Von der Ruhe (Harlesiel)

Den Ruhetag läuten wir mit einem Essen auswärts (Fisch!) und einem Bier ein. Unsere Devise ist ja, nur vor Ruhetagen Alkohol zu trinken. Wir finden ein nettes Restaurant mit wenig Klimbim und guter Scholle. Zuvor hatte unser Nachbar auf dem Zeltplatz uns den Vorschlag gemacht, beim Aufblasen der Isomatten zu helfen. Als wir dankend ablehnten und das Aufblasen als Training bezeichneten, hat er den Kopf geschüttelt und mit dem Gerät die Glut seines Grills angefacht.

Der nächste Morgen vergeht mit Waschen (Stefanie) und Blog schreiben (Katharina). Ich komme kaum voran, die App von WordPress macht mich wahnsinnig und es dauert ewig, Bilder hochladen funktioniert nicht. Als endlich alle Kleider durch die Waschmaschine und den Trockner durch sind und wir unsere Windstopper-Hosen wieder anziehen können, ist es Mitte Nachmittag und wir machen uns auf ins Dorf.

(c) Scheuner

Katharina schreibt Blog: das mobile Büro.

Mich fasziniert die Schifffahrt und das Leben am Meer immer noch, auch wenn ich nicht mehr meinem kindlichen Berufswunsch Kapitänin oder Matrosin nachhänge. Hier frage ich mich, ob man den Menschen anmerkt, dass sie von der Küste kommen. Hat sich die Unsicherheit eines drohenden Dammbruchs im Leben ihrer Vorfahren gleich Ereignissen in Jahresringen in ihrer Genetik niedergeschlagen? Zum späten Mittagessen gibt es Kibbelinge (Katharina) und Backfisch (Stefanie) bei Ady’s Backfisch & Co. auf dem Parkplatz beim Edeka.

(c) Scheuner

Ady’s Backfisch & Co. auf dem Parkplatz beim Edeka.

(c) Scheuner

Kibbelinge und Backfisch von Ady.

Über den gebürtigen Engländer, den es nach mehreren Stationen in die Heimat seiner Frau hierherverschlagen hat, war ein Artikel in der Gästezeitung. Der gelernte Koch konnte er nicht ohne Herd, brät alle Fische und die Pommes frisch und ist damit offenbar eine Ausnahme. Ady ist auf eine zurückhaltende Art freundlich, dreht sich nach der Bestellung zu seinem Kühlschrank um, nimmt den Fisch heraus, zieht ihn durch den Bierteig und ab in die Friteuse. Es ist wirklich gut!

Wir schlendern durchs Dorf, kaufen Postkarten und landen in der einzigen Deichkirche der Welt. In Harlesiel gibt es einen alten und einen neuen Damm, auf dem älteren, sich weiter im Land drin befindlichen, wurde eine Kirche erstellt.

(c) Scheuner

In der Deichkirche in Harlesiel.

In der Deichkirche ist es ruhig, den Wind von draussen hört man nur noch sehr gedämpft und ab und zu das Rauschen eines Vorbeifahrenden Autos. Entzückt schauen wir uns um, in der blau gestrichenen einfachen Kirche mit einer etwas verzierten Orgel erleben wir etwas, was wir eine Weile nicht mehr hatten: einen stillen Innenraum. Eine Weile sind nur wir zwei in der Kirche, ich schaue mich um, vermutlich sogar mit offenem Mund, so überrascht von der Stille, Stefanie betet in einer der vorderen Reihen. Eine unerwartete Stille durchzieht mich (Stefanie), ich sauge die Ruhe in mir auf und es wird endlich auch in mir drinnen ganz still. Die meisten Innenräume, in denen wir in den letzten Tagen waren, waren Waschräume und Toiletten, Einkaufsläden und Restaurants, überall sind viele Menschen, überall sind Gespräche und Lachen und Geräusche, die man als Mensch in diesen Umgebungen so macht. Hier ist es einfach still. Zelten heisst ja auch, zumindest auf dem Zeltplatz, Anteil nehmen am Leben anderer. Als wir gestern Abend essen gingen, hörte ich, wie im Zelt nebenan die Gutenachtgeschichte erzählt wurde. Anderswo habe ich ein Ehepaar einen Streit austragen hören, mit einem Kind oder einem Hund wird geschimpft. Es heisst aber auch, andere am eigenen Leben Anteil nehmen lassen, sich beim Kochen zusehen lassen, beim Essen, Kinder, die zu nahe kommen, neugierig oder aus Gedankenlosigkeit, Erwachsene, die den Weg zur Küche oder zum Klo abkürzen. Es heisst auch, vor dem Einschlafen stille Küsse auszutauschen, um nicht zuviel vom eigenen Leben preiszugeben.

Navigare necesse est steht auf einem der Schiffe, die in der Kirche an der Wand hängen. Oft hängen Schiffe in Schifferkirchen, manchmal sogar im Kirchenschiff? Wie Landwirte und Bäuerinnen sind Seeleute und jene, die am Meer wohnen, den Launen der Natur stark ausgesetzt und darum auch oft gläubig. Und abergläubig. Ich verstehe den Satz auch ohne lateinische Kenntnisse, Navigation ist Notwendigkeit. Navigation heisst, zu bestimmen, wo man ist, aber auch zu wissen, wo man hinwill. Sich treiben lassen ist nicht navigieren. Navigiere ich oder lasse ich mich treiben, im Moment, in der Hoffnung, an einem Ufer anzukommen, an dem es mir gefällt? Oder navigiere ich, halte ich die Zügel in der Hand, weiss ich, wo ich bin und wo ich hinwill? Ehrlich gesagt, bin ich nicht so sicher. Vermutlich habe ich eine recht gute Vorstellung, wohin ich will, aber mir fehlt die Navigation, ich sehe die Wege nicht klar vor mir. Vielleicht fehlen mir auch die Landmarken oder Sterne, um meinen Standort zu bestimmen. Vielleicht schüchtern mich die Wege ein, die ich vor mir sehe, weil sie Ungewissheit bedeuten. Vielleicht ist das Gelände auch weglos und ich vermute, dass der Weg, mein Weg, den ich durch die Landschaft gehen werde, hart ist, dass es Widerstände und Abgründe gibt. Dass ich Gefahren ausgesetzt bin, Risiken eingehe. Navigation ist Notwendigkeit, sich treibenlassen ist keine Option.

Auf dem Rückweg zum Zeltplatz kaufen wir Fisch, den wir zum Abendessen auf dem Trangia braten. Am Abend gehen wir ans Meer. Wir sind in einer Woche an der Nordsee, in der tagsüber immer Niedrigwasser ist.

(c) Scheuner

Fisch zum Znacht.

(c) Scheuner

Hier wurde dem Meer Land abgetrotzt: Ein „Siel“ ist ein Tor im Deich, durch das bei Niedrigwasser Wasser aus den Entwässerungsgräben ins Meer geleitet werden kann.

(c) Katharina

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