Der Nordosten

Kurz nach dem Brandenburger Tor finden wir auf den Berlin-Usedom-Radweg, auf dem wir Berlin in Richtung Norden verlassen.

Durch die Strassen, besprayte Wände, Pärke mit Glasscherben, JoggerInnen, HündelerInnen, ein Mann wartet an der Ampel, einen kleinen Hund in ein Frottiertuch gewickelt auf dem Arm, gepflasterte Strassen, umgeleitete Velowege, dann, nach 26 Kilometern, die Grenze Berlin/Brandenburg, es wird ländlicher, Einfamilienhäuser, bald Wiesen, wir folgen der Panke (Flüsschen). Fahre fast über einen Vogel, halte an. Ein Grünsprecht sitzt am Strassenrand. Ich bewege mich nicht, er hüpft herum, und flattert nach einigen Minuten in eine nahe Hecke.

In Bernau stossen Shivani und Selina zu uns, sie begleiten uns bis zu unserem heutigen Übernachtungsort in Eberswalde. Wir reden und fahren auf einem schmalen geteerten Weg durch grosse Wiesen mit hohem Gras, kleine Wäldchen, schliesslich Kiefernwälder mit bemoostem Boden. Einmal setzen wir uns in dieses Moos, über uns rauschen die Bäume und es knackt und immer mal wieder schickt eine einen prüfenden Blick nach oben.

Der Camping liegt direkt am Kanal und ist, nicht übertrieben, ein Sandkasten. Er gehört zu einem sich noch im Bau befindenden Marina Park rund um die ehemalige Städtische Badeanlage; es sollen ein kleines Hotel sowie Bed&Bike-Unterkünfte entstehen, neben dem Camping sind auch Restaurant und die Anlegeplätze für Kanalboote in Betrieb.

Eine Libelle landet auf meiner Hand; im ersten Moment zucke ich zurück, denn ich glaube zu wissen, dass sie stechen können. Dann lasse ich aber zu, dass sie sich wieder setzt, denn wie oft passiert das schon? Türkis und schwarz gefärbt, der Körper eckig, das lange Hinterteil mit einem erneuten, diesmal jedoch rundlichen Teil am Ende, das Ganze sieht technisch aus, eine Aneinanderreihung verschiedener Maschinenstücke. Darüber Flügel, die nur aus einem Gitter zu bestehen scheinen, in das am Ende, wie zur Zierde, einige farbige Plättchen eingesetzt sind.

Am nächsten Tag regnet es in den frühen Morgenstunden, was die Schlaglöcher in den Strassen mit Wasser füllt. Nach wenigen Kilometern Teer landen wir auf einer unbefestigten Piste, verfahren uns, wobei der richtige Weg nicht besser ist, aber halt richtig: sandig, bisweilen so tief, dass die Hinterräder schwimmen, nass, abschüssig, dann wieder grasig und ansteigend. Einer gepflasterten Chaussee führt ein geteerter Radstreifen entlang, die EU hat finanziert. Der Spass ist aber nur von kurzer Dauer, dann wird der Weg wieder wie zuvor. Im kleinsten Gang hötterlen wir voran, geben dann auf und schieben. In Grossziehen erstmal essen und überdenken. Drei Kinder beäugen uns neugierig, wir grüssen und fragen, ob es hier einen Brunnen gebe. Nein, sagen sie. Später tauchen sie wieder auf, einen Welpen im Schlepptau. Wir versuchen, ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, aber es ist harzig. Aus den wenigen Autos, die vorbeifahren, wird vorwiegend geschaut. Einer zieht sich sogar am Lenkrad hoch, dass er noch länger aus dem Fenster schauen kann.

Die Landschaft ist von grossen Getreidefeldern geprägt, in denen Mohn und Kornblumen leuchten, Hecken, hohes Gras, aus grossen Arealen mit alten Landmaschinen schauen uns Hühner und Ziegen zu, als wir einen Farmer essen. Zeitweise fahren wir auf der Hauptstrasse, wo wir gut vorankommen und der Verkehr gesittet ist. Bis plötzlich steht, Velo verboten. Wir weichen auf einen unbefestigten, aber gewalzten Kiesweg daneben aus, der aber nach einigen Kilometern in einer Wiese endet. Eine deutlich erkennbare Spur niedergedrückten Grases und Reifenspuren im offenen Boden zeugen aber davon, dass andere nicht lange gefackelt haben. Wir auch nicht und schieben die Velos durch hüfthohe Pflanzen, etwas wie Rittersporn, Mohn, Gras – aber zum Glück keine Brennnesseln.

