denken. Ist das Material für die Menschen hier so teuer? Finanziert die Krankenkasse nur jeweils einzelne Dosen?

Wir sind jedenfalls ganz aufgekratzt, dass es doch noch geklappt hat und die Apothekerin in der zweiten Apotheke von sich aus versucht hat, eine Lösung zu finden.

Von der Beschäftigung mit dem Krieg

Nach den ersten verkehrsreichen Strassen in Litauen entscheiden wir uns am zweiten Tag für ein Zick-Zack aus weissen Strassen. Neben vielen Kies-Sand-Pisten mit Wellblech* lotst uns Osmand schliesslich in einen Wald. Wir schieben, der Rückweg wäre viel zu lang. Zwei schlammige Spuren, hohes Unkraut in der Mitte, grosse Kletten, Brennesseln, andere. Zum Teil grosse Pfützen, wir helfen einander, die Velos durchzuhieven. Nach zwanzig Minuten bemerken wir auf der linken Seite plötzlich ein Schild, das auf eine Sehenswürdigkeit hindeutet. Hier, an diesem Weg?

Ein neuer Holzzaun umrandet einen Soldatenfriedhof. Kniehohe Kreuze mit breitem Längs- und Querbalken, der Querbalken steht nur wenig über den Längsbalken hinaus, was den vielen identischen Kreuzen eine trutzige Bodenständigkeit verleiht. Dazwischen ein hohes Holzkreuz, deutsche Soldaten 1914-1918. Da liegen sie, die Wehrmänner, Gefreiten, Musketiere, Jäger und Unteroffiziere. Bei näherem Betrachten waren es nicht nur deutsche, sondern auch russische Soldaten. War es einfach wichtig, dass jemand sie mal wieder besuchte? Zwar sieht der Friedhof nicht vernachlässigt aus und von dieser Seite des Waldes ist er auch besser zu erreichen als von der Seite, von der wir hergekommen sind.

Für uns als eine nicht direkt am Krieg beteiligte Nation, zumindest nicht im Sinne Gefallener, ist die Beschäftigung mit dem Krieg hier, aber auch in Deutschland und Polen, immer etwas eigenartig. In Dörfern werden Panzer ausgestellt und Bunker als touristisches Highlight angepriesen. Das wirkt auf uns sehr schräg – als würden wir den Krieg unterstützen, ja glorifizieren, würden wir solche Stätten besuchen. Wir unterstellen dem Interesse daran etwas Anrüchiges, Ungebührliches, anerkennen aber, dass es hier Teil der Geschichte ist. Es gibt offenbar ein Bedürfnis, Kriegsschauplätze zu besichtigen und sich auf diese Weise mit dem Krieg und seinen Schrecken auseinanderzusetzen. Land und Leute haben unter dieser Geschichte gelitten – Zeitzeugen und -zeuginnen gibt es ja heute noch.

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* Fahren Autos mit einer gewissen Geschwindigkeit über Strassen aus lockerem Material (Sand, Erde), bilden sich mit der Zeit quer zur Fahrtrichtung liegende Wellen. Je nach Fahrgeschwindigkeit, Gewicht des Fahrzeugs und Beschaffenheit des Strassenmaterials werden die Wellen grösser oder kleiner. Mit dem Fahrrad fühlt sich das an, als würde man über Wellblech fahren, daher der Name.

 

 

Verkehr

Ein Seitenwind drückt uns an den Strassenrand, der Verkehr hat zugenommen, wir greifen unsere Lenker fest und behalten die weisse Linie im Blick, von der wir uns nicht zu weit entfernen dürfen. In der Ferne sehen wir immer wieder gewagte Überholmanöver und konzentrieren uns noch besser auf das, was um uns herum geschieht. Plötzlich schert ein Auto auf der Gegenfahrbahn kurz vor uns aus und rast dicht an uns vorbei; Stefanie stösst einen Laut aus wie ein Tier, ich bin wie festgefroren, zitternd halten wir am Strassenrand und schauen uns an. Was war das? Da hat einer einfach auf unserer Höhe überholt, sagt Stefanie, ungläubig und verständnislos.

Wir sind seit einigen Stunden in Litauen, die ersten zwanzig Kilometer auf der ersten Strasse waren keine grosse Herausforderung, es gab wenig Verkehr. In Kalvarija stiessen wir auf eine neue Strasse, zwar bezeichnungstechnisch von derselben Grösse, aber mit deutlich mehr Verkehr. Nach wenigen Kilometern suchten wir unsere Leuchtwesten hervor, die wir bislang auf jeder Velotour mitgeführt, aber noch nie benutzt hatten. In Litauen sind VelofahrerInnen verpflichtet, Leuchtwesten mitzuführen und wie wir sehen, tragen sie die Einheimischen auch.

Dieses erste Überholmanöver ist nicht das letzte, das wir in Litauen erleben. Stefanie recherchiert im Internet: offenbar ist bei solchen Überholmanövern der Gegenverkehr verantwortlich dafür, dass es keinen Unfall gibt. Das bestätigt sich einige Tage später, als wir beobachten, dass der Gegenverkehr tatsächlich praktisch auf Null herunterbremst, bis das überholende Auto sich wieder in den Verkehr eingereiht hat.

Wir stehen diesem Verhalten komplett verständnislos gegenüber. Wir sind uns gewöhnt, dass Überholen ein Manöver ist, für das man jederzeit selber das Risiko trägt. Und in Litauen? Überholen vor Kurven ohne Sicht? Kein Problem. Überholen bei entgegenkommendem Verkehr? Kein Problem.

Wir rufen uns etwas in Erinnerung, was auf Velotouren im Ausland immer gilt: Fahre demütig. Um übermässigen Energieverlust durch Angst und Frustration zu vermeiden, habe ich ein Mantra zusammengestellt, das ich mir immer wieder vorsage, wenn mit Wut auf die Verhältnisse überkommt:

Der Verkehr ist eine Konstante, die wir nicht ändern können. Er kann uns traurig und aggressiv machen und dazu führen, dass wir Angst um unser Leben haben. Als Tourenfahrerinnen gehören wir zu den schwächsten Verkehrsmitgliedern – wir müssen alles kontrollieren, den Verkehr hinter uns (durch die Rückspiegel), den Gegenverkehr, und wir müssen berechnen, welche Position für uns die sicherste ist: weiterfahren, anhalten oder die Strasse verlassen. Wir versuchen, die AutofahrerInnen nicht zu verfluchen, die unser Leben aufs Spiel setzen, in dem sie zu nah an uns vorbeiziehen, oder wenn der Gegenverkehr auf unserer Höhe überholt. Wir versuchen, nicht zu viel Energie zu verlieren, in dem wir uns über all die Idioten aufregen, die uns (und sich selber!) gefährden, in dem sie fahren wie in (beliebiges Land einfügen), sondern wir wollen dankbar sein für alle, die uns mit genügend Abstand überholen, die hinter uns bremsen, wenn der Gegenverkehr dicht ist und uns über jene freuen, die uns winken.

Nach einigen Tagen auf grösseren Strassen (der „Memel-Radweg“ führt praktisch komplett über die 141) fühlen wir uns auf seltsame Weise zerschlagen. Obwohl wir uns mit der Zeit an den Verkehr gewöhnen, an die Geschwindigkeiten, die die Limite von 90 km/h fast immer überschreiten und das Röhren von Lastwagen, haben wir den Eindruck, dass sich die ständige Angst, die hohe Konzentration und die Abgase auf die Psyche niederschlagen.

Kleine Strassen sind auch in Litauen meist unbefestigt, kiesig, schotterig, sandig, manchmal sogar Waldwege, die eher Wanderwege sind. Nach Klaipeda, als Esther und Hans zu uns stossen, wird es uns gelingen, uns möglichst an (in Osmand) gelb markierte Strassen zu halten: ruhige Landstrassen mit relativ wenig Verkehr. Hier verbringen wir einige richtig schöne Velotage.

Durch Nordostpolen

Während wir auf der ersten Hälfte unserer Reise durch Polen (von der deutschen Grenze bis Gdansk) mit dem überraschend gut ausgebauten R10 (Eurovelo 10) und der guten touristischen Infrastruktur (Campings und Läden) geradezu verwöhnt wurden, weht nun ein anderer Wind. Zwar hat Stefanie einen Veloweg gefunden, von dem wir vorher nichts gewusst hatten: Green Velo. Er führt ab Elblag durch die ländlichen Gebiete nahe der russischen Grenze und danach der Ostkrenze entlang, worauf er sich im Süden in verschiedene Routen aufteilt. Allerdings existiert er erst seit 2015, was es mit den Unterkünften etwas schwierig macht.

Wir sind bereit für die zweite Stufe in Polen. Die Wörter haben wir besser im Griff, wir kennen die Bandbreite möglicher Strassenbeläge und den Verkehr. Und wir haben in sinnvollen Abständen Übernachtungsmöglichkeiten gefunden, manchmal Campings, manchmal einfache Hotels.

Diese wirken auf mich, wie ich mir Internatszimmer vorstelle: zwei Betten, ein Schrank, ein Tisch mit Kühlschrank darunter, zwei Stühle. Das Design ist funktional und karg, das Zimmer klein. Das erste „Hotelik“, das wir ansteuern, steht zwischen der Bahnlinie, einer gigantisch wirkenden Industrieanlage aus einer Reihe von himmelhohen Silos und der Rückseite des Supermarkts Biedronka, da wo Wagen voller Toilettenpapier und Getränkeflaschen darauf warten, in die Regale geräumt zu werden. Die Dame am Empfang kann genug Englisch, dass es zur Verständigung ausreicht – nett, aber auch schade, denn so entgeht uns das Hochgefühl, relevante Dinge mit beschränktem Vokabular regeln zu können. Frühstück gibt es nicht, aber eine komplett eingerichtete Küche, die man nutzen kann. Ausser uns gibt es noch ein älteres Ehepaar, das am Abend einträchtig aus einer als Tupperware genutzten Glaceschachtel Pouletschenkel isst und eine Gruppe von ungefähr sieben Leuten, die sich das Abendessen liefern lassen. Anderntags türmen drei mittelalterliche Frauen Lebensmittel auf den Tisch, kochen Pfannen voller Eier und schauen dazu Peoplesendungen auf dem TV, der im Essraum an der Wand hängt.

