Grosse Schiffe (Emden (Knock) – Leer (Bingum))

Das erste Ziel heute ist die Kesselschleuse in Emden. Unterwegs fragt Stefanie einen Mann nach dem Weg, während ich auf dem Handy herumtippe. Als der Mann in die Richtung deutet und sagt, 200m geradeaus, halte ich das Handy hoch und rufe: Ich habs! Der Mann sagt, dann wollen Sie bestimmt in die Jugendherberge, worauf wir fast ein bisschen entrüstet verneinen – es ist noch nicht mal Mittag!

(c) Scheuner

Kesselschleuse (Wasserstrassen-Kreuzung) in Emden.

Die Kesselschleuse ist eine Wasserkreuzung, vier Kanäle mit unterschiedlichen Wasserständen münden in einen runden Kessel, alle Kanäle können mit Schleusentoren geschlossen werden. Leider passiert nicht viel und wir machen uns auf die Suche nach einem Kaffee. Das stellt sich leider als schwierig heraus – ebenso schwierig, wie aus Emden rauszukommen.

Stefanie ist erschüttert, dass es nach Leer noch gut zwanzig Kilometer sind – denn wir wollten es heute eigentlich noch mindestens zwanzig, eher dreissig Kilometer über Leer hinaus schaffen. An einem Wegweiser mit verschiedenen Radwegen ist ein Schild montiert, Umleitung hier durch, aber man weiss nicht warum und wo der Radweg gesperrt ist. Wir fragen eine Frau, die uns mit dem Rad entgegen kommt, aber uns nicht weiterhelfen kann. Das passiert oft: Man fragt Radfahrende aus der Region, aber manchmal sind sie sich überhaupt nicht bewusst, dass es Radwege gibt, geschweige denn Radfernwege oder Radwanderwege, wie zum Beispiel die Europaradroute entlang der Nordsee, die in Dänemark anfängt und in Holland endet. Dann fühle ich mich, als gehörten wir einer Gemeinschaft an, die nicht so bekannt ist, als wären die Radwege ein geheimes Wegnetz, das durch die Region, das Land oder durch Europa führt, von dem nur wenige wissen.

Wir fahren also weiter, Stefanie schimpft, wie kann das so schwierig sein, eine anständige Markierung zu machen, mit Wegweisern, die deutlich in die richtige Richtung zeigen, mit kleinen Schildern für den jeweiligen Radweg, die an den wichtigen Orten angebracht sind…

Wir landen in einem Industriegebiet, in dem ein Lastwagen sich nicht traut, uns zu überholen und beide, wir und der Lastwagen, finden bald heraus, wo der Veloweg gesperrt ist. Beide müssen wenden.

Wir beschliessen, bis Leer zu fahren und dann weiterzuschauen. Da fällt uns ein, dass wir für die Zugfahrt nach Soltau einen Ruhetag eingeplant haben, was eigentlich gar nicht nötig ist. Dadurch lässt sich die Stresse bis nach Oldenburg in komfortable Tagesetappen aufteilen.

Entlang der Bahn führt ein holperiger, geplättelter Radweg, es schüttelt uns und die Velos, schlecht verhaltene Flüche verlassen unsere Lippen. An einem Bahnübergang hat es einen kleinen Kasten mit einem Knopf – die Schranke ist immer geschlossen. Wer die Schienen überqueren will, muss drücken. Das hat uns neulich eine Einheimische vorgemacht. Also drücke ich den Knopf und sage, einmal die Schranke, bitte. Darauf kommt eine schwierig verständliche Antwort, etwas von „warten“ und „Zug“. Wenige Minuten später fährt ein Zug durch, dann geht die Schranke hoch. Ich rufe „Danke“ in Richtung des Gerätes, bin aber nicht sicher, ob das in der Zentrale gehört wird.

(c) Scheuner

Bahnübergang mit stets geschlossener Schrank. Wer durch will, muss mal drücken und nett fragen.