An der steilen Böschung kämpfen wir, schieben die Velos auf die Strasse. Es geht durch Ortschaften mit schlechten Strassen (vier Reihen Betonplatten nebeneinander, meist mit Höhenunterschieden von bis zu 4cm dazwischen), aber teilweise schicken Häusern, ein seltsamer Kontrast. Osmand schickt uns im Zickzack durch Hinterhöfe, über Parkplätze und entlang von Wohnblocks, eine mittelalte Frau mit kurzen, grauen Haaren schaut aus dem Fenster, nickt uns zu, verzieht keine Miene. Die Strassen sind innerorts teilweise wirklich miserabel, erinnern mich an die Ukraine und die Republik Moldau. Ich kann nachvollziehen, dass sich die Leute fragen, wie es hier weitergehen soll.

Sobald wir wieder auf den Berlin-Usedom-Radweg stossen, wird der Belag besser. Wir schaffen es dank Zusatz-Effort rechtzeitig auf den Camping am Oberuckersee; eine junge Velofahrerin, die uns 17km vor dem Camping überholt hat, hat uns schon vorgemeldet. Der Camping ist in einem Wald, der steil gegen den See hin abfällt, nach dem grasigen Strand kommen zwei Ebenen Zelte. Es hat verschiedene Veloleute. Das ist der erste Camping, auf dem es viele Leute hat, sagt Stefanie, vor allem viele Menschen im Zelt. Bis jetzt waren wir meist das einzige Zelt, wenn nicht gar die einzigen Gäste.

Einen Tag später kaufen wir in einem Landmarkt-Laden ein. Davor sitzen drei ältere Männer auf einem Bänkli, dann Kopfsteinpflaster, Wohnblocks. Einen Moment bin ich erstaunt, dass alle Deutsch sprechen. Es erinnert mich an die Ukraine.

Generell wirkt die Gegend zunehmend fremd auf mich, ich habe den Eindruck, nicht mehr in Deutschland zu sein. Ich frage mich, wie das Leben der Leute hier aussieht, die hinter diesen holperigen Strassen und Trottoirs leben.

Beim Picknicken an einem kleinen See taucht ein Auto des deutschen Zolls auf – die polnische Grenze ist hier nah, Stettin ist für Autos schon angeschrieben.

Das Wetter ist schwül, die Sonne brennt, immer wieder halten wir an und leeren uns etwas Wasser über den Kopf. Ein kaltes Getränke wäre jetzt viel Wert. Deshalb folgen wir dem Wegweiser „Freibad“, müssen aber feststellen, dass es hier keinen Kiosk gibt. Dafür wenige hundert Meter danach ein Friedhof mit eiskaltem Wasser. An einer Tankstelle gäbe es sicher kühle Getränke nur – wir haben seit Tagen keine Tankstelle mehr gesehen.

Manche Dörfer sind hier so klein, dass sie keine Strassennamen haben, respektive alle Strassen tragen den Ortsnamen. Wieder eine gepflasterte Ortsverbindung, grosse Pfützen, wir balancieren auf den schmierigen Steinen dazwischen. Wie kamen die Trabis damit klar?

Trutzige Kirchen aus grossen, runden Steinen gemauert. Wir sehen wenige Menschen abgesehen vom Camping und manche davon wenden den Kopf ab, wenn wir vorüberfahren. Eine Frau ist minutenlang vor uns einer Strasse entlang gegangen, wir sind hinter ihr her geholpert, die Küchenausrüstung klapperte in der Saccoche, die Saccoche am Gepäckträger, aber sie schaute sich kein einziges Mal um, wer denn hier so seltsame Geräusche mache. Ist das die norddeutsche Kühle, von der man öfters hört oder sollen wir es als Zeichen von Abgestumpftheit und Desinteresse nehmen?

Zwei Tage noch bis Polen. Allerdings fährt die Fähre nach Usedom nicht, wie uns zwei Mitglieder einer tschechischen Radgruppe mitteilen, die vorausgefahren sind. Na dann, zwanzig Kilometer Umweg über Anklam und eine Planänderung. Ich mache Witze, dass ich es als grenzwertige Marketingmassnahme der Stadt Anklam finde, weil sie vielleicht zu wenig Gäste hat. Die Peene ist hier nämlich nicht mehr breit, Usedom ist am anderen Ende gut erkennbar, aber eben, ohne Fähre kein Usedom. Wir organisieren uns einen Camping in Wolgast, der auf den ersten Blick nach Stellplatz für Wohnmobile aussieht, aber die Frau am Telefon sagt, Zelt, kein Thema. Der Platz stellt sich erfreulicherweise als grüne Wiese heraus, mit alten Eichen und Linden, direkt am Wasser.