Wir machen aber auch noch eine andere Hotelerfahrung. In Bartoszyce stossen wir unsere Velos über den durch eine Baustelle zur Unkenntlichkeit verunstalteten Stadtplatz. Auf dem Internet sehen wir später Bilder davon: Wasserspiele, Bäume, Bänke, umgeben von schönen Häuserfronten.
Die Frau vom Hotel kann nur Polnisch. Während Stefanie unten mit den Velos wartet, zeigt sie mir den Aufenthaltsraum – das zumindest denke ich. Es gibt eine Bartheke mit Lavabo und Kühlschrank und eine riesige Sitzgruppe. Als die Frau mehrmals ins Zimmer deutet, wage ich mich mit meinen sandigen Schuhen einen Schritt vor und sehe: das ist unser Zimmer! Auf den 50 Quadratmetern steht nicht nur die riesige Sitzgruppe, sondern noch ein Doppelbett, ein Einzelbett, eine Frisierkommode und ein Hometrainer. Dobra, dobra, sage ich, gut, gut. Wir beschliessen, hier eine zweite Nacht anzuhängen – so grosse Hotelzimmer sind selten.
Ausserdem ist hier das Frühstück gut und das Rührei hervorragend (alle drei Rühreier, die wir in Polen geniessen, sind hervorragend)!

Die Qualität der Strassen ist erwartungsgemäss unterschiedlich. Es gibt tolle Abschnitte mit gutem Belag, wenig Verkehr, so dass wir unsere Aufmerksamkeit der Landschaft widmen können. Goldene Getreidefelder, alte Gehöfte hinter grünen Bäumen. Häufig stehen neue(re) Gebäude neben alten, die manchmal so baufällig aussehen, dass wir nicht sicher sind, ob sie noch genutzt werden. Aber vielleicht ist es wie mit den Traktoren und Ackergeräten: was bei uns schon lange beim Alteisen gelandet wäre, wird hier bisweilen noch eingesetzt.

Viele Alleen, in den Kronen über uns rauscht ein starker nördlicher Wind, der uns einen beflügelnden Raumwind beschert. Eindrückliche Wolkenformationen bilden sich über grünen Weiden, auf denen Kühe und Pferde im hohen Gras stehen. Die Wiesen sind von Wassergräben durchzogen, die man am blühenden Mädesüss und am Schilf erkennt, der an den Ufern wächst.
Einmal ist der Belag in der ersten Tageshälfte so gut, dass wir um 11.58 Uhr bereits 40 Kilometer gefahren sind. Am Strassenrand blüht es violett, gelb, blau, rosa – die Freude darüber wird etwas geschmälert, wenn man die Pflanzen kennt: u.a. Jakobskreuzkraut und Ackerkratzdisteln.

Einmal stossen wir auf eine Baustelle. Langsam fahren wir auf den Kipper zu, der ein Steine-Sand-Gemisch ablädt und warten, bis wir Blickkontakt mit einem der Bauarbeiter herstellen können. Wir warten nur kurz, dann winkt uns einer der Männer links vorbei, räumt zwischen einem Baum und einem Weizenfeld einige Äste weg und hilft uns, die Velos über die holperigen hohen Wurzeln zu stossen. Wir dürfen auch auf dem gewalzten Bett fahren, no problem. Jetzt ist auch klar, warum die Strassen so bald ausgefahren sind. Auf dem gewalzten Bett wird geteert – schwere Fahrzeuge drücken die Strasse nach und nach ein.
Generell wird mit Baustellen pragmatisch umgegangen. Auf der Grossbaustelle auf dem Stadtplatz in Bartoszyce haben sich regelrechte Trampelpfade gebildet. Bis jetzt hat es nie geheissen, es gebe kein Durchkommen. Autos werden in der Regel umgeleitet, für FussgängerInnen und Velos gibt es immer eine Lösung.

Wir fahren auch auf schlechtem Teer, der so bröckelig ist, dass wir mit einer Geschwindigkeit um die 8kmh vorwärts rumpeln. Dann gibt es wieder lange, schnurgerade Strecken auf Gravel – wir vermuten ein ehemaliges Bahntrassee. Hier braucht Stefanie irgendwann Musik. Während sie so unterstützt flott vorantritt, komme ich kaum hinterher. Meine Kopfhörer sind in einer hinteren Saccoche und damit schlecht zu erreichen. Also sondiere ich, ob es Fragen gibt, die mich beschäftigen. Denn das ist etwas, was ich am Radfahren so schätze: Die Aussenwelt aufnehmen, sie durch die Augen ziehen lassen und gleichzeitig einen inneren Raum öffnen, in den etwas aufsteigen kann. Dieses gleichzeitige innerliche und äusserliche Wahrnehmen empfinde ich als notwendig. Ich stelle fest, dass Fragen auftauchen, was und wo werde ich arbeiten, wo werden wir wohnen, wie werden wir wohnen, aber es ist noch keine Zeit der Antworten. Jetzt ist eine Zeit der Fragen, die sich mir mit einem milden, noch distanzierten Interesse stellen, als würde ich mich fragen, wie es ist, in Polen zu leben.

Irgendwann bricht unser letzter kompletter Tag in Polen an und der fährt noch einmal alles auf. Ein Gebiet mit weiten Weiden, das mit dem träge wiederkäuenden Vieh und den verstreuten Gebäuden etwas Alpähnliches hat. Über einer sandigen Kiesstrasse, die soweit gut zu fahren ist, bilden sich dramatische Wolkenbilder. Ich realisiere, dass jede Umdrehung uns weiterbringt, ob gerast, geholpert oder geschoben.

Bei einem Gebäude hockt ein Storchennest auf einem Strommast, die kleinen Störche tragen bereits das schwarz-weisse Federkleid der erwachsenen Tiere. Als wir in Ostdeutschland unsere ersten Störche sahen diesen Frühling, waren die Küken noch klein. Ebenso wie der Raps erst blühte, der jetzt reif ist. Und im Herbst werden wir mit den Zugvögeln in den Süden ziehen.

Regen überrascht uns, nachdem wir uns an einem Kipper vorbeigequetscht haben, der mitten auf der Strasse steht, drei Männer vor der offenen Kühlerhaube. Der Regen kommt wie ein grauer Schleier, schon prallt er auf unsere hastigen Bemühungen, Regenkleider hervorzukramen.

Durch eine Mehlbaumallee fahren wir auf einer geteerten, aber rumpeligen Strasse zu zwei alten Eisenbahn-Viadukten, der Sehenswürdigkeit in dieser Gegend. Plötzlich ist etwas los, es gibt Autos, einen kleinen Kiosk, andere VelofahrerInnen.

Am Nachmittag sind es noch zwanzig Kilometer nach Wizajny, wo wir unsere letzte Nacht auf polnischem Boden verbringen werden. Durch den Regen wird der sandig-kiesige Untergrund klebrig, hängt am Reifen fest, fällt auf Kette und Antrieb herunter, es beginnt zu kratzen. Wir fahren zwischen 7 und 11 km/h, Tritt für Tritt, ich kämpfe mit der Wut in mir, auf diese Strasse, auf den Regen, der uns in Schauern erreicht, Regenzeug anziehen, Regenzeug ausziehen; ich beobachte diese Wut von aussen, bin mir bewusst, dass sie Kraft kostet, die ich lieber in Tritt ummünzen möchte, aber schaffe es nicht immer. Aber schliesslich tritt ein, was ich ja weiss: Irgendwann sind es nur noch zehn Kilometer.

Die Strasse geht hoch und runter und auf dem Hügel steht jeweils ein Haus, meist ein Betrieb. Ein Mann kommt mit einem Eimer und einem Schemel in der Hand von einer Kuh, die auf der Wiese steht. Ein Pferd ist an den Vorderbeinen kurzgehalten zusammengebunden und trippelt dem Zaun entlang neben uns her. Drei Rinder sind an Pflöcken auf einer Wiese angebunden und schauen uns mit grossen Augen und aufgestellten Ohren entgegen. Zwei nehmen unseren Anblick gelassen, das dritte erschrickt, will wegrennen, fällt ins Seil und wird zurückgerissen.

Die giftigeren Anstiege schieben wir mittlerweile. Wir sind körperlich und geistig müde, hatten in zehn Tagen nur einen Ruhetag. Das ist zu wenig. Und irgendeinmal reicht die schönste Landschaft nicht mehr, um einen bei Laune zu halten.
Noch ein Hügel. Die Ortschaft muss doch bald kommen, sagt Stefanie. Noch ein Hügel. Ich bin hungrig und realisiere, dass es eine Hungerast-Situation werden könnte: der hohe Rollwiderstand schlaucht ganz schön. Aber es sind nur noch zwei Kilometer, das sollte gehen. Noch ein Hügel und noch einer. Und dann sind tatsächlich Häuser zu erkennen, der Kiessandweg mündet in eine Teerstrasse. Mühelos rollen wir ins Dorf und halten beim Sklep an. Als ich nach dem Einkauf mehrere Handvoll Chips in meinen Mund stopfe, lässt der Himmel wieder herunter was er kann.

