Widerstand (Harlesiel-Norddeich)

Am Morgen unserer Abreise in Harlesiel regnet es, also bauen wir ab und stossen die Velos zum Küchencontainer, kochen dort, den Kocher auf eine Herdplatte gestellt und essen an dem kleinen Tisch neben dem Kühlschrank. Offenbar ist der Rest des Campingplatzes früher aufgestanden als wir und es herrscht Rushhour beim Abwaschen. Wir sitzen mittendrin mit unserem Müesli und dem Tee in den Thermosbechern und dem gebratenen Ei auf dem Brot und versuchen, uns von dem Rummel nicht beeindrucken zu lassen.

Die zwei jungen Frauen, die gestern recht spät erst aufgetaucht sind, schieben ebenfalls ihre Velos zum Küchencontainer. Als ich aufs Klo gehe, sehe ich, dass sie ein Rad auf den Sattel gedreht haben und an der Kette herumbasteln. Als ich vom Klo zurückkomme, sind sie immer noch dabei. Kommt ihr zurecht, frage ich, sie lächeln mich an und die eine sagt, da war was mit der Kette, aber ich glaube, jetzt gehts. Sie drehen das Velo wieder, steigt auf und fährt auf dem Weg zwischen den Zelten durch, die Beine O-förmig nach aussen gedreht, den Blick prüfend auf die Kette und die Schaltung gerichtet.

Später frage ich sie, wo es heute hingehe, Emden, sagen sie und dann mit der Fähre nach Holland. Bis Groningen wollen sie fahren, der dritte Fahrtag sei heute. Wo wir denn herkämen, ich sage, von Hamburg. Wir hätten gestern einen Ruhetag eingelegt, davor seien wir in Dangast gewesen. Sie auch, sagt die Langhaarige, wir stellen fest, dass sie auf dem anderen Camping waren als wir. Sie sind wirklich jung, maximal zwanzig Jahre alt, Stefanie sagt, vielleicht haben sie diesen Sommer Abi gemacht. War ich auch so jung, als ich die Matur hinter mir hatte? Natürlich war ich das, aber ihre noch kindlichen Gesichter, der Eindruck wird durch ihre schmächtigen Gestalten noch unterstrichen, erstaunt mich doch. Aber wahrscheinlich denkt man hinterher immer, waren wir damals auch so jung. Ich erinnere mich an die Neuntklässlerinnen, die mir ungeheuer erwachsen vorkamen, als ich in der sechsten Klasse war. Später fand ich sie nur peinlich und gar nicht erwachsen.

Wir fahren zum Hafenmuseum nach Carolinensiel. Wie wir richtig vermutet hatten, wurde hier neues Land gewonnen und so immer ein neues Siel gebaut. Fast wie in Frankreich, an dessen Küste jedes Dorf fast noch ein Dorfname Plage hat, also einen Strandableger mit Hotels, kleinen Läden und der für Feriengäste notwendigen Infrastruktur, während sich das eigentliche Dorf einige Kilometer landeinwärts befindet, besteht hier häufig am Meeresufer ein Ort mit der Endung -siel, während sich ein anderer Ort, oft mit demselben Stammnamen, einige Kilometer landeinwärts befindet. An der Aufreihung von verschiedenen Ortschaften mit der Endung -siel zeigt sich an, dass die Landnahme fortgeschritten war und immer ein neues Siel dazu kam, während man der alten -Siel-Ortschaft den Namen liess. Carolinensiel liegt im Landesinnern, Harlesiel am Meer vorne.

(c) Scheuner

Hier wurde dem Meer Land abgetrotzt: Ein „Siel“ ist ein Tor im Deich, durch das bei Niedrigwasser Wasser aus den Entwässerungsgräben ins Meer geleitet werden kann.

