Meer und Meer (Norddeich-Emden (Knock))

Auch am nächsten Morgen haben wir „Frühstücksfernsehen“. Das Wetter ist wieder windig, aber kein Vergleich zu Vorgestern. Dazu scheint die Sonne. Aus einem versteckteren Teil der Fahrradzeltwiese tauchen eine Frau und ein Kind auf, beide mit normalen Velos, haben sie auf dem Gepäckträger in einem Körbchen Zelt und Schlafsack, der Junge hat am Lenker mit Kabelbindern eine graue Plastikkiste befestigt, in der sein Rucksack liegt, die Frau trägt einen Rucksack.

Vermutlich bleibt mir ein bisschen der Mund offenstehen, Teetasse in der Hand. Nicht zum ersten Mal denke ich angesichts solch einfacher Ausrüstung, die jedoch in ihrem Fall noch alles toppt, was ich bisher gesehen oder woran ich mich aus eigener Erfahrung als Kind und Teenager noch erinnere, das sind die richtigen AbenteurerInnen. Wir mit unserem Expeditionszelt und den Hightech-Superschlafsäcken, mit Windstopper-Softshell-Kleidung und den wasserdichten Ortlieb-Saccochen – was ist daran noch Abenteuer? Es wird doch gut ausgehen, wo ist da noch die Unsicherheit, die Ungewissheit eines glimpflichen Ausgangs, das Risiko, dass etwas schief gehen könnte? Und wo denn noch das Gefühl, etwas erreicht zu haben?

Ich äussere meine Gedanken, Stefanie sagt: Du weißt ja nicht, woher sie kommen, vielleicht wohnen sie in Norden. Dennoch, verteidige ich meinen Gedankengang, stell dir vor, was der Junge in der Schule dann zu erzählen hat. Vielleicht ist aber das Erlebnis, mit der Mutter oder der grossen Schwester Zelten gegangen zu sein, alles mit dem Rad transportiert zu haben, auch vor allem für ihn ein Abenteuer und die SchulkameradInnen, die den Sommer in Thailand, Kalifornien oder beim Tauchen am Mittelmeer verbracht haben, lächeln nur müde ab seinen Erzählungen. Auch für mich (Stefanie) war es als Mädchen bereits ein Abenteuer, im Garten meiner Grosseltern im Zelt zu schlafen.

Als ich beim Zusammenrollen des Zelts den Regenwurmkot von der Unterseite des Zeltbodens wische, ist er sandig.

Endlich wieder fahren! Auf dem Radweg halten wir auf Norden zu, die ruhige Landstrasse führt zwischen Weiden und Getreidefeldern entlang. Ich schaue auf die Strasse und dann auf meine Beine, die wie die Kolben eines Motors auf und ab gehen, in einem strengen Takt, zack, zack, zack, zack, eine gute geölte Maschinerie, unter ihnen fliegt der Asphalt nur so weg, die Bändel meiner Schuhe sind zu langsam und bleiben einen Moment in der Luft stehen, wenn der Schuh das Pedal niederdrückt, dann fällt er auf den Schuh, wenn dieser schon fast wieder im Begriff ist, hochzukommen. Vorwärts, vorwärts, Kopf runter und treten, treten, meine Augen suchen den Strassenbelag ab, gibt es Unebenheiten oder Löcher, grosse Steine, dann weiche ich aus, greife kurz an die Bremsen, um bereit zu sein – endlich geht es wieder vorwärts!

Wir wollen heute zum „Grossen Meer“, einem grossen Niedrigmoorsee. Nicht zum ersten Mal glaube ich die geografische Nähe zu Holland in der Sprache festzustellen. „Meer“ bedeutet auf Holländisch See, während „Zee“ sowohl See als auch Meer im Sinne von Ozean bedeutet. Auch der hiesige Dialekt, das Plattdeutsch, hat gewisse Ähnlichkeiten mit dem Holländischen – wobei es sicher hier genauso als Sprache wahrgenommen wird wie wir das Schweizerdeutsche als Sprache verteidigen, hat grosse Ähnlichkeit zum Holländischen.

(c) Scheuner

Kanäle rund ums grosse Meer. Aus einer Höhe von 20m von einem Vogelturm herab.