Wir sind fast im Norden angelangt, zumindest was unsere Reise in Deutschland anbelangt. Es ist Zeit für ein neues Land. Zwar ist der Respekt gross, eine neue Sprache, eine neue Kultur. Über Polen kursieren viele Vorurteile – obwohl wir den Eindruck haben, dass viele Leute noch gar nie im Land waren. Ich hoffe, es gibt endlich wieder Hefebrot – seit Wochen gab es in den Bäckereien nur Sauerteigbrot. Besonders der Osten von Deutschland hat uns beeindruckt, gefallen, berührt, erstaunt, gefordert. Gerade die Strassen haben es in sich, wir sind viele Kilometer eher geholpert als gefahren. Die Landschaft ist von Landwirtschaft geprägt, mit grossen Feldern, grossen Wiesen, aber auch vielen Hecken, sehr schönen Kiefernwäldern und vielen Seen. Immer wieder konnten wir abends eine Runde schwimmen. Die Menschen sind nicht per se unfreundlich, insgesamt ist das Klima sozial gesehen aber kühler. Es wird eher geschaut als gefragt, zwar zurückgegrüsst, aber mit wenig Enthusiasmus. Aber es können und sollen nicht alle so leutselig sein wie im Süden.

Auf Usedom kommen wir in eine neue Welt. Entlang der Strasse hängen Plakate: Pferdetheater, Katzenkabinett, Europas grösste Schmetterlingsfarm, Holzskulpturenausstellung, viel mehr Verkehr auf den Strassen. Kleine Läden, Stände mit Souvenirs und Strandartikel, Kaffeehäuser und Eisdielen, schlendernde Gäste. Am Horizont weht die Flagge der Wasserwacht, dahinter ist bestimmt das Meer. Wir schieben die Velos durch die Fussgängerzone und das liegt sie: die Ostsee. Da der Radweg zwar der Küste entlangführt, aber praktisch ausschliesslich im Wald und unbefestigt ist, fahren wir auf der Hauptstrasse, um Strecke zu machen. Schliesslich wollen wir heute noch nach Polen.

Nach Ahlbeck fahren wir wieder dem Meer entlang, auf einem breiten, perfekt angelegten Radweg mit regem Verkehr. Auf Osmand sehe ich uns an die Grenze heranrücken, dann ist sie da. Eine Schneise, ein Monument mit beiden Flaggen, weiter vorne am Meer zwei Pfähle, schwarz-rot-gold der eine, rot-weiss der andere. Ein Foto und dann sind wir drüben und plötzlich sprachlos. Wir finden einen Bankomaten und die Fähre, die uns über die Swina bringt. Usedom gilt als Insel, weil zwei Flüsse sie vom deutschen respektive polnischen Festland abgrenzen: die Peene (Peenemünde) und die Swina (Swinemünde, Swinoujscie).

Seit der Grenze ist der R10 gut ausgeschildert, wir finden ihn auch nach der Fähre wieder. Er beginnt gut ausgebaut, nur um bald auf einen Waldweg abzubiegen, der unsere Aufmerksamkeit fordert, so dass wir von dem uns umgebenden Naturschutzgebiet wenig mitbekommen. Später wird der Weg sandig, dass wir schieben müssen, dazwischen grober Schotter, dann einzelne dieser grossen Schottersteine auf gepresstem Boden, theoretisch umfahrbar, praktisch nicht immer. Wir halten den Lenker fest und legen Kilometer um Kilometer zurück. Wir brauchen anderthalb Stunden für die zwölf Kilometer bis zum Camping.

Am Wegrand stehen ab und zu Schilder, die wir nicht verstehen und wir machen uns nicht die Mühe, herauszufinden, was es heisst. Ich habe in den Autopiloten geschaltet, denke immer nur daran, dass das irgendwann ein Ende haben muss, dass ein Camping wartet und eine Dusche und ein Abendessen.

Zwischendurch wird der Weg besser, ich kann mich umschauen. Der Kiefernwaldboden ist von Farn bedeckt, manchmal auch von Heidelbeerbüschen. Das Grün leuchtet, daneben die rötlichen Kiefernstämme, sehr schön. Als der Weg befestigt wird, sind es Platten von der fiesen Sorte, mit Aussparungen, die zu eng stehen, als dass man zwischendurch rollen könnte. Aber ein mehrstöckiger Hotelkomplex und zu mietende Apartments zeigen an, dass die Ortschaft nicht mehr weit sein kann.

Stefanie will im Camping-Restaurant ein Bier holen und kommt zusätzlich mit einer gegrillten Wurst zurück, offenbar gibt es ein Fest und alles ist gratis. Und dann sitzen wir da und schauen uns an und sagen, hey, wir sind jetzt in Polen.

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