Die Unterkunft, die wir ansteuern, gibt es offenbar nicht. Im strömenden Regen stehen wir vor einem Haus mit dunklen Fenstern, kein Schild, kein Hinweis, nichts. Wir sind müde, hungrig und uns ist kalt – sollen wir anrufen? Klingeln? Wir bringen den Mut nicht auf und beschliessen, zu einer zweiten Möglichkeit weiterzufahren, einer Agroturystyka. Das sind Zimmer bei Privaten, häufig kann man auch zelten. Was es mit unserer Vorstellung von Agrotouristik zu tun hat, haben wir nicht herausgefunden, es gab nie einen Hinweis auf einen landwirtschaftlichen Betrieb.

Auf dem Weg vom Sklep hierher regnet es so fest, dass wir kaum die Strasse vom Strassenrand unterscheiden können. Ein Auto fährt vor uns in den Hof, um den mehrere Gebäude stehen. Deutlich steht auf einem Schild, dass man hier zelten kann. Das Auto verschwindet über einen Gartenweg hinter den Häusern. Ansonsten ist niemand zu sehen, es ist 18 Uhr, wirkt aber aufgrund des Regens schon wie zehn Uhr abends.
Hinter einem Vorhang schaut eine ältere Frau hervor, ich lächle ihr zu und winke. Als sie das Fenster öffnet, frage ich, zelten? Sie gestikuliert in die Richtung, in der das Auto verschwunden ist. Ich wage mich weiter auf den Privatgrund vor und sehe, wie eine Familie aus dem Auto steigt und im Haus verschwindet.
Unentschlossen schauen wir uns um, Platz hat es genug. Da kommt aus dem Haus eine andere Frau spannt einen Regenschirm auf und ich frage, zelten. Tak, sagt sie, ja. Sofort ist alles egal, der Regen, die Uhrzeit, der heutige Tag mit der schwierigen Strasse am Nachmittag.

Auch am nächsten Tag regnet es, als wir unsere Velos vor dem Leviathan-Supermarkt abstellen, um noch einmal richtig mit Zloty einzukaufen. Wir stocken unsere Vorräte an Schoggi, Nüssen und Farmern auf, greifen noch einmal zu unseren Lieblingssachen. Dann geht es mit mehreren steilen Anstiegen zur polnisch-litauischen Grenze. Diese kommt überraschend, ein Busch hat das Schild verdeckt. Freude, Neugier, Respekt – aber die Situation ist ganz anders als vor dem Grenzübertritt nach Polen. Dort waren wir aus einer bekannten, recht vertrauten Welt (Deutschland) in ein komplett neues Land gekommen, mit einer neuen Sprache und den damit verbundenen Herausforderungen. Nun sind wir aber bereits dreieinhalb Wochen mit unseren wenigen Wörtern klargekommen – also vertrauen wir darauf, dass es auch in Litauen funktionieren wird.

Auf der litauischen Seite ist die Strasse zweispurig, mit Mittelstreifen. Wir treten zügig in die Pedale, wollen rein in dieses Land. Kurzer Blick auf die Uhr: Es ist Viertel nach zwölf, sage ich. Sicher?! ruft Stefanie von hinten, das kann doch nicht sein. Doch, sage ich, 12.18 jetzt. Es bleibt still, nur die kratzenden Geräusche unserer Ketten sind zu hören. Dann die Erleichterung in Stefanies Stimme: Es gibt eine Zeitverschiebung! Wir sind 11.17 aus Polen ausgereist und um 12.18 in Litauen angekommen.

Die Fahrt übers Frische Haff

Die letzten Taue verlieren den Kontakt zu den Pollern am Ufer, die Fähre tuckert los, wir verlassen das Dorf Krynica Morska mit seinen Rummel-Bahnen, Souvenirshops und Glaceständen und steuern auf Tolkmicko auf der anderen Seite des Frischen Haffs zu. Gleich hinter der Kapitänsbrücke sind unsere Velos festgemacht, sieben Leute sitzen neben uns auf den Bänken auf dem Oberdeck der Fähre.

45 Minuten dauert die Fahrt über die knapp zehn Kilometer Breite des Frischen Haffs. Hinter uns verschwindet das Ufer, das Festland von Polen ist in der Ferne als schmaler Streifen Wald zu erkennen, rechts scheinen Bäume losgelöst voneinander und ohne Haftung auf dem Boden geradezu in der Luft zu schweben, eine Sinnestäuschung durch die Spiegelung des Sonnenlichts auf dem Wasser, links, gegen Russland hin, sieht es aus, als ob das Frische Haff ins offene Meer führte, das Haff ist so lang, dass es sich über die Krümmung der Erde ausdehnt und wir dadurch das Ufer auf der russischen Seite nicht sehen.

Die Fähre ist langsam, nur ein leichter Fahrtwind weht und es ist immer noch warm. Die Velos haben wir festgebunden, aber es wäre wohl nicht notwendig gewesen. Wir sind müde von der Fahrt auf die Nehrung, unsere Mitreisenden von ihrem Ausflug auf die Nehrung und an die Ostsee.

Ich habe Zeit, über die Rolle nachzudenken, die das Frische Haff am Ende des zweiten Weltkriegs gespielt hat, als Hoffnung, als letzte Zuflucht, als Ort, an dem Tausende von Menschen gestorben sind – im Eis und in der Kälte.

Im Oktober 1944 beginnt die grosse Flucht und Vertreibung von Personen aus den ehemaligen deutschen Gebieten Ostpreussen, Pommern, Brandenburg und Schlesien. Die Deutschen fürchten Repressalien seitens der polnischen und tschechischen Bevölkerung als Reaktion auf die Gräueltaten der Nazis. Der Winter 1944 bricht früh und hart herein. Die Zugverbindungen sind durch den Krieg bald unterbrochen, Motorfahrzeuge besitzt nur die Wehrmacht. Die Menschen fliehen zu Fuss, manche mit Pferdekarren oder Handwagen. Es gibt keine medizinische Versorgung, keine Lebensmittel, kaum Trinkwasser. Die eisigen Temperaturen fordern bald die ersten Opfer: Säuglinge, Kleinkinder, alte, schwache, kranke Menschen. Viele sind überstürzt aufgebrochen, die Ausrüstung ist denkbar ungeeignet für eine solche Strapaze. Kinderwagen werden durch den Schnee geschoben, schwere Koffer mitgeschleppt.

Als am 12. Januar die Winteroffensive der Roten Armee beginnt, verschärft sich die Situation weiter. Die deutsche Armee kann den Sowjets wenig entgegen setzen. Ende Januar ist Ostpreussen von der sowjetischen Armee eingekreist und vom Rest des deutschen Reiches abgeschnitten. Die Menschen versuchen nun, in Richtung Russland zu entkommen und wagen sich über das zugefrorene Frische Haff, das nur durch eine schmale Landbrücke von der Ostsee getrennt ist. Sie hoffen, es bis Pillau (am russischen Ende des Haffs) oder zum Danziger Hafen (Gdansk) zu schaffen. Das Eis trägt die Menschen häufig nicht, Pferdekarren und Menschen sinken ein, während sie von den Sowjets beschossen werden.

In Pillau beginnt laut NDR die umfangreichste Rettungsaktion von Menschen über See aller Zeiten. Minensucher, Torpedoboote, Kreuzer, Schlepper, Eisbrecher, Fischdampfer, Kohlenfrachter und Kreuzfahrtsschiffe versuchen, die rund 75’000 Flüchtlinge aufzunehmen, die in das 12’000-EinwohnerInnen-Dorf Pillau eingefallen sind. Aber viel Stauraum ist mit Soldaten und Kriegsmaterial besetzt, die sich auf dem Rückzug befinden. Deshalb setzen manche Flüchtlinge mit Fähren auf die Nehrung über, die noch nicht von den Sowjets eingenommen ist.

Wie viele Menschen gerettet werden konnten, ist bis heute ungeklärt. Die Zahlen reichen von 800’000 bis zu 2.5 Millionen. Dazu kommt, dass der Platz auf einem der überfüllten Boote noch keine Überlebensgarantie war – der Passagierdampfer Wilhelm Gustloff wird von einem sowjetischen U-Boot torpediert und sinkt.

Wer es bis nach Deutschland schafft, trifft auf ein vom Krieg geschwächtes Land, zerbombte Städte und eine traumatisierte Bevölkerung – die den Flüchtlingen Misstrauen und Abwehr entgegenbringt.

Wir nähern uns Tolkmicko, schon sind Häuser und Autos zu erkennen, links der Ortschaft sehen wir bewaldete niedrige Hügel, durch die wir am nächsten Tag durchfahren werden, um nach Frombork zu gelangen. Die Fähre legt am kleinen Hafen an, die Leute packen ihre Taschen und steigen aus. Der Kapitän und der Billetverkäufer helfen uns, Saccochen und Velos abzuladen, neue PassagierInnen steigen ein und schon ist die Fähre wieder unterwegs, zurück nach Krynica Morska. Wir beladen unsere Velos und fahren in den Ort, wo es im Garten eines Privathauses eine Campingmöglichkeit geben soll.

