Nach Hamburg rein (Holm-Seppensen – Hamburg)

Am letzten Tag regnet es. Wir räumen alles zusammen, schaffen es, das Zelt halbwegs trocken zu reiben, als es eine Zeitlang nur nieselt und ziehen unter zwei grosse Bäume fürs Frühstück. Es hätte nicht sein müssen, sagt Stefanie.

Wir steigen in die volle Montur, Regenjacke, Regenhose, Gamaschen, um die Schuhe trocken zu halten, dazu der Helmschutz und schicken uns drein. Anfänglich ist auf der Landstrasse, der entlang wir in typisch deutscher Manier auf dem Trottoir fahren, viel Verkehr, aber als die Strasse eine Kurve macht und wir gerade aus weiterfahren, bessert sich das. Es gibt leichte, lange Steigungen, die ich als nette Abwechslung zur topfebenen Nordseeküste empfinde. Auf unserer Übersichtstabelle sind die zwei Tage in der Heide deutlich erkennbar: Die Höhenmeter übersteigen deutlich die 200er Marke – an der Nordsee sind wir gar nie auf 100 gekommen.

(c) Scheuner

Dass Fahrräder in Deutschland oft aufs Trottoir verbannt werden, macht meist keinen Spass: holperiger Untergrund ist die Regel.

Mein Velo klingt wie geölt – ist es aber immer noch nicht. Vielleicht übertönt der Regen und das Rauschen der Reifen auch das Gequietsche. Mit dem Ölen ist es immer so eine Sache: Sobald man anfährt, denkt man, nein, ich wollte doch gestern ölen – heute Abend mache ich es bestimmt! Und am Abend sind Essen, Duschen, Lesen und die Unterhaltung wichtiger.

Stefanie schimpft bei Kilometer zehn, ihr sitzen noch die gestrigen Holperkilometer in den Beinen. Ich schlage vor, dass wir bei Kilometer 20 irgendwo drinnen was essen. Das ist eine meiner Methoden, wenn ich nicht mehr mag – nicht gleich nachgeben, aber sich ein klares Ziel setzen und das einhalten.

Etliche Kaffees passen uns nicht, als wir die 20-Kilometer-Marke überschritten haben, beim Freilichtmuseum muss man Eintritt zahlen. Die Frau an der Kasse erklärt aber, rund 400 Meter weiter gebe es einen Kiosk, da könne man reinsitzen. In der Tat, obwohl ich es eher als Restaurant beschreiben würde. Es gibt Currywurst und Pommes, mit Spezi (Mezzo Mix). Du bist unerbittlich, sagt Stefanie.

24 Kilometer vor der Innenstadt taucht das Ortsschild von Hamburg auf. Der Verkehr hat deutlich zugenommen, die Beschilderung ist weiter erratisch und schickt uns wild hin und her, die Fahrradwege erscheinen und noch holperiger als bisher. Plötzlich taucht etwas weiter vorne ein grosses, gemauertes Tor auf, dahinter öffnet sich eine neue Dimension, ein Wurmloch in die Zukunft, wir sind bei Stargate gelandet.

(c) Scheuner

Ein Tor in eine andere Dimension.

So sieht es zumindest aus: Hinter dem Tor öffnet sich eine alte Eisenbrücke mit vielen Verstrebungen, die in der Ferne undeutlich durch die regennasse Luft erkennbar sind. Wir durchqueren das Tor und ich blicke um mich, überrascht und fast ein wenig sprachlos, so unverhofft; schon nur dafür hat sich die Einfahrt nach Hamburg gelohnt, sage ich zu Stefanie, schaue mich um und fahre dadurch in Schlangenlinien über die Brücke. Komm, wir machen ein Fotoshooting, sagt Stefanie, die sich über meine Freude freut. Sofort stoppe ich, sie fährt nochmal zurück, ich fotografiere, später umgekehrt. Als wir die Brücke hinter uns lassen, ich schaue noch mehrmals zurück, die Verstrebungen, die alten Laternen, sage ich nochmals und mit Bestimmtheit, zumindest dafür hat es sich gelohnt.

(c) Scheuner

Diese alte Eisenbrücke ist das einzige, was sich an der 24km langen Strecke zwischen dem Ortsschild Hamburg und der Innenstadt gelohnt hat.

Etwas später stelle ich fest, es ist das einzige, aber auch wirklich das einzige, wofür es sich gelohnt hat. Der Rest ist nur nass und lärmig und gefährlicher Verkehr und holperige Velowege und schlechte Beschilderung. Über mehrere Kilometer erzählen die Schilder immer wieder „HH Centrum – 12 km“, dann „HH Centrum – 11 km“, dann wieder „HH Centrum – 12 km“.

(c) Scheuner

Lachen trotz mässig guter Laune.

Das Aggressionslevel steigt, wir möchten ankommen, wollen uns ja heute Abend mit Christoph treffen und haben gehofft, um vier Uhr in Hamburg im Hotel zu sein. Stefanie fährt auf einen Fussgängerstreifen hinaus, die Velo-/FussgängerInnen-Ampel ist grün. Da rollt ein Auto auf den Fussgängerstreifen zu, es ist abgebogen und hatte eine grüne Ampel mit orangem Blinklicht. Stefanie stoppt, will sich nicht anfahren lassen, da schaut der Autofahrer auf unsere Ampel, in dem Moment schaltet die auf rot, er deutet lehrerhaft darauf – ja, komm, fahr zu, sagt Stefanie – und explodiert.

Mit 17 Prozent Akkuleistung navigiere ich uns weiter, zwischendurch glauben wir wieder der Beschilderung, die uns aber im Zickzack durch ein Einfamilienhausquartier schickt. Jetzt explodiere ich, diese Beschilderung ist doch das blödeste, kriegen denn die das nicht hin, eine anständige, kohärente Beschilderung zu machen und beschliesse, ab jetzt einfach nach Google Maps zu fahren.

Das funktioniert auch tatsächlich und gegen halb fünf sind wir beim Hostel angekommen. Es liegt an einer stark befahrenen Strasse im Quartier Hammerbrook. Die Hostelzimmer gehören zu einem Fitnesszenter – wir tragen die Velos in den ersten Stock und schliessen sie im Flur vor unserem Zimmer ab. Dann einrichten, aufräumen, duschen, Geräte aufladen.

Abendessen gibt es mit Christoph in der Oberhafenkantine, einem schrägen Haus direkt an der Bahnlinie. Er ist mit fünf Kumpels in acht Tagen an die Nordsee gefahren – von Ulm. Das sind rund 1000 Kilometer. Zum Abschluss sind sie jetzt ein Wochenende in Hamburg, aber offenbar hat sich Christoph etwas von der Gruppe abgesetzt – deren Vorlieben liegen offenbar mehrheitlich beim Biertrinken…

Es ist ein gemütlicher Abend, wir tauschen alte und neue Geschichten aus, reden übers Radfahren im Allgemeinen und in Norddeutschland und müssen um neun Uhr unseren Tisch wieder freigeben.

Das ist uns nicht unrecht – fährt doch unser Zug morgen vor sieben Uhr. In 24 Stunden sind wir daheim, denken wir – und wissen noch nicht, wie falsch wir damit liegen.

(c) Katharina

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