35 Kilometer die Ems hoch liegt die Meyer Werft in der Nähe von Papenburg. Die Werft baut grosse Kreuzfahrtsschiffe, die – vom Stapel gelassen – die Ems runter bis ins Meer fahren, um dann an ihren Bestimmungsort gebracht zu werden. Nun ist die Ems zwar ein stattlicher Fluss, aber nichtsdestotrotz sind diese Schiffe viel zu gross dafür. Daher sind die Überführungen regelrechte Spektakel, die Giganten werden von kleineren Schiffen gezogen. Unter anderem wird dafür die Ems auch gestaut – an dem Emssperrwerk, gegen den sich ansässige Einzelpersonen und Naturverbände gewehrt haben. In erster Linie soll das Sperrwerk dem Hochwasserschutz dienen, denn es kann bei Sturmfluten und aussergewöhnlichen hohen Wasserständen der Nordsee geschlossen werden, was das dahinterliegende Land und die Städte schützt. Aber natürlich nützt das Sperrwerk ebenso der Meyer Werft, die nur dadurch an ihrem traditionellen Firmensitz weiterhin die grossen Kreuzfahrtsschiffe bauen kann. Natürlich behält des auch Arbeitsplätze in der Region und nicht wenige.

Wir hatten kein Glück und sahen kein unnatürlich gross erscheinendes Schiff die Ems runterfahren. Das soll jedesmal ein grosses Spektakel sein, da man nie so nah an die Schiffe sonst rankommt und der Anblick dieser grossen Schiffe in dem kleinen Fluss wirklich etwas Spezielles sind.

(Bild: wattenrat.de)

Giganten von der Meyer Werft. (Bild: noz.de)

Das meiste davon erfahren wir von einer Schautafel auf einem Aussichtspunkt. Drei Schafe grasen auf dem Deich und kommen auf uns zu, als sie uns sehen. Die drei Böcke sehen aus wie Comic-Schafe. Vollkommen rund, steckt in der Mitte der recht breite Kopf und unten schauen aus dem Pelzmantel vier schlanke Beinchen heraus. Sie lassen sich bereitwillig kraulen. Die Finger versinken in der dichten Wolle, die nach der verklebten, verdreckten äussersten Schicht frisch und weiss und sauber ist. Stefanie schaut durch ein fest installiertes Fernglas. Auf dem Schiff gibt es ein Auto, sagt sie und dann: Und ein Velo. Ausserdem hängt da Wäsche. Unten auf der Ems fährt langsam ein niedriges Frachtschiff in Richtung Dollart und der Nordsee.

(c) Scheuner

Drei Böcke auf dem Deich.

Kaffee finden wir in einem Ort, in dem das meiste geschlossen hat. Aber ein Mann erklärt uns, wie wir zum Supermarkt finden, dort gebe es auch eine Bäckerei. Nach einem grossen Milchkaffee und zwei Stück gefülltem Teekuchen kaufen wir ein. Stefanie hilft einem Mann, Saft zu suchen und er sagt, ach, Sie kommen aus der Schweiz? Und da kommen Sie hierher? Bei uns sagt man, wenn man Ostfriesland sieht, musst du weiterfahren…

Wir sind heute etwas angeschlagen und nehmen gerne die Gelegenheit war, in Brouwen’s Hofladen einzukehren. Der Kartoffel-Grosshandel-Betrieb hat einen hübschen Hofladen direkt an der grösseren Strasse, natürlich mit Kartoffeln, aber auch verschiedenem Gemüse, Fertigwaren im Glas von einem anderen Betrieb und kleinen Geschenken. Wir kaufen Schafmilchseife zum Heimnehmen, Heidelbeeren, Kirschen, einen Ostfriesen-Eistee zum Probieren und endlich auch Wattwürmer. Bei Brouwens sind das rund 40 cm lange geräucherte Würste. Aber hier oben wird aus dem Wattwurm Profit geschlagen, wo es nur geht. Auf Märkten und in Läden haben wir festgestellt, dass nahezu alles, was lang und dünn ist, hier den Namen Wattwurm trägt.

(c) Scheuner

In Brouwen’s Hofladen.

Von dem wohl berühmtesten Tier im Wattenmeer sind bei Ebbe allerdings nur die Hinterlassenschaften zu sehen – kleine Kotkringelhäufchen, ähnlich den Regenwürmern auf dem Land. In der Seehundstation in Norden gab es eine Ausstellung über das Watt und dort stellte ich fest, dass im Watt genau wie auf dem Acker und auf dem Grünland die Würmer eines der zentralsten Tiere sind: Sie verbessern den Luft- und Wasserhaushalt und die Bodenqualität.