Die Lontzkedüne bei Leba

Ein Elektrotaxi bringt uns zum Parkplatz des Slowinzischen Nationalparks. Dort steigen wir auf ein anderes Elektrotaxi um und fahren bis zum Fuss der grössten Wanderdüne der pommerschen Ostseeküste: die Lontzke-Düne: 500m breit, 1500m lang und ca. 35m hoch. Ein unheimlich grosser Haufen aus feinem, hellem Sand. Diese Düne wandert, das heisst, sie verschiebt sich jährlich um zwölf Meter in Richtung Osten. Wikipedia erklärt sehr anschaulich, wie das funktioniert: „Auf der dem Wind zugeneigten Westseite hat die Düne eine geringe Steigung, während auf der dem Wind ab geneigten Seite der Hang sehr steil ist. Ab einer Windgeschwindigkeit von 18 km/h beginnen die Sandkörner die flache Seite hinauf zu rollen, bis sie an der oberen Kante auf der windgeschützten Seite hinab fallen. Während im Frühling und Sommer, bei eher schwachen Winden die Düne in die Höhe wächst, verflacht sie sich bei stärkeren Winden im Herbst und Winter und erreicht dann eine höhere Wandergeschwindigkeit“ (Wikipedia: Lontzkedüne). Eine Windgeschwindigkeit von 18km/h ist nicht viel, das ist noch als leichter Wind beschrieben, bei dem sich Blätter und Zweige bewegen und Wimpel gestreckt werden. Am Meer sind die Bedingungen für eine Wanderung also fast immer gegeben. Bei ihrer Wanderung begräbt die Lontzkedüne unter sich, was immer sich ihr in den Weg stellt, zum Beispiel Dörfer und Wälder. Die Menschen konnten dieser Naturkraft bislang nichts entgegen setzen. Das ist eindrücklich: Wo die Düne steil abfällt, wage ich mich nicht ganz bis zu den äussersten Fussspuren vor und sehe Tannen und Buchen aus der Sandwand herausragen. Auf der Düne sieht man das Resultat: Die Bäume sterben ab. Nicht ganz klar ist mir, wann sie genau absterben. Ob es schon der Druck durch den den Stamm umschliessenden Sand ist oder ob sie erst sterben, wenn sie komplett im Sand versunken sind und Fotosynthese unmöglich wird. Kennt sich da jemand aus?

Sand

Nach Ustka zeigt der R10 (Internationaler Radweg) Zähne und Klauen. Das beginnt mit einem schmalen Weg durch ein Naturschutzgebiet, eine grosse, unüberschaubare Fläche mit hohem Gras, von Wasserstellen und kleinen Waldstücken durchzogen. Der Weg ist eher ein Wanderweg, holperig, aber soweit zu fahren. Hin und wieder gibt es gerundete Holzstege, die brückenähnlich über wohl allzu vernässte Stellen führen – wir müssen uns so stark auf den Weg konzentrieren, dass wir um uns herum wenig wahrnehmen. Als wir schon zu weit in diesem Gebiet drin sind, um noch umkehren zu können, stürzen sich Mücken auf uns. Und Bremsen. Wie es um mich steht, kann ich nicht sehen, aber um Stefanie schwirren mindestens acht grosse Bremsen, die Mücken sieht man schlechter. Sie steigt ab, führt einen seltsamen Tanz auf und nestelt dann ihre lange Hose hervor. Ich zwänge mich, das Velo an mich gelehnt, in die Regenhose. Bei Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad. Mückenschutz auf die Arme und weiter geht es, Stefanie in langer Hose, Regenjacke und Kopfnetz. Mit der ständigen Ablenkung durch Bremsen und personenhohes Gras, das im Gesicht kitzelt, können wir nicht mehr richtig fahren und entscheiden uns für einen strammen Fussmarsch.

Danach kommen Platten. Diese sind von der fiesen Sorte, also mit den ovalen Vertiefungen, allerdings querverlegt, so dass ich zwischen Misdroy und Ustka noch schwärmte, dass man das doch fahren könne. Ja, wenn die Wege relativ neu sind. Wenn sie älter sind, liegen die Platten nicht mehr genau aneinander, sie verschieben sich, senken sich an einer Ecke ab, so dass es nicht gelingt, mittels auf den Horizont gerichtetem Blick auf dem ca. acht Zentimeter breiten Stück zwischen den Vertiefungen zu bleiben. Dazu kommen die Höhenunterschiede zwischen Platten. Wir holpern vorwärts, nur weg von dem Stech-Getier, und das mittlerweile tropische Klima in der Regenkleidung treibt uns noch zusätzlich an. Da wir ja nicht das Ziel haben, den R10 zu fahren, sondern ihn fahren, weil er in unserer Richtung liegt, kürzen wir ein Stück ab, die Platten werden besser. Ausserdem sind es jetzt zwei Spuren aus Platten und dazwischen Sand, der mehrheitlich fahrbar ist. Zur Aufmunterung blinken zwei Traktoren, die uns mit Anhängern voller Heuballen entgegenkommen links, dass sie in die Hofeinfahrt abbiegen und wir somit nicht ausweichen müssen. Und die Landwirte heben grüssend die Hand! Findet ihr nicht der Erwähnung wert? Wir schon – auf 1600km durch Deutschland haben wir nicht erlebt, dass wir aus Autos oder Traktoren auch nur wahrgenommen wurden, wenn wir uns an den Strassenrand stellten, um die Gefährte vorbeizulassen.

Weiter geht es mit Sand. Auf gepresstem, feuchtem Sand oder durch eine ca. einen Zentimeter hohe Schicht trockenen Sands zu fahren verursacht ein schönes Geräusch: ein Knirschen, aber aufgrund der kleinen Sandteilchen ist nicht mehr jedes Berührungsgeräusch am Reifen zu hören, sondern ein durchgehendes Geräusch, fast wie ein Summen, ein samtenes, glücklichmachendes Geräusch. Das wir leider nicht oft hören, denn der Sand ist schnell eher acht Zentimeter tief, das fühlt sich an, als würde jemand abrupt nach dem Hinterrad greifen, es festhalten und das Vorderrad verdrehen. Wer nicht aufpasst, fliegt. Auf einer sandigen Strasse läuft es so ab: abrupte Verlangsamung durch tiefen Sand, Kontrollverlust, absteigen, das nicht mehr 45kg schwere, sondern gefühlt 90kg schwere Velo aus dem Sand ziehen, aufsteigen, 10-15m fahren, Wiederholung. Angestrengt lesen wir den Boden, wo können wir fahren, wo ist der Sand zu tief. Als zusätzliche Herausforderung sind unsere schweren Velos unflexibel, dass wir nicht leicht die Spur wechseln können. Grundsätzlich ist es besser, dem Vorderrad seinen Willen zu lassen im Sand, den Lenker festzuhalten und in die Pedale zu treten. So kommt man schon mal durch Sandstücke, das haben wir mit der Zeit gelernt. Gleichzeitig driftet das Velo aber meist zu einer Strassenseite hin, was dazu führt, dass es sich geradewegs in tiefe Sandlöcher verrennt. Im Sand vergisst das Rad nämlich, dass es rollen kann und driftet seitwärts mit leichter Tendenz gegen vorne. Zu dieser schweisstreibenden, kräftezehrenden Arbeit kommt dazu, dass wir manchmal in langer Kleidung stecken, weil es im Wald natürlich auch Mücken gibt. Und an sonnigen Stellen Bremsen.

So gelangen wir nach Leba. Wir stellen das Zelt auf, duschen und haben dann nichts Besseres vor, als uns am Nachmittag noch einmal richtig in den Sand zu begeben. Wir besuchen die grösste Wanderdüne an der pommerschen Ostseeküste (siehe nachfolgenden Blogbeitrag).

Sand ist auch nach Leba ein Thema, denn auch am nächsten Tag landen wir wieder im Sand und schieben eine gute Stunde die Velos. Danach sitzen wir mit hochroten Köpfen und Schweissbächen im Gesicht im Schatten vor einem Sklep, jede ein kühles Getränk in der Hand. Ich will heute keine Wälder mehr sehen, sagt Stefanie. Also fahren wir Landstrasse. Das klappt gut, es geht hoch und runter, der Verkehr ist mässig. Beim nächsten entgegenkommenden Velofahrer fragen wir, ob er von Gdansk kommt und wie die Strecke war. Kein Sand, sagt er, mehrheitlich gut zu fahren.

Bis Gdynia, der kleineren Schwesterstadt im Norden von Gdansk, holpern wir noch einmal über alles mögliche: Platten, alten, zerbröckelten und geflickten Teer, schönen Asphalt, fein und neu gepflasterte Radwege. Die grösste Herausforderung polnischer Strassen ist, dass sich der Belag jederzeit und aus keinem erkennbaren Grund ändern kann. Das ist auf Osmand (unsere Navigationsapp) nicht erkennbar (bei Osmand gelten Platten und Pflaster als befestigt, was natürlich korrekt, aber in der Praxis unbrauchbar ist) und bestimmt auch auf Karten nicht.

Nach Gdynia zeigt Polen, was es auch kann: ein breiter, rot gefärbter oder mit roten, feinen Pflastersteinen gebauter Radweg neben der Strasse führt uns bis nach Gdansk. Teilweise entlang einer mehrspurigen Strasse, teilweise der Meerfront von Sopot (Städtchen zwischen Gdynia und Gdansk) entlang, wo weisse Sonnenschirme in den blauen Himmel zeigen und Menschen zum Strand und zu den Eisbuden strömen. Auch hier begreifen nicht alle FussgängerInnen, dass Radwege tabu (und bei den Geschwindigkeiten mancher RadlerInnen hier geradewegs gefährlich) sind. Es gibt perfekt ausgeschilderte Radweg-Umleitungen und einen kleinen Radkreisel. Markiert ist der R10 hier nicht mehr und auch sonst ist die Beschilderung nicht immer klar: Manchmal ist der Radweg einspurig, also auf der einen Seite der Strasse in die eine, auf der anderen in die andere Richtung, manchmal ist Gegenverkehr. Auch beim Überqueren von grossen Kreuzungen ist nicht immer klar, wie wir genau fahren müssen, um schliesslich am richtigen Ende der Kreuzung zu landen. Trotzdem: Von Autos unbehelligt fahren wir auf dem R10 praktisch bis zu unserer Unterkunft, einem Apartment im Zentrum von Gdansk.