Nach Mariahafe suchen wir uns den Weg mittels Google Maps, weil die Fahrradwege wieder einmal nicht genug direkt zum Ziel führen. Zuerst ist der Untergrund grober Gravel, der jedoch nach und nach verschwindet und in Gras übergeht. Jede für sich suchen wir uns den Weg auf dem groben Traktorweg, auf einer schmalen Spur getrockneten Grases arbeiten wir uns voran. Stefanie ist vorangefahren, es sieht aus, als würde sie über ein Stück Wiese fahren. Ich senke den Blick auf die wenigen Dutzend Zentimeter von meinem Reifen und suche mir meinen Weg. Alles arbeitet zusammen, die Augen sagen, was kommen wird, die Hände lenken, die Beine arbeiten, damit ich vorwärtskomme, geben im richtigen Moment Schub, wenn eine kleine Senke kommt, verhalten sich ruhig, wenn ich bremse. Ich stecke total im Moment, kann an nichts anders mehr denken, der Untergrund nimmt keine volle Konzentration in Anspruch. Es erinnert mich ans Fechten, da hat man eine Zehntelssekunde nicht aufgepasst, schon hat die Gegnerin einen Punkt gelandet. Genauso geht es hier, nicht am falschen Ort abstehen, immer schön auf den zwanzig Zentimetern mit kurzem, getrocknetem Gras bleiben, wo der Boden einschätzbar bleibt, alle Berührungspunkte zum Rad, also Hände, Sitzfläche und Füsse müssen zusammenhalten, sich nach den Befehlen des Hirns richten, das durch die Augen die Situation liest… Wie ich so etwas liebe!

(c) Raisch

Keine Plättli, ole!

(c) Scheuner

Wenigstens nicht gepflastert…

Vom Meer selbst sehen wir nicht sehr viel, da meist Schilf und Büsche im Weg stehen. Heute suchen wir uns einen Weg durch die Landschaft anhand von Sehenswürdigkeiten, auf die wir gerne unsere Augen legen würden. Die nächste auf der Liste ist die Kirche mit dem schiefen Turm von Suurhusen. Mit einem Überhang von 2,43m soll der Turm sogar noch schiefer als derjenige von Pisa sein! Wir finden die Kirche auf Anhieb und auch gleich das „Café am Schiefen Turm“. Die Schiefe ist nicht aufs Bild bannbar, so spazieren wir mit zurückgelegten Köpfen um den wirklich ziemlich schiefen Turm. Die Wände der Kirche, natürlich aus roten Backsteinen gemauert, sind konkav auf der einen, konvex auf der einen Seite und der Turm neigt sich vom Kirchenschiff weg. Der Grund ist der Grund: Der unzuverlässige Boden bewegt sich und die eine Seite des Turms senkt sich langsam ab.

Die Kirche mit dem schiefen Turm in Suurhausen. Foto eines Fotos.

Nach einem Kaffee und einem Stück Apfel-Streusel-Kuchen machen wir uns auf den Weg zurück ans Wasser, ob es die Nordsee sein wird oder eher die Ems, das lässt sich nicht so genau sagen. Im Mündungsbereich von Flüssen ins Meer ist das ja nie so ganz klar. Der Tag heute ist von einem kühlen Wind geprägt, aber die Sonne scheint. Überall wird Getreide gedroschen, werden Ballen gepresst und gewickelt, Traktoren mit Anhängern voller Ballen oder Kipper mit Getreide werden herumgefahren.

Bevor wir den Campingplatz ansteuern, wollen wir auf Deutschlands höchsten Leuchtturm hochsteigen. Ich verspreche mir aus der Höhe von 65 Metern eine neue Sicht auf die uns umgebende Landschaft, dass sich das Potenzial, dass diese Landschaft reizvoll machen könnte, ausschöpfe, dass sich Muster ergäben zwischen Feldern, Gräben, Wiesen und Hecken, Flecken schwarz-weisser Holsteinkühe und brauner Pferde, cremefarbene Flecken von Schafen am Deich. Eine Frau ist dabei, die Toiletten zu reinigen, als wir neben dem Leuchtturm anhalten, wir haben geschlossen, sagt sie, schon seit fünf. Es ist bald sieben. Ich bin enttäuscht, jetzt behält die Landschaft die Antwort auf die Frage für sich, ob sie reizvoll sein könnte.