Weiter geht es auf einer kleinen mit Betonplatten ausgelegten Strasse direkt hinter dem Deich. Kaum sind wir über die kleinen „Bovistops“, eine Serie von Stangen, die Schafe am Überqueren hindern, gerattert, sehen wir in rund hundert Metern zwei Männer, die offenbar versuchen, rund zehn bis fünfzehn Hühner davon zu überzeugen, sich in ein Gehege zu bewegen. Warte mal, sage ich zu Stefanie, die schaffen das sonst nie. Also halten wir, einen Fuss auf dem Pedal, der andere am Boden, setzen wir uns schräg auf die Velostange und schauen zu. Der jüngere Mann steht an der Deichschräge und scheucht die Hühner mit ausgebreiteten Armen langsam in Richtung Plattenstrasse und in das Gehege dahinter, der ältere Mann versucht, die Hühner drinnen am Rausgehen zu hindern, aber trotzdem die sich draussen befindlichen hineinzuscheuchen. Ich befürchte schon, dass es noch lange dauern könnte, da sind endlich alle Hühner verschwunden. Der junge Mann wartet an der Strasse auf uns, als wir weiterfahren und sagt, danke fürs Warten. Gern geschehen, sage ich und als wir schon dreissig Meter weiter sind, zu Stefanie: Wir bremsen für Bauern.

Am Abend sitze ich gemütlich neben dem Zelt und lese, Stefanie ist Duschen gegangen. Der Campingplatz war ziemlich leer, als wir uns niedergelassen haben, danach sind noch einige Velo-Parteien gekommen. Die Zeltwiesen sind jedoch in grosse Abschnitte mit Hecken getrennt eingeteilt und so kann sich jede Partei einen eigenen Abschnitt nehmen. Wir haben also rund drei Aren nur für uns alleine. Eine Horde von Jungen fährt mit den Velos ständig die Rampe hoch zur Toilette rauf und runter, das Geratter und ihre aufgeregten Rufe sind das einzige Geräusch an dem lauschigen Abend.

Wollen Sie bei einem Duell mitmachen, höre ich plötzlich eine Stimme und die vier Jungs stehen auf dem Weg vor unserer Parzelle. Ich lehne ab, will lesen, aber sie bleiben hartnäckig. Ich müsse nur die Arme kreuzen, die Finger verschränken und dann würde er auf einen Finger zeigen, den ich heben müsse. Belustigt erhebe ich mich und sage, ach, das haben wir als Kind auch gemacht, komme mir dabei aber unglaublich alt vor. Der grösste Junge zeigt auf einen kleineren, gegen ihn treten Sie an. Ich verrenke mich entsprechend und der Kleine auch. Der Grosse zeigt auf einen meiner Finger, berührt ihn aber und ich strecke ihn. Wenn du den Finger berührst, ist es superleicht, sage ich und er schlägt sich die Hand an den Kopf, nein, ich bin ja so doof, Sie haben gewonnen, Sie sind gut. Ich muss lachen und kehre zurück zu meinem Buch.

Beim Abendessen unterhalten wir uns darüber, was ein Meer ausmacht. Jetzt sind wir wirklich an der Ems, das Meer ist weit weg und trotzdem hatte ich nicht das Bedürfnis, mich vom Meer zu verabschieden. Das hatte ich sonst immer – aber es zeigt mir in diesem Moment eher, dass ich die Nordsee gar nicht so richtig als Meer wahrgenommen habe. Tagsüber war es weg, weil wir in einer Woche da waren, in der tagsüber Ebbe war und auch bei Flut sah man ständig Land am Horizont. Entweder waren wir am Jadebusen, einer Bucht mit recht engem Ausgang, also hatten wir praktisch immer „Land in Sicht“ und später waren die Inseln Spiekeroog und Co. vorgelagert, also hatten wir auch da immer Land am Horizont. Diese Weite, der für ein natürliches Phänomen viel zu perfekt ebene Horizont, die Wellen, die kommen und gehen und bei denen ich immer daran denke, dass Menschen vor hunderten oder tausenden von Jahren die gleiche Sicht hatten, wenn man Strandkörbe, Eisbuden und andere menschgemachten Sachen ausblendet, das hatte ich hier gar nicht so. Stefanie erging es ähnlich, auch das eine entzauberte Kindheitserinnerung.

Wir waren nur kurz im Watt. Die Begeisterung, die eine Gruppe von Kindern hatte, die in kurzen Hosen und Leibchen mit Schaufeln bewaffnet Löcher gruben und fasziniert darin herumstocherten, war bei uns nicht auszulösen. Uns war kalt mit den heraufgerollten Hosen, gegen den Wind trugen wir die Regenjacken und hatten die Kapuzen hochgeklappt. Wir duschten unsere Füsse, wuschen die Socken grob aus und waren froh, wieder in unsere trockenen Schuhe zu kommen.

(c) Scheuner

Hoi du.

(c) Scheuner

In Emden-Knock.

(c) Katharina

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