Polen: Erste Einblicke

Polen. Ein neues Land. Eine neue Sprache, neue Kultur. Am ersten Tag machen wir uns auf zum Meer, ins Dorf, noch etwas unsicher, etwas fehl am Platz, verletzlich, unverständlich und unverstanden, stets befürchtend, etwas falsch zu machen. Die wichtigsten polnischen Wörter haben wir nachgeschaut, herausgeschrieben und wenn es darauf ankommt, dann doch noch nicht parat: Guten Tag, danke, auf Wiedersehen. Wir lesen die Wörter, die an Häusern und Ladenfronten stehen und notieren uns, was vielleicht einmal wichtig sein könnte: wolne pokoje, Zimmer frei. Schau, ein Sklep, sage ich, denn darüber haben wir gehört. Zwar bedeutet Sklep in erster Linie „Geschäft“, aber gemeint sind meist kleine Läden, die es an jeder Ecke gibt, mit Nahrungsmitteln und den Gütern des täglichen Bedarfs, ein unterschiedliches Sortiment und häufig bedient. Und manchmal auch mit hausgemachtem Kuchen. Wir freuen uns auf diese kleinen Läden, weil sie ein „Museum of modern living“ (ein Museum des modernen Lebens) sind und weil es viele neue Esswaren gibt, die wir ausprobieren wollen. Und weil in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern die Läden so dünn gesät waren, dass wir planen mussten, wo und für wie viele Tage einkaufen.

In den ersten zwei Tagen halten wir uns der Einfachheit halber an Selbstbedienungsläden, jedenfalls bis wir die Wörter im Griff haben. Die Sprachlosigkeit in einem neuen Land ist anstrengend. Doch noch in der ersten Woche landen wir in einem kleinen Dorf im Sklep, einem gelben, einstöckigen Gebäude mit Flachdach. Drin eine lange Theke quer durch den Raum, eine Kühlvitrine mit Käse, Butter und anderen Belägen, dahinter Regale mit Alkohol, anderen Getränken, Gemüse, Toastbrote. Guten Tag, (haben Sie vielleicht) Brot? (Das da). (Und den Käse hier). (Und diese Tomate und Gurke). Und (etwas Kuchen, vielleicht soviel), gut, gut (das ist alles) gut. Danke. Auf Wiedersehen.

Nach dieser ersten Woche kommen die Wörter, haben sich in unserem Gehirn und in unseren Mündern eingerichtet. Die Leute sind freundlich und geduldig, manche beobachten unsere Polnischkenntnisse wohlwollend und amüsiert, andere weniger, aber wir kommen soweit gut durch. In einem Laden oder beim Einchecken in einem Camping ist ja meist klar, was wohl Sache ist. Wir haben ausserdem festgestellt, alle wollen Münz. An jeder Kasse. Und es gibt viel Münz (5, 2, 1 Zloty sowie 50, 20, 10, 5, 2, 1 Groszy).

Wir haben ausserdem den Eindruck, dass hier die soziale Distanz geringer ist als bei uns. Wir erleben, dass die Menschen in Schlangen (für uns zu) nah aufrücken, sich problemlos im Laden an einem vorbeidrängen, dass die Zelte eng gestellt werden (wir hatten schon ca. 1.50m Abstand, was in Deutschland oder in der Schweiz undenkbar wäre) und dass sie es auch in den Ferien gerne nah aufeinander haben. Es wird nämlich viel gebaut hier an der polnischen Ostseeküste, neben Hotels auch Anlagen mit kleinen Häusern – manchmal direkt aneinander, manchmal mit einem Meter Distanz dazwischen.

Seit der Grenze fahren wir auf dem Europäischen Radfernweg R10 entlang der Ostseeküste. Es war nicht unbedingt unser Ziel, aber wenn Radwege in die richtige Richtung führen, folgen wir ihnen ganz gerne. Auf den ersten zwölf Kilometern von Swinoujscie nach Misdroy sahen wir unsere Befürchtungen bestätigt, dass die Strassenverhältnisse schlechter seien als in Ostdeutschland. Seit Misdroy haben sich unsere Erfahrungen ziemlich geändert.

Der R10 (zwischen Swinoujscie und Ustka, wo wir jetzt sind) ist zu einem geringen Teil unbefestigt, und wenn, sind es gute Gravelstrassen oder nicht allzu sandig. Ausserdem hat die EU investiert, wie Schilder zeigen: der Radweg ist über weite Strecken gut bis sehr gut ausgebaut, allerdings kaum markiert. Ein deutscher Radler, den wir getroffen hatten, kaufte sich nach den ersten Kilometern eine Karte – in unserer App Osmand ist der R10 ausgewiesen. Der Radweg ist teilweise so gut ausgebaut, dass es bizarr wirkt: hier feiner Teer, auf der Strasse Betonplatten. Durch Kolberg wurden wir komplett auf einem in rötlichen Steinen „gemauerten“ Radstreifen geleitet, ohne uns zu verfahren oder etwas suchen zu müssen. Durch die Wälder, die die Ostseeküste hier säumen, führen breite geteerte Wege, halb für Velos, halb für FussgängerInnen auf dem Weg zum Strand, immer wieder kreuzen die Wege vom Parkplatz zum Meer die Velo-Strässchen. Bei diesen „Eingängen“ zum Strand gibt es auch immer wieder saubere Dixieklos.

Insofern ist unser Einstieg in Polen glimpflich verlaufen. Denn mit neuen Ländern ist es ja immer so eine Sache: Werden wir das Land mögen? Wird es uns mögen? Wird es mit der Sprache klappen? Werden wir uns wohl fühlen?

Der Nordosten

Kurz nach dem Brandenburger Tor finden wir auf den Berlin-Usedom-Radweg, auf dem wir Berlin in Richtung Norden verlassen.

Durch die Strassen, besprayte Wände, Pärke mit Glasscherben, JoggerInnen, HündelerInnen, ein Mann wartet an der Ampel, einen kleinen Hund in ein Frottiertuch gewickelt auf dem Arm, gepflasterte Strassen, umgeleitete Velowege, dann, nach 26 Kilometern, die Grenze Berlin/Brandenburg, es wird ländlicher, Einfamilienhäuser, bald Wiesen, wir folgen der Panke (Flüsschen). Fahre fast über einen Vogel, halte an. Ein Grünsprecht sitzt am Strassenrand. Ich bewege mich nicht, er hüpft herum, und flattert nach einigen Minuten in eine nahe Hecke.

In Bernau stossen Shivani und Selina zu uns, sie begleiten uns bis zu unserem heutigen Übernachtungsort in Eberswalde. Wir reden und fahren auf einem schmalen geteerten Weg durch grosse Wiesen mit hohem Gras, kleine Wäldchen, schliesslich Kiefernwälder mit bemoostem Boden. Einmal setzen wir uns in dieses Moos, über uns rauschen die Bäume und es knackt und immer mal wieder schickt eine einen prüfenden Blick nach oben.

Der Camping liegt direkt am Kanal und ist, nicht übertrieben, ein Sandkasten. Er gehört zu einem sich noch im Bau befindenden Marina Park rund um die ehemalige Städtische Badeanlage; es sollen ein kleines Hotel sowie Bed&Bike-Unterkünfte entstehen, neben dem Camping sind auch Restaurant und die Anlegeplätze für Kanalboote in Betrieb.

Eine Libelle landet auf meiner Hand; im ersten Moment zucke ich zurück, denn ich glaube zu wissen, dass sie stechen können. Dann lasse ich aber zu, dass sie sich wieder setzt, denn wie oft passiert das schon? Türkis und schwarz gefärbt, der Körper eckig, das lange Hinterteil mit einem erneuten, diesmal jedoch rundlichen Teil am Ende, das Ganze sieht technisch aus, eine Aneinanderreihung verschiedener Maschinenstücke. Darüber Flügel, die nur aus einem Gitter zu bestehen scheinen, in das am Ende, wie zur Zierde, einige farbige Plättchen eingesetzt sind.

Am nächsten Tag regnet es in den frühen Morgenstunden, was die Schlaglöcher in den Strassen mit Wasser füllt. Nach wenigen Kilometern Teer landen wir auf einer unbefestigten Piste, verfahren uns, wobei der richtige Weg nicht besser ist, aber halt richtig: sandig, bisweilen so tief, dass die Hinterräder schwimmen, nass, abschüssig, dann wieder grasig und ansteigend. Einer gepflasterten Chaussee führt ein geteerter Radstreifen entlang, die EU hat finanziert. Der Spass ist aber nur von kurzer Dauer, dann wird der Weg wieder wie zuvor. Im kleinsten Gang hötterlen wir voran, geben dann auf und schieben. In Grossziehen erstmal essen und überdenken. Drei Kinder beäugen uns neugierig, wir grüssen und fragen, ob es hier einen Brunnen gebe. Nein, sagen sie. Später tauchen sie wieder auf, einen Welpen im Schlepptau. Wir versuchen, ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, aber es ist harzig. Aus den wenigen Autos, die vorbeifahren, wird vorwiegend geschaut. Einer zieht sich sogar am Lenkrad hoch, dass er noch länger aus dem Fenster schauen kann.

Die Landschaft ist von grossen Getreidefeldern geprägt, in denen Mohn und Kornblumen leuchten, Hecken, hohes Gras, aus grossen Arealen mit alten Landmaschinen schauen uns Hühner und Ziegen zu, als wir einen Farmer essen. Zeitweise fahren wir auf der Hauptstrasse, wo wir gut vorankommen und der Verkehr gesittet ist. Bis plötzlich steht, Velo verboten. Wir weichen auf einen unbefestigten, aber gewalzten Kiesweg daneben aus, der aber nach einigen Kilometern in einer Wiese endet. Eine deutlich erkennbare Spur niedergedrückten Grases und Reifenspuren im offenen Boden zeugen aber davon, dass andere nicht lange gefackelt haben. Wir auch nicht und schieben die Velos durch hüfthohe Pflanzen, etwas wie Rittersporn, Mohn, Gras – aber zum Glück keine Brennnesseln.