Ein Siel ist das Bauwerk im Deich, durch das das Binnenwasser aus dem Hinterland ins Meer geleitet wird. In der Region hier besteht nämlich die Situation, dass sowohl Gefahr vom Meer drohte, die man durch den Deich einigermassen abwenden konnte, zumindest in neuerer Zeit, als auch, dass das Landwirtschaftsland hinter dem Deich ausgesprochen nass und moorig war und daher Entwässerungsgräben angelegt wurden. Wie ein Zitat im Museum belegt, „ersäuft uns entweder das Meer oder wir ertrinken hinter dem Deich“. Natürlich entstanden rund um die Sielhäfen Gasthäuser und Läden. Da die Entwässerungsgräben irgendwohin entleert werden mussten, wurden im Deich die Siele eingebaut. Bei Ebbe öffneten sich die Tore oder zumindest kleinere Klappen in den Toren, und das Entwässerungswasser wurde ins Meer geleitet. Da es sich bei den Klappen um Rückschlagventile handelte, floss zwar Entwässerungswasser ab, aber die Flut konnte nicht durch das Ventil ins Landesinnere strömen. Hinter den Sieltoren staute sich das Wasser, Schiffe konnten in einem Hafen vertäut werden und bei Flut aufs Meer hinausfahren. Der Gezeitenhub, also der Unterschied im Wasserstand zwischen Ebbe und Flut hier in der Gegend beträgt zwischen drei und dreieinhalb Metern.

Der Boden ist fruchtbarer Klei mit hohem Tonanteil, das erklärt auch, warum die Häuser hier aus Backsteinen gebaut worden sind und immer noch werden. Klei und Schilf waren, was man hier zur Verfügung hatte.

In diesem System hier an der Küste, das mit Entwässerungsgräben und Sielen, mit Deichbau und Backsteinhäusern, Reetdächern und Wattenmeer funktioniert, hat sich auch ein bestimmter Schiffstyp entwickelt, die Tjalk. Ohne Schwert ist sie mit zwei Seitenschwertern ausgerüstet, die bei Seitenwind jeweils im Lee heruntergelassen werden, um die Abdrift zu reduzieren.

Als ich im Gästebuch notiere, dass ich mich über die vielen guten Erklärungen zu Phänomenen freue, die ich bis jetzt draussen angetroffen habe, frage ich mich, nicht zum ersten Mal, ob eigentlich überhaupt jemand je diese Gästebücher liest. Werden sie ausgewertet? Aufbewahrt?

Gleich beim Eingang in den niedrigen Raum zum Thema „Deichbau“ nimmt mich ein Film gefangen, der in körnigem schwarz-weiss einen Deich zeigt. Die Wellen stehen hoch, immer wieder schwappt Wasser über den Deich, fliesst wie heisse Schokolade über einen Kuchen auf der anderen Seite herunter, aber netzt bis jetzt nur. Das Bild ist schlecht, es gibt keinen Ton und die Entwicklung auf dem Bildschirm ist gering und trotzdem bleibe ich stehen, schwitze in meiner Regenjacke und rücke den Träger meiner Velotasche auf der Schulter zurecht. Eine Ungeduld hat mich erfasst, ich gehe davon aus, dass sie einen Deichbruch zeigen werden, dass es in dem Film darum geht, und ich schäme mich ein bisschen für meine Ungeduld, handelt es sich bei einem Deichbruch doch um ein desaströses Vorkommnis. Langsam steigen die Wellen weiter an, mittlerweile schafft es jede über den Deich. Obwohl mich der Rest des Raumes reizt, endlich hinter den Deichbau zu sehen, kann ich meinen Blick nicht von dem kleinen Fernseher wenden. Jetzt wird etwas Material vom Deich gespült, unaufhaltsam frisst sich das Wasser einen Graben durch den Deich, als gäbe es nichts zu beeilen, spült jede Welle etwas mehr fort, jetzt ist zu sehen, dass das Material am Deich körnig ist, Sand vielleicht, das Wasser gräbt mehr und mehr fort, jetzt fliesst Wasser direkt durch den Deich auf das Land dahinter, breitet sich schnell aus, da sich ihm nichts entgegenstellt. Das Meer bleibt gelassen, der Sieg ist ihm gewiss, es muss sich nicht beeilen, seine Kraft ist unumstösslich. Ein Filmschnitt flackert über den Bildschirm, jetzt sieht man in eigenartig hastiger Weise Männer in dunkler Kleidung, mit Jacketts und rundlichen Schirmmützen Sandsäcke stapeln, bis Mitte Unterschenkel stehen sie im Wasser, das mittlerweile durch einen mehrere Meter breiten Graben durch den Deich fliesst, die Nutzlosigkeit ihrer Arbeit, die verzweifelte Auflehnung tut mir weh, nur beim Zuschauen, egal, was sie tun, das Meer wird sich nehmen, was es will, Material und Menschenleben, Tiere und Unterkünfte, Heime und Höfe. Fünfzig oder sechzig Jahre nach Entstehung dieses Films schaue ich ihn an, mit dem Wissen um die Geschichte von heute, und ohne mich bisher gross mit Deichbau auseinandergesetzt zu haben oder auch nur mit der Geschichte, die das Leben hinter dem Deich geschrieben hat, habe ich doch einige Filme gesehen und auch ein oder zwei Bücher gelesen, die in mir ein Bild verankert haben, nicht nur das grundsätzliche Interesse und eine gewisse Leidenschaft für Meer und das Leben am Meer, sondern auch ein Grundgefühl, was es bedeutet, am Meer zu leben, mit seiner Kraft, die im guten Fisch und Material bringt, Seefahrt und Abenteuer ermöglicht, ein Auskommen und ein Einkommen, die aber, auf der anderen Seite, einfach nimmt, sich nicht besänftigen lässt, nicht gutstimmen, egal, womit, eher noch hässig und wütend reagiert, die Kraft der Menschen überstimmt, Menschenleben nimmt und ein Auskommen unmöglich macht. Die Männer haben ihre Arbeit aufgegeben oder ich habe einen Filmschnitt verpasst, das Wasser strömt noch ungehinderter aufs Land, wenn man dieses Adjektiv steigern kann, vielleicht hat sich auch einfach nur die Breite des Dammbruchs erweitert, bis schliesslich nur noch kleine Inseln an Resten vom Deich im Wasser erkennbar sind.

