Im Zug

Es giesst wie aus Eimern, als wir auf einem gut markierten Veloweg aus Riga rausfahren. Tropfende Bäume, Ringe auf Wasserflächen, Leute hasten ans Trockene, ein Mann drückt auf den Knopf an einer Fussgängerampel und zieht sich unter einen vorspringenden Fenstersims zurück, dennoch mehren sich die Flecken auf seinem hellen Jackett.

Nach dem Mittagessen im Wartehäuschen einer Bushaltestelle führt uns der Eurovelo 13 auf eine schmale Sandpiste in einem Föhrenwald. Unter keinen Umständen tun wir uns das in diesem Regen an. Also fahren wir acht Kilometer zurück, stellen uns bei einer Tankstelle unter und erwägen die Möglichkeiten. Leider gibt es nur eine einzige Alternative: Die A1/E67, die Hauptverbindung von Riga nach Tallinn – auf dieser Strasse wird der Eurovelo 13 später sowieso führen.

Mir steckt jedoch das Erlebnis auf der Autobahn vor Riga noch in den Knochen – und bei diesem Regen, mit dem Wasser auf der Fahrbahn und der schlechten Sicht flösst uns diese Strasse noch mehr Angst ein. Stumm schauen wir auf die tropfende, spritzende, klatschnasse Welt.

Was ist mit dem Zug, fragt Stefanie. Schon seit einigen Kilometern sind wir immer wieder an einer Bahnlinie gefahren. Aber – wollen wir das, Zug fahren?

Der nächste Bahnhof ist nur wenige hundert Meter entfernt. Mit sinkenden Herzen beschliessen wir, zum Bahnhof zu fahren und uns die Sache anzuschauen. Ein kleiner Bahnhof, etwa wie Bern-Weissenbühl, wir stellen fest: in acht Minuten fährt ein Zug nach Saulkrasti. Damit würden wir den schlimmsten Abschnitt überwinden.

Plötzlich geht es schnell. Ich stehe vor dem Ticketschalter, die dicke Frau dahinter lächelt mich an, ich spreche langsam Englisch und sie nickt. Zeigt mir den Betrag auf dem Taschenrechner, ich zahle und habe vier Tickets in der Tasche: zwei Personen, zwei Velos.

Noch sechs Minuten bis zur Abfahrt. Ich haste hinaus, wir machen die Velos bereit zum Verladen: die Gummizüge vom Gepäckträger weg, die Wasserflaschen irgend in eine Tasche. Ein Programm hat uns übernommen, die Gedanken ausgeschaltet, jetzt gilt nur: vorwärts, vorwärts. Die Frau vom Ticketschalter erscheint in der offenen Tür und deutet auf das hintere Gleis. Wir bedanken uns und schieben die Velos über die Schienen auf die andere Seite.

Ein alter Zug rollt in den Bahnhof, öffnet die Türen über steilen Stufen. Wir reissen die Taschen weg, hieven die Velos hoch, schmeissen die Gepäckstücke hinterher, der Zug hupt, ein schrilles, lautes Geräusch. Jetzt nicht abfahren, bitte, schreit Stefanie und hebt die Hände in Richtung Lokomotive. Wir klettern unseren Sachen hinterher, die Türen schliessen sich, der Zug ruckelt, schwankt, quietscht – und fährt. Als ich mich umschaue, steht in der geöffneten Abteiltür eine junge Schaffnerin mit strengem Pferdeschwanz. Ich entschuldige mich und lege die Handflächen vor der Brust zusammen. Sie nickt und setzt sich hin.

Mit einem Gefühl wie zerschlagenes Glas in der Brust setzen wir uns langsam in unseren nassen Regenkleidern auf die Sitze und starren durch beschlagene Scheiben auf eine Heidelandschaft, leicht rosa vom Heidekraut, mit Birken und Kiefern und tiefen Sandwegen.

In Saulkrasti regnet es immer noch. Wir suchen auf der Karte nach einem Ort, an dem wir ankommen können und finden eine Strandbar mit grossen Fenstern. Grau liegt das Wasser unter einem ebenso grauen Himmel, der Horizont ist als schmale, nur unmerklich dunklere Spur zu erkennen.

Eine Frau überlässt uns ihren Tisch am Fenster, sie wohne am Meer und gucke eh nur aufs Handy, und dann sitzen wir da und schauen über unsere Milchkaffees aufs Meer, bis sich die Aufregung, die Trauer und die Wut in uns wieder gelegt haben – wie wenn sich Erdteilchen in Wasser langsam am Boden absenken und reines, klares Wasser übrigbleibt. 

2 Gedanken zu „Im Zug

  1. Gut gemacht! Seid nicht traurig. Das ist doch auch ein Erfahrungswert: Nicht überall in Europa ist es sicher mit dem Rad. (Zwar habe ich gezittert bei der Beschreibung beim Zugeinsteigen! Sogar das war nicht ungefährlich!)

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    • Liebe Mara, vielen Dank für deinen Zuspruch! Ja, es war eine Erfahrung – und nur ihretwegen haben wir die beiden schönen Begegnungen mit der Ticketverkäuferin und der Frau im Cafe gehabt! Herzlicher Gruss, Katharina

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