An der steilen Böschung kämpfen wir, schieben die Velos auf die Strasse. Es geht durch Ortschaften mit schlechten Strassen (vier Reihen Betonplatten nebeneinander, meist mit Höhenunterschieden von bis zu 4cm dazwischen), aber teilweise schicken Häusern, ein seltsamer Kontrast. Osmand schickt uns im Zickzack durch Hinterhöfe, über Parkplätze und entlang von Wohnblocks, eine mittelalte Frau mit kurzen, grauen Haaren schaut aus dem Fenster, nickt uns zu, verzieht keine Miene. Die Strassen sind innerorts teilweise wirklich miserabel, erinnern mich an die Ukraine und die Republik Moldau. Ich kann nachvollziehen, dass sich die Leute fragen, wie es hier weitergehen soll.

Sobald wir wieder auf den Berlin-Usedom-Radweg stossen, wird der Belag besser. Wir schaffen es dank Zusatz-Effort rechtzeitig auf den Camping am Oberuckersee; eine junge Velofahrerin, die uns 17km vor dem Camping überholt hat, hat uns schon vorgemeldet. Der Camping ist in einem Wald, der steil gegen den See hin abfällt, nach dem grasigen Strand kommen zwei Ebenen Zelte. Es hat verschiedene Veloleute. Das ist der erste Camping, auf dem es viele Leute hat, sagt Stefanie, vor allem viele Menschen im Zelt. Bis jetzt waren wir meist das einzige Zelt, wenn nicht gar die einzigen Gäste.

Einen Tag später kaufen wir in einem Landmarkt-Laden ein. Davor sitzen drei ältere Männer auf einem Bänkli, dann Kopfsteinpflaster, Wohnblocks. Einen Moment bin ich erstaunt, dass alle Deutsch sprechen. Es erinnert mich an die Ukraine.

Generell wirkt die Gegend zunehmend fremd auf mich, ich habe den Eindruck, nicht mehr in Deutschland zu sein. Ich frage mich, wie das Leben der Leute hier aussieht, die hinter diesen holperigen Strassen und Trottoirs leben.

Beim Picknicken an einem kleinen See taucht ein Auto des deutschen Zolls auf – die polnische Grenze ist hier nah, Stettin ist für Autos schon angeschrieben.

Das Wetter ist schwül, die Sonne brennt, immer wieder halten wir an und leeren uns etwas Wasser über den Kopf. Ein kaltes Getränke wäre jetzt viel Wert. Deshalb folgen wir dem Wegweiser „Freibad“, müssen aber feststellen, dass es hier keinen Kiosk gibt. Dafür wenige hundert Meter danach ein Friedhof mit eiskaltem Wasser. An einer Tankstelle gäbe es sicher kühle Getränke nur – wir haben seit Tagen keine Tankstelle mehr gesehen.

Manche Dörfer sind hier so klein, dass sie keine Strassennamen haben, respektive alle Strassen tragen den Ortsnamen. Wieder eine gepflasterte Ortsverbindung, grosse Pfützen, wir balancieren auf den schmierigen Steinen dazwischen. Wie kamen die Trabis damit klar?

Trutzige Kirchen aus grossen, runden Steinen gemauert. Wir sehen wenige Menschen abgesehen vom Camping und manche davon wenden den Kopf ab, wenn wir vorüberfahren. Eine Frau ist minutenlang vor uns einer Strasse entlang gegangen, wir sind hinter ihr her geholpert, die Küchenausrüstung klapperte in der Saccoche, die Saccoche am Gepäckträger, aber sie schaute sich kein einziges Mal um, wer denn hier so seltsame Geräusche mache. Ist das die norddeutsche Kühle, von der man öfters hört oder sollen wir es als Zeichen von Abgestumpftheit und Desinteresse nehmen?

Zwei Tage noch bis Polen. Allerdings fährt die Fähre nach Usedom nicht, wie uns zwei Mitglieder einer tschechischen Radgruppe mitteilen, die vorausgefahren sind. Na dann, zwanzig Kilometer Umweg über Anklam und eine Planänderung. Ich mache Witze, dass ich es als grenzwertige Marketingmassnahme der Stadt Anklam finde, weil sie vielleicht zu wenig Gäste hat. Die Peene ist hier nämlich nicht mehr breit, Usedom ist am anderen Ende gut erkennbar, aber eben, ohne Fähre kein Usedom. Wir organisieren uns einen Camping in Wolgast, der auf den ersten Blick nach Stellplatz für Wohnmobile aussieht, aber die Frau am Telefon sagt, Zelt, kein Thema. Der Platz stellt sich erfreulicherweise als grüne Wiese heraus, mit alten Eichen und Linden, direkt am Wasser.

Wir sind fast im Norden angelangt, zumindest was unsere Reise in Deutschland anbelangt. Es ist Zeit für ein neues Land. Zwar ist der Respekt gross, eine neue Sprache, eine neue Kultur. Über Polen kursieren viele Vorurteile – obwohl wir den Eindruck haben, dass viele Leute noch gar nie im Land waren. Ich hoffe, es gibt endlich wieder Hefebrot – seit Wochen gab es in den Bäckereien nur Sauerteigbrot. Besonders der Osten von Deutschland hat uns beeindruckt, gefallen, berührt, erstaunt, gefordert. Gerade die Strassen haben es in sich, wir sind viele Kilometer eher geholpert als gefahren. Die Landschaft ist von Landwirtschaft geprägt, mit grossen Feldern, grossen Wiesen, aber auch vielen Hecken, sehr schönen Kiefernwäldern und vielen Seen. Immer wieder konnten wir abends eine Runde schwimmen. Die Menschen sind nicht per se unfreundlich, insgesamt ist das Klima sozial gesehen aber kühler. Es wird eher geschaut als gefragt, zwar zurückgegrüsst, aber mit wenig Enthusiasmus. Aber es können und sollen nicht alle so leutselig sein wie im Süden.

Auf Usedom kommen wir in eine neue Welt. Entlang der Strasse hängen Plakate: Pferdetheater, Katzenkabinett, Europas grösste Schmetterlingsfarm, Holzskulpturenausstellung, viel mehr Verkehr auf den Strassen. Kleine Läden, Stände mit Souvenirs und Strandartikel, Kaffeehäuser und Eisdielen, schlendernde Gäste. Am Horizont weht die Flagge der Wasserwacht, dahinter ist bestimmt das Meer. Wir schieben die Velos durch die Fussgängerzone und das liegt sie: die Ostsee. Da der Radweg zwar der Küste entlangführt, aber praktisch ausschliesslich im Wald und unbefestigt ist, fahren wir auf der Hauptstrasse, um Strecke zu machen. Schliesslich wollen wir heute noch nach Polen.

Nach Ahlbeck fahren wir wieder dem Meer entlang, auf einem breiten, perfekt angelegten Radweg mit regem Verkehr. Auf Osmand sehe ich uns an die Grenze heranrücken, dann ist sie da. Eine Schneise, ein Monument mit beiden Flaggen, weiter vorne am Meer zwei Pfähle, schwarz-rot-gold der eine, rot-weiss der andere. Ein Foto und dann sind wir drüben und plötzlich sprachlos. Wir finden einen Bankomaten und die Fähre, die uns über die Swina bringt. Usedom gilt als Insel, weil zwei Flüsse sie vom deutschen respektive polnischen Festland abgrenzen: die Peene (Peenemünde) und die Swina (Swinemünde, Swinoujscie).

Seit der Grenze ist der R10 gut ausgeschildert, wir finden ihn auch nach der Fähre wieder. Er beginnt gut ausgebaut, nur um bald auf einen Waldweg abzubiegen, der unsere Aufmerksamkeit fordert, so dass wir von dem uns umgebenden Naturschutzgebiet wenig mitbekommen. Später wird der Weg sandig, dass wir schieben müssen, dazwischen grober Schotter, dann einzelne dieser grossen Schottersteine auf gepresstem Boden, theoretisch umfahrbar, praktisch nicht immer. Wir halten den Lenker fest und legen Kilometer um Kilometer zurück. Wir brauchen anderthalb Stunden für die zwölf Kilometer bis zum Camping.

Am Wegrand stehen ab und zu Schilder, die wir nicht verstehen und wir machen uns nicht die Mühe, herauszufinden, was es heisst. Ich habe in den Autopiloten geschaltet, denke immer nur daran, dass das irgendwann ein Ende haben muss, dass ein Camping wartet und eine Dusche und ein Abendessen.

Zwischendurch wird der Weg besser, ich kann mich umschauen. Der Kiefernwaldboden ist von Farn bedeckt, manchmal auch von Heidelbeerbüschen. Das Grün leuchtet, daneben die rötlichen Kiefernstämme, sehr schön. Als der Weg befestigt wird, sind es Platten von der fiesen Sorte, mit Aussparungen, die zu eng stehen, als dass man zwischendurch rollen könnte. Aber ein mehrstöckiger Hotelkomplex und zu mietende Apartments zeigen an, dass die Ortschaft nicht mehr weit sein kann.

Stefanie will im Camping-Restaurant ein Bier holen und kommt zusätzlich mit einer gegrillten Wurst zurück, offenbar gibt es ein Fest und alles ist gratis. Und dann sitzen wir da und schauen uns an und sagen, hey, wir sind jetzt in Polen.

Ostdeutschland bis Berlin

Thüringen begrüsst uns mit strahlendem Himmel und eiskaltem Wind. Bald nach der Mittagspause, für die wir vergeblich einen windstillen Ort suchen und schliesslich unsere Stühle neben einem Fussballplatz aufstellen, erklimmen wir auf einer steilen Strasse die Talflanke. Wir halten immer wieder an und verschnaufen, und zum ersten Mal in Deutschland reagieren die AutofahrerInnen besonnen: sie verlangsamen, kurven um uns herum, obwohl wir hin und wieder etwas ungünstig stehen blieben. Der Atem schaut nicht auf eine gute Stelle am Strassenrand.

Auf einem langen, gemässigten Anstieg auf einer unbefestigten Strasse überqueren wir den Rennsteig, einen bekannten Wanderweg im Thüringer Wald. Viele Häuser sind zunehmend komplett geschindelt, mit Schiefer, manche auch mit günstigeren, wohl künstlichen, Schindeln.