In Island habe ich ein Jahr am Meer gewohnt und es als erstaunlich unaufgeregt empfunden. Und trotzdem machte es sich bemerkbar. Ein Grossteil der Industrie in Þorlákshöfn war dem Meer zu verdanken, Fischfang, -verarbeitung und -verkauf beschäftigten einen wichtigen Teil der Bevölkerung, der im Ort arbeitete und dann gab es noch die Fähre auf die Westmännerinseln. Die fährt heute von einem anderen Küstenort aus und ich denke, das hat Þorlákshöfn ein Stück weit abgedrängt. So kamen immerhin die Busse mit allerlei Menschen, einheimischen und Touristen, in den 1200-Seelen-Ort, kauften im Supermarkt oder in der Tankstelle ein, tankten und nahmen den Ort überhaupt zur Kenntnis. Das Meer bestimmte vieles, wer eine Fahrt auf dem Herjólfur, also der Fähre gebucht hatte, war sich bewusst, dass sie vielleicht nicht stattfinden würde, dass die See zu hoch war, dass die Fähre hier oder im Hafen der Hauptinsel der Westmännerinseln bleiben würde. Wurde das früh genug klar, erwischte man vielleicht noch einen Platz im Flugzeug, allerdings dauert die Fahrt zum Flughafen rund eine Stunde, Dutzende von Kilometern der Küste entlang in Richtung Osten. Manchmal war auch nichts zu machen oder man wollte nicht umbuchen, dann strandeten Verwandte und Bekannte bei uns, ich zog aus meinem 1m40-Bett ins schmale Gästebett um, damit eine Familie mit zwei kleinen Kindern in meinem Bett schlafen konnte, meine Gastschwester ging zu einer Freundin, jemand schlief auf der Couch und zum Abendessen setzte man sich, wo immer Platz war, es gab Pommes Frites und fritierten Fisch und in der engen Wohnung herrschte Notstand, den jedoch alle mit der nötigen Fassung und ohne Aufregung mittrugen. Manchmal waren sie mehrere Tage bei uns, zwei oder mehr Erwachsene mit zwei oder mehr Kindern. Manche kamen nicht auf die Inseln für einen kurzen Aufenthalt, andere wären gerne heimgefahren auf die Insel, aber das verschob sich. Wenn der Herjólfur wieder fuhr und sich die Wohnung leerte, alle Kinderspielzeuge wieder verstaut und die wenigen vergessenen Sachen von meiner Gastmutter zur Seite gelegt wurden, um sie bei Gelegenheit, bei einem nächsten Besuch ihrer- oder unsererseits mitgenommen zu werden, und ich zurück in mein Zimmer ziehen konnte, das ich völlig selbstverständlich verlassen hatte, erschien einem die Wohnung einige Tage lang als unheimlich geräumig. In den zehneinhalb Monaten, die ich in Þorlákshöfn wohnte, geschah dies bestimmt drei- oder viermal.

