Aebi und der 1. Mai

Die Krone der über zehn Meter langen Birke zittert, als der Anhänger bewegt wird, auf dem der Baum liegt. Farbige Bändel werden an die Kinder verteilt, die schon eine Weile erwartungsvoll herumstanden. „Das war immer ein Highlight für uns“, erklärt Astrid. Bei ihr und Christoph haben wir zwei Nächte übernachtet. Christoph und ich haben uns in Neuseeland kennengelernt, als wir beide dort mit dem Velo unterwegs waren; seither haben wir einen losen Kontakt behalten. Astrid ist hier im Dorf Hausen aufgewachsen, Christoph im Dorf nebenan, wo sie jetzt auch wohnen.

Es ist der 30. April um acht Uhr abends. Die Luft ist frisch, die Leute tragen warme Jacken. Der Himmel hat eine grau-rosa Färbung, die Dämmerung beginnt.

Die Kinder umschwirren die Baumkrone wie die Motten das Licht, umkreisen ihn, binden Bändel fest, ihre hellen Stimmen sind aufgeregt, eines sagt: „Ist noch irgendwo Blau im Umlauf?“ Bald trägt der Baum gelbe, rote und blaue Bändel.

Rund zwanzig Feuerwehrleute sind angetreten, wohl alle, die es in ihrer Abteilung gibt. Was mich zu einem Witz veranlasst: Wie viele Feuerwehrleute braucht es, um einen Maibaum aufzustellen? Alle.

„Absolut nichts Spektakuläres“, hat uns Astrid gesagt, als sie uns fragte, ob wir mitkommen wollten zum Maibaum aufstellen. Es ist auf nette Weise nicht spektakulär, abgesehen von der Feuerwehr vielleicht zwanzig bis dreissig Leute, ein Lastwagen mit Kran, ein kleines Zelt mit Grill und Getränken. Die Feuerwehr bewacht den Baum bis zum nächsten Morgen, denn theoretisch könnte er immer noch von EinwohnerInnen eines benachbarten Dorfs abgesägt werden. Heute wirklich eher theoretisch, Christoph kann sich aber noch an Zeiten erinnern, als das eher praktisch der Fall war. Nach dem Morgengrauen ist es nicht mehr erlaubt, dann ist der Baum sicher. Dasselbe gilt für Maibäume, die ein Bursche der jungen Frau stellt, die er verehrt. Auch den müsste man eigentlich bewachen, damit nicht ein anderer Bursche den Baum umsägt und seinen aufstellt. Tatsächlich sehen wir bei einem Rundgang durchs Dorf einen Maibaum für „Fabienne“. Stefanie hat später recherchiert, dass in Schaltjahren die Frauen den Burschen einen Baum aufstellen – zumindest in einigen Gegenden. Aber in der Nacht, in der April zu Mai wird, werden nicht nur Bäume gestellt, sondern auch Streiche gespielt. Über die Streiche von diesem Jahr wird hier selbstverständlich geschwiegen. Deshalb hier ein verjährter Streich: In Hausen gibt es ein gelbes Haus mit einem blauen Sockel. Als es neu (oder jedenfalls neu gestrichen) war, wurde dort ein Schild aufgehängt: „IKEA-Eröffnung“ mit Datum und Uhrzeit. Sehr verbreitet scheinen aber Streiche zu sein, die Rasierschaum beinhalten, zum Beispiel werden Briefkästen oder Türklinken damit „dekoriert“. Das fanden wir weniger lustig, sahen es aber am nächsten Tag in verschiedenen Dörfern.

Der erste Mai ist ein Feiertag in der Gegend, manche gehen auf eine Demonstration (auch davon sahen wir am nächsten Tag Reste und Plakate). Für Christoph und seine Freunde sieht der erste Mai jedoch anders aus: Einen Wagen schmücken und damit von Fest zu Fest (respektive Dorf zu Dorf) ziehen. Dieses Jahr sogar mit einem Aebi! Den Schweizer Berg-Mehrzwecktransporter kenne ich aus den Sommerferien meiner Kindheit gut. Was für ein Gefühl, wenn man verklebt und verschwitzt vom Heuen auf dem Beifahrersitz sass, im Bauch noch den Fleischkäse und den Most vom Zmittag im Schatten eines Baumes spürte, die Schwere in den Gliedern, und der Aebi rumpelte heimwärts, und wenn er dann auf eine geteerte Strasse einbog und hochschaltete… seufz

Item. Christoph hat offenbar bei seinen Alpeinsätzen in der Schweiz verstanden, wie toll ein Aebi ist und sich ein ziemlich altes Exemplar gekauft. Jetzt steht das Gefährt mit einem Aufkleber vom Braunviehzuchtverband im Hof vor dem Haus und wird mit Birkenzweigen und farbigen Bändeln geschmückt. Eine Festbank und Rückenlehnen werden angeschraubt. Damit wird am 1. Mai von Dorf zu Dorf gefahren, getrunken, gelacht und gefeiert.

Wir verlassen Astrid und Christoph am 1. Mai und fahren nordwärts in Richtung Nürnberg. Im Fahrtwind flattern Birkenzweige und farbige Bändel, mit denen Surly und Velotraum geschmückt sind.

PS. Am 1. Mai morgens steht auch vor Astrids Haus ein Maibaum.

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