Der Camping liegt in einer Senke, wir stellen unser Zelt zwischen dem Flüsschen Ilm und einem Forellenteich auf, packen uns sofort in alle verfügbaren Schichten ein. Wieder einmal ein kalter Abend nach einem kalten Tag und vor einer kalten Nacht. Das prägt nun schon die letzten Wochen, die Kälte setzt uns zu, Lippen und Finger springen auf, am Morgen sind die Spitzen von Rüebli und Gurken glasig. Die Mützen tragen wir Tag und Nacht.

Die nächsten zwei kalten Tage folgen wir dem Ilm-Radweg. Die Innenstädte der kleinen Orte, die wir durchfahren, sind zunehmend gepflastert, im Schritttempo holpern wir durch die Strassen. Ich schimpfe, Stefanie sagt, in der DDR war hier alles so. Am zweiten Tag schaffen wir es nicht bis Oettern. Wo ist denn da die Freiheit, fragt Stefanie. Wir kämpfen mit unseren Erwartungen, der wohl anstrengendste Kampf. Nach Kaffee und Kuchen in Kranichfeld beschliessen wir, auf den nächstgelegenen Camping zu fahren und die Lage zu überdenken.

Freudig begrüsst uns die Frau hinter dem Tresen und auch alle vorbeilaufenden MitarbeiterInnen grüssen, als hätten wir uns schon mal gesehen. Woher, fragt sie, die Finger mit den langen bemalten Fingernägeln schweben über der Tastatur ihres Computers. Aus der Schweiz, sage ich. Aber nicht hergefahren, will sie sich versichern. Doch, bestätige ich.

Stille.

Steve? sagt sie nach einer Weile zu einem Mann, der hinter ihr Prospekte einräumt. Ich kann gerade gar nichts dazu sagen, sagt er. Sie: Hätte ich einen Hut, würde ich ihn vor euch ziehen.

Wir beschliessen, der Kälte zu entfliehen und drei Nächte in Weimar zu verbringen.

Am Nachmittag sitzen wir in einem Hotelzimmer, die Füsse auf dem Ofen, die Teetasse in der Hand und schauen dem Sprühregen durchs Fenster zu. Drei Nächte und zwei Tage lang kein Regenprotokoll, keine dicke Hülle aus Daunen und Regenjacke, keine Handschuhe, kein kaltes Wasser, kein Vergraben im Schlafsack.

Dafür Bauhaus-Museum, Waschsalon und Kaffee.

Als die erste Ampel mit dem DDR-Ampelmännchen auftaucht, denke ich: Nee, jetzt haben sie hier auch diese doofen Ampelmännchen, die in Berlin so touristisch ausgeschlachtet werden. Dann fällt mir ein, dass die ja von hier stammen.

Nach Weimar wird es warm, die Sonne scheint, die Ärmel müssen runter, die Hosen werden hochgekrempelt. Am Mittag liegen wir auf einem Spielplatz im Gras und können es nicht glauben: Warm! Kein Wind!

Zwischen Obertreba und Untertreba an der Saale fahren wir den 1000. Kilometer.

Am Abend sitzen wir bis zum Schlafen ohne Daunenjacke und -hose, ohne Mütze, ohne Halstuch fast ergriffen neben unserem Zelt und sagen immer wieder zueinander, unglaublich, schon so spät, und immer noch so warm.

Die Nebenstrassen sind zunehmend unbefestigt, die Hauptstrassen zwar befestigt, aber mit geflickten Löchern, Rissen und sandigen Zwischenstücken. Hunde rennen uns hinter Gartenzäunen kläffend hinterher, die Häuser sind klein, viele mit Garten und Gemüsebeeten, Kartoffeln, Beerensträuchern.

Die Navigation mit Tante G wird schwieriger, was sie hier als velotauglich anzeigt, ist es in der Praxis häufig nicht – zumindest nicht mit vollbeladenen Tourenvelos. Breite, unbefestigte Wege sind meist gut fahrbar, aber immer öfters leitet sie uns in den Wald, wo die Wege schnell unpassierbar werden, Zweige, aufgewühlte Erde, Gras, wir rutschen oder das Hinterrad schwimmt im Sand, manche Wege wären selbst zu Fuss nur mit viel Abenteuergeist passierbar. Dazu freuen sich Myriaden von Mücken auf ein einfaches Mahl.

Der Mann vom Camping hat kurz geschwiegen, als ich mich telefonisch nach den Öffnungszeiten der Rezeption erkundigte. Machen wir es so, sagte er und erklärte. Also folgen wir den blauen Wegweisern durch den Wald. Unter grossen Zeltdächern stehen Campingvans mit Gartenzäunen, auch Garagen sind mit Zeltplanen errichtet. Bei einem Spielplatz biegen wir gemäss Anweisung links ab, folgen der Strasse bis zum Ende. Dort befindet sich die Holzplattform, neben der wir unser Zelt aufstellen sollen. Wir schauen uns um: Der Weg macht eine Kurve um die Plattform, auf der anderen Seite ein kleiner Sandstrand, der See, Schilf, ein lichter Wald aus Birken, Eichen und Föhren. Wir stellen uns direkt neben den Strand und springen erstmal in den See, da es keine Duschen gibt.

Schöner Abend mit weichem Licht, die Sonne sinkt hinter die Bäume, wir essen, hören Enten und Frösche, ab und zu fällt ein Kiefernzapfen. Genau so habe ich mir das vorgestellt, sagt Stefanie.

Nach vier Tagen bei Brigitte und Dieter (Gespräche, Kaffee trinken, Velos putzen, lesen, die Frösche im Teich beobachten) in der Nähe von Torgau machen wir uns auf nach Berlin.

Ein Rehbock schreckt auf, als wir vorbeifahren, springt im Getreidefeld davon. Neben Stefanie steigt plötzlich ein Storch auf, zwischen Radweg und Strasse, schlägt mit grossen Schwingen, gewinnt taumelnd an Höhe.

Schwarze Eichen, dunkle Blätter zwischen schmalen hellen Birken, teilweise hüfthoher Farn, Erika oder Heidelbeeren, dann wieder Bestände mit rötlichen Kiefern, der Waldboden voller Moos. Der Boden ist sehr sandig, auf Feldwegen müssen wir manchmal einige Meter schieben, weil es so sandig ist, dass die Räder nicht mehr greifen.

Nach dem Wald grosse Wohnhäuser, eingezäunt, Polizei. Eine Flüchtlingsunterkunft? Dienen die Zäune den Menschen als Schutz oder den anderen als Kontrolle?

Wir testen Osmand, eine Open-Source-Offline-Kartenapp, die uns an zwei Seen vorbeiführt, aufgefüllte Kohlengruben wurden in ein Naturschutzgebiet verwandelt, im Hintergrund ist noch öde ein Teil des Abbaugebietes zu erkennen.

Die Dörfer haben jetzt Doppelnamen, deutsch und etwas, was wie Polnisch aussieht. Es ist sorbisch, diese westslawische Bevölkerung lebt hier in der Lausitz.

Grosse Felder mit langen Bewässerungsanlagen, wie ich sie in Neuseeland gesehen habe, aber hier nicht auf Weiden, sondern bei Weizen und Raps. Ein Betrieb mit drei grossen Milchviehställen, riesigen Silos und Fahrsilos, deren Wände höher sind als der Traktor, der davor steht.

Zwei Tage durch den Spreewald, auf schmalen, unbefestigten Wegen entlang der Spree, die Dutzende von Kanälen speist, grosse waldige Auengebiete, kleine Dörfer, in denen man Boote mieten oder sich in einem Stak-Kahn chauffieren lassen kann. Reethaufen rund um senkrechte Pfähle.

Durch Alleen von alten Linden fahren wir Berlin zu, Kiesweg, dann eine lange, frisch geteerte Strasse entlang, durch den Wald, immer wieder Gruppen von Männern auf Rädern, Bierdosen in der Hand, Musik, sie fahren häufig kreuz und quer über die Strasse, wir schieben die Hände in Bremsposition, halb nachsichtig, halb irritiert ob der etwas fragwürdigen Auslegung dieses Vatertages (Auffahrt), der mehrheitlich aus Männerausflügen bestehen, die mit Bier zu tun haben.

Grosse Geflügelställe, Pferde schnuppern am staubigen Boden ihrer Paddocks, in Neubausiedlungen arbeiten Menschen in ihren Gärten.

Als eine kleinere Strasse in eine grössere mündet, sehen wir das Stadtschild von Berlin – 20 Kilometer vor unserem Kiez.

Auf der Suche nach einem Klo landen wir im Krankenhaus Hedwigshöhe, obwohl Stefanie fremde Spitäler etwas gruselig findet, da sie „krank“ riechen. Durch kleine Quartierstrassen, die Grundstücke werden kleiner, die Strassen sind nach wie vor eine Mischung aus Asphalt, Betonplatten, Pflaster und sandigen Zwischenstücken, lotst Stefanie uns zum Mauerradweg, eine breite Teerstrasse nur für Langsamverkehr, die Autobahn im Boden darunter. Dem Teltow-Kanal entlang, viele Menschen mit Velos, Roller Blades – wirklich eine sehr schöne Bewegung – und zu Fuss, Gümmeler, Leute mit Kindern.

Das Tempelhofer Feld ist voller Leute, sie liegen, lesen, schmusen, fahren Velo, stehen an Glace-Ständen, wir kurven herum, bremsen, weichen aus, Männer in Röcken, Frauen mit Kopftuch, Kinder in Anhängern und in den Kisten von Lastenvelos, niemand zuckt auch nur mit der Wimper, dass wir hier so schwerbeladen durchrollen, wir sind in Berlin. Durch die Hasenheide, dann taucht schon die Kirche am Südkreuz auf. Die grösste Strasse an diesem Tag ist wohl die Bergmannstrasse im Kiez, wir biegen ab, wissen wohin, kramen den Schlüssel hervor, er passt, schieben die Velos in den Innenhof, laden ab, schleppen alles in den vierten Stock und dann ist unsere erste Etappe abgeschlossen: wir sind von Bern nach Berlin gefahren.