Erst als der Film wieder von vorne beginnt, gehe ich auf die Tafeln zu, die etwas über den Deichbau sagen. Ein Deichbruch, und noch bis vor einigen Jahrzehnten gab es öfters Deichbrüche, führten auch immer dazu, dass Land versalzen und vergiftet wurde, dass Brunnen versalzen wurden. Das erinnert mich an das Tsunami-Museum, das wir in Khao Lak (Thailand) besucht haben, die Welle war das eine, aber wer sie überlebte, hatte noch nicht alles geschafft. Ein Grossteil der Süsswasserversorgung war verschmutzt oder versalzen, was das weitere Überleben massiv erschwerte.

Das Meer, respektive der Deich, zwang die Menschen zur Zusammenarbeit. Der Schutz vor dem Wasser war etwas, was alleine nicht möglich war, man musste zusammenhalten. „Wer nicht will deichen, muss weichen“ lautete ein Schlagwort und es besagte klar, dass jene, die nicht mithelfen wollten, auswandern mussten. Jeder Haushalt war verpflichtet, einen Deichachten abzugehen, eine Steuer zum Bau, Unterhalt und zur Erweiterung des Deichs. Allerdings probierte man trotzdem, das Risiko auf Einzelne abzuwälzen. So gab es die Pfanddeichung, derzufolge jeder Einzelne als Anstösser für einen Deichbereich zuständig war. Wer seinen Aufgaben nicht nachkommen konnte, musste Haus und Hof verlassen. Er steckte seinen Spaten in den Deich und wer immer ihn übernahm, bekam Haus und Hof, mit allen Rechten und Pflichten, aber auch mit allen geltenden Verpflichtungen. Das wurde Spatenrecht genannt.

Es führte allerdings zu unkoordinierten Arbeiten und auch immer wieder zu einem Risiko, wenn jemand die Arbeit nicht ausführte oder nicht ausführen konnte. Als sinnvoller, koordinierter und sowohl effizienter wie effektiver erwies sich die Kommunionsdeichung, bei der die Kommune als solche für die Arbeiten zuständig war. Der Deich wurde gemeinsam gebaut und unterhalten. Einer, der sich besonders für den Wechsel von der Pfand- zur Kommunionsdeichung eingesetzt hatte, war Albert Brahms. Der Ingenieur aus Jever führte auch eine andere Sicht auf den Deichbau ein. Bis anhin hatte man mit Erfahrungswerten gearbeitet, nach jeder Sturmflut einfach den Deich höher gemacht, als das Wasser bei der Sturmflut gestanden war. Meist waren deshalb Deiche nur etwas über vier Meter hoch, wenn es hochkam, fünf Meter. Brahms führte kontinuierliche Wasserstandsmessungen ein, die erkennen liessen, wann das Wasser stärker stieg als normal und aufgrund derer man auch berechnen konnte, wie hoch der Deich gebaut werden musste. Auch die Deichform optimierte Brahms: Bis anhin waren die Deiche gegen das Wasser hin ebenso steil abgefallen wie gegen das Land hin. Brahms setzte sich für gegen das Wasser hin abflachende Deiche ein mit einem konvexen Profil, an dem sich das Wasser totlief und die Kraft nicht mehr hatte, grossen Schaden anzurichten.

Unterschiede beim Deichbau zwischen 1750 und 1980.

Bis ins 18. Jahrhundert war der Deichbau eine bäuerliche Arbeit, was durch Zeitprobleme zu einem Risiko wurde. Am Deich konnte nach den letzten Sturmfluten des Winters gebaut werden bis in den Herbst hinein. Das ist exakt der Zeitraum, in dem auf dem Bauernhof am meisten Arbeit anfällt. Also fehlte es an Arbeitskräften, oder an Entlöhnung, insbesondere, wenn anderswo der Deich gebrochen war und die Flickarbeiten viele Arbeitskräfte banden.

Erst im 18. Jahrhundert gab es erste wissenschaftliche Herangehensweisen an den Deichbau. Um die Oberfläche des Deichs für das Wasser weniger angreifbar zu machen, wurden entweder Grassoden ausgestochen und aufgelegt oder aber die Deichsticker kamen zur Arbeit. Sie verwoben mit speziellen Werkzeugen, die sie über ein Kissen, das sie sich an der Hüfte befestigten, bedienten, Bündel von Reet miteinander.