(c) Scheuner

Der höchste Leuchtturm Deutschlands – leider von uns unbesucht.

(c) Scheuner

Flaches, flaches Land.

Wir checken die Öffnungszeiten für den nächsten Tag, aber der Leuchtturm ist erst ab elf Uhr geöffnet. Das Muster zieht sich hier durch die Gegend und deckt sich mit dem, was der rasenmäherreparierende, sehr hilfreiche Mann vor einigen Tagen gesagt hat: Touristisch eine Entwicklungsdestination. Die Öffnungszeiten in der Hauptsaison sind wenig freundlich, die Campingplätze sind ebenfalls häufig nach achtzehn Uhr nicht mehr offen – und das ist bestimmt nicht nur für Radlerinnen manchmal schwierig.

Der Campingplatz liegt hinter dem Deich, der Mann an der Reception lacht, als Stefanie ihm erzählt, dass bereits einige Campings ab sechs Uhr abends nicht mehr wirklich offen seien und dass man Glück haben müsse, dass es noch eine Karte für den Zutritt zu Duschen und Klos gebe. Wir sind bis 22 Uhr, da sagt er und lacht nochmals. Ich erkundige mich beim Laden, wie lange sie offen haben und kaufe zwei alkoholfreie Biere und eine Tüte Erdnussflips. Der Platzchef kommt bald auf seinem Velo herangeradelt und sagt uns das, was wir am liebsten hören: Stellen Sie sich irgendwo auf, den Rest erledigen wir morgen.

Wir entscheiden uns für eine Parzelle, auf der bereits zwei kleine Zelte mit fünf Velos – eine Familie – stehen. Sonst ist wenig Platz frei. Während wir aufstellen, tritt eine ältere Frau aus dem Vorzelt des Campingwagens, der neben uns steht und grüsst uns. Wir sind fast in Ihrem Vorgarten, aber wir bleiben nur eine Nacht, versuche ich mein Gefühl, etwas zu nah zu sein, zu übertünchen, aber die Frau freut sich. Bleiben Sie doch nur, dann läuft etwas, sagt sie.

Das Zelt aufgestellt, sitzen wir bald im letzten Flecken Sonne und geniessen das Bier. Plötzlich sagt Stefanie, hier haben wir zum ersten Mal keinen Wind und ich halte in der Bewegung inne, die Flasche schwebt vor meinem Mund. Du hast Recht, sage ich. Bis jetzt hatten wir immer zumindest ein bisschen Wind, aber hier ist es ein wirklich ruhiger Abend, der Wind ist weg, die letzten Sonnenstrahlen zielen zwischen den Bäumen hindurch auf den Boden.

Mit einer Familie, die noch später ankommt als wir, unterhalten wir uns später über schöne Velodestinationen. Sie empfehlen die amerikanische Westküste und die Azoren, hingegen raten sie dringend von den Kapverden ab. Tiefstes Afrika, sagt die Frau mit Inbrunst, kaum aus dem Flughafen raus, schon alle Taschen aufgerissen, ständig Leute um einen rum, du bist nie alleine. Wir empfehlen Thailand. Gemeinsam lachen wir auch ein bisschen über die Duschen – zwar gibt es Kabinen, aber man muss sich im Gang ausziehen und die Kleider und das Handtuch draussen lassen. Jeder Camping ist ein kleines Königreich, sage ich, mit eigenen Regeln. Der Mann nickt zustimmend und wir müssen lachen. Ich habe mir schon oft überlegt, welcher Typ Mensch einen Campingplatz führt. Es gibt Plätze, da hängen überall Schilder, „Rasieren in der Dusche verboten“ und „Abfall bitte beim Ausgang entsorgen“. Auf anderen ist man relaxter. Auf den Gedanken mit dem Königreich bin ich etwas stolz, vor allem, weil er mich gelassener macht. Ab jetzt kann ich einfach denken, halt ein neues Königreich mit neuen Regeln, und muss mich weniger über die manchmal etwas zu weitgehende Bevormundung aufregen.

(c) Katharina

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