Schlaglichter aus Bayern

Bayern begrüsst uns mit einem blau-weissen Himmel und einem prächtigen Maibaum: die Rinde ist in Mustern, rund um Schrift und Bild, vom Fichtenstamm weggeschnitzt. Wir staunen und fragen uns, wie lange das Kunstwerk wohl stehen bleiben darf.

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Am nächsten Morgen klemmt sich Stefanie beim Herumheben der Saccochen im Zelt eine Rippe ein, kann kaum noch gehen. Sie schafft es aufs Fahrrad und fährt 22 Kilometer. Dann beschliessen wir, einen Nothalt einzulegen. In einem kleinen Städtchen namens Wolframs-Eschenbach, mit einer nahezu vollständig erhaltenen Wehranlage, Fachwerkhäusern in der Altstadt und einer Pension. Stranden hier für drei Nächte, Schmerztabletten, Übungen von dringlich angeschriebenen physiotherapeutischen Freunden von ehemaligen Arbeitskolleginnen, liegen, lesen, schreiben. Draussen ein erneuter Wintereinbruch mit Hagel, Schnee und tiefen Temperaturen – die Frau von der Pension holt ihre Geranien über Nacht herein.

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Ein neuer Baustil taucht auf, die Dächer kommen weit herunter, bisweilen ist der erste Stock schon komplett im Dachgeschoss, gleichzeitig haben die Häuser keine Vordächer, sondern enden an der Hausmauer in einer Regenrinne. Sie sehen aus wie Spielzeughäuser, vereinfacht, damit kleine Kinderhände nichts abreissen können. Der fränkische Baustil, wie wir später erfahren.

Welliges Land, Waldstreifen, dazwischen grosse Wiesen mit verblühtem Löwenzahn, nicht extensiv, aber auch nicht wirklich fett, Koppeln mit Pferden, mäandernde Bäche, es ist ein schönes Gebiet hier.

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Auf dem Camping in der Nähe von Nürnberg fährt abends eine fette Audilimousine auf den Platz, ein herziges, rundliches Campinganhängerli im Schlepptau. Der Mann kommt am nächsten Morgen zu Stefanie und fragt, ob uns nicht kalt gewesen sei in der Nacht. Bei ihnen sei die Heizung ausgestiegen und sie hätten sehr gefroren…

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Ein sehr steiles Wegstück führt uns hinauf auf eine Brücke – doch es ist ein Aquädukt, breit fliesst der Main-Donau-Kanal über die Landschaft. Industrieanlagen werfen zitternde Spiegelbilder aufs Wasser, keine Schiffe, wenig Enten. Die Bank zum Mittagessen nimmt uns ein grimmig dreinblickender Radfahrer, der sich eine Zigarette anzündet.

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Camping am Dechsendorfer Weiher, in einer Landschaft mit aneinandergereihten eckigen Weihern. Eine Amsel mit zwei Jungen streift ständig ums Zelt, zieht zwischen unserem Kochgeschirr und der Ausrüstung Würmer aus der Erde, stemmt sich mit den drahtigen Beinen ins Gras. Die zwei Jungen sind durch das aufgeplusterte Gefieder grösser als das Elter. Sie quäken und rennen herum, die grosse Amsel scheint uns genervt ob den unselbständigen Teenagern.

Am nächsten Morgen rennt eine Ratte geschäftig zwischen Hecke und dem für Zelte vorgesehenen Grasstreifen hin und her, zehn bis fünfzehn Meter von unserem Zelt entfernt. Heute also Tierdoku im Frühstücksfernsehen.

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Es regnet. Wieder einmal. Was es bis jetzt fast immer tat, wenn es nicht grau/kalt/windig oder sonnig/kalt/windig war. Kurz vor Bamberg, als wir den Main-Donau-Kanal verlassen: Fähre. Beide hoffen, dass sie bedient ist. „Woll’n Sie ans andere Ufer rüber? Rufen Sie laut: Fährmann, hol rüber!“ steht auf einem Schild und wir rufen: Fäääääääärimaaaaaaa! Nach einem kurzen, angstvollen Moment öffnet sich im kleinen Haus oberhalb der Fähre eine Tür und ein Mann in Leuchtkleidung steigt die Böschung hinunter zum Boot, hantiert mit Stahlseilen und Ketten, stösst sich mit einem Fuss vom Ufer ab, steht dann ruhig, die Hände in den Taschen, abwartend. Vom Seil festgehalten, von der Strömung bewegt, kommt die Fähre langsam auf uns zu. Der Fährmann macht eine Kopfbewegung, wir grüssen und schieben die Velos auf die Fläche, der Mann stösst sich wieder vom Ufer ab, legt in einer Atempause das Seil um und die Fähre gleitet langsam zurück. Bamberg begrüsst uns mit strömendem Regen, nur Rapsfelder leuchten heute.

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Klopf klopf klopf, Kuchen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen, sagt die Stimme unserer Nachbarin neben unserem Zelt. Gestern Abend haben wir uns schon mit ihnen unterhalten. Wir brauchen einen Augenblick, um zu begreifen, dass wir gemeint sind. Vor unserer Tür steht ein Teller mit Rhabarberkuchen!

Ruhetag am nächsten Tag, sitze mit dem Tee in der Hand in der geöffneten Tür, der vorgespannte Tarp schützt mich vom Regen, schaue auf die träg dahinfliessende Regnitz und die Regentropfen, Muster auf der Oberfläche. Enten drücken sich, etwas verschlafen noch, ins Gras. Sie brauchen nichts, kein Zelt, keinen Tarp, keine Regenkleider, keine Daunenjacken, sie haben alles selbst. Schaue uns an, was wir alles brauchen, um die Regennacht zu überstehen. Die Enten schütteln am Morgen das Gefieder und die Regentropfen rollen ins Gras.

Ein Tag später: Sonne. Wir kriechen ohne Regenjacke aus dem Zelt, ich baue das Tarp ab, die Heringe sind voller Sand, der sofort an allem klebt, die Wanderstöcke auch, ausserdem quillt Wasser hervor, als ich sie zusammenschiebe. Frühstück in der Sonne, sich in den Stuhl zurücklehnen, aaah.

***

Unser letzter Tag in Bayern, Gerste und Triticale recken ihre Grannen zum baierisch blau-weissen Himmel, zum Abschied noch einmal, heute Abend sind wir in Thüringen. Salbei blüht verschwenderisch violett am Strassenrand.

In Maroldsweisach folgen wir der Hauptstrasse, hätten jedoch abbiegen sollen. Wir beschliessen, die Route neu rechnen zu lassen und nicht zurückzufahren. Tante G schickt uns heute aber von Kieswegen auf Waldwege, auf halb zugewachsene Waldwege. Sie weiss nicht mehr weiter, sie kennt keine Wege zwischen Bayern und Thüringen, natürlich, hier war die Welt zu Ende, bis 1989. Stefanies maps.me findet einen Weg, wir kämpfen uns über Wanderwege, die von Zweigen übersät sind, die nach unseren Ketten, Speichen, Taschen greifen, wehren ab, schieben die Räder durch Morast. Da vorne sollte ein Weg kommen, sagt Stefanie, Kolonnenweg heisst er. Ein Weg mit Namen muss ja was Gutes bedeuten, denke ich. Der Weg ist sehr schmal, links und rechts schrammen Zweige an den Saccochen vorbei, in eine kleine Senke, auf der anderen Seite mit Keuchen und Schimpfen hinauf, dann stehe ich auf dem Kolonnenweg: Betonelemente, mit Vertiefungen von 10x5cm, zwei Spuren, dazwischen hohes Gras, nur schlecht zu fahren, in mir dämmert eine Erkenntnis, hinter und vor uns tut sich eine Schneise auf, rechts Bayern, Nadelgehölze, links Thüringen, Birken; wir stehen auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze, dem eisernen Vorhang, der Verlängerung der Mauer. Geschichte überrollt uns, hier auf diesem ehemals tödlichen Grund, die friedliche Stille im Wald und das Vogelgezwitscher mischen sich mit Geschichten, Bildern. Sich hier zu verirren konnte früher den Tod bedeuten. Stumm schieben wir die Velos vorwärts, abwärts, sind dankbar für die dreissig Jahre, die inzwischen vergangen sind.

Dann endet der Kolonnenweg in einen Kiesweg, der mündet in eine Strasse und bald rollen wir den Hügel hinab nach Hellingen, Bratwürsten und Gesellschaft entgegen.

Klo in Ornbau

Über eine kleine Brücke fahren wir in die Innenstadt von Ornbau, einem kleinen Städtchen südlich von Nürnberg, mit gepflasterten Strassen rund um die Kirche. Auf der Suche nach einer Toilette und einem Café spricht Stefanie einen jungen Mann an, der an uns vorbeiradelt. „Klo?“ sagt der Mann, „also meine Freundin wohnt gleich um die Ecke.“ Da kommt sie auch schon daher, auf einem Tourenvelo mit Lowrider am Vorderrad. Klo, klar, kein Problem. Die Tür führt von der Strasse gleich ins Wohnzimmer einer grossen WG, gemütlich mit durchgesessenen Sofas. Sie fahren auch längere Touren, erzählen sie uns separat, denn eine von uns ist ja jeweils auf dem Klo, er sei schon von Ornbau nach London gefahren und gemeinsam hätten sie mit den Velos die dänische Westküste erkundet; es sei dort sehr schön. Nach einem Tipp für ein gutes Kaffeehaus und vielen guten Wünschen fahren wir bereichert weiter.