Schilf wird auf der Oberfläche des Deichs „vernäht“.

Heute besitzen Deiche einen Kern aus Sand, der mit einer dicken Schicht von Klei abgedeckt wird. Mit einer besonderen Mischung werden die Flächen begrünt und mit Schafen beweidet, was die Grasnarbe noch verdichtet. Höhen von 8m50 werden angestrebt.

Brahms begann mich zu interessieren, nicht nur, weil er als Person hervortrat in der Ausstellung, sondern auch, weil er recht moderne Ansichten hatte. Er ging mit einer wissenschaftlichen Einstellung an die Sache heran, liess sich nicht von Tradition beirren und stellte sich klar gegen die Pfanddeichung. Vielleicht nur, weil sie nicht effizient und effektiv war, aber vielleicht auch, weil er sah, wie viele Menschen vertrieben wurden, weil sie ihren Deicharbeiten nicht nachkommen konnten. Ebenso vehement stellte er sich gegen die These, dass die Sturmfluten göttliche Strafgerichte seien. Nachdem er die Weihnachtsflut 1717 erlebt hatte, prägte er den Spruch „Kein Deich, kein Land, kein Leben“.

Schliesslich fahren wir kurz zu Adys Backfisch & Co., Stefanie isst ein Matjesbrötchen, was ich besser auch gewählt hätte. Ich entschied mich für eine Fischfrikadelle, hausgemacht. Trotzdem konnte ich mich mit der weichen, recht undefinierbaren Masse, die leicht nach Fisch roch, nicht wirklich anfreunden.

Der Gegenwind trifft uns mit voller Wucht, nachdem wir uns in Neuharlingersiel ein Eis gegönnt haben. Die Eisbude ist eine Kindheitserinnerung von Stefanie, die jeweils in den Ferien in Harlesiel mit dem Rad die knapp zehn Kilometer ins nächste Sieldorf gefahren sind für ein Eis. Es schmeckt nicht besonders gut und ist ein bisschen enttäuschend, wie es oft mit solchen Kindheitserinnerungen ist. Die erste Ernüchterung erfolgte vor drei Jahren, als sie alleine hier mit dem Auto unterwegs war, daher waren wir beide vorbereitet. Als wir die Velos wieder aufschlossen, die wir an die offenen Schleusentore gelehnt hatten, sagte sie, in der Erinnerung ist alles so toll, das Eis so gut, der Hafen so schön. Die Frage ist, ob als Kind viele Sachen einfach sehr viel eindrucksvoller sind, als wir sie als Erwachsene wahrnehmen oder ob die Erinnerung im Laufe der Jahre aufgeladen wurde?

Ach, ihr geht an die Nordsee Radfahren, haben die Leute oft gesagt, wenn sie auf ihre Frage, wohin es in die Ferien gehe, eine Antwort erhalten haben. Da ist es ja schön flach. Ja, haben wir dann jeweils gesagt, aber es gibt Gegenwind.

Wir stemmen die Köpfe in den Wind, durch die Lüftungsschlitze im Helm zieht mehr Luft, als uns lieb ist, die Arme halten den Lenker fest, der durch die schweren Taschen immer wieder aus dem Wind ausbrechen will. Die Böen rühren im Schilf am Strassenrand, Tritt um Tritt, eine Bö kommt, einen Gang hochschalten, Tritt um Tritt. Der Wind zerrt an der Kleidung, er kühlt trotz Windstopperkleidung, er rauscht in den Ohren, Worte verlieren sich und Sätze reissen ab. Wir rufen immer erst „Du!“, um die Aufmerksamkeit der anderen zu erlangen, bis wir uns die Mühe machen, eine Frage oder ein Satz in den Wind zu brüllen. Noch dann ist nicht sicher, dass wir uns verstehen.

Bei Kilometer 28 und rund 18 Kilometer mit Gegenwind braucht es eine Motivationsspritze. Wir suchen die Kopfhörer hervor und schalten Musik ein. Bald trete ich zum treibenden Sound von Vulfpeck in die Pedale und schwinge die Faust im Takt in die Luft, grinse vom einen Ohr zum anderen, obwohl ich von der Musik gar nicht so viel höre. Zum Glück kenne ich sie gut – dann reicht es, ab und zu den Kopf zu drehen, das eine Ohr aus dem Wind zu nehmen, um ungefähr zu wissen, wo im Stück ich bin. Später singe ich mit, bei Grönemeyer und ja, Helene Fischer eignet sich ganz gut, und als alles nichts mehr nützt, zu Tschaikoswskys erstem Klavierkonzert.

Früher habe ich Gegenwind persönlich genommen. Im Unterschied zu topografischen Erschwernissen, also Steigungen, fand ich Gegenwind unnatürlich und unnötig. Ich kämpfte mich ab, fuhr in zu grossen Gängen und am Ende taten mir die Knie weh. Die drei Monate mit dem Velo in Neuseeland haben mich weitergebracht: Es gab Gegenden, da hatte ich jeden Tag, mehrere Tage am Stück, Gegenwind. Ich verlor Energie, in dem ich in den Wind schrie, ihn verfluchte, schnell in die Pedale trat, um danach etwas nachrollen zu können, was mir vergällt wurde, weil der Wind mich viel zu schnell stoppte. Und dann beschloss ich, mich nicht mehr aufzuregen, den Gegenwind nicht mehr persönlich zu nehmen, ihn hinzunehmen wie Steigungen, als Naturgewalt. Das stärkte meinen Kopf und schonte meine Beine. Ich hatte dazugelernt.

Worüber ich aber hier in dieser Landschaft nachdenke ist die Frage, ob eine abwechslungsreiche Topografie zu etwas gehört, was eine Landschaft reizvoll macht. Vor einigen Tagen haben wir eine Autobahn auf einer Brücke überquert, vielleicht zehn, fünfzehn Meter hoch und schon erstreckt sich der Blick etwas weiter übers Land, es erscheint mir bizarr, wie einen plötzlich der Blick von einer Autobahnbrücke freuen kann. Die Landschaft erscheint mir beim Fahren oft ähnlich, Weiden mit schwarzweissen Holsteinkühen, manchmal Jungvieh oder Kälber, erstaunlich oft Pferde; den Schafen am Deich, der einem den Blick aufs Meer nimmt, wenn es denn da ist, oder zumindest aufs Watt. Den waagrechten Horizont, den ich mit Meer verbinde, gibt es kaum, denn meist sind wir in einer riesigen Bucht oder am Horizont liegen Inseln, es ist also immer Land zu sehen in der Ferne. Das führt dazu, dass ich mich gar nicht am Meer fühle, dass ich eher das Gefühl habe, an einem See zu sein, zwar am Wasser, aber bedeutungsmässig halt doch völlig anders aufgeladen als ein Meer.

Wir sehen nur die Einzelteile dieser Landschaft, die einzelnen roten Backsteinhäuser, die einzelnen Pferde, die zwischen roten verblühten Blacken herumstehen und mit dem Schwanz schlagen, die Wassergräben, von Schilf gesäumt, die geplättelten oder gepflasterten Strassen. Da wir immer am Boden kleben, bleiben wir bei diesen Detailansichten stehen. Ergibt sich eine Erhöhung, wie immerhin eine Autobahnbrücke, eröffnet sich ein Raum, das Potenzial, dass diese Landschaft mehr zu bieten hat, ein gewisses Muster, Wassergräben, die die Weiden durchziehen, ein Netz geplättelter Strassen, Flecken von roten Häusern hier und dort. Aber ohne eine Erhöhung bleibt es eine Ahnung, ein Potenzial, von dem wir nicht wissen, ob es sich zu einem Muster zusammenfügen würde, das wir als reizvoll wahrnehmen könnten. Ich (Stefanie) denke aber auch immer wieder, dass das Gleichbleibende auch seinen Reiz hat, dass es eben das Auge auch beruhigt und nicht ständig herausfordert mit wechselnden Eindrücken. Denn wenn man aufs Detail achtet, sieht es doch nicht immer ganz gleich aus, wie wir am Ende unserer Reise dann noch merken werden.

Meine Schaltung spinnt wieder etwas und ich muss mehr schalten als nötig. Zwar muss man auch ebenen Flächen immer mehr schalten, aber mir fehlt genau der Gang, der am praktischsten zu fahren wäre. Also immer runter, bis es zu schwer wird, dann hoch, bis es zu leicht wird, dann wieder runter. Dabei frage ich mich, was einen Gang runterschalten eigentlich heisst. Damit will man sagen, man solle die Dinge langsamer angehen lassen, ruhiger werden. Aber bei der ganzen Schalterei, die ich tagelang betreibe, kommt mir diese Redewendung komisch vor. Einen Gang runterschalten bedeutet nicht unbedingt, dass man langsamer wird. Wenn ich die Geschwindigkeit beibehalte, aber den Gang runterschalte, erhöhe ich die Tourenzahl. Ich rotiere also schneller, vermutlich bis ich durchdrehe oder ausbrenne. Müsste man nicht eher sagen, einen Gang runterschalten UND langsamer werden? Oder lieber einen Gang hochschalten bei gleichbleibender Geschwindigkeit? Dass ich das, was ansteht, langsamer tue, oder bedachter oder so? Dass ich eher mit einer Aufgabe zufrieden bin, nicht mehr 100-prozentige Qualität anstrebe, es bei 80% gut sein lasse, dass ich eins nach dem anderen mache und nicht alles gleichzeitig, und wofür es halt nicht reicht, lass ich einfach sein? Dies scheint eher meine Art zu sein, an die Dinge heranzugehen. Einen gewissen Fatalismus anzunehmen, das Wichtigste zuerst und wenn dann noch Zeit bleibt, das andere machen. Und wenn jemand nachfragt, auch mal zu sagen, dafür hat es jetzt halt nicht gereicht. Keine Allzeit-Bereitschaft suggerieren, der Sache die Wichtigkeit nehmen, in dem ich klarstelle, dass ich auch wichtig bin, mein Privatleben, meine Gesundheit, meine Beschäftigungen neben der Arbeit.

Was ich so schätze an Veloferien, oder auch Wanderferien ist, dass ich nirgends stärker aus meinem Alltag herausgeholt werde. Sobald ich unterwegs bin, ist der Arbeitsalltag weg, weil sich hier alle Probleme um ganz andere Dinge – und um wesentlichere Dinge im Sinne des Überlebens – drehen: Was und wann esse ich? Wo kaufe ich Essen ein? Was kaufe ich ein? Wo schlafe ich? Wo führt mein Weg durch? Essen, schlafen, vorwärtskommen. In einem Alltag, der von Organisation, von Planen, von verschiedenen Ansprüchen, von den ganzen Verantwortlichkeiten der Gesellschaft (Rechnungen zahlen, soziale Kontakte usw.) geprägt ist, ist eine Auszeit unglaublich erholsam, die sich um wenige Dinge dreht. Und um Dinge, auf die es draufankommt. Wenn ich nicht esse oder schlafe, werde ich krank. Wenn ich meinen Weg verliere, irre ich herum, gebe die Kontrolle auf, gefährde mich allenfalls. Wenig von dem, was ich bei meiner Arbeit tue, hat diese Relevanz. Bei Stefanie ist es vielleicht anders, bei ihrer Arbeit geht es um Menschenleben, die Verantwortung ist gross, es können Dinge geschehen, ob durch sie oder andere beeinflussbar oder nicht, und Menschen sterben. Aber auch für sie ist ein Velourlaub erholsam, denke ich zumindest, hier hat sie nur Verantwortung für sich und vielleicht ein bisschen für mich wie man halt Verantwortung füreinander trägt in einer Beziehung.

Und dann stecken wir im Gegenwind, mit Vulfpeck und Helene Fischer und holen einen Jogger, der etliche Dutzend Meter vor uns rennt, kaum auf. Tritt um Tritt nähern wir uns, er ist trotz Gegenwind näher an seiner normalen Geschwindigkeit als wir. Deutlich näher. Auf Stoppelfeldern sitzen Gänse, auf dem Deich sitzen zwischen den vom Wind ziemlich unbehelligt grasenden Schafen schwarze Vögel, die Köpfe zwischen die Schultern gezogen lassen sie sich das Gefieder zerzausen.

(c) Scheuner

Stefanie kämpft gegen den Wind.

Mein Kilometerzähler ist kaputt, noch auf der Hinreise hat er den Geist aufgegeben, obwohl ich ihm nochmal eine neue Batterie verpasste. Das nasse Wetter auf unseren drei Tagen an der Aare vor einiger Zeit haben ihm nicht gut bekommen. Meist hat es mir auf dieser Tour nichts ausgemacht, dass ich keinen eigenen Zähler hatte, Stefanies funktioniert einwandfrei und so können wir abends unsere Kilometer und die lächerlich wenigen Höhenmeter in meine Tabelle eintragen. Aber bei Gegenwind ist ein Zähler ein grosser Motivator, man merkt, dass man vorwärts kommt und kann sich zwingen, nur noch alle fünf Kilometer, Beschwernis hin oder her, Pause zu machen. Als behelfe ich mir mit den sehr unregelmässig auftauchenden Plättchen mit „Deich-km“-Angaben und erschrecke immer wieder, wenn nach viel viel Arbeit erst wenige hundert Meter vergangen sind.

Was ich bei dem Gejammer über Gegenwind verschweige ist, dass ein kleines Bisschen, ein ganz kleiner Teil am Gegenwind auch etwas Zufriedenstellendes hat. Der Wind bietet einen Widerstand, dem ich mich entgegensetzen kann, den ich bekämpfe und bezwinge, dem ich Kilometer um Kilometer abringe, obwohl er mich fast zurückschicken will. Die wenigen Velofahrerinnen und -fahrer, die uns kreuzen, haben ein Lächeln auf den Lippen, das mir wie eine Mischung aus Milde und Amüsement vorkommt, das heisst, soviel kann ich in der kurzen Zeit erkennen, dann sind sie mit Rückenwind schon vorübergesaust.

(c) Scheuner

Mit Musik schaffen wir auch den Gegenwind!

In den fünf Stunden, die wir für die 56 Kilometer nach Norddeich benötigen, werden wir am nächsten Fahrtag zwanzig Kilometer mehr gefahren sein. Gegenwind ist harte Arbeit! Rückenwind hingegen bemerkt man kaum. Als ich in Neuseeland nach mehreren Tagen mit mehr oder weniger starkem Gegenwind einmal Rückenwind hatte, bemerkte ich im ersten Moment gar nicht, was los war. Das Fahren fiel mir ring, aber da ich im Wind fuhr, bemerkte ich ihn kaum. Wie beim Vorwindsegeln hat man den Eindruck, man fahre kaum, dabei fährt man selten schneller – vor allem nicht, wenn man gegen den Wind aufkreuzt, was zwar aufregend ist, das krängende Schiff, die Gischtspritzer, die gebauschten Segel, zurückgehaltene Kraft, die stampfenden Bewegungen des Schiffsrumpfes, wenn er sich durch die Wellenkämme pflügt, aber wirklich Geschwindigkeit macht man dabei nicht. Aber man spürt den Wind und dessen Kraft.

Wir schaffen es nach Norddeich und finden den Campingplatz, das Einchecken geht schnell vor sich und bietet schon wieder eine Motivation: Es gibt eine Fahrradzeltwiese. Wir stossen die Räder vor dem Facilities-Gebäude und dem leider schon geschlossenen Supermarkt durch, um die Ecke und stehen auf einem Stück Wiese, umgeben von Hagebutten und Holunderbüschen, diverse Zelte, die meisten mit Velos nebendran. Stefanie beginnt gleich ein Gespräch mit einer Familie, die mit einem rund sechsjährigen Jungen radelt, ich stelle das Zelt auf. Es ist schön, unter sich zu sein und nicht als Exotinnen irgendwo zwischen Caravans und Auto-Zeltlern auf einer normalen Parzelle zu stehen.

(c) Scheuner

Unter uns: In Norddeich gibt es eine Fahrradzeltwiese!

Beim Abendessen sitzen wir auf unseren Stühlen vor dem Zelt und schauen in Richtung Deich. Hinter den lichten Bäumen gut zu erkennen steht dort ein Mann und fliegt einen Lenkdrachen. Stefanie sagt, er habe es ziemlich gut im Griff, ich kann es nicht beurteilen. Aber manchmal rennt er einige Schritte vorwärts, wenn der Wind so stark ist, dass der Drachen ihn mitzieht. Das ist unser TV – anderen Leuten beim Aufstellen oder Abbauen zusehen, einem Lenkdrachen-Piloten